Großes Weltengetümmel auf wenigen Quadratmetern

„Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ in einer Inszenierung von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper überzeugte nicht nur durch eine gigantomanische Anzahl von lebendigen Charakteren. Einen wesentlichen Part übernahm auch die Musik, die am Schluss der Aufführung noch mit einem Überraschungseffekt aufwartete.

Sie laufen, und laufen und laufen. Von links nach rechts, von rechts nach links. Alte, Junge, Demente, Fröhliche, Traurige, Verrückte. Sie tragen Aktenkoffer und schieben Geh-Hilfen, sie fahren Rad und rutschen immer wieder am glatten Parkett aus. Sie küssen sich, sich schlagen sich, sie umarmen sich und sie bleiben alleine. „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“, Peter Handkes hypertropher und zugleich stummer Text wurde drei Mal am Theater an der Wien im Rahmen der Wiener Festwochen aufgeführt. Das estnische Regie-Duo Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper zeigte seine Interpretation jenes Werkes, das seine Welturaufführung 1992 ebenfalls im Theater an der Wien erfuhr. Regisseur war damals Claus Peymann.

"Die Stunde da wir nichts voneinander wussten." (Foto: Armin Smailovic)

(Foto: Armin Smailovic)

Die beiden ersten Sätze des Textes werden bei Ojasoo und Semper auf die 17 Meter breite Bühne projiziert. „Die Bühne ist ein freier Platz im hellen Licht. Es beginnt damit, daß einer schnell über ihn wegläuft.“ Kaum gelesen, ertönt eine hohe Männerstimme aus dem Parkett. Hell und klar, aber raumfüllend tönt es durch den Saal. Lars Wittershagen ist dafür bekannt, Musik ausschließlich fürs Theater zu schreiben, wie auch für diese Aufführung. Der Text, der ihr unterlegt ist, stammt von Handke. Der einen Stimme werden im Laufe des Abends weitere folgen, insgesamt 16. Aber bis alle ertönen dürfen, dauert es eine Weile. Nach und nach gesellen sie sich zur ersten, ergänzen schließlich bin in den Bass alle Register. Rezitatorisch angelegt, werden immer nur wenige Sätze gesungen. Es sind minimale Regieanweisungen. Zusätzlich wird das Geschehen auf der Bühne über lange Strecken von elektronischer Musik begleitet, die sich Szenen anpasst und zeitweise Wohlklang mit irritierenden Tönen vermischt .

Don´t try to please me

Handke beim Wort nehmen und Handke mit eigenen Assoziationen neu denken, beides liefern die beiden Esten hier ab. „Seit der Entstehung des Stückes sind schon viele Jahre vergangen. Ich habe beim Lesen heute andere Assoziationen als der Autor sie bei einzelnen Szenen hatte. Aber wir hatten das Glück, dass uns Handke auf unsere Anfrage einen Brief schrieb mit dem Wortlauft: „Don´t try to please me“ erzählte Ene-Liis Semper im Publikumsgespräch.

Und tatsächlich prasselt an einer Stelle Regen, zumindest auditiv hernieder, erfreuen sich die Menschen daran, laufen davon – bei Handke bleibt alles stets im Trockenen. Da wird schon einmal ein Laptop angebetet und Kolonnen von Entlassenen schleppen ihre kleinen Kartons, in denen sich ihr Hab und Gut befindet, das einst in ihren Schreibtischen lagerte. Und dennoch ist das Stück kein allzu zeitgeistiges geworden. Es fehlen Alltagsattribute wie die überall und permanent präsenten Handys. Kein Platz würde sich heute ohne diese elektronischen Gadgets rühmen, ein wirklicher Platz zu sein.

(Foto: Armin Smailovic)

(Foto: Armin Smailovic)

Die Kostüme, für die Ojasoo und Semper ebenfalls verantwortlich sind, tragen keine Jahreszahl. Graue und blaue Businessanzüge für die Männer, weich fallende Kleider für die Frauen, Alte mit abgenutzten Hemden und Hosen, Wettkampfläufer in kurzen Hosen und übergezogenen Startnummern. Postler mit gelben Fahrrädern, zwei Päpste, ganz in Weiß gewandet, ein Schwarzer im freizügigen Sambaoutfit. Die Reihe ließe sich zwar nicht unendlich, jedoch in einen dreistelligen Bereich fortsetzen. Denn es sind insgesamt  30 Personen, die sich im Laufe der Vorstellung mit einem Stab an Backstagepersonal in ca. 400 unterschiedliche Charaktere verwandeln. Man wird nicht müde, den unaufhörlichen Zug der Menschen quer über die Bühne zu beobachten. Wird Zeuge verschiedener Liebesbekundungen. Aber auch handfester Auseinandersetzungen. Die verschiedenen Begegnung der beiden Liebenden des Stückes, die sich zu Beginn noch gar nicht kennen, werden mit einem zarten Glockenklang wie von Feenhand untermalt.

Die Darstellerinnen und Darsteller aus dem Thalia Theater in Hamburg, in welchem die Inszenierung am 30. April seine Premiere erlebte, mussten in Wien aufgrund der wesentlich breiteren Bühne innerhalb von zwei Tagen ihr Timing völlig umstellen. 17 Meter Breite anstelle von 12 Metern, auf welche das Geschehen ausgerichtet war, bedeutete eine große Herausforderung. Bravourös gemeistert, kann man an dieser Stelle hinzufügen. Handkes Querverweis auf religiöse, mythologische Stoffe wie die biblische Geschichte der Opferung Isaacs, erfährt eine beinahe archaische Visualisierung. In weißen, langen Gewändern wird das Szenario der Verabschiedung des Vaters und des Sohnes von Frau und Mutter dargestellt. Umgeben von nackten Menschen, mimen sie die Beinahe-Opferung wie in einem eingefrorenen Tableau. Die Gottgefälligen, Gewandeten stehen in krassem Gegensatz zu jenen Menschen, die durch ihre Nacktheit wohl jenen Zustand symbolisieren, der Glauben als eine kulturhistorische Errungenschaft postuliert. Die mittige Teilung der grauen Wand, die nicht nur in die Bühnentiefe zurückgeschoben wird, sondern auch auf einer Drehbühne steht, evoziert zugleich das Bild des geteilten Meeres, durch welches das Volk Israel auf ihrer Flucht vor den Ägyptern wanderten. Schon im nächsten Augenblick mutiert sie zur Klagemauer, deren auditive Untermalung jedoch kontrapunktisch vom Gesang eines Muezzins ergänzt wird. Ein Trauerzug von vier Frauen und einem Mann, einige von ihnen davon tief gebeugt, lösen wiederum Erinnerungen an klassizistische Grabdenkmälern aus. Die Gleichzeitigkeit von Geschehen unserer Gegenwart und Historischem geht nahtlos im Fluss der Bilder ineinander über. Nichts erhält eine besondere Gewichtung, alles steht gleichberechtigt nebeneinander.

Das Ende des dramatischen Weltengetümmels

Mit einem Kantus von Arvo Pärt, Landsmann von Ojasoo und Semper, klingt der Abend überraschend aus. Während auf der Bühne ein Mann in grauem Anzug in Super-slow-motion diese überquert, stehen nacheinander alle 16 im Parkett verteilten Sänger auf, um in den Gesang einzustimmen. Sie sind unter uns, wir sind wie sie, ganz nah am Geschehen, Teil desselben – dieser Gedanke wird körperlich spürbar. „Und am Schluß steht der vorderste Zuschauer auf, löst sich von seinem Sitz, „gesellt sich zu dem Umzug“ – und dann kommt auch noch der zweite Zuschauer, zunächst behindert von seiner Frau, und dann fädelt sich der dritte Zuschauer ein und „mäandert, vollkommen selbstverständlich, mit in dem unentwegten Zug.“ Diese letzte Regieanweisung Handkes haben Semper  und Ojasoo zum Anlass genommen, nicht die Menschen aus dem Parkett auf die Bühne zu bringen, sondern den Chor inmitten des Publikums sichtbar zu machen, um einen egalitären Effekt zu erreichen. Überraschend für alle, berührend für viele, beendete diese leise Aktion ein dramatisches Weltengetümmel.  Zumindest jenes im Theatersaal.

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