Die unterschiedlichen Gesichter der Schmelz

Von Michaela Preiner

„An die Grenze 1-3“ (Foto: N.Wagner-Strauss)
15.
November 2017
Wien Modern wartet immer wieder mit höchst unorthodoxen Produktionen auf. Dieses Mal war eine Kooperation von Netzzeit, Wien Modern und dem Ensemble Platypus gleich für mehrere, außergewöhnliche, musikalische Ereignisse zuständig.
Dafür wurde das Publikum auf die Schmelz entführt. Auf dem Areal im 15. Bezirk befinden sich nicht nur eine ganze Anzahl von Schrebergärten, sondern neben dem Universitäts-Sportgelände auch das Askö-Bewegungscenter, sowie ein Gasthaus mit einem großen Gastgarten, das sogenannte „Schutzhaus“. In der Tischtennishalle des Askö-Gebäudes, dem Schutzhaus und einem Seniorenheim außerhalb des Schmelz-Geländes fanden jeweils 30-minütige, voneinander unabhängige Produktionen statt, die dennoch einen roten Faden aufwiesen: Zeitgenössische Musik. Der Titel „An die Grenze 1-3“ erschloss sich während der Aufführungen in seinen vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten bestens.

Musik in der Tischtennishalle

Im Askö-Zentrum kamen sechs Kompositionen zur Aufführung. Während das Publikum am Boden auf Sportmatten und auf niedrigen Sport-Bänken Platz nahm, gingen zwei Performerinnen und ein Performer sportlich zur Sache. Unter einer Choreografie von Claire Lefèvre bespielten Veza Maria Fernandez Ramos, Johanna Nielson und Mzamo Nondlwana nicht nur mehrere Sportgeräte. Ihr Workout fand auch direkt am Boden statt – zu höchst ungewöhnlichen Klängen. Ein knarzend, schnarrendes Celloduett (Carola Bauckholt) und eines für zwei E-Klaviere (Simon Steen-Andersen), in dem Legato- mit Staccatoläufen abwechselten, eröffneten den Reigen. Im Anschluss erklang ein ausdrucksstarkes, wenngleich auch zartes, aber extrem wiedererkennbares Flötenduo von Panayiotis Korokas. Höchst ungewöhnlich stellte sich das Instrumentarium von Jorge Sánchez-Chiong dar – zwei Fliegenklatschen, die auf Plastikunterlagen getrommelt wurden. Mayke Nas hingegen ließ höchst humorvoll auf zwei E-Klavieren vier Musizierende agieren, die mit einem stampfenden Rhythmus die Klaviaturen mit den Unterarmen betätigten und ihre Klatschübungen schließlich soweit ausbauten, dass diese am Ende das alleinige Klangspektrum darstellten. Mit einem Cello-Solo von Tomasz Skweres, das mit einem Video hinterlegt war, auf dem dasselbe Stück zuvor aufgenommen worden war, endete das sportlich-musikalische Erlebnis.
„An die Grenze 1-3“ (Foto: Markus Sepperer)

Stammtischgespräche

Das „Schutzhaus Zukunft auf der Schmelz“, vielen wegen seines schönen, einladenden Gastgartens ein Begriff, wird in letzter Zeit öfter für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Dort warteten nach der ersten Station, 5 Gehminuten entfernt, ein Quintett und drei Schauspieler auf ihren Auftritt. Das Ambiente war gut gewählt, denn Michael Scheidl – selbst unter den Performern – hatte einen Text geschrieben, der von einem Männertrio (er selbst, Eric Lingens und Robert Slivovsky) rund um einen Stammtisch vorgetragen wurde. Dabei handelte es sich um ein Gespräch, wie es so, oder in ein wenig abgewandelter Form, landauf, landab in Österreich zu hören ist.

Durch den Kunstgriff von Ellipsen – bei welchen Wörter oder ganze Teile eines Satzes ausgelassen werden – durfte das Publikum die fehlenden Begriffe im eigenen Kopfkino ergänzen. Nur ein…, das erfolgreich…., kann sozial. Oder: Wenn wir uns…, dann können wir wieder…! Waren zwei dieser fragementierten Aussagen, deren Inhalt sich dennoch aus dem Kontext leicht erschließen ließ. Fremdenfeindlichkeit, aber auch parteiinternes Hakelschmeißen schwappten trotz aller künstlerischer Bearbeitung derart lebensnah ins Publikum, dass einem Angst und Bang werden konnte. Eine witzig-spritzige Idee, die den Improvisationen von Richard Barrett und Samuel Cedillo eine zusätzliche Rhythmik verlieh. Hannes Dufek (Gitarre, Objekte), Nikolaus Feining (Kontrabass), Sophia Goidinger-Koch (Viola), Irene Kepl (Violine) und Marina Poleukhina (Objekte) schufen eine dichte, hörenswerte Klangatmosphäre. Ein höchst gelungener Beitrag, der zum dritten Programmpunkt an diesem Nachmittag überleitete.

„An die Grenze 1-3“ (Fotos: Markus Sepperer)

Die letzte Station

Nach 15 Gehminuten im herbstlich kühlen Schmelz-Surrounding war das Pensionistenhaus „Haus Schmelz“ die letzte Station des kulturellen Herbstausfluges. Im Speisesaal warteten Familienschnappschüsse aus den vergangenen Jahrzehnten waren auf den Tischen ausgebreitet. Hochzeiten, Taufen, Urlaube an der Adria, Feste im Garten, Omas mit ihren Enkelkindern – alles, was im Laufe eines Menschenlebens fotografisch festgehalten wurde und wird, intime Momente, konnten die Besucherinnen und Besucher in aller Ruhe betrachten. Daneben lag ein Schreibblock mit der Aufschrift: Wo ist deine Zeit geblieben? Ein bereit gestellter Bleistift lud ein, sich während der Vorstellung Notizen zu machen.

Diese Aufführung lebte aber nicht allein von den Kompositionen von Tamara Friebel, Alexander Kaiser, Lorenzo Pagliei, Sergej Newski und Frederik Neyrinck. Die unbeabsichtigten Live-Darbietung einiger Heimbewohnerinnen ergänzten das Spektakel auf höchst illustrative Art und Weise. Während Kaoko Amano mit ihrer ersten Darbietung und ihrem kräftigen Sopran die Zeile „have a bucket of tears“ immer wieder und wieder beschwörte, erscheint eine alte Dame im Saal mit den Worten: „Mir ist fad oben! Kann ich dableiben?“ Kaum war die Frage an eine Betreuerin nahe der Eingangstüre gestellt und die erste Dissonanz wahrgenommen, drehte sich die Pensionistin mit den Worten um „Ich geh wieder, aber im Fernsehen ist auch nix Gescheites!“ Zwei weitere Bewohnerinnen hielten bis zum Schluss durch, wenngleich auch sie mit ihren Kommentaren zwischen den Stücken nicht hinter dem Berg hielten. „Des holt i net aus, des versteh i net“ und „i bin zu wenig intelligent“ wurden von heftigem Kopfschütteln begleitet. Auch wenn diese Interaktionen nicht geplant waren, so konnte man diese durchaus als Bestandteil der Aufführung wahrnehmen und die eigenen Gedanken während der durchgehend dunkel gefärbten, musikalischen Darbietungen in eine ganz andere Richtung schweifen lassen. Dabei ging es weniger darum, das Vergangene zu betrauern oder wieder zu beschwören, wie es intendiert war, sondern vielmehr um die Frage: Was wird mit mir sein, wenn ich in diesem Alter bin? Werde ich den Anschluss an zeitgenössisches Kunstgeschehen einmal verlieren? Was passiert in einer Umgebung, in der sich nur – oder beinahe ausschließlich – alte Menschen miteinander beschäftigen?

Die musiktheatralischen Darbietungen ließen sich im Rückblick auch zu einem sehr sinnigen Ganzen zusammensetzen. Sport, Freizeit, Alter – komprimiert auf einem kleinen Radius – ist das, was die Schmelz unter anderen Attraktionen zu bieten hat. Die große Klammer der zeitgenössischen Musik bot die Gelegenheit, sich diese Lebensvarianten einmal aus einem neuen Blickwinkel anzusehen. Sehr gelungen.

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