Nachdem das Buch 2016 erschienen war, wurde der Text für Wien von Jan Bosse und Joachim Meyerhoff für die Bühne adaptiert und auch in Zusammenarbeit des Regisseurs mit dem Schauspieler in Szene gesetzt. Somit hat der große Erfolg des Abends mehrere Väter. Wobei Stéphane Laimé für die Bühne und Arno Kraehahn für die Musik im selben Atemzug genannt werden müssen. Aber eins nach dem anderen.

Eine minutiöse Beschreibung psychischer Ausnahmezustände

Melles Text gibt höchst minutiös jene Zustände wieder, in welchen sich manische und depressive Schübe auf- und abbauen. Es ist unglaublich frappierend, welch großen Abstand der Autor dabei von dem selbst Erlebten einnehmen konnte. Die Beschreibung der komplizierten, psychischen Vorgänge kommen nicht als literarische Großtat daher, sind niemals elaboriert, zurechtgebogen für eine sensationsgeile Literatur-Competition. Vielmehr bleibt Melle ganz hart an einer bis ins Detail rekapitulierten Wiedergabe jener Zeiten, die bisher zu den schwärzesten seines Lebens gehörten. Damit kommt ihm nicht nur ein literarischer, sondern auch ein gesellschaftspolitischer Verdienst zu, denn die Sichtbarmachung dieser Erkrankung wird normalerweise – so immer es möglich ist – gerne vermieden.

Er selbst findet für diesen Umstand eine schöne Metapher und wählt dafür einen Elefanten. Einen Elefanten, der sich in einen Raum gedrängt hat, in welchem ihn aber alle dort Befindlichen tunlichst übersehen möchten, auch wenn sie von ihm dabei alle an die Wand gedrängt werden.

Die Welt im Rücken, Joachim Meyerhoff (c) Reinhard Werner

Die integrierte Kunstgeschichte

Grandios gestaltet sind jene Szenen, in welchen das „Ich“, wie Melle sich selbst in seinem Buch bezeichnet, in eine manische Phase rutscht und dabei Dinge tut, die sinnlos erscheinen, jedoch seiner inneren Logik folgend, getan werden müssen. Für die visualisierte Bühnenumsetzung kopiert Meyerhoff dabei an einer Stelle sein Gesicht und seinen Körper in Schwarz-Weiß auf DIN-A 3, um anschließend die so entstandenen Kopien seines Selbst an die Wand zu nageln – in Form eines Gekreuzigten. Dass er sich in dieser Szene auch bis auf seine gelbe Unterwäsche entblößt, die schließlich wie ein Zingulum um seine Lenden geschlagen ist und dadurch das Bild des leidenden Heilands noch vollendet, muss man als ganz große Kunst bezeichnen. Nicht nur schauspielerisch, sondern auch dramaturgisch. Dieser Gekreuzigte, historisch und zeitgenössisch im selben Augenblick visualisiert, könnte auf jeder internationalen Kunstmesse mit Leichtigkeit reüssieren.

Die Welt im Rücken, Joachim Meyerhoff (c) Reinhard Werner

Bosse kreiert mit kleinen Tischtennisbällen ein anschauliches Bild für die Unordnung im Kopf eines an Bipolarität Erkrankten. Dabei versucht Meyerhoff mehrfach, die Bälle zu ordnen, sie in Zaum zu halten, wahre Tischtennisbälle von falschen, essbaren oder auch solchen aus Gips zu unterscheiden, sie in einem klaren und strukturierten Moment – dazu benützt der Regisseur die Pause, in welcher sein Schauspieler auf der Bühne weiter präsent bleibt – sogar ins Off zu befördern. Doch als man schließlich meint, der Spuk sei vorüber, der Bälle seien Meyerhoff genug um die Ohren geflogen, hüpft ein einzelner Ball noch einmal über die Bühne und kündet von vielleicht noch künftig zu überstehenden Attacken.

Manisch in schwindelnden Höhen

Ein zweites Mal zeigt Stéphane Laimé, wie sehr er in der Bildenden Kunst beheimatet ist und lässt eine weiße Wolke in schwindelerregende Höhen aufsteigen. Eine Wolke, die ein Mittelding der Nachbildung des Grazer Kunsthauses und einer organisch geformten, zeitgenössischen Skulptur ist. Darauf stehend berichtet Meyerhoff über seine – bzw. Melles Odyssee quer durch Deutschland, von einer Bühne zur nächsten, rastlos und getrieben, aber immerhin produktiv und nicht in einer Depression gefangen.

Die Welt im Rücken, Joachim Meyerhoff (c) Reinhard Werner

Äußerst klug ist auch jene Szene aufgebaut, in welcher der Autor über seine Zeit am Theater in Erlangen erzählt. Die Stofflichkeit des Theaters, die Abhängigkeiten von all jenen, die mithelfen, ein Stück auf die Bühne zu bringen, die Live-Aktionen, die Macht und Ohnmacht als Regisseur – all das wird in einer höchst launigen Art und Weise behandelt. Es ist das ständige Schwanken zwischen Tragik und Humor, welches das Publikum in der 2 Stunden und 45 Minuten dauernden Vorstellung fesselt. Und es ist vor allem auch die Offenheit, mit welcher Melle über sein eigenes Schicksal berichtet – um gegen Ende zu erklären, dass er jedoch bewusst vieles nicht gesagt habe.

Musik und Spiel als gekonnte Einheit

Arno Kraehahn ist ein Meister, wenn es darum geht, Stimmungen mit Musik zu illustrieren und Spannungen aufzubauen. Er unterstützt damit subtil Meyerhoff in allen unterschiedlichen Gefühlslagen, dreht auf, wenn die Spannung kaum mehr zu ertragen ist, oder lässt „Fernando“ von Abba von Weitem als zartes Lebensrückholelexier erklingen, welches den Protagonisten knapp vor seinem Exodus wieder ins Leben hievt.

Die Wandelbarkeit von Joachim Meyerhoff, die Intensität seines Spiels, die Nähe zum Publikum, die er aufbaut, all das sind Musterbeispiele eines Großen seiner Zunft. Es ist eine wahre Paraderolle für ihn. Dabei war es auch ein Schachzug, ihn mit einer ungewohnten  Haarpracht auszustatten und dadurch ein komplett anderes „Ich“ zu präsentieren, als es sein Publikum bislang kannte.

Joachim MeyerhoffDie

Dass nicht darauf abgezielt wird, eine Künstlerlegende zu konstruieren, ist wohltuend. Konzentriert sich doch der Text nicht auf die Kreativität, die in den manischen Schüben auch vorhanden ist, sondern vielmehr auf die Erfahrungen, die Gefühle, die Zustände, den Horror und die Angst, die damit verbunden sind.

Man kann den großen Plot bewundern, der über das Brüchige eines Ich Auskunft gibt. Eines Ich, das in jedem und jeder von uns sitzt und sich letztlich nur in unterschiedlich graduierten Schattierungen zeigt. Man kann die kleinen Details bestaunen, wie jene weiße Skulptur, die zu Beginn unscheinbar an der Bühnenrampe abgelegt wird, um sich nach der Pause schließlich in ein riesiges Skulpturenmonster zu verwandeln. Man kann über das eindringliche Bild erschrecken, das mit Blut besudelte Gesicht Meyerhoffs, nachdem er einen der vermeintlichen Tennisbälle auf seinem Schädel zerplatzen hat lassen. Man kann sich über das Provinztheater-Bashing amüsieren, währenddessen man genau weiß, dass damit jedes x-beliebige, auch große Theater gemeint sein kann, wie zum Beispiel auch jenes, in dem man selbst gerade sitzt. Man kann unendlich viel an diesem Abend, der wesentlich mehr bietet als den Seelenstriptease eines psychisch Kranken. Und auch wenn die Standing Ovations des Publikums am Premierenabend gefühlt zu einem großen Teil dem Mut des Autors galten, seine Krankheit  in aller Öffentlichkeit auf ein Serviertablett zu hieven, so gehörte der Applaus verdienterweise allen Beteiligten.

„Irgendetwas stimmt hier nicht“, diese Aussage, die Meyerhoff alias Melle alias „Ich“ mehrfach in den Raum stellt, gilt nicht für die Gesamtbeurteilung der Aufführung. Hier stimmt alles.

Termine auf der Seite des Burgtheaters. 

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