Eine Stadt im Zauber von Licht und Klang

Fotos European Cultural News

Kunst kann etwas bewegen. Nicht nur die Herzen der Menschen, sondern auch ihre Beine. Das bewies das Festival „Klanglicht“ in Graz nun bereits zum 4. Mal. Die Veranstaltung, die von den Bühnen Graz präsentiert und mit dem Label „THE FESTIVAL OF SOUND AND VISION“ gebrandet wurde, ist in mehrerlei Hinsicht interessant. Zum einen steht dahinter eine ganz pragmatische Idee, nämlich das Publikum dort abzuholen, wo es ist – auf der Straße. Spielstätten wie die Oper, das Schauspielhaus, Next Liberty, Dom im Berg und das Orpheum machen dabei optisch und auditiv im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. Zum anderen kommen viele Menschen mit einer zeitgenössischen Kunstgattung ohne jegliche Schwellenängste in Berührung und lassen sich davon begeistern. Dass sich auch der Tourismus der Stadt Graz darüber freut, ist ein positiver Nebeneffekt. An die 100.000 Besuchende hatte das Festival in diesem Jahr  Ende April.

In die Burg musst schauen, das ist super!

Dieser aufgeschnappte Satzschnipsel aus der Menschenmenge wurde so offenbar sehr häufig kommuniziert. Denn was sich „in der Burg“ – genau gesagt – dem Hof der Grazer Burg – abspielte, war gigantisch. So extrem, dass selbst die breite Einfahrt zum Parkplatz der Steiermark-Regierenden mit Menschen völlig verstopft war und zeitweise das Hinein- und Hinauskommen zur Location mühsam wurde. Kein Wunder, denn die Klanglicht-Installation „Arkestra of light: parallel“ von Ochoresotto aus Österreich war tatsächlich eine Wucht, im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht auch deshalb, weil das Künstlerkollektiv mit Lia Räder, Volker Sernetz und Stefan Sobotka-Grünewald aus Graz stammen und um die Wichtigkeit des Gebäudekomplexes wissen. Mit einem brummenden, die Herzfrequenz im wahrsten Sinne des Wortes packenden Sound und einem gigantischen, geometrisch aufgebauten Lichterkosmos verwandelten sie die historische Architektur in eine surreale Umgebung, in der man die Baumasse zeitweise völlig vergessen konnte.

Klanglicht, Burghof (c) European cultural news

Schauspielhaus und Oper

In direkter Nachbarschaft, im Schauspielhaus, teilten David Reumüller und Muscle Tomcat Machine, die Bühne durch eine gigantische Leinwand. Betreten wurde die Installation „Exposure o.T.“ vom Zuschauerraum her, hinter der Bühne gelangte man direkt ins Freie.

Klanglicht Schauspielhaus (c) European Cultural News

Allein schon dieser Backstage-Eindruck lohnte den Besuch. Auf die mit einem zarten Netz-Muster unterlegte Leinwand wurden mittels Live-Kameras jene Menschen projiziert, die sich auf der Bühne bewegten. Schwarz-weiß-Impressionen, Verdichtungen und Entzerrungen gaben einen Blick frei auf eine andere Wahrnehmungsebene unserer Realität. Der einfache, ruhige Sound-Loop, unterstütze die Konzentration auf das visuelle Geschehen.

Von der Ästhetik her völlig anders, wenngleich mindestens gleich beeindruckend wie die Installation im Burghof, präsentierte sich die Grazer Oper seinem Publikum. Die auf der Straße vor dem Kaiser-Josef-Platz sitzenden und stehenden Menschen genossen sichtlich, dass der Straßenbahnverkehr an den drei Abenden von Klanglicht eingestellt wurde, um die Sicht auf die Rückseite der Grazer Oper nicht zu beeinträchtigen. „Axioma“ der Gruppe Onionlab aus Spanien erntete nach jeder „Vorstellung“ Applaus. Wer mit 3-D-Brillen ausgestattet war, durfte sich darüber freuen, einige der Sequenzen beinahe haptisch zu erfahren. Wie die Kreativen, die international gebucht sind, die Fassade in Einzelteile zerfallen ließ, wie sich ganze Kuben aus der Wand lösten oder kleine Teilchen den Zusehenden imaginär um die Ohren flogen, war mehr als beeindruckend und höchst unterhaltsam zugleich.

Peter Rosegger alive

Wer in Graz kennt das am Rande des Stadtparks aufgestellte Peter-Rosegger-Denkmal? Seit dem Klanglicht 2018 sicherlich mehr Menschen als zuvor. Denn Michael Bachhofer & Karl Wratschko gelang das Kunststück, DEN steirischen Dichter, gefangen in weißem Marmor, zum Leben zu erwecken. Mit mildem Lächeln, strengem Gesichtsausdruck oder ein wenig verschmitzt sprach er zu seinem Publikum, wobei es die ausgewählten Texte in sich hatten. „Ich bin viele Gesichter“ hieß der Titel dieser Arbeit, in der deutlich wurde, dass sich auch große Geister mit Prognosen irren dürfen, dass einige ihrer Aussagen aber auch prophetisch sind und – sehr tröstlich – sich im Laufe eines Lebens Ansichten auch ändern können. Die wunderbare Überblendung des steinernen Gesichtes mit lebendigem Videomaterial machte Lust, Denkmäler, egal wo immer sie aufgestellt sind, auf diese Weise neu zu betrachten. Dabei könnte man wesentlich mehr über jene Menschen erfahren, die in Europa zum Teil nur mehr aufgrund ihrer marmornen Konterfeis auf öffentlichen Plätzen bekannt sind. Denk-mal bekam bei Bachhofer und Wratschko einen gänzlich neuen Interpretationsansatz und zählte zu den originellsten Installationen dieses Jahres.

Der Schlossberg von innen und von außen

Der Österreicher Winfried Ritsch und Rombout Frieling aus den Niederlanden bespielten den Dom im Berg mit ihren Arbeiten „Pianometalspace // Soundlinks“ und „Motion Scape“. Einem Raum-Licht-Klang-Gesamterlebnis, das mit robotischem Klavierspiel gekoppelt wurde. Zu beneiden waren jene, die auf den Wippen von Frieling chillen und entspannt den Blick über die Domkuppel streifen lassen konnten. Alle anderen wurden von beflissenem Wachpersonal höflich daran gehindert, sich eine kleine Ruhepause am Boden sitzend oder an den Seitenwänden lehnend, zu gönnen.

Ganz anders hingegen erlebte das Publikum das Szenario bei der Schlossbergtreppe. „Scala lucida“ von Teresa Mar bot einen anderen Blick auf den Schlossbergfels, über den sich der sogenannte „Kriegssteig“ windet. Er wurde in den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 von Pionieren und russischen Gefangenen errichtet. Unterschiedliche eingefärbt und ebenfalls mit Sound unterlegt, lösten sich die einzelnen Natur- und Architekturformationen zum Teil optisch völlig auf. Schade, dass die Lichtstärke zu wünschen übrig ließ und der starke Farb-Effekt, der im Programmheft abgebildet worden war, nur gemindert wahrzunehmen war.

Der Landhaushof als Labyrinth

Mit pinkfärbigen Leuchtstäben, scheinbar aus dem Nichts über den Hof des Landhauses schwebend, beeindruckte der Niederländer Wouter Brave. „Floating light“ war der passende Titel. Die Berührungen der Stäbe, die zwangsläufig von den Menschen beim Durchqueren des Raumes ausgelöst wurden, bewirkten ein ständiges Pendeln in unterschiedliche Richtungen. Wer die Sandsack-Installation ›Bodycheck/Physical Sculpture No. 5‹ von Flatz auf der Documenta IX erlebt hat, durfte sich eines kleinen Flashbacks erfreuen. Drückten damals 60 kg schwere, zylindrische Objekte spürbar auf jene Besuchenden, die sich einen Weg durch das Labyrinth bahnen wollten, waren es im Landhaushof periphere, kaum wahrnehmbare Berührungen, die man am eigenen Körper spüren konnte. „Timber“ der Studio Percussion graz lieferten dazu Live-Beats, die jedoch nicht mit dem Tanz der Klangstäbe gekoppelt waren.

Künstlerhaus und Murinsel

Die in Graz geborene Künstlerin LIA arbeitet seit Mitte der 90er Jahre in Wien auf dem Gebiet der Software- und Netzkunst. Ihre höchst ästhetische Arbeit „Silver Ratio“ ließ das Künstlerhaus im Stadtpark nicht nur innen, sondern auch außen in Blau-Weiß-und Schwarz leuchten. Dabei gelang ihr eine neue Wahrnehmung des Haupteinganges und des Eingangsbereiches, der sich durch seine Verglasung in drei Richtungen hin zum Stadtpark öffnet.

Vor allem auditiv interessant war die Installation „Transience“ von Philip Ross & Joep le Blanc aus den Niederlanden. Le Blanc schuf dafür ein Klangereignis, in welchem er Wassergeräusche in seinen Soundparcours einfließen ließ. Dadurch konnte man den Eindruck gewinnen, das Geschehen unter der Murinsel, das Fließen und die Berührungen des Wassers mit der Architektur zu erleben.

Mariahilferkirche

Ohne Sound wurde das Äußere der Mariahilferkirche von der in Graz aufgewachsenen Azra Aksamija bespielt. In ihrer roten Projektion über dem Eingangsbereich entwickelten sich nach und nach nicht nur architektonische Symbole von Graz wie der Uhrturm, das Schloss Eggenberg oder die Murinsel. Wie von zarter, unsichtbarer Hand legte sie ein imaginäres, illuminiertes Stickmuster um diese herum und verband so „lokales und migriertes Wissen“. Wobei festzustellen ist, dass rote Kreuzsticharbeit nicht nur auf dem Balkan, sondern auch in Graz und der gesamten Steiermark zu einem wichtigen, kulturellen Erbe gehört, das sich nach und nach jedoch langsam verabschiedet und nur mehr punktuell tradiert wird.

Im Inneren der Kirche erklang Oliver Messiaens „Quatour pour la fin du temps“, gespielt von Kur Mörth, Pauli Jämä, Fuyu Iwaki und Gergely Mohl. Ganz der Funktion des Gebäudes entsprechend, bot sowohl das Äußere als auch der Innenraum der Kirche kontemplative Momente und die Möglichkeit zu einer Verschnaufpause oder einem ruhigen Ausklang des Klanglicht-Rundganges.

Die Stimmung, die in Graz an diesen Abenden an den insgesamt 17 Locations spürbar wurde, war außergewöhnlich. Tausende von Menschen machten sich gelassen, aufmerksam und zugleich  höchst kommunikativ auf die Spurensuche nach Licht und Klang. Viel mehr kann Kunst im öffentlichen Raum kaum bewirken.

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