Anlässlich der EDN (European Dancework Network) Roadshow im Tanzquartier in Wien erinnerten sich Künstlerinnen und Künstler aus Slowenien, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina an ihre Vergangenheit.

Falcon!

Der slowenische Tänzer und Choreograf Itzok Kovač und Janez Janša, Regisseur, Performer und Autor präsentierten dabei das Stück „Falcon!“ – ein komplexes Nicht-Remake der allerersten, choreografischen Soloarbeit „How I Caught a Falcon“ aus dem Jahr 1991 von Kovač. Ein „Remake“ zu machen kam für ihn überhaupt nicht infrage. Eine Erinnerung mit Aktualitätsbezug, Hinterfragung des eigenen Berufsstandes und jeder Menge Humor im Austausch mit seinem Freund Janez Janša aber sehr wohl.

Dabei bedienten sie sich vom Ursprungsstück entnommener, einzelner, tänzerischer Passagen und ergänzten diese alsbald mit neuen Szenen, einer Doppelconferance und Einbindung des Publikums, sowie Videoeinspielungen.

Das unsichtbare Gewicht von Federn

Wie nebenbei wurde auch die Rolle des alternden Tänzers hinterfragt und höchst poetisch mit kleinen, weißen Federn auf Janšas Arm verdeutlicht. Das nicht spürbare Gewicht des Alters zeigte sich in der Unfähigkeit, den Arm mit dieser federleichten Last ad Infinitum hochzuhalten. Eine wunderschöne Metapher, die mehr als nur diese eine Interpretation zuließ. Durch Erzählungen der beiden wurde Kovačs persönliche Geschichte, eingebunden in den europäischen Tanzkonnex, aufgerollt, sowie Janšas Begleitstatus als Autor, der schließlich an diesem Abend die Fronten wechselte und tänzerisch aktiv wurde.

Falcon! (c) Miha Fras

Dabei sprachen die beiden ganz automatisch all jene Personen im Publikum an, die um das Älterwerden bereits selbst wissen und sich damit auseinandersetzen müssen. Körperliche Fitness ist eine, Erfahrungen aber die andere Seite der Medaille und, wie Jansa ausführte, sogar die bessere, weil effektivere, was in der Aufforderung mündete, doch gefälligst schneller zu altern!

Das Tanzumfeld und düstere Zukunftsaussichten

Formal kombinierten die beiden in ihrer Performance zeitgenössischen Tanz mit Alltagsbewegungen, Moderationssituationen, einer Basketballeinlage, aber auch einer herrlichen Persiflage mit charakteristischen Tanzbewegungen der großen Choreografen und Choreografinnen des 20. Jahrhunderts wie De Keersmaeker, Vandekeybus, Bausch und anderen. Und selbst die Rolle der Tanzkritik wurde humorig hinterfragt. Dazu wurde eine pathetische Kritik über Kovačs Solostück, kurz nach dessen Erscheinung vorgelesen.

Die Zukunft, rosig scheint sie laut Kovač trotz all seiner Erfahrungen, trotz seiner Arbeit mit der eigenen Companie nicht auszusehen: „Keiner zahlt mehr etwas…keiner bildet Tänzer aus…ich werde nicht gebraucht“, erklärte er ohne sichtbare Ressentiments an diesem Abend, um die düstere Aussicht gleich wieder ins Ironische umzukehren. „Werden Sie Kindergärtner!“, empfahl ihm ein Beamter des Arbeitsmarktamtes, wobei er dabei auf die Idee kam, Skispringern doch den Telmark-Sprung beizubringen, den er perfekt beherrschen würde.

Eine höchst intelligente und zugleich unterhaltsame Arbeit, die vor allem wegen ihrer Vielschichtigkeit die bühnentauglich umgesetzt werden konnte, beeindruckte.

15th Extraordinary Congress: Vienna

Unter diesem Titel präsentierte die Künstlerin Vlatka Horvat mit Gästen aus Ex-Jugoslawien und unter der Moderation von Noit Banai eine Rückschau auf das Land und seinen Zerfall zu Beginn der 90er Jahre bis zum Balkankrieg.

15th Extraordinary Congress: Vienna, Vlatka Horvat + Guests (c) European Cultural News

Das höchst interessante Format, an dem außer der Moderatorin sechs Frauen teilnahmen, zeigte auf, wie „oral history“ zu einem ganz bestimmten Themenkomplex funktionieren und zugleich auch fesseln kann. Dabei agierte Horvat mit ihrer Idee ganz im Trend verschiedener Bühnenformate, in welchen derzeit aufgezeigt wird, dass eine persönliche, direkte verbale Kommunikation mit Menschen einen gänzlich anderen Stellenwert hat als ein digitaler Austausch.

Ein Spiel mit realem Hintergrund

Aus einem Stapel Karten zog die Moderatorin jeweils eine zu einem bestimmten Thema wie Feiertage, Denkmale, Geld usw. usw. Nacheinander hatten die Frauen je fünf Minuten Zeit, um ihre Erinnerungen dazu dem Publikum zu erzählen. So entstand nach und nach aus vielen, unterschiedlichen Perspektiven ein atmosphärischer Eindruck jener Zeit, an jenem ganz bestimmten Ort, der nichts gemein hat mit der Tradierung in den Geschichtsbüchern. Geschichtsschreibung als solche, meist von den „Siegern“ aus diktiert und aus männlicher Sicht transportiert, eröffnet in einem Kontext wie diesem gänzlich andere Blickwinkel und Zugänge.

Die im Subtext transportiere Medienkritik bezüglich der Glaubwürdigkeit von kolportierten Informationen, lag auf der Hand. Aber auch das Gefühl, dass auch eine direkte, persönliche Übermittlung von Wissen ad hoc nicht objektivierbar ist.

Dass das Publikum bei der mehrere Stunden dauernden Performance aufmerksam zuhörte zeigt, wie groß und stark trotz aller medialer Reizüberflutung das Interesse an Lebensgeschichten einzelner Menschen ist und dass es keines Bühnenbildes und keiner aufwändigen Inszenierung bedarf, um dieses Bedürfnis stillen zu können.

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