Großes Tanztheater zur Eröffnung

Von Michaela Preiner

„Carmen“ von Acosta Danza im Festpielhaus St. Pölten (Foto Polina Koroleva)
26.
September 2018

Das Festspielhaus in St. Pölten eröffnete seine Tanz-Saison mit großem Tanztheater des Kubaners Carlos Acosta.

U nter dem Titel „Carlos Acosta – A Celebration“ wurden insgesamt vier Produktionen der Companie „Acosta Danza“ gezeigt. Schon in der vergangenen Saison gastierte die Gruppe mit vier unterschiedlichen Produktionen. Wie schon im Vorjahr, suchte sich Kubas berühmtester Tänzer Carlos Acosta auch dieses Mal unterschiedliche Choreografen. Das Hauptstück, Carmen, das nach der Pause gezeigt wurde, stammt jedoch von ihm selbst.

„De Punta a Cabo“ voll jugendlichem Esprit

Mit „De Punta a Cabo“ von Alexis Fernández durfte sich das Ensemble gleich zu Beginn von einer extrem jugendlichen Seite zeigen. Mit der tollen Idee, ein Schwarz-Weiß-Video mit der Skyline von Havanna als Bühnenhintergrund zu verwenden, verschmolzen die Life-Darbietungen mit den zuvor auf einer Kaimauer aufgenommenen perfekt. Dadurch entstand das Gefühl, die Lebenslust und -freude von Kubas Jugend vor Ort mitzuerleben. Mit dem dementsprechenden Licht-Setting erhielt man den Eindruck, eine Clique durch einen Tag und eine Nacht bis zum Sonnenaufgang zu begleiten. Das dabei verwendete Tanzvokabular enthielt jede Menge Hip-Hop und Street-Dance Elemente, aber auch eine Reihe von synchron ausgeführten Gruppenszenen.
„Faun“ Acosta Danza im Festspielhaus St. Pölten (Foto: Toti Ferrer)

Weltklasse-Faune

Mit „Fauno“ wurde Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie präsentiert, die bereits vor 8 Jahren entstanden war. Dabei wurden nicht nur Claude Debussys Musik, sondern auch Klänge von Nitin Sawhney verwendet. Carlos Luis Blanco und Zeleidy Crespo bildeten ein Faun-Paar mit einem atemberaubenden Bewegungsrepertoire. Erdverbunden und körperbetont tanzten sie vor der Projektion eines hohen, lichten Waldes.

Schon der Einstieg mit dem Hochrichten des männlichen Fauns vom Boden in den aufrechten Stand, der während der musikalischen Motiv-Vorstellung geschah, kann nur in hymnischen Worten wiedergegeben werden. Bekleidet nur mit einer hellblauen Pant, war es möglich, bei Blanco zu beobachten, dass nicht nur jeder einzelne Muskel seines durchtrainierten Körpers beansprucht wurde, sondern die Choreografie das Limit der Biegsamkeit des menschlichen Knochenbaues völlig infrage stellte.

Schon bald darauf konnte man sich am gemeinsamen Biegen und Krümmen, am Wiegen der Köper um die eigene Achse, am Rollen und Drehen des Paares am Boden nicht sattsehen. Einen eigenen Part müsste man der ausführlichen Beschreibung der Bein-Choreografie widmen. Mit ihr gelang Cherkaoui eine Tanzästhetik, die Bilder einer neuartigen, menschlichen Fortbewegungsart hervorruft. Von der ersten, zarten Annäherung bis zur koitalen Extaste lässt Cherkaouis seine Tiermenschen das breite Repertoire des biologischen Produktionsprozesses durchlaufen, wenngleich auch auf höchst künstlerischem Niveau.

Mit der allerletzten Aufstellung der beiden, die voneinander nach dem Liebes-Akt-Vollzug wegblicken, macht er klar, dass das Paar sich nicht im menschlichen Sinne auf eine Liebe eingelassen hat, die über die körperliche hinausgeht.
Gäbe es eine Liste der 100 schönsten Choreografien, „Fauno“ müsste darin unbedingt vorkommen.

Die Rolling Stones lassen grüßen

Überraschendes durfte man vor der Pause miterleben. Mit „Rooster“ gestaltete Christopher Bruce Choreografien von sieben Rolling-Stone-Hits. Herrlich amüsant, wie gleich zu Beginn die Männer in Samtjackets und Hahn-Posen über die Bühne stolzierten. Das Konzept der satirischen Überspitzung des gelebten Rolling-Stones-Macho-Kultes hielt der britische Choreograph bis zur letzten Szene aufrecht. An den Paarchoreografien, aber auch jenen für die gesamte Gruppe, in der er auch Rock-n-Roll Elemente einbaute, hatte vor allem das ältere Publikum seine große Freude. Und die Jungen wurden mit einem Musikstil konfrontiert, von dem man sich heute kaum mehr vorstellen kann, dass dieser einst als provokativ und gesellschaftszersetzend empfunden wurde.
Temporada de Primavera (Foto: Yuris N¢rido)

Carmen

In seiner 1-stündigen Carmen-Interpretation griff Carlos Acosta nicht nur auf George Bizets Opern-Vorlage zurück, sondern verwendete auch Musik von Rodión Shchedrin und Martin Yates. In Acostas Auslegung wurde Carmen von einem Stier in Menschengestalt bedroht, der sowohl in der ersten als auch in der letzten Szene seinen Auftritt hatte und wohl als Metapher für einen animalischen Sexualtrieb gedeutet werden kann.

In einem eindringlichen rot-schwarzen Bühnenbild von Tim Hatley tanzte Laura Rodriguez ihre Carmen in einer wunderbaren, logischen und hoch ästhetischen Mischung aus klassischen und zeitgenössischen Ballettelementen. Angelegt als Rückschau auf die Ereignisse rund um die freiheitsliebende und männerverführende Spanierin, kommen bei Acosta zwar die Hauptelemente der Handlung vor, er bietet jedoch auch noch genug Freiraum, um das Geschehen auch als tag-täglich stattfindendes Eifersuchtsdrama interpretieren zu lassen. Eine kreative Choreografie, in der sich Carmen aus dem Gefängnis und dem ihr angelegten Gängelband befreite, waren ebenso Highlights der Produktion wie jene eleganten, fließenden Hebefiguren in der Liebesszene mit Don José (Javier Rojas), bei welchen die Bodenhaftung der beiden völlig aufgehoben schien.

Acosta Danza übernahm in dieser Produktion selbst den Part des Escamillo, den er mit Witz und einer großen Portion Selbstironie gestaltete. Großes Tanzkino, wie er in das klassische Ballettmuster ganz nebenbei auch Flamenco-Schritt-Kombinationen einbaute.

Acosta Danza – Carmen im Festpielhaus St. Pölten (Foto Polina Koroleva)
Acosta Danza – Carmen im Festpielhaus St. Pölten (Foto: Tristram Kenton)
Besonders wohltuend war der Live-Sound des Tonkünstler-Orchesters unter der Leitung von Paul Murphy. Durch die Einspielungen zuvor, die vom Band kamen, war der Erlebnis-Unterschied besonders stark spürbar. Dass sich Murphey nach Betreten des Dirigentenpultes mit ausgestreckten Armen und winkenden Händen beim Publikum im Parterre bemerkbar machte, das ihn und das Orchester nicht sehen kann, war nicht nur eine höchst menschliche Geste. Es schwappte dabei auch jene Lust über den Bühnengraben in den Zuschauerraum, mit der er das Dirigat leitete und das Orchester in Höchstform spielen ließ.

Ein gelungener Auftakt, der Lust auf mehr machte.

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