Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen

Ein alteingesessenes Wiener Schreibwarengeschäft im 3. Bezirk erfreut die Passanten vor allem durch eine lange Front an Schaufenstern, in welchen vom Radiergummi bis zu Tarotkarten allerhand Nützliches und weniger Nützliches bestaunt werden kann. Eigentlich müsste dieses Geschäft in jedem Wien-Führer zu finden sein, denn es gibt wohl kaum einen anderen Platz auf der Welt, an welchem man noch Plastik-Handarbeitskoffer aus den 60er Jahren traut vereint neben Hello-Kitty Schultaschen, teure Füllfedern neben Billigkugelschreibern und auch noch Durchschlagpapier! findet. Besonders sympathisch macht dieses Geschäft, dass ihre Betreiberinnen wohl selbst um ihre vermeintliche Rückständigkeit wissen, denn unlängst fand sich sinngemäß folgender kleiner Schriftzug neben einem Tintenfässchen und einer Schreibfeder im Fenster: Findet einmal der Weltuntergang statt, sei froh, wenn Du in Wien bist! Dort kommt alles erst 20 Jahre später! So viel zum Thema Weltuntergang mit einer kräftigen Portion Augenzwinkern.

UNTER GANG ART © Thomas Jelinek

Am 30. März war im Wiener Tanzquartier „UNTER GANG ART“, eine Diskursperformance und Installation des Welttheaters zu sehen, eine Vorstellung, deren Titel sperriger nicht gewählt werden hätte können. Aber eine gewisse Sperrigkeit ist dem Weltuntergang wohl wahrlich nicht abzusprechen und so hätte man ob des Titels und Programms an sich schon gewarnt sein sollen.

MOMAD LABfactory / KKuK präsentiert von Thomas Jelinek versuchte zwar stellenweise das gleiche Augenzwinkern wie die Damen aus dem Papierfachgeschäft, aber man muss hier leider festhalten, dass das Gleiche noch lange nicht dasselbe ist. Begleitet wurde diese „Vorstellung“ von einer Reihe von Parallelaktionen unter der künstlerischen Leitung von Aldo Giannotti, die hier mangels selbst Erlebtem nicht zur Sprache kommen.

Zu Beginn des Abends erinnerte Doris Uhlich mit einem Striptease zu Falcos Lied „Titanic“, dass Feiern und Untergehen ein zwar ungleiches, nichtsdestotrotz jedoch immer wieder zu findendes Paar bilden. Wahrscheinlich sehr zur Freude des Gros der männlichen Besucher, entledigte sie sich ihrer roten Reizwäsche, um nach getaner Arbeit schließlich im Publikum Platz zu nehmen.

Nach dieser fulminanten Eröffnung sank der künstlerische Anteil des Abends dramatisch. Bis auf eine kleine Vorleseübung, bei welcher kurze Statements meist historischer Berühmtheiten zum Untergangsthema von kleinen an der Wand befestigten Zetteln abgelesen wurden, war nun jener Teil überlastig, der sich Diskursperformance übertitelte. Allerdings gab es wenig Diskurs – denn dazu gehören mindestens 2 Meinungen und auch keine weitere Performance – außer diese wäre in der letzten halben Stunde noch präsentiert worden, welche die Autorin dieses Artikels nicht mehr verfolgte. Brav, wie nach einem Drehbuch einer Kreativklasse in einem Gymnasium, durften sich live Expertinnen und Experten zu Wort melden, die manches Mal schlüssiger, manches Mal weniger schlüssig über den trüben Zustand dieser Welt Auskunft erteilten. Allerdings war die Regie streng bemüht, keinerlei Kohärenz walten zu lassen, sondern es sollte mit dem kruden Themenmix wohl aufgezeigt werden, dass es offenbar kein Fleckchen auf dieser Welt gibt, das nicht zum Untergang verdammt ist. Ob nun die Wasserknappheit in Teilen der Welt, das Ende des Kapitalismus, ob die Ausbeutung der Umwelt oder der produzierenden Menschen in den Billiglohnländern – wie in den Nachrichten kam Schlag auf Schlag ein Missstand nach dem anderen zur Sprache, ohne je tatsächlich auch nur ein klein wenig in der Tiefe beleuchtet zu werden.

Ein „den ganzen Abend hindurch offenes Mikrofon“, wie es vom Moderator, dessen exakter Kurzhaarschnitt bewunderungswürdig war, erklärt wurde, kam tatsächlich mehrfach zum Einsatz. Leute aus dem Publikum, aber auch solche, die sich vom künstlerischen Team her dazu bemüßigt sahen, leisteten Wortspenden. Dass es dabei von männlicher Seite aus sogar zu kleinen Machtspielchen mit lautstarken gegenseitigen Beschimpfungen kam, wirkte belustigend und auflockernd, wenn vielleicht teils auch gar nicht gewollt. Auf die Frage einer Zuseherin, was es mit den Blumenzwiebeln auf sich habe, die auf den kleinen Sofatischchen verteilt waren, um die das Publikum saß, kam die lapidare Antwort, dass es sich hierbei auch um ein Kunstprojekt handle. Dank diesem werden nun wahrscheinlich im Garten meiner Begleiterin dieses Abends im nächsten Frühling Blümchen aus dem Boden sprießen.

Was an männlichem Gehabe lächerlich bis peinlich wirkte, wurde durch weibliche Intelligenz wettgemacht. Die prägnantesten Aussagen kamen von Julieta Rudich, die zumindest durch ein an die Wand projiziertes Foto anwesend war. Als Videojournalistin des ORF und als Korrespondentin der „El Pais“ viel in Südamerika unterwegs, zeigte sie eine neue Sicht auf die Krise auf. In dieser wurde deutlich, dass es viele Länder gibt, in denen sich die Bevölkerung einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren kann, wenn sie hört und sieht, dass Europa derzeit in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt. Was für Europa eine Krise bedeutet ist unter Umständen für viele andere Länder eine Chance, war von ihr zu erfahren, was zugleich auch den bis dahin durchgängig larmoyanten Ton überdeckte. Der Abend hätte viel mehr von Ideen wie der Letztgenannten vertragen, dann wäre er sicherlich nicht in jener Phase stecken geblieben, in der man den Eindruck hatte, dass zwar schon alles gesagt worden war, aber leider noch nicht von allen.

Manches Mal tut es gut, nach einem Vorstellungsabend länger über dessen Wirkung nachzudenken.

In diesem Fall gab es jedoch auch nach einigen Tagen noch keine weitere Erkenntnis außer jener, tatsächlich einem Abgesang beigewohnt zu haben. Nämlich einem, der die künstlerische Kreativität betrifft. Und das tut weh.

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