Bei zeitgenössischer Musik winken viele sonst kulturaffine Menschen rasch ab. “Zu spröde”, “zu schwierig”, sind noch die harmlosesten Gegenargumente, die in diesem Zusammenhang gereicht werden.

Ein subjektiver Film über ein objektives Phänomen

Der Filmemacher Kurt Brazda hat es sich dennoch nicht nehmen lassen und einen – wie er sich ausdrückte – sehr subjektiven Film nicht nur über die österreichische E-Musik nach 1945 gedreht. Vielmehr beleuchtet er darin das Phänomen Karl Schiske näher.

Karl Schiske

Jenem Komponisten, der sich nach dem 2. Weltkrieg wie kein Zweiter als Lehrer vor allem um den Komponistennachwuchs in Wien kümmerte und dadurch heute seine Klasse als Keimzelle der zeitgenössischen Musik des 20. Jahrhunderts in Österreich verstanden werden kann. Sein großes Verdienst war es, seine Studierenden, ab seiner Berufung 1952 an die Kompositionsklasse der Wiener Musikakademie, mit der internationalen, zeitgenössischen Musik bekannt gemacht und sie sowohl auf die Symposien in Darmstadt als auch zu den neu gegründeten Jugendkulturwochen nach Innsbruck geschickt zu haben. Verkehrte in Darmstadt zu jener Zeit das „who is who“ der internationalen Komponistengarde wie John Cage oder auch Luigi Nono, so waren die jungen Nachwuchstalente in Innsbruck unter sich und konnten sich dort zwanglos austauschen.

Von der Keimzelle zu den Enkelkindern

Die Idee zu dem Film kam von Berta Schiske, der Witwe des Komponisten und ihrem Sohn Thomas, sowie von Viktor Schuller-Götzburg, dessen Mutter Karl Schiske als jungen Mann auf ihrem Bauernhof in Großsölk in der Steiermark unterstützte. Für den Film bat Brazda jene vor die Kamera, die bei Schiske studiert hatten oder ihn aus ihrer Anfangszeit her kannten wie Kurt Schwertsik, Gösta Neuwirth, Iván Eröd und viele andere. Ihre Statements lassen ihre Studienzeit nach dem Krieg wieder lebendig werden. Wobei klar wird, dass Schiske nicht nur ein Förderer der Jugend war, sondern ein unglaublicher Musiker, der es verstand, sich in die Kompositionen seiner Schüler so einzufühlen, dass er diese ad hoc improvisierend weiterentwickeln konnte.

Kurt Brazda und Kurt Schwertsik

Wunderbar humorig eine Szene, in welcher Friedrich Cerha, der mit Schiske bei einem Auslandsaufenthalt einmal ein Zimmer teilte, eine Anekdote zum Besten gab. In dieser geht es darum, dass Schiske und Cerha eine Konversation darüber begannen, welcher der historischen Komponisten nun wohl seinen Rasierapparat – hätte es ihn damals schon gegeben – vom Rasierer selbst oder vom Stecker her aufgerollt hätte. Beeindruckend die Worte von Gösta Neuwirth, der dachte, das „Blut müsse sogleich aus den Ecken jeder Wand kriechen“ als nach 1945 ehemalige Nazionalsozialisten in der Hochschule ungeniert wieder Posten bekleiden und Laudationes halten durften.

Doch nicht nur Zeitzeugen kommen zu Wort, wenn es darum geht, die Arbeit von Schiske näher zu beschreiben. Brazda holte sich auch Olga Neuwirth vor die Linse, die von ihren Widerständen im männerdominierten Kompositionsbetrieb erzählte.

Kurt Brazda und Olga Neuwirth

Bild und Musik harmonieren in jeder Sekunde

Dass der Film bei aller Information dennoch keine schwer zu verdauende Kost darstellt, ist Benjamin Epp zu verdanken. Kamera und Schnitt stammen von ihm und sind herausragend. Dabei arbeitete er nicht nur mit bewegten Bildern, sondern auch mit Einstellungen, die genauso gut für Fotografien verwendet werden könnten. Das Filmmaterial entstand zu einem großen Teil assoziativ. Die Berge um Großsölk, eine Fahrt aus einem Stollen, eine weitere gefilmt in einer Autowaschstraße, Frauen beim Zubereiten eines kalten Buffets – und immer wieder historische Fotos von Schiske und seinen Studierenden. All das verzahnt sich sensibel und vor allem hochmusikalisch mit Musik aus der Zeit.

Karl Schiske starb nur 53-jährig 1969. Evolution auf b – der Titel wurde nicht nur in Anlehnung auf Schiskes „fünfte Symphonie auf b“ gewählt, wobei damit keine Tonart bezeichnet wird. Er verweist auch auf seine Frau Berta, geborene Baumhackl, die jedes Jahr zu einem Konzert in ihr Haus einlädt, bei dem sich die Crème de la Crème der Musikschaffenden unserer Zeit trifft.

Benjamin Epp

Brazdas neue Arbeit ist nicht nur ein wunderbarer, informationsopulenter Film mit jeder Menge Liebe zum Detail und unglaublichem Gespür für das Ineinandergreifen von Bild und Musik. Es ist auch ein Film, in dem klar wird, dass Menschen eines Schlages wie Schiske, auch wenn ihr Wirken zeitlich sehr begrenzt ist, einen unglaublichen Einfluss auf die kommenden Generationen ausüben können. Ein Muss für alle, die Österreichs Musikgeschiche des 20. Jahrhunderts besser verstehen wollen.

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