Familientherapie ohne Happyend

Louise von Gustave Charpentier in der Opera du Rhin in Straßburg

Nataliya Kovalova als Louise, (c) Alain Kaiser

Nataliya Kovalova als Louise, (c) Alain Kaiser

Louise, eine selten aufgeführte Oper von Gustave Charpentier, erlebt gerade ihre Neuinszenierung in der Opéra du Rhin in Straßburg. Unter der musikalischen Leitung von Patrick Fournillier und der Regie von Vincent Boussard entwickelt sich das unschuldige Mädchen Louise zu einer emanzipierten, jungen Frau, die gegen den Willen ihrer Eltern das Leben in ihre eigene Hand nimmt.

Was sich heute als relativ unspektakuläre, weil alltägliche Handlung liest, war im Jahre der Uraufführung 1900 an der Opéra-comique in Paris aufrührerisch. Charpentier, der selbst das Libretto zu diesem Werk schuf, war sich durchaus bewusst, dass er in einer Umbruchszeit lebte. Viele bis dahin jahrhundertelang geltenden Werte wurden grundlegend hinterfragt und dazu gehörte auch die Selbstbestimmung des Menschen. „Jedes Wesen hat ein Recht auf Freiheit! Jedes Herz hat die Pflicht zu lieben!“ diese programmatischen Worte aus dem Mund Juliens, dem Geliebten von Louise, öffnen ihr schließlich die Augen und lassen sie das schlechte Gewissen ablegen, dass ihr von ihren Eltern eingepflanzt worden war.

Der Vater, herausragend gesungen von Philippe Rouillon, der noch zu Beginn hinter den Bestrebungen seiner Tochter stand, sich abzunabeln, verhärtet und verbittert im Laufe des Geschehens so sehr, dass er zum Schluss sogar Louise verstößt. Nataliya Kovalova als Louise verwandelt sich von einem frechen Teenager im Björk-Look hin zu einer Femme-fatal im roten Kleid, ganz voll Liebe entbrannt und auf ihr Recht der Selbstbestimmung pochend. Ihr voller und klarer Sopran wird sich mit weiterer guter Behandlung und vor allem schonender Rollenauswahl sicherlich zu einer Charakterstimme entwickeln, da sie schon jetzt großes Potential in sich trägt. Calin Bratescu, der junge rumänische Tenor, der erstmals außerhalb seiner Heimat auftritt und die Feuertaufe auch bestanden hat, steht seiner Louise einfühlsam zur Seite, wenngleich er es auch ist, der die Entzweiung mit der Familie zu verantworten hat. Sein liberaler Geist, der sich auch in seinem Dichterdasein äußert, hilft Louise nicht nur, sich aus dem engen Korsett ihrer Familie zu befreien, sondern löst sie auch aus ihrer Arbeitsstätte, in der sie als Näherin unfrei ihr Brot verdiente.

Vincent Boussard gelang es vor allem im zweiten Akt, eine schöne Parallele zwischen der Freiheit des Denkens und der Freiheit der Arbeit aufzuzeigen. Er lässt Männer und Frauen morgens zu ihrer Arbeit hasten, ihre Kinder vor der Schule abgeben oder – wie in der Szene in der Näherei – eine Schar von Frauen Handarbeit verrichten, deren Lohn nicht im Verhältnis zu den Roben steht, an denen sie arbeiten. Das Bild eines Obdachlosen in zerschlissenen Kleidern, mit schwer bepackten Plastiktüten die sein ganzes Hab und Gut darstellen, oder jenes des kleinen, bettelnden Jungen mit der Ziehharmonika erinnert an oft gesehene Gestalten auf den Straßen jeder beliebigen Stadt in Europa.

Kovalova, Bratescu, Tuodorovitch in Louise (c) Alain Kaiser

Kovalova, Bratescu, Tuodorovitch in Louise (c) Alain Kaiser

Die Mutter, die wiederum die gegenteilige psychische Entwicklung durchmacht wie der Vater Louises, wird von Marie-Ange Todorovitch gesungen. Sie und Rouillon stehen mit ihren ausgereiften sängerischen Darbietungen der Spitzenklasse in schönem, ganz bewusstem Kontrast der noch jungen, wenn gleich nicht minder beeindruckenden Stimmen von Louise und Julien. Hier hat Marc Clémeur ganze Arbeit geleistet, denn selten heben sich gute junge von herausragenden und bereits arrivierten Stimmen so schön und stimmig ab, wie in dieser Aufführung.

Das Bühnenbild kann im wahrsten Sinne des Wortes als schräg bezeichnet werden, denn Vincent Lemaire agiert in dieser Inszenierung gerne mit schiefen Ebenen, die sich in der Szene, die über den Dächern von Paris spielt, auch zu einer balancierenden Herausforderung für die Sängerinnen und Sänger herausstellen. Leicht befremdlich waren zwei Regieeinfälle, nämlich jene gleich zu Beginn, die heimlich lauschende Mutter von Louise lange sichtbar auch im Blickfeld der Liebenden stehen zu lassen. Hier war man an den Kinderwitz erinnert, wonach ein kleines Mädchen seine Mutter laut während der Opernaufführung frägt, warum denn niemand Otello anspricht, der für alle, inklusive der Sängerinnen und Sänger sichtbar, eigentlich heimlich seine Desdemona belauschen soll. Auch die mit einem Magnet festgehaltene Getränkedose auf den schrägen Dächern – ein Hinweis auf ein fröhliches Zusammensein in dieser luftigen Höhe – hätte ohne Qualitätsverslust weggelassen werden können. Vielmehr stellte das laute Klicken des Magnetes auf den blechernen Dächern eine wohl ungewollte Belustigung dar. Dass hingegen die Schlussarie des Vaters, in welcher er seine Tochter vom unschuldigen kleinen Mädchen zur undankbaren und selbstsüchtigen jungen Frau verkommen lässt durch weißes und rotes Licht mehr als nur erklärend unterstützt wird, kann der französischen Lust an sinnlichen Inszenierungen zugeschrieben werden.

Die ruhig dahinfließende, veristische Musik Charpentiers, die über lange Strecken sehr simpel erscheint, zeigt in den Vor- und Zwischenspielen jedoch symphonischen Charakter. Die Leitmotive, mit welchen die Figuren ausgestattet sind, verzahnen sich teilweise kunstvoll ineinander, wie besonders schön im Vorspiel des letzten Aktes zu hören ist, wo sich das heitere, lebensbejahende Motiv Juliens mit dem melancholischen des Vaters vermischt. Der Dirigent Patrick Fournillier interpretiert Charpentier ohne extreme Höhen und Tiefen, ohne allzu analytisches Vorgehen in der einzelnen Stimmbehandlung, was zwar dazu führt, dass die Musik dem Alltagsleben näher steht als dem Geschehen in einer Oper, gerade dort jedoch ab und zu einen dramatischeren Ausdruck vertragen würde.

Fazit der Neuinszenierung: Eine mit wenigen, kleinen Fehlern ausgestattete schöne Regiearbeit, junge, im Aufbau begriffene, jedoch zu den Rollen sehr gut passende Stimmen, herausragende Interpreten, welche die ältere Generation darstellen und eine bewusste, ruhige Orchesterführung machen Louise zu einer Oper, die trotz Neuinterpretation sicherlich im Sinne ihres Schöpfers auf die Bühne gebracht wurde.

Louise (c) Alain Kaiser

Louise (c) Alain Kaiser

« Louise » de Gustave Charpentier à l’Opéra du Rhin à Strasbourg

Nataliya Kovalova als Louise, (c) Alain Kaiser

Nataliya Kovalova als Louise, (c) Alain Kaiser

« Louise », une œuvre de Gustave Charpentier rarement jouée renaît dans une nouvelle mise en scène à l’opéra du Rhin à Strasbourg. Sous la direction musicale de Patrick Fournillier et mis en scène par Vincent Boussard, l’innocente jeune fille Louise se métamorphose en une femme émancipée, qui prend contre la volonté de ses parents sa vie en main.

Ce qui semble aujourd’hui presque banal, car quotidien, était en 1900, l’année de la première de cette pièce, presque une révolution à l’opéra comique de paris. Charpentier, le compositeur et auteur du livret, avait conscience de vivre à une époque charnière. Beaucoup de principes, jusque là considérés comme immuables étaient remis en question. Le libre arbitre, le droit de décider soi-même de sa propre vie faisaient partie de ces nouvelles interrogations.

« Tout être a le droit d’être libre ! Chaque cœur a le devoir d’aimer ! » Ces mots prononcés par son amant Julien tel un discours-programme, ouvrent les yeux de Louise et la libèrent de la mauvaise conscience que lui avaient inculquée ses parents.

Le père, magistralement interprété par Philippe Rouillon, qui au début soutient encore les efforts que fait sa fille pour couper le cordon ombilical, s’endurcit et devient tellement amer au fil des évènements, qu’il finit même par renier sa fille. Louise, Nataliya Kovalova, se transforme peu à peu : L’adolescente insolente au look qui n’a rien à envier à celui de Björk devient une femme fatale en robe rouge, brûlant d’amour et exigeant son droit à l’auto-détermination. Ce soprano, ample et claire deviendra à coup sur une voix de caractère. Ce potentiel ne demande qu’à se développer. Un choix précautionneux des futurs rôles qui devront ménager cette jeune voix y contribuera avec efficacité.

Calin Bratescu, le jeune ténor roumain, qui chante pour la première fois loin de son pays natal a passé son épreuve du feu avec succès. C’est un partenaire sensible pour Louise, même si c’est lui qui est à l’origine de la zizanie au sein de cette famille. Il exprime sa liberté d’esprit en tant que poète. Et c’est cet esprit indépendant qui aide Louise non seulement à se défaire du corset des contraintes familiales mais aussi de quitter son lieu de travail, où elle gagne contrainte et forcée péniblement sa vie comme couturière.

C’est au deuxième acte où Vincent Boussard réussit particulièrement bien à démontrer les parallèles entre la liberté de penser et la liberté du travail. Hommes et femmes se hâtent dès le matin pour se rendre à leur travail, tout en déposant les enfants à l’école. Les scènes dans l’atelier de couture où une armée d’ouvrières s’attèle à sa tâche. Le salaire de ces femmes n’a aucun rapport avec le prix ruineux des robes qu’elles fabriquent. Le sans-abri en loques, charriant tous ses biens dans des sacs en plastique, ou le petit mendiant à l’harmonica sont des personnages que l’on peut rencontrer à tous les coins de rue dans n’importe quelle ville européenne.

Kovalova, Bratescu, Tuodorovitch in Louise (c) Alain Kaiser

Kovalova, Bratescu, Tuodorovitch in Louise (c) Alain Kaiser

Le parcours psychologique de la mère, Marie-Ange Todorovitch, est l’inverse de celui du père. Elle et Rouillon forment avec leurs prestations de chant très abouties un contraste conscient par rapport aux voix encore jeunes mais tout aussi impressionnantes de Louise et Julien. Marc Clémeur a fait là un excellent travail, car il est rare d’entendre un contraste si harmonieux et mélodieux entre des voix matures, au sommet de leur art et des voix jeunes et prometteuses.

Le décor est au sens propre du terme « de travers ». Vincent Lemaire se plait dans cette mise en scène à jouer avec des plans en pente. Un fait qui dans la scène qui se situe au dessus des toits de paris constitue un véritable défi d’équilibrisme pour les chanteurs.

Deux idées de la mise en scène semblent pourtant un peu étranges : Tout au début, où la mère qui espionne les amants se trouve dans le champ de vision du couple. Ceci fait penser à une anecdote, où une petite fille demande à sa maman à haute voix en pleine représentation pourquoi personne ne parle à Otello, qui – pourtant visible pour tous – est censé écouter en secret sa Desdemone. Et on aurait pu se passer sans problème de la cannette en fer blanc fixée par un aimant sur les toits pentus – surement l’indice d’une sorte de convivialité dans ces « hautes sphères » – sans perdre une once de qualité. Au contraire, le cliquetis incessant était plutôt source non intentionnelle d’hilarité. La lumière rouge et blanche qui pendant l’aria finale du père où il dégrade Louise de la petite fille innocente à la jeune femme ingrate qui ne pense qu’à elle, souligne les propos paternels. Une preuve que la mise en scène française a une prédilection pour les exercices qui font appel aux sens.

La musique calme et verique de Charpentier, qui peut paraître sur de longs passages même simple, montre son caractère symphonique dans les ouvertures et les passages intermèdes. Les leitmotivs des différentes figures s’imbriquent par moment artistiquement les uns dans les autres, ce qu’illustre particulièrement bien l’ouverture du dernier acte où le motif joyeux et plein de vie de Julien se mêle à celui du père, mélancolique. Le chef d’orchestre Patrick Fournillier lit Charpentier sans hauteurs vertigineuses ni profondeurs extrêmes, sans analyse trop poussée dans le traitement des voix. Avec la conséquence, que la musique est plus proche de la vie de tous les jours que des évènements sur la scène d’un opéra. Mais c’est précisément là où de temps à autre une expression dramatique aurait été la bienvenue.

En résumé : Cette nouvelle mise en scène est, abstraction faite de quelques petites erreurs, du beau travail. Des voix jeunes en plein développement et fort bien distribuées, des interprètes hors pair, représentants de la génération d’avant et une direction d’orchestre calme et consciente nous montrent une interprétation moderne d’une « Louise » que son créateur aurait certainement approuvée.

Louise (c) Alain Kaiser

Louise (c) Alain Kaiser


Traduit de l’allemand par Andrea Isker

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