European Cultural News https://www.european-cultural-news.com Online Kultur Magazin aus Wien Wed, 11 Dec 2019 10:30:35 +0100 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.3 https://i0.wp.com/www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2014/03/cropped-logo_quadrat-e1396083958364-1.jpeg?fit=32%2C32&ssl=1 European Cultural News https://www.european-cultural-news.com 32 32 Jacques Brel im ungewöhnlichen Bigband-Sound – ein Erlebnis https://www.european-cultural-news.com/jacques-brel-im-ungewoehnlichen-bigband-sound-ein-erlebnis/35123/ Wed, 11 Dec 2019 10:30:35 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35123 Sich Brel nicht anbiedern, ihn aber auch nicht verleugnen. Das ist wohl jene Mischung, die diesen Abend so interessant, reizvoll und letztlich äußerst gelungen machte.

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Es war ein Wagnis. Ein großes sogar. Die zarten, so kunstvoll-lyrischen Chansons von Jacques Brel auf Bigbandsound zu polieren. Die Jazz Big Band Graz hat sich mithilfe des Leiters des Brussels Jazz Orchestras – Frank Vaganée – dieser Herausforderung gestellt. Dieser tourte mit seiner Band und dem französisch-belgischen Sänger David Linx vier Jahre lang mit einem Jacques Brel-Programm, das bereits abgespielt erschien. Bis die Einladung nach Graz kam und hier im Schauspielhaus das Publikum begeisterte. Vaganée und Linx folgten dem Ruf in die Steiermark und erarbeiteten mit dem Grazer Ensemble ein musikalisch höchst anspruchsvolles Programm.

Dass rhythmisch aufgeladene Klassiker wie „Amsterdam“ oder „la valse à mille temps“ mit der Klangfülle einer Bigband funktionieren können, konnte man sich noch gut vorstellen. Dass aber auch „les vieux amants“ – die liebenden Alten, oder „quand on n´a que l´amour“ – „wenn man nichts außer Liebe besitzt“, auch mit dieser Sound-Begleitung funktionieren, war schwer vorstellbar. Ganz zu schweigen von „ne me quitte pas“, jenem Lied, in dem Brel das Verlassenwerden von seiner Geliebten mit einem geradezu hypnotischem Sprachmuster hintanzuhalten versucht. Und doch: Die ausgetüftelten Arrangements machten es möglich.

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Brel zu imitieren wäre ein von langer Hand geplanter Selbstmord. Brel neu zu interpretieren funktioniert auch nur dann, wenn den Ohren etwas geboten wird, das vertraut und fremd zugleich erscheint. So könnte man am ehesten das Ergebnis des Abends „Brel. Jazz Bigband Graz feat. David Linx mit den weltberühmten Songs von Jacques Brel“ beschreiben. Vieles, was da zu hören war, wurde mit einer neuen, zum Teil gewagten Harmonik unterfüttert. Vieles hat neue, rhythmische Einlagen erhalten, die teils herausfordernd zu spielen sind. Zugleich aber wurde einer der Grundregeln des Jazz beibehalten: Mit einer Reihe von Soli durften sich die einzelnen Ensemble-Mitglieder vorstellen und dabei zeigen, welche Qualität jeder einzelne Musiker vorzuweisen hat. Dabei war es schön zu sehen, welche Freude Linx selbst bei den Auftritten seiner Kollegen hatte. Immer in Bewegung, vom Rhythmus erfasst, dabei jedoch stets den Solisten den Vortritt lassend, stand er während der einzelnen Einschübe an der Seite, um sekundengenau getimt, seinen Einsatz parat zu haben. Frank Vaganée leitete abwechselnd mit Querflöten- und Saxophoneinsatz die Band von der ersten Reihe aus.

Die scharfen Bläsereinsätze bei „Mathilde“ und die Verwandlung von einem wilden Galopp, wie ihn Brel verwendete, in eine schmissige Latin-Variante kann als Musterbeispiel jener gelungenen, kreativen Verwandlung gelten, der die Chansons unterzogen wurden.

David Linx stammt ebenso wie Brel aus Belgien. Schon als Kind übersiedelte er nach New York, seit 20 Jahren jedoch lebt er in Paris. Seine Brel-Interpretationen sind frei von Pathos, aber nicht von Leidenschaft. Sein klares Timbre und seine deutliche Aussprache machen ihn zu einem Idealinterpreten jener französischen Chansons, die um die Welt gingen. Brel, dieser sensible Mensch und Musiker, schaut ihm dabei offenkundig über die Schulter, ohne sich jedoch aber aufzudrängen. „Ich musste meine Lieder wie ein Idiot selbst singen, weil sie keiner haben wollte“, erklärte er einmal in einem Interview und fügte hinzu, dass es ihm nichts ausmachen würde, wenn jemand anderer diese sängen.

Mit Linx ist dieser andere gefunden. Schade, dass Brel selbst diese Session nicht erleben durfte. Er hätte sich wahrscheinlich riesig über die neuen Bigband-Arrangements und die jazzige Vokaliterpretation gefreut. Der gute Soundmix war auch verantwortlich dafür, dass Linx vom Klangschwall der Bigband nie übertönt wurde. So manche musikalische Zwiesprache geriet meisterlich, wie jene mit Uli Rennert am Klavier oder auch jene mit dem feinen Trompetensolo in „Isabelle“ von Horst-Michael Schaffer, der auch die An- und Abmoderation gestaltete. Sich Brel nicht anbiedern, ihn aber auch nicht verleugnen. Das ist wohl jene Mischung, die diesen Abend so interessant, reizvoll und letztlich äußerst gelungen machte.

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Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor https://www.european-cultural-news.com/eine-telefonzelle-wird-zum-angstfaktor/35072/ Sun, 24 Nov 2019 22:29:23 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35072 Die Lettern Telefono prangen an ihrem oberen Rand. Die Telefonzelle ist und bleibt das einzige Raumelement in der neuen Produktion des Off-Theaters von Ernst Kurt Weigel „This is what happened in the Telephone Booth“.

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Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Michaela Preiner

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
Bestimmend steht sie da. Nicht ganz mittig im Raum, aber einnehmend. Bedrohlich gelb und orangerot leuchtet sie aus ihrem Inneren. Die Lettern Telefono prangen an ihrem oberen Rand. Die Telefonzelle ist und bleibt das einzige Raumelement in der neuen Produktion des Off-Theaters von Ernst Kurt Weigel „This is what happened in the Telephone Booth“. (Ausstattung Devi Saha) Das „Tanz.Schau.Spiel“ berichtet über ein traumatisches Kindheitserlebnis und dessen Folgen für die Tänzerin Leonie Wahl.
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
​Nach den ersten Schweizer Jahren zog sie mit Schwester und Mutter in ein kleines, italienisches Dorf, um einen Bauernhof zu bewirtschaften. Ein Telefon im Haus gab es nicht, von Handys träumte noch niemand. Und so war eine Telefonzelle jenes Mittel zur Außenkommunikation, das zugleich auch schicksalsbestimmend für Leonie werden sollte.

Nach einem Telefonat der Mutter mit ihrem Freund kam diese völlig verstört und mit einem schizophrenen Schub aus der Zelle. Ereignisse wie diese sind für Erwachsene schwer zu verdauen. Für Kinder gar nicht. Und so befand sich Leonie plötzlich in einer Situation, in der die Welt auf dem Kopf stand. Einer Situation, in der sich die Rollen verkehrten und nichts mehr so war wie zuvor.

Gemeinsam mit Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz lässt sie in tänzerischer Form das Publikum am Gefühls-Tsunamie, der dabei ausgelöst wurde, teilhaben. Ein Arzt-Patienten-Gespräch, das man mithört, hält eine gute und eine schlechte Nachricht bereit. Die gute, dass die Krankheit der Mutter nicht tödlich ist und die schlechte, dass sie ab sofort ein Vampir sein würde. Diese Metapher steht für ein besonderes Mutter-Tochter-Verhältnis, in welchem das Kind als etwas angesehen wird, das man im wahrsten Sinne des Wortes „besitzt“. Sichtbar wird dies in einer Szene, in der Leonie zwischen der Mutter und ihrer Schwester hin- und hergezerrt wird, ohne sich wirksam dagegen wehren zu können.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„Ich will da nicht hinein! Ich habe das Grauen gesehen“, ist ein Satz, den Kajetan Dick stellvertretend für die beiden Mädchen und die Mutter öfter zitiert. Tatsächlich kommen alle, die sich in die Telefonzelle begeben, als Zombies, zumindest aber psychisch komplett verändert, aus ihr wieder heraus.

Im Bewegungsrepertoire markiert die Tänzerin sich selbst, ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Vater mit wiedererkennbaren Mustern. Intensiver Bodenkontakt mit Drehungen, Rollen und akrobatischen Bewegungselementen werden abwechselnd als Soli oder auch von allen Ensemblemitgliedern getanzt. Eine Gruppenchoreografie, begleitet nur durch eigenes rhythmisches Stampfen und Singen, gleitet nach und nach ins Orgiastische ab. Tamara Stern steuert vom Bühnenrand aus ein vokales Geschehen bei, das zwischen Geräuschen wie Flattern, Klappern, Krächzen, Schnattern und feinen, gesanglichen Passagen oszilliert und die Performance zum Teil mit einer starken Spannung auflädt. (Soundscapes ASFAST)

Leonie Wahl erzählt in ihrem Programmtext, dass aktive und passive Kunsterfahrung das Leben von Menschen verändern kann. Ihr Stück ist sicher zu einem großen Teil therapeutisch erfahrbar und greift damit auch auf den Ursprung von Tanz und Theater zurück, in dem durch orgiastische Momente eine Katharsis eintreten konnte.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Günter Macho)
„This is what happened in the Telephone Booth“ ist zugleich aber auch eine Aufforderung an das Publikum, sich seinen eigenen traumatischen Erfahrungen – seinen eigenen Telefonzellen – zu stellen. Gelänge es, diese so aufzuarbeiten, dass sie sich durch einen kreativen Prozess in eine Erfahrung verwandeln, die das weitere Leben nicht mehr nur negativ beeinflusst, dürfte man Wahl doppelt gratulieren.
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Wenn uns die Vergangenheit einholt https://www.european-cultural-news.com/wenn-uns-die-vergangenheit-einholt/35036/ Sat, 23 Nov 2019 08:49:11 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35036 Es sind die unglaubliche Spielfreude und die wandelbaren Stimmen der beiden Puppen-Großmeister, die bestechen. Dabei ist man gebeutelt zwischen Lachen, Fremdschämen, Staunen und einem aufkommenden Unbehagen.

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„The sound of music“ – das amerikanische Musical aus dem Jahr 1959 – verwandelte sich nach seiner Verfilmung sechs Jahre später weltweit zu einem touristischen Aushängeschild Österreichs. Die Geschichte der Trapp-Familie, die während der Nazi-Zeit nach Amerika auswanderte, ist zwar voll von fragwürdigen Klischees und entspricht auch nicht der wahren Familiengeschichte. Dennoch sang sich die vielköpfige Kinderschar rund um die neu in die Familie gekommene Nanny in die Herzen des Publikums. Der Film zählt heute zu den vier erfolgreichsten Hollywood-Musical- Filmen überhaupt.

Nikolaus Habjan und sein ehemaliger Lehrer Neville Tranter haben den Stoff aufgenommen und lassen die Eltern, Vater Max und Ziehmutter Maria, 50 Jahre später unter dem veränderten Namen Trüb wieder in ihr Heimatland zurückkommen. Hier müssen sie feststellen, dass Österreich anscheinend das einzige Land auf der Welt ist, in dem der Film und ihr damit zusammenhängender Ruhm nicht bekannt sind. Habjan und Tranter sprechen auf der Bühne Englisch, wobei der österreichische Puppenmagier seine Hauptfigur – Mag. Norbert Frickl – mit einem so grottenschlechten, österreichischen Akzent ausstattet, dass er dafür Lacher ohne Ende erntet. Dass diese Klappmaulpuppe „familiar“ aussieht – mit Zügen, die zwischen Hitler und dem ehemaligen, österreichischen Innenminister der blauen Fraktion angesiedelt sind, zeigt auf, wie zeitgenössisch das Stück mit seinem bitterbös-beißenden Humor angesiedelt ist. Ersetze bei Frickl das F durch ein K und denke zu Norbert den Nachnamen eines erfolglosen Bundespräsidentenkandidaten und schon weiß man, welche Gesinnung von behördlicher Seite in Österreich den Trübs entgegenschlägt. Frickl, das stempelwütige Aktenmonster, hat, wie sich bald herausstellt, ganz persönliche Animositäten gegenüber Max Trüb und denkt nicht im Traum daran, dessen Einwanderungsansuchen positiv zu bescheiden. Selbst Arnold Schwarzenegger, der als letzter Hoffnungsträger von den Trübs nach Salzburg geholt wird, kann nicht helfen. Nicht nur, weil Maria ihn wegen seines unehelichen Kindes verabscheut, sondern weil auch er wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft von Frickl ausgewiesen wird.

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Wer Österreich einmal den Rücken gekehrt hat, hat seine Heimat für immer verloren, ist die offizielle Begründung des „chief of Einwanderungsbehörde“. Die Charaktere von „The hills are alive“ sind samt und sonders archetypisch angelegt. Das ist wohl mit ein Grund, warum das Puppenspiel, bei dem die beiden Akteure während ihres Spiels auch sichtbar sind, so gut funktioniert. Max, der sich rühmt, habsburgische Verwandte zu haben und sämtlichen Kindermädchen, die zur Familie kamen, nachstellte, trägt den Charakter eines gealterten Lebemannes, dessen Verdrängungsmechanismus groteske Züge angenommen hat. Seine Frau Maria, eine verwelkte Diva in rosafarbigem Tütü, will von ihrem wahren Lebensalter nichts wissen. Sie erlebt ihren Österreich-Aufenthalt zwischen Starallüren und dem Wahn, als Filmprominenz geachtet zu werden.

Mit dem Krone-Journalisten Mayer schufen Habjan und Tranter eine Figur, die im Verlauf des Geschehens ihre Herkunft neu definieren muss. Damit nicht genug, verliebt sich Mayer – spezialisiert auf Gartenartikel – auf den ersten Blick in die französische Nanny Juliette. Diese wurde von Frickl gezwungen, die Trübs auszuspionieren. Diesem Auftrag kommt sie nur widerwillig nach, folgt ihm jedoch in der Hoffnung, dadurch die Ausweisung ihres syrischen Freundes verhindern zu können.

Mit unglaublich raschen Szenen- und damit verbundenen Puppenwechseln dreht sich das Komödienkarussel rasantes. Dem Frickl an die Seite gestellte Soldat Kornbichler darf ohne Weiteres ein vermindertes Denkvermögen attestiert werden. Die sich daraus ergebenden Lachnummern stehen ganz in der Tradition der Wiener Doppelconferencen, wie sie schon kurz nach Gründung des ORF von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn so meisterhaft inszeniert wurden.

Sehr interessant ist der Umstand, dass alle Figuren, sieht man von den beiden sozial niedrigsten Personen des Kindermädchens und dem Rekruten ab, mit tiefen, seelischen Abgründen ausgestattet sind. Das rückt die Geschichte, trotz ihres skurrilen Fortgangs mit mehreren atemberaubenden Volten in Realitätsnähe. Es ist nicht nur die so kunstvoll verzahnte Erzählung, welche die eineinhalbstündige Aufführung wie im Flug vergehen lässt. Es sind die unglaubliche Spielfreude und die wandelbaren Stimmen der beiden Puppen-Großmeister, die bestechen. Dabei ist man gebeutelt zwischen Lachen, Fremdschämen, Staunen und einem aufkommenden Unbehagen, das einem sagt: Das hier ist zwar Theater, aber die Grenze zum realen Leben – wo ist die noch scharf auszumachen?

Die beiden überdimensionierten rot-weiß-roten Fahnen links und rechts von der Bühne (Denise Heschl) flankieren den großen Frickl-Schreibtisch in beinahe bedrohlichem Ausmaß. Dass sie in der letzten, berührenden Szene im Dunkel verschwinden, tut gut. Denn wer nach dieser Inszenierung noch mit einer von Nationalstolz geschwellten Brust von dannen zieht – dem ist auch nicht mehr zu helfen.

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Das Gemeindekind https://www.european-cultural-news.com/das-gemeindekind/34983/ Fri, 15 Nov 2019 18:02:18 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34983 Neben dem fulminanten spielerischen Einsatz, der aufzeigt, was am Theater alles mit einem tollen Ensemble möglich ist, ist es vor allem die bewegende Geschichte, die zwischen Komik und Tragik kaum zu überbieten ist, die fesselt. Ein Theaterabend wie aus einem Bilderbuch.

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„In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, dass der Teller seines Nachbarn leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbarn den Appetit verderben – dem Braven aus Rechtsgefühl, dem Feigen aus Angst. … Darum sorge dafür, wenn du deinen Teller füllst, dass es in deiner Nachbarschaft so wenig leere wie möglich gibt. Begreifst du?“

Mit diesem Text von Marie von Ebner-Eschenbach beginnt das „Gemeindekind“. Eine Produktion im Theater Spielraum, für welche der Text von Nicole Metzger, der Hausherrin, adaptiert wurde.

Sündenböcke gab es zu jeder Zeit. Heute würde man im gesellschaftlichen Kontext von Ausgegrenzten sprechen, im beruflichen von Mobbingopfern. Das Theater Spielraum in der Kaiserstraße nimmt sich dieses Themas mit dem Stück „Das Gemeindekind“ an. Der zugrunde liegende Roman gilt als eines der Hauptwerke jener Literatin aus dem 19. Jahrhundert, deren Texte erschreckend aktuell sind.

Gleich zu Beginn der Inszenierung hört man ländliche Csardas-Klänge und weiß sofort, dass man sich auf dem Land befindet. In Ungarn höchstwahrscheinlich. Dort wird ein Ehepaar verurteilt, das ohnehin keinen guten Ruf besitzt. Der Mann wird zum Tod verurteilt, die Frau zu 10 Jahren Zuchthaus und die Kinder werden in die Obhut der Gemeinde übergeben, die ab sofort für sie zu sorgen hat. In der Fassung von Nicole Metzger sind es ein Bruder und seine jüngere Schwester.

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Ohnehin vom Schicksal schon gebeutelt, schiebt man sie der Familie des Gemeindehirten zu, deren Frau als falsch und zänkisch gilt. Glück im Unglück hat das kleine Mädchen, das der Gräfin zufällt, welche diese in ihr eigenes Kloster schickt, um sie dort christlich erziehen zu lassen.

Metzger, die auch Regie führt, lässt Dana Proetsch, Veronika Petrovic und Paul Graf in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Diese Herausforderung meistern allesamt mit Bravour. Proetsch schafft dabei den heiklen Twist zwischen einer dünkelhaften und zugleich standesbewussten Baronin zur groben Ziehmutter von Pavel, die alles andere als einen noblen Charakter hat.

Veronika Petrovic beeindruckt mit David Czifer als Geschwisterpaar. Vor allem jene Szenen, in welchen sie sich gegenseitig Schutz und Halt geben, sind überaus berührend. David Czifer reift von einem verschreckten, aber trotzigen Jugendlichen zu einem überlegten Mann, dem das finanzielle Glück aufgrund harter Arbeit zur Seite steht.

Abraham Thill gibt den Lehrer, der sich redlich müht, Pavel auf einen rechten Weg zu führen und ihm eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Allerdings schätzt er die Situation der Ziehfamilie des Jungen völlig falsch ein. Dass er noch dazu von seiner eigenen Lebenslüge davonläuft und ein neues Leben in einer neuen Stadt beginnen möchte, beraubt Pavel auch seiner einzigen Bezugsperson, mit der er reden kann.

Das Bühnenbild besteht aus nicht viel mehr als einem großen Tisch mit weißem Tischtuch, unter dem Pavel immer wieder Zuflucht findet. Das Kloster wird in Form eines beleuchteten Fensters hoch über der Bühne angedeutet. Der rasche Szenenwechsel und auch der häufige Kostümwechsel des Ensembles, gehen mit eine hohen Erzähltempo einher.

Paul Graf in der Rolle des Bürgermeistersohnes gibt einen selbstgefälligen, jungen Mann, dem letztlich sein Stolz und seine Habgier im Wege stehen. Obwohl sich die Inszenierung nicht bemüht, zeitgeistig zu erscheinen, ist es gerade das Eingangszitat, das noch einmal am Schluss eingespielt wird, welches die Aktualität der Ungleichheit von Reich und Arm, von Ausgegrenzten und Establishment deutlich macht.

Neben dem fulminanten spielerischen Einsatz, der aufzeigt, was am Theater alles mit einem tollen Ensemble möglich ist, ist es vor allem die bewegende Geschichte, die zwischen Komik und Tragik kaum zu überbieten ist, die fesselt. Ein Theaterabend wie aus einem Bilderbuch.

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Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. https://www.european-cultural-news.com/das-potential-das-theater-hat-ist-gigantisch/34913/ Thu, 14 Nov 2019 10:19:16 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34913 Constance Cauers blickt auf die letzten 4 Jahre Junges Volkstheater zurück. Theater für und mit den Menschen ist ein Erfolgsrezept an diesem Haus.

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Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

Michaela Preiner

Die Kunst der Nachbarschaft (2018) [Foto: (c) Reinhard Nadrchal/Volkstheater]
Ein Gespräch mit Constance Cauers über das „Junge Volkstheater“
Dass nichts im Leben so bleibt, wie es einmal war, trifft auch auf das Theater zu. Gerade in diesem Bereich jedoch gibt es große Unterschiede in der Erwartungshaltung des Publikums.
Anna Badora hat immerhin das Wagnis gestartet, das Volkstheater von seiner Ausrichtung her umzukrempeln. Dazu gehörte auch massiv die Einbindung der Wiener Bevölkerung. Nicht nur von den Themen der Spielpläne her, die den Zeitgeist widerspiegeln und – spiegelten, sondern eben auch der Intention, das Theater als Erlebnisort zu öffnen. Ein wichtiger Baustein dazu ist „Das Junge Volkstheater“.
Ausblick-nach-oben [Foto: (c) Robert-Polster/Volkstheater] (2015)
„Das Volkstheater soll ein Ort sein, an dem ich sein kann wie ich bin und offen meine Meinung sagen kann.“ Das war der letzte Satz eines Interviews mit Constance Cauers, der Leiterin des „Jungen Volkstheaters“ vor 3 Jahren. Nun haben wir noch einmal nachgefragt und wollten wissen, ob das, was sich Cauers zu Beginn ihrer Arbeit vorgenommen hatte, auch tatsächlich eingetreten ist.

Gleich vorweg: Die Hoffnung, dass die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die in Wien wohnen, rege anhält, hat sich mehr als erfüllt. Über 8000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren seit Bestehen des „Jungen Volkstheaters“ mit diesem Format erreicht. Wäre das Volkstheater ein klassisches Unternehmen, würde diese Zahl von „Kunden mit engem Unternehmensbezug“ als beachtlich gelten und eine bestens gepflegte Kundendatenbank darstellen. Mit 50 Institutionen wurde regelmäßig zusammengearbeitet und mit der Volkshilfe Österreich, der Bäckerei Felzl, sowie Amnesty Inernational gab es große Kooperationen.

„Von diesen mehr als 8000 Personen, die bei uns mitarbeiteten, durchlaufen wiederum jährlich 1500 Personen regelmäßig die Programme des Jungen Volkstheaters. Sie sind sozusagen das erweiterte Ensemble des Volkstheaters. Hier steht buchstäblich die Bevölkerung Wiens auf der Bühne“, so Cauers.

All jene, die regelmäßig kommen, ob Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Studierende, Asylwerbende oder Seniorinnen und Senioren, zeichnet eines aus: Sie identifizieren sich zutiefst mit dem Haus und fühlen sich mit ihm extrem verbunden.

Constance Cauers [Foto (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
 Im vergangenen Jahr erhielt das Volkstheater einen Zuschuss seitens der Stadt, um ein „Stadtlabor“ zu gründen. Es ist eines von 12 Pilotprojekten der Stadt Wien mit dem Ziel, Kultur zu dezentralisieren, Hochkultur in die Bezirke zu bringen und mithilfe von Exzellenz im Sinne von Profi-KünstlerInnen Potentiale in den Bezirken aufzugreifen. Über den Erfolg dieser Arbeit erzählt die Theaterfrau enthusiastisch und gibt gleichzeitig einen tiefen Einblick über die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit:

„In jedem Projekt, das ich gemacht habe, kamen wir an den Punkt, dass wir nicht nur über das Kunstergebnis, das wir gemacht haben, uns über gesellschaftliche Veränderungen austauschten und da auch ziemlich aneinandergeraten sind. Beim ersten Projekt „Ausblick nach oben“ habe ich mich mit einem 15-Jährigen ziemlich gestritten, der sagte: „Wer arbeiten will, bekommt auch eine.“ Ich habe die Meinung vertreten, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt. Bei „Die Summe der einzelnen Teile“ war es so, dass wir viel gestritten haben über Individualisierung und die Kraft der Vielen, bei „Silver Surfer“ hat sich zu einem relativ späten Zeitpunkt einer aus der Gruppe geoutet als jemand, der ausländerfeindlich ist. Meine erste Reaktion war: „Mit dem kann ich nicht mehr zusammenarbeiten.“ Dann hat es viele Gespräche gegeben, in denen wir versucht haben, den Konflikt mit ins Stück zu integrieren – es war ja eine Stückentwicklung. Wir haben damals schon gesagt, dass wir mehr von diesen Räumen brauchen, in denen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen auseinandersetzen können. Wo treffe ich, die ich in meiner Blase bin, in der es viele Linke gibt, jemanden der eine andere Gesinnung hat? Wenn ja, dann bin ich jemand, der eher nicht ins Gespräch geht.

Dann verfolgten wir die Idee des „Raunens“. Wir gingen davon aus, dass so viel geraunt wird, aber wir nie zusammenkommen, um zu sagen, hier ist der Raum, in dem wir uns über Kunst darüber unterhalten können. Deswegen haben wir unser Stadtlabor „Raunen“ genannt. Wir wollten dazu einladen, dass sich Menschen mit einem Thema auseinandersetzen, von dem sie glauben, sich überhaupt nicht identifizieren zu können. Jemand, der in einer 30-jährigen Beziehung ist, kann sich z.B. einmal das Konzept der Poly-Armorie anschauen, oder jemand, der sagt: „Für mich ist Sicherheit das Wichtigste auf der Welt“, kommt zusammen mit Leuten, die ihren Besitz verkauft haben und um die Welt gereist sind. Jung mit Alt, Alteingesessene mit Neuzugezogenen usw. Am ersten Eröffnungswochende des Stadtlabors sind Alt und Jung aufeinander getroffen. Das Wunderbare dabei war das Feedback vor allem der älteren Damen, die gesagt haben, dass sie lang nicht mehr so glücklich gewesen waren. In diesem Raum wurde nicht diskutiert, sondern wir haben uns auf die Gemeinsamkeit konzentriert. Eine Frau war 60, die daneben 24 – und die hatten die Gemeinsamkeit: „Wir wollen tanzen.“ Das hat sie nicht nur total glücklich gemacht, sondern auch Potentiale freigesetzt, die vorher gar nicht da waren. Sie waren sehr angstbesetzt als sie kamen im Sinne von: „Oh Gott, tanzen! Da werden jetzt die jungen Mädels ganz wunderbar ihren Po schwingen und ich trau mich das nicht.“ Zum Schluss haben ältere Ladies auf dem Stuhl getanzt. Das Feedback hat mir gezeigt, was man mit solchen Räumen eigentlich in Gang setzen kann. Räume, in denen man Erfahrungen gemeinsam machen kann.

Constance Cauers – Leiterin des Jungen Volkstheaters [ Foto: www.lupispuma.com/ Volkstheater]
Randale und Liebe [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]

Beim „Labor der Entscheidungen“, das wir gemeinsam mit WienXtra gemacht haben, haben wir das Turbotheater aus Kärnten eingeladen, ein Format zu entwickeln, das wie ein Entscheidungslabor funktioniert hat. Dort sollten Räume geöffnet werden, in welchen wir überprüfen: Was ist eine Entscheidung? Wie oft und wie viele Entscheidungen muss ich überhaupt treffen? Wie wichtig sind die Entscheidungen, die ich treffe? Wo kann ich überall mitentscheiden? Wenn ich frei entscheiden könnte, was wäre meine Entscheidung und welche Konsequenzen ziehen diese Entscheidungen nach sich? Das Labor war der reine Wahnsinn. Wir haben festgestellt, wie genial das ist, wenn wir Jugendlichen einen Raum geben, um mitzumachen, oder auch nicht, unabhängig vom schulischen Bereich, in dem sie ständig zu irgendwas gezwungen werden.

Dann passierte Folgendes: Im Rahmen eines Prozesses wurde die Frage aufgeworfen, dürfen Homosexuelle in meiner Stadt leben? 80% der Kinder haben sich auf das Feld „nein“ gestellt. Mein Mitarbeiter, der homosexuell ist, ist aufgestanden und hat die Stimme erhoben und fing an zu weinen, weil er so ergriffen war. Er hat gesagt: „Leute, ich bin schwul. Wenn ich jetzt bei euch in der Klasse wäre, würde ich nicht mehr in die Schule kommen. Überlegt euch jetzt mal, was ihr da gerade gesagt habt.“ Ich glaube, dieser Moment, der vielleicht durch Jux und Tollerei hervorgerufen wurde, also in der diese eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde, hatte eine unmittelbare Auswirkung. Das ging dann noch weiter – die LehrerInnen in den Schulen, die sehr betroffen waren, haben da noch weiter mit den Jugendlichen darüber geredet und auch der Mitarbeiter ist noch einmal direkt in die Schule, in die Klasse gegangen. Dort hat er in einem zweistündigen Gespräch viele Fragen der Kinder zu seiner Biographie beantwortet, mit dem Ergebnis, dass sich am Ende alle, die sich gegen Homosexuelle ausgesprochen hatten, umentschieden.

Die Aussage der Lehrenden, dass die Kinder nicht gut Deutsch könnten, lasse ich nicht gelten. Ich glaube schon, dass das was mit der Kultur zu tun hat, aber die Tatsache, dass sowas aufgebrochen ist, passiert ist und die Verknüpfung vom Raunen ums Schwulsein hergestellt wurde und dann jemanden zu haben, der es wirklich ist – diese Verknüpfung ist so das erste Mal passiert und da ploppte für mich eine Blase auf und der Gedanke: Theater ist ja das letzte Refugium, in dem diese Dinge der Gesellschaft verhandelt werden können, und Menschen spielerisch Erfahrungshorizonte erhalten können. Dieses Potential ist eigentlich unfassbar. Theater kann ein Ort sein, in dem wir Begegnungen initiieren können, die sonst nicht stattfinden würden und anhand derer wir gemeinsam wachsen können.

 Im Prinzip geht es dabei aber immer um die Fragen: Was ist Persönlichkeit und wodurch entsteht sie? In unserer Zeit ist es so wichtig, Haltung zu zeigen. Um die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren braucht es auch die Möglichkeit zu sagen, ich stehe dafür, weil… Ich glaube, dass Räume, in welchen wir das lernen können, zunehmend verschwinden. Am selben Tag, an dem ich mit Jugendlichen in einem Labor saß, in dem die Frage gestellt wurde, was Junge und Mädchen ist und die sagten: Ist ja ganz klar, Penis Junge, Scheide Mädchen und nie was von genderfluid gehört haben, wurde in Irland die Homo-Ehe erlaubt. Das zeigt: „Auf der einen Ebene passiert was und auf der anderen stagnieren wir, ja finden Rückschritte statt. Da wurde uns bewusst, dass wir mit spielerischen Formaten im Theater Räume eröffnen, in dem sowas stattfinden kann.“

Cauers ist jemand, dem Langfristigkeit besonders am Herzen liegt.

„Für mich sind diese Arbeiten, ja alles, was ich jemals am Theater getan habe, immer langfristig angelegt. Der Bereich „Audience development“, aber auch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern – alles was man da macht, hat nur Sinn, wenn du sagst: Ich meine das ernst, ich interessiere mich für euch und nicht nur, weil ich dem Theater eine Zahl bringen muss, sondern weil mich Leben interessiert. Wenn auch nur ein Mensch merkt, dass das nicht so ist, funktioniert das nicht. Ernst nehmen bedeutet, dafür sorgen und verantwortlich sein, dass ich diese Leute nicht verarsche. Ich will nicht sagen: Da stellt euch alle auf, dann haben wir am Ende 5 Jahre Badora einen schönen Chor. Nein! Wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Ich komme nicht aus einer Bildungsbürgertumfamilie und für mich war das Theater ein Rettungsanker. Etwas, was ich gefunden hab, von dem ich gedacht hab, da ist so viel Verbindung drin zu anderen, aber auch zu mir selbst, zu Menschen, die was über Liebe, Freude, Angst, Trauer, Tod gesagt haben – und darin kann man sich ein Stück weit fallen lassen. Das ist mein Antrieb, das weiterzugeben.“

Sicherlich sind es aber auch ganz persönliche Geschichten, die Cauers deutlich machten, dass die Arbeit des Jungen Volkstheaters direkte Auswirkungen auf Menschen und deren weiteren Lebenslauf hat. Wie zum Beispiel jene des Flüchtlings Tarik. Er kam aus Syrien und war jener Junge, mit dem sie sich wegen der Arbeitswilligkeit gestritten hatte.

„Er sagte, er wollte nicht zu den Flüchtlingen gehören, die sich nicht genug angestrengt haben. Er konnte bei der ersten Zusammenarbeit nur gebrochen Deutsch, hat uns aber in den letzten 4 Jahren begleitet und hat bei fast Allem vom „Jungen Volkstheater“ mitgemacht.

  Vor Kurzem war ich in der Uni und hatte einen kleinen Einführungsvortrag für den Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Da sah ich ihn in der ersten Reihe sitzen, diesen Jungen, mit dem ich vor 4 Jahren gearbeitet habe und der mich dort anschaut und anlächelt. Jetzt studiert er Theater- Film- und Medienwissenschaften. Da musste ich heulen und war weg, zu sehen, wie viel sich in einem Leben ändern kann, weil er sich so angestrengt hat. Außerdem ist er in einen dementsprechenden Freundeskreis eingebunden. Das wäre alles nie passiert, wenn er nicht mitgemacht hätte. Unsere Inszenierungen sind und waren immer offen für alle Kulturen. Tarik ist so mitgegangen, ohne dass es thematisiert wurde.“

Raunen. Klang der Stadt – #1 (Claudia Bosse) [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
Dass es schon neue Pläne für neue Formate gibt, ist klar. Auch darin geht es um die Möglichkeit der Perspektivenveränderung. Es geht darum, sich an andere Sichtweisen anzunähern, nicht darum, sie zu akzeptieren. Zumindest aber darum, den anderen verstehen zu können.

„Wenn wir uns nicht austauschen, bleiben wir in unseren „Raunenkästen“. Die Rechten raunen über die Linken, die Alteingesessenen über die Hinzugekommenen, kommen aber nicht in den Dialog. Deshalb brauchen wir gute KünstlerInnnen, die auf provozierende Art und Weise Erfahrungen vermitteln, an denen wir uns reiben können. Das ist ja eigentlich der Ursprung von Theater. Wir schauen uns etwas an, und entweder fährt es bei uns rein oder es geht uns total gegen den Strich.“

Ich glaube, je mehr wir mögliche Räume, wie die, die wir aufgezeigt haben, verschließen und den Menschen nicht die Möglichkeit geben wahrgenommen zu werden, mit all dem was sie brauchen und sich wünschen, umso schräger wird die Situation hier. Ich lade Leute ein, um zu partizipieren. Ich sage, auch du bist Teil des Volkstheaters. Wenn du bei uns mitmachst, findest du für das, was du denkst, eine Bühne. Im Sinne von – führt euch auf, empört euch, äußert euch. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergehen wird nach dem Juni 2020.“

Im nächsten Jahr übernimmt Kay Voges die Direktion des Volkstheaters. Es ist nicht wirklich vorstellbar, dass diese Arbeit der vergangenen 4 Jahre und der restlichen verbleibenden Monate mit seiner Hausübernahme Geschichte sein soll. Dann gäbe es zumindest großen Erklärungsbedarf gegenüber all jenen, denen das Volkstheater durch die direkte partizipative Arbeit ans Herz gewachsen ist.

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Pranken wie ein Löwe und Feuer im Blut https://www.european-cultural-news.com/peter-bence-graz-konzert-kritik/34892/ Sun, 10 Nov 2019 09:13:33 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34892 Die Leidenschaft, das Feuer, das in ihm beim Spielen brennt, ist unglaublich ansteckend und dürfte auch viele motivieren, die selbst Klavier spielen oder es  erlernen, ihr eigenes Instrument neu zu erkunden. Nach eineinhalb Stunden Vollpower am Klavier dankte das Publikum zu Recht mit Standing ovations.

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Seine Videos auf Youtube wurden mittlerweile zig-millionfach angeklickt. Nach seiner ersten Amerika-Tour gastierte der Tastenbändiger Peter Bence in der Stadthalle in Graz. Gut ein Viertel seines Publikums stammte aus Ungarn, der Heimat des jungen Pianisten.

Sein Auftritt – im Dunkel und mit bassig-stampfendem Klavierrhythmus unterlegt – erzeugt eine unerwartete Spannung, die sich rasch in ein Aha-Erlebnis auflöst. „Black and white“ von Michael Jackson stellt er – vielleicht sogar programmatisch – an den Beginn seines Konzertes. Dass damit nicht nur Hautfarben gemeint sein können, liegt auf der Hand. „Die Tastatur beträgt nur 5% dieses Möbelstückes“, erklärt er kurz darauf launig und demonstriert, welche Klänge er durch Zupfen und Streichen der Saiten, durch Klopfen auf den Korpus und mit dem Deckel noch erzeugen kann. Seine Arrangements von Pop-Klassikern erinnern zeitweise an große Hollywoodmusik. Aber mit Amerika, dem Land, in dem er nach seiner Ausbildung als klassischer Pianist, Filmmusik studierte, verbindet ihn noch mehr. Einer seiner größten Inspirationsquellen ist John Williams, wie er nach seinem mitreißenden Beginn dem Publikum mit Handmikro erklärt. Danach lässt er ein Medley folgen, in dem nicht nur Star Wars aus der Feder des Filmmusikkomponisten die Halle klanglich füllt. Unglaublich fein seine Harry-Potter-Interpretation, bei der er das kleine Glockenspiel perlend zum Klingen bringt, während er zugleich das musikalische Hauptthema weiter verfolgt.

Peter Bence

Bence ist einer, der sich nicht einfach hinsetzt und seine Fans im Programmheft – das es gar nicht gibt, nachblättern lässt. Er ist ein Entertainer, der seine Show selbst moderiert, dabei aber nie dick aufträgt. Immer wieder spürt man, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt, auch wenn er mit seinem Publikum ins Zwiegespräch kommt.

Kompositorisch schafft er es, den Bogen von den Number-One-Songs so aufzubereiten, dass jede Menge klassisches Inventar darin vorkommt, sich dabei aber nicht aufdrängt. Er lässt Läufe vom Stapel, als ob es kein Morgen gäbe, spielt feine Triller genussvoll aus und hämmert seine Fortissimi, als ob er die Pranken eines Löwen besäße. Markenzeichen ist sein Armrudern, mit dem er kraftvolle Passagen beendet. Dabei prallen seine Hände vom Klavier ab, als würden sie von einem elektrischen Schlag getroffen worden sein.

Mit klassischer Attitüde hat das überhaupt nichts zu tun, vielmehr spürt man, wie elektrisiert Peter Bence von seinem Spiel und der Musik selbst ist. Einem atemberaubenden Klavierspiel, das nur durch eine klassische Ausbildung so zustande gekommen ist. Seine Eigenkompositionen umspannen eine große musikalische Bandbreite. Von Neo-Romantik „Midnight-Medley“ bis hin zu seiner „Fibonacci sequence“, die man mathematisch sicher lupenrein auseinandernehmen könnte. Dass sie auch musikalisch funktioniert, zeigte die Begeisterung des Publikums. „Meine CD wird demnächst erscheinen. Ach, das sage ich schon die ganze Zeit“. Mit dieser Aussage hatte Bence die Lacher auf seiner Seite. In einem Interview machte er aber deutlich, dass er sich für dieses Projekt die Latte sehr hoch gelegt hat und damit ringt, nur das Beste vom Besten einzuspielen.

Eine Lightshow, die jeden normalen Konzertpianisten aus dem Konzept bringen würde und die Einspielung von Loops, Percussionklängen und mehreren Stimmen, zuvor von ihm nur am Klavier aufgenommen, machen seinen Sound zum Erlebnis. Dennoch wäre es falsch, Bence als einen Pop-Künstler zu bezeichnen. Gerade die außergewöhnliche Mischung aus Pop und Klassik, die er für sich entdeckt und kultiviert hat, macht ihn so einzigartig. Dass er damit viele Menschen in Konzertsäle lockt, die sonst einen weiten Bogen darum machen würden, ist ein großes Verdienst. Die Leidenschaft, das Feuer, das in ihm beim Spielen brennt, ist unglaublich ansteckend und dürfte auch viele motivieren, die selbst Klavier spielen oder es  erlernen, ihr eigenes Instrument neu zu erkunden. Nach eineinhalb Stunden Vollpower am Klavier dankte das Publikum zu Recht mit Standing Ovations.

Dass Peter Bence ein Publikum erreicht, das Generationen übergreift, illustriert eine kleine Abschlussanekdote. „Gibt es von ihm auch Noten, das möchte ich auch gern spielen?!“, fragt ein Volksschulmädchen nach dem Konzert ihre Begleitperson, eine ältere Dame, sichtlich ihre Großmutter. „Ich glaube schon“, antwortet diese mit dem Zusatz: „Da musst aber sicher noch ein bisschen üben!“. Worauf die Antwort wie aus der Pistole geschossen kam: „Du aber auch, Oma!“

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Klavierspielen bedeutet viel mehr, als nur die Tasten zu drücken https://www.european-cultural-news.com/peter-bence-im-interview/34853/ Fri, 01 Nov 2019 21:49:01 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34853 Peter Bence füllt derzeit rund um den Globus die Konzerthallen. Wie kaum ein zweiter Pianist hat er innerhalb kurzer Zeit einen kometenhaften Aufstieg erlebt.

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Klavierspielen bedeutet viel mehr, als nur die Tasten zu drücken

Von Michaela Preiner

Peter Bence
01.
November 2019
Peter Bence füllt derzeit rund um den Globus die Konzerthallen. Wie kaum ein zweiter Pianist hat er innerhalb kurzer Zeit einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Nach der Veröffentlichung einer Interpretation von Michael Jacksons „Bad“ ging sein Video auf den Social Meda-Kanälen ab wie die Post und erreichte innerhalb kurzer Zeit Millionen Likes. Gerechnet hat der sympathische junge Pianist aus Ungarn nicht wirklich damit. Obwohl seine Karriere zumindest zum Teil geschickt geplant war. Als „schnellster Klavierspieler der Welt“ brach er 2012 den vorigen Rekord und spielte 765 Anschläge in einer Minute. Was nicht künstlerisch, sondern rein technisch angelegt war, wurde jedoch von Millionen Menschen wahrgenommen und damit war die erste Stufe auf dem Weg zur internationalen Bekanntheit erklommen.
In den letzten Jahren hat er eine ganze Anzahl von Videos online gestellt, in denen er mit den selbst arrangierten Songs zu sehen ist. Er benützt dabei immer neue Locations, mit unterschiedlichen Klavieren. Die Leidenschaft, mit der er spielt, ist zu seinem Markenzeichen geworden. Und die Verwendung einer Loop-Maschine, die er während seines Spiels zusätzlich bedient. Selten sieht man Pianisten, mit so einem intensiven Körpereinsatz und selten springt der Funke der Freude, die er beim Spielen hat, so schnell aufs Publikum über wie bei Peter Bence.

Heute trainiert er nicht mehr die Geschwindigkeit seiner Finger, um sich mit anderen für das Guinness Buch der Rekorde zu messen. Vielmehr verwöhnt er sein Publikum nicht nur mit den bekannten Hits, sondern auch mit eigenen Kompositionen. Demnächst soll eine CD mit diesen Songs erscheinen, was Bence als weiteren, wichtigen Schritt seiner Karriere ansieht.

Das folgende Gespräch führten wir im Oktober 2019, wenige Tage vor seinem Auftritt in Graz.

Peter, Sie kommen gerade aus den USA zurück, leben Sie dort noch?

Nein, ich lebte dort 3 Jahre lang, während meiner Studienzeit. Meine aktuelle Tour nach Amerika dauerte 1 Woche und ich gab dort 4 Konzerte in Boston, New York, Philadelphia und Washington. Nächstes Jahr werden es noch mehr werden.

Ihre Karriere ist sehr interessant, weil sie ja ursprünglich klassischen Klavierunterricht hatten.

Ja, das stimmt. Ich begann sehr früh, schon mit 5 Klavier, zu lernen und hörte damit auf, als ich mit der Highschool fertig war, mit 18/19. Das bedeutet, dass ich während meines Lebens bisher hauptsächlich Klassik gelernt und gespielt habe.

Gibt es Musiker in Ihrer Familie?

Ja, meine Eltern studierten Musik und spielen es als Hobby. Mein Ururgroßvater war ein Geiger und der Gründer der hiesigen Musikschule. Ein Onkel ist ein Percussion-Lehrer. Der Cousin meines Vaters ist Klavierlehrer. Musik war bei mir zuhause immer überall.

Ich höre oft, dass die Musik, die man als Kind gehört hat, einen großen Einfluss auf die spätere Karriere hatte.

Ja, das kann ich sehr unterstreichen. Auch was den Geschmack und die Bildung des Gehirns anlangt, um für Musik offen zu sein, ist es sehr wichtig, was und welche Art von Musik man in seinen frühen Jahren hört. Da sind es die Eltern, die einen mit ihrem Musikgeschmack bilden. Das hat einen großen Einfluss auf die eigene Entwicklung.

Wie kam die Wende hin zur Popmusik?

Als ich noch Teenager war, begann ich Filmmusik, vor allem jene von John Williams, zu hören. Ich war ein großer Fan von Star Wars und hörte viel Musik von dem Komponisten. Filmmusik eröffnete mit eine andere Sicht auf viele Dinge. Zu der Zeit begann ich auch Michael Jackson zu hören. Er hat so viele Menschen inspiriert und hatte so einen großen Einfluss, dass ich mir dachte: Vielleicht kann ich die großartige Grundlage der klassischen Musik nützen. Aber ich wollte ein wenig experimentieren und auch versuchen, meine eigene Stimme zu finden – als Komponist, als Performer. Ich wusste, dass es so viele klassische Pianisten gibt, die außerordentlich talentiert sind und der Wettbewerb enorm ist. Da gibt es nur ganz wenig Platz, um da herausragend zu sein, denn meistens spielt man dieselben Stücke immer und immer wieder, vielleicht noch mit einer anderen Interpretation. Ich wollte aber komplett anders sein.

Ihre Karriere scheint sehr gut geplant zu sein.

Auf der einen Seite ist sie natürlich geplant. Ich wusste schon früh, was ich tun wollte und ich hielt daran fest, es zu tun.

Was heißt in diesem Zusammenhang früh?

ich Filmkomponist werden, weil ich so inspiriert war. Deswegen begann ich auch Filmmusik zu studieren in Berkley, Boston und hatte eine Karriere in dieser Richtung im Sinn. Aber es geschah etwas, als ich 22, 23 Jahre alt war. Ich musste ich zurück nach Ungarn. Ich hatte zwar ein Stipendium, aber es war extrem teuer, in Boston zu leben. Aus dem Grund brauchte ich eine kleine Pause. Das war die Zeit, als ich begann, an einigen Videos hier zu arbeiten. Außerdem lernte ich meinen Manager kennen. Ich befand mich damals in einer Art Krise. Ich wusste nicht genau, was ich tun sollte. Es schien mir unmöglich, eine Karriere nur mit Musik zu machen, davon leben zu können. Ich hatte Berkley noch nicht beendet, deswegen arbeitete ich an diesen Videos. Nach ungefähr 2 Jahren – es war 2015, als das Arrangement von Michael Jacksons „Bad“ viral ging, ging es mit der Bekanntheit in der Öffentlichkeit richtig los.

Wie viele Follower hatten Sie damals schon?

Nicht viele, ein paar Tausend auf FB, das war es und vielleicht 1000 Subscriber auf Youtube. Der Zuwachs geschah ganz schnell, über Nacht und er vergrößerte sich exponentiell. Ich hatte 100.000 Ende November damals und jetzt haben wir 7,6 Millionen.

Hatten Sie da nicht einen „wow!“-Effekt?

Ja klar! Ich habe das nie erwartet. Natürlich habe ich die Videos gemacht, um mehr Publikum zu erreichen, aber es war wirklich ein „Wow-Faktor“. Aber man gewöhnt sich an Dinge und mein Mindset ist so, dass ich immer an das nächste Projekt denke. Woran werden wir in den nächsten Wochen und Monaten arbeiten? Und deswegen ist mein Fokus immer auf das Kommende gerichtet.

Wie viele Leute arbeiten denn an Ihren Videos mit?

Sie werden es nicht glauben! Es steht keine große Crew dahinter. Die meisten Videos haben nur wir beide produziert, Sebastian (der Manager von Peter Bence) und ich. Natürlich brauchen wir Stunden, um das Licht richtig zu positionieren und herauszufinden, wie das Video dann aussehen wird usw. Aber wir wollten die meisten Videos bewusst sehr einfach halten. Allerdings wir haben noch einige Projekte vor und experimentieren viel. Vielleicht haben Sie auch das Beatles-Cover auf dem Boot gesehen, das war aufwendiger.

Sie benutzen verschiedene Klaviere bei den Aufnahmen. Warum eigentlich?

Wir suchen immer neue Locations fürs Aufnehmen. Ich möchte nicht immer dasselbe machen, das wird schnell langweilig. Für „Thunderstruck“ haben wir diese nette, blaue Wand gefunden. Da hatte ich sofort das Gefühl, das braucht ein schönes, weißes Klavier. Dann hatten wir die Herausforderung, eines zu finden. Meistens mieten wir die Klaviere für den Dreh.

Das heißt, Sie suchen die Klaviere aus ästhetischen Gründen aus.

Ja, obwohl wir die Videos einfach halten und sie oft aus einem einzigen Take bestehen, möchten wir sie doch ansprechend gestalten.

Welche Songs suchen Sie sich für Ihre Coverversionen aus?

Das Wichtigste für mich ist, dass ich den jeweiligen Song wirklich liebe, ja richtiggehend verliebt in ihn bin. Das muss sein. Dann muss es ein Song sein, der zu transformieren ist. Das Arrangement kann eine Herausforderung sein, aber zumindest sollte der Song in die Sprache des Klaviers übersetzbar sein. Es gibt so viele Songs – zum Beispiel von Bruno Mars – von denen man sagt, ich liebe diesen Song sehr, aber es wäre unmöglich, so einen für Klavier zu adaptieren. Die Struktur der Melodie und des Rhythmus und das Arrangement selbst macht es unmöglich, so etwas auf Klavier zu spielen. Es ist normalerweise ein Prozess, bei dem ich frage: Hört sich das am Klavier gut an? Das ist mein Hauptziel. Es muss am Klavier einfach genial klingen.

Sie haben einen sehr speziellen Sound, denn es hört sich so an, als wären Sie ein ganzes Orchester.

Ich wollte mich nicht limitieren und es ist eine interessante Herausforderung als Arrangeur und Komponist für mich. Deswegen kam ich auf die Idee des „The awesome piano“ – das Album, das herauskommen wird. Was man dort hört, sind 100% Pioano-Sounds. Natürlich ist Technik dabei, weil man Sounds mixen muss, damit es richtig gut klingt. Dann benütze ich auch eine Loop-Station, um den Sound aufzubauen. Aber die Idee ist: Klavierspielen bedeutet viel mehr als nur die Tasten zu drücken und ich wollte zeigen, dass das Klavier ein total cooles Instrument ist. Das ist so etwas wie eine Mission für mich. Es sollte populärer sein und nicht langweilig. Es macht mich sehr glücklich, wenn mir Leute eine Message schreiben, dass Kinder Klavier lernen, weil sie das so cool finden.

Mit dem Klavier Percussion-Sounds zu machen oder Loops zu integrieren, haben Sie aber nicht im Studium gelernt.

Nein, überhaupt nicht, in keiner einzigen Stunde! Als ich klein war, wollte ich Schlagzeug lernen, aber ich hatte nicht die Zeit dazu. Jetzt setze ich das Percussion-Element aber auch ein.

Haben Sie schon Filmmusik geschrieben?

Nein, nur während des Studiums etwas sehr Kleines, aber ich bin ehrlich gesagt noch nicht zu mehr gekommen. Wenn sich vielleicht einmal die Gelegenheit in Zukunft ergibt, um Musik für einen Film zu machen, klar, würde ich das gerne machen. Meine Philosophie ist aber: Ich tue das, was ich liebe jeden Tag und schaue, wo es mich hinführt. Ich habe keine großen Pläne mehr, wie ich sie vielleicht noch vor 2 Jahren hatte. Ich mache einfach die Dinge, von denen ich denke, dass sie richtig sind.

Gibt es Herausforderungen oder Ziele bei bestimmten Songs, die Sie covern möchten, aber auch bestimmten Gründen noch nicht gemacht haben?

Viele Menschen möchten die „Bohemian Rhapsody“, aber ich kann das nicht. Sollte ich das tatsächlich machen, könnte ich nichts Neues hinzufügen. Sie ist ja schon perfekt. Ich würde sie mit dem Klavier nur ruinieren.

Was üben Sie denn jetzt gerade?

Meistens übe ich neue Songs und arbeite am Finish für mein eigenes Album. Es wird viele Songs von mir beinhalten und das ist für mich sehr aufregend. Ich habe noch nichts von meiner eigenen Musik veröffentlicht – na vielleicht 1 oder 2. Ich hoffe, dass ich den Wechsel schaffe und meine Follower und jene, die gerne haben, was ich mache, meine eigenen Songs auch lieben werden. Ich werde einige von diesen Songs in den Konzerten spielen. Leute, die dort hinkommen, hören diese Songs vor allen anderen.

Wie viele Songs haben die schon?

Zu viele, vielleicht 100! Aber ich werde nur 10 nehmen, die ich Wert, aufgenommen zu werden.

Fallen Ihnen die Kompositionen leicht ein?

Ja, schon. Aber normalerweise muss ich an diesen Ideen noch viel arbeiten. Einige klingen fast klassisch, einige in einer Mischung aus Klassik mit ein wenig Jazz, andere mit Loopings und Percussion.

Spielen Sie auch Jazz?

Ich studierte ein wenig Jazz. Aber das ist nicht meine Sprache. Ich halte mich da eher fern.

Spielen Sie selbst eigentlich noch Klassik?

Ja, für mich selbst schon. Ich spiele hauptsächlich Bach, um mein Gehirn frisch und fit zu halten. Ich höre auch viel Klassik und lasse mich gerne davon inspirieren.

Die Tourdaten von Peter Bence finden Sie hier:
http://peterbence.com/#concerts

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Aus der Nervenheilanstalt zur Weltherrschaft https://www.european-cultural-news.com/aus-der-nervenheilanstalt-zur-weltherrschaft/34785/ Sun, 20 Oct 2019 19:24:09 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34785 Mit "Die Physiker" erlebt man einen spritzig-witzigen Theaterabend, erhält aber auch ein ganzes Paket an zeitgeistigen Input, über deb es sich lange nachzudenken lohnt.

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Aus der Nervenheilanstalt zur Weltherrschaft

Aus der Nervenheilanstalt zur Weltherrschaft

Michaela Preiner

„Die Physiker“ (Foto: Johanna Lamprecht/Schauspielhaus Graz)
Die Nerven müssen beruhigt werden, selbst auf die Gefahr hin, die Lungen mit Nikotin zu verpesten. Was der Seele guttut, muss nicht zwangsläufig auch dem Körper guttun. Das demonstrieren in trauter Dreieinigkeit Dr. Mathilde von Zahnd und ihre beiden besten Pflegerinnen während einer durchchoreografierten Rauchpause im rundum verglasten Raucherkammerl des Sanatoriums „Les Cerisiers“.
„Die Physiker“ (Fotos: Johanna Lamprecht/Schauspielhaus Graz)
Grund genug, ihr Nervenkostüm zu beruhigen haben sie ja, nach den beiden Morden, die zwei Insassen an Schwestern begangen haben. Das eindrucksvolle Bild der umnebelten und suchtbesessenen Frauen stammt von Claudia Bossard. In ihrer Regie von „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt am Schauspielhaus in Graz gibt es neben jeder Menge gröberem Klamauk auch eine ganze Menge neu eingefügten Text. Das Ensemble spielt offenkundig mit viel Freude und erzeugt dabei eine positive Komödienstimmung, die rasch ins Publikum schwappt.

Dass sich das „Team“ um die Sanatoriumsbesitzerin Dr. Zahnd ausschließlich in türkisem Ärztehabit zeigt, mag nur auf den ersten Blick unverdächtig erscheinen. (Kostüme und Bühne Frank Holldack, Elisabeth Weiß). Spätestens als das Ende naht und die verrückte Ärztin von ihrem Imperium und jenen blauen Pferden, welche um das Sanatorium herum aufgestellt sind, schwadroniert, fällt der Groschen. Türkis ist in Österreich seit einigen Jahren politisch determiniert und die Querverbindung zwischen einer Nervenheilanstalt, in der die Absurdität fröhliche Urstände feiert, und jener Partei, die erneut im Begriff ist, den Kanzler in diesem Land zu stellen, darf in einer funktionierenden Demokratie am Theater zum Glück hergestellt werden.

Es ist aber nicht der einzige Twist, den die Regisseurin der ohnehin tiefschwarzen und tiefsinnigen Komödie des Schweizer Schriftstellers, verpasst. Dürrenmatts Foto und eines des Kultur- und Kunstwissenschaftlers Aby Warburg blicken von der Wand auf das Publikum herab, so als ob die beiden Antipoden das tolle Treiben auf der Bühne unter ihren wachsamen Augen nicht aus dem Ruder laufen lassen wollten. Und tatsächlich erweitert Bossard die Geschichte von den drei Physikern Sir Isaac Newton, Albert Einstein und Johann Wilhelm Möbius, die aus unterschiedlichen Motiven in einer Nervenheilanstalt gelandet sind, um eine ganz spezielle Erzählung von Warburg.

„Die Physiker“ (Foto: Johanna Lamprecht/Schauspielhaus Graz)
Bei einem Amerika-Besuch lernte er die Hopi-Indianer kennen und beschrieb danach ein bestimmtes Ritual, das sie Schlangentanz nannten. Bei dramaturgischen Tiefschürfungsarbeiten dürfte wohl die Idee zur Verzahnung der Geschichte von Aby Warburg und jener von Dürrenmatt gekommen sein. Denn das indigene Volk lebte in jener Gegend, in welcher der Bau der Atombombe in Amerika vorangetrieben wurde. Im überraschenden Finish taucht jene Nebenfigur noch einmal auf, die als Polizeibeamter zuvor nur die Aufgabe hatte, jede Aussage minutiös mitzuschreiben. Er stellt in einer rhetorischen Raserei den Bezug zwischen der Untergangsprophezeiung der Hopi-Indianer und dem schamlosen Umgang mit der gefährlichen Technik her, die das Ende der Menschheit einleiten kann. Gerade jener Technik, deretwegen sich Möbius als geisteskrank ausgibt, nur um nicht in Freiheit seine todbringenden Entdeckungen preisgeben zu müssen.

Bis es aber so weit kommt, zeigt sich die Drehbühne des Schauspielhauses in Graz von vielen verschiedenen Seiten. Einmal zum Publikum hin geschlossen, wie eine Trutzburg aus der man weder hinein noch hinaus kann. Dann wieder von innen – mit bereits beschriebenem Raucherkabinett und einer live agierenden Band. Die durchgehende Besetzung der männlichen Rollen mit Frauen und umgekehrt rechtfertigt Bossard mit dem Aufbrechenwollen von sozial determinierten Rollen. Unbedingt notwendig wäre dies nicht, hat doch Dürrenmatt selbst mit der Figur von Frau Dr. Zahnd einen machtbesessenen Charakter geschaffen, der keine weiblichen Züge trägt.

Die Erzählung, die von einer Krimikomödie zu einem Politthriller mutiert, kippt in der Inszenierung in eine War-game-Szenerie mit gefährlichen Schusswechseln. Da darf dann geballert werden, was das Zeug hält, bis Vernunft einkehrt und die „Guys“ ihre Waffen wieder ablegen. Neben tempo- und gagreichen Szenen gelingt Bossard mit der Vorstellung des genialen Physikers Möbius auch ein emotionales Highlight. Begleitet zu wilden Bandklängen verausgabt sich Sarah Sophia Meyer in dieser Rolle in einem Anfall von wissenschaftlicher Raserei und schreibt dabei permanent Formeln an die Innen- und Außenwände des gläsernen Raumes. Das Getriebensein eines rastlosen Geistes wird durch die kluge Choreografie anschaulich gemacht, in welcher Möbius` Körper auch von Zuckungen heimgesucht wird und mehrfach auf dem Boden Verrenkungen macht. Eine außerordentliche Szene, die stark im Gedächtnis haften bleibt.

„Die Physiker“ (Fotos: Johanna Lamprecht/Schauspielhaus Graz)
Dürrenmatt hat sicherlich sein Sanatorium „Les Cerisiers“ – zu Deutsch „Die Kirschbäume“ in Anlehnung an Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ benannt. Tschechows Figuren nehmen in dem Stück Abschied von einem alten Gesellschaftssystem. Sie opfern den prächtigen Kirschgarten ihres alten Anwesens, um aus ihm durch parzellierten Verkauf letztlich finanziell überleben zu können. Dennoch klingt bei Tschechow nicht nur Wehmut mit, sondern auch ein positiver Ausblick in die Zukunft. In eine, in der nicht mehr nur einige wenige vom vorhandenen Wohlstand profitieren werden.

Bei Dürrenmatt hingegen wendet sich das Blatt wieder und der Ort seiner „Kirschbäume“ mutiert zum Sinnbild eines diktatorischen Weltherrschaftssystems, das seine brillanten Köpfe ausbeutet und wegsperrt. Die globale Wirtschaftsmacht, die sich Dr. Zahnd mithilfe von gestohlenem Know-how aufgebaut hat, zieht wiederum eine Kapitalkonzentration nach sich, der man zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigentlich entkommen wollte.

Sind „Die Physiker“ an und für sich schon ein Stück mit mehreren Ebenen, wird es in der Bossard-Version mit noch weiteren ausgestattet. Mit ihm erlebt man einen spritzig-witzigen Theaterabend, erhält aber auch ein ganzes Paket an zeitgeistigen Input, über deb es sich lange nachzudenken lohnt.

Zu Recht viel Applaus am Premierenabend für:
Andri Schenardi, Matthias Ohner, Frieder Langenberger, Julia Franz Richter,
Tamara Semzov, Sarah Sophia Meyer, Alice Peterhans, Anna Troper-Lener, Paul Öllinger,
Oliver Chomik, Beatrix Doderer, Susanne Konstanze Weber

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Der Fluch der Götter setzt sich fort https://www.european-cultural-news.com/thyestes-brueder-kapital/34740/ Tue, 08 Oct 2019 10:51:04 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34740 „Thyestes Brüder! Kapital.“ ist ein Stück auf der Höhe der aktuellen, internationalen Theateravantgarde mit einer archaischen Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Sehenswert.

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Der Fluch der Götter setzt sich fort

Der Fluch der Götter setzt sich fort

Michaela Preiner

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Eva Würdinger)
Was haben die Mythen der alten Griechen mit uns zu tun? Können Jahrtausende alte Geschichten uns heute noch berühren, in uns ein Echo auslösen? Ist die Verschränkung des Schicksals von Tantalus und seiner Sippe mit den Ideen von Karl Marx sinnvoll?
All diese Fragen sind eindeutig mit „ja“ zu beantworten – hinterlegt man ihnen die neue Produktion von Claudia Bosse „Thyestes Brüder! Kapital.“ und ihrem Theatercombinat. Nach der Uraufführung in Düsseldorf wird diese jetzt in Wien – in einer für Bosse typischen Location – gezeigt. Im „Kasino am Kempelenpark“, der ehemaligen Kantine der Firma Siemens, wird ihr begehbares Theaterstück nicht nur als tragische Familiengeschichte erlebbar.
„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Elsa Okazaki)
Die Theatermacherin schafft in einer der letzten Szenen auch den Transfer ins Heute – und verpasst mit dem allerletzten Satz dem Publikum noch einen gedanklichen Keulenschlag. Da atmet von der Dramaturgie her nicht nur die Antike aus sich heraus, sondern das hat auch die Dimension eines der großen Stücke von Thomas Bernhardt.

Fünf Personen, die sich zu Beginn unter die Zusehenden mischen, ziehen sich ganz unerwartet aus, bis sie nackt und bloß ihre vorgeschriebenen Positionen im Raum einnehmen. Da stehen sie nun wehrlos, den Blicken des Publikums ausgeliefert und brüllen, aus ihrem tiefsten Inneren kommend, sich zu rhythmischen Percussion-Klängen und diffusen, unberechenbaren elektronischen Geräuschen ( Sound Günther Auer) ab und zu Schmerzensschreie aus dem Leib. Langsam verlassen sie nach und nach ihre Positionen, um sich zu kleinen Gruppen zusammenzufinden und für Augenblicke regungslos zu verharren.

Dabei erinnern sie an jene griechischen Skulpturenanordnungen, die größtenteils nur in Fragmenten oder römischen Nachbildungen erhalten sind, wie zum Beispiel die berühmte Laokoongruppe. Dennoch sind es im Stück von Bosse keine nachgestellten, emblematischen Bilder, die zu sehen sind. Vielmehr solche, die sich aus dem Stückkontext ergeben und sich erst im Nachhinein erschließen. Hätte man im Anschluss an die Vorstellung die Kombinationen der einzelnen Figuren noch im Gedächtnis, sei hinzugefügt. Zumindest aber kann man sich daran erinnern, dass die Kernaussage emotional nachvollziehbare Schmerzenszustände vermittelte. Und etwas Anderes wäre auch nicht passend. Denn die Tragik von Tantalos, der zur Strafe, dass er den Göttern Nektar und Ambrosia stahl, lebenslange Qualen erleiden musste und seine Nachkommen verflucht wurden, lässt sich auch nicht anders darstellen.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Claudia Bosse)
Gleich griechischen Skulpturen, die in der Überlieferung zwar das weiße Inkarnat des Marmors zeigen, ursprünglich aber bunt bemalt waren, erhalten auch Bosses Figuren nach und nach Farbe. So bekommt Rotraud Kern als Furie, die über Tantalos ihren wortgewaltigen und blutrünstigen Fluch ausspricht, einen schwefelgelben Anstrich. Mun Wai Lee als machtbesessener Familienschlächter und Kurzzeitimperator Artreus beschmiert sich mit dunkelviolettem Inkarnat, dem Kolorit von Herrschern. Alexandra Sommerfeld, die als Bote die blutige Nachkommensauslöschung zu erzählen hat, wird dementsprechend eingefärbt und auch Nic Lloyd, der als Thyestes unwissend seine eigenen Kinder verspeist, trieft es schließlich blutrot aus dem Mund. Lilly Prohaskas Haut und Haar wird weiß bestrichen und vermittelt so den Anschein von steinerner, ewiger Last über die Jahrtausende hinweg. Sie spielt jenen Tantalos, der durch seine anmaßende, frevelnde Tat Unglück über seine Sippe brachte. Und wie Claudia Bosse die Geschichte weiterlaufen lässt – hallt sein Fluch bis in unsere Zeit nach.

Die von Seneca erzählte Tragödie, die ursprünglich von Euripides stammt, erhält in der Übersetzung von Durs Grünbein so manch zeitgenössisches Sprachbild. Vom Ensemble wird es extrem verständlich deklamiert. Zuweilen in Monologen, dann auch wieder gemeinsam im Chor, dem sich gegen Stückende auch ein weiterer hinzugesellt. In einer Koproduktion mit dem jungen Volkstheater verstärken junge Menschen das Geschehen auf der Bühne gerade in jenem Moment, in dem erzählt wird, dass selbst die Sterne nach den grausigen Taten aus dem Himmel fielen und die Nacht kein Ende mehr nehmen wollte.

Juri Zanger klettert währenddessen auf eine Leiter, um von dort aus dem „Kapital“ von Marx vorzutragen. Dabei verweist er immer wieder auf die Dualität von Produktion und Konsumption, mit Gesten so unterstützt, dass man die beiden Begriffe als Auferstehung des sich hassenden Brüderpaares Thyestes und Artreus verstehen könnte. Das eindringliche Bild von Thyestes, der blutrotes Fleisch in sich hineinschlingt und dabei eine rote Flüssigkeit trinkt, währenddessen sein Bruder große, frische Rinderherzen präpariert, verschränkt diese Idee optisch und erzeugt Grauen. Grauen vor der Menschenverachtung des Artreus genauso wie Grauen vor jenem Kapitalismus, der – so hat es den Eindruck – gerade in unserer Zeit seine eigenen Kinder verschlingt. Hier ist das Szenario der Zerstörung unserer Erde nicht weit hergeholt. Ausgebeutet wird bis zu einem Ausmaß, das jegliche Reversibilität übersteigt und den Planet Erde an den Rand der Unbewohnbarkeit treibt.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Fotos: Eva Würdinger)
Es ist nicht nur Bosses intelligenter Faden, den sie von der Antike ins 21. Jahrhundert weiterspinnt, der diese Produktion so spannend macht. Es ist auch die herausragende, schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, die so unglaublich unter die Haut geht. Die Schutzlosigkeit, der die Männer und Frauen nackt ausgeliefert sind, der schwierige Text, den sie so nachvollziehbar sprechen, dass man sich fühlt, als wäre man Zeuge eines aktuellen Geschehens – die so unbeschreiblich grausame Geschichte, all das vermengt sich zu einem Theateramalgam der seltenen Art. Der Hass und der Machthunger, die Verschlagenheit und der Blutrausch, über die erzählt werden, aber auch das unbeschreibliche Leid, das dadurch ausgelöst wird, berührt sehr.

Jene Stelle, in welcher Thyestes von seinem verbannten Bruder unerwartet, aber mit Hinterlist dazu aufgefordert wird, Frieden zu schließen, bleibt wohl lange im Gedächtnis. Benutzen die beiden Männer doch jeweils den geöffneten Mund des anderen als Verstärker der eigenen Sätze. So nah, so verschlingend, so besitzergreifend ist ihr Sprechen dabei, dass es einem selbst die Kehle zuschnürt.

In seinen letzten Sätzen weist der Kindsmörder Artreus seinen Bruder, der nicht verstehen kann, warum seine Söhne von ihm getötet wurden, darauf hin, dass Thyestes selbst zu feig zu so einer Tat gewesen ist. „Du wolltest meine Kinder, warst aber nicht sicher. Was, wenn es die eigene Brut trifft?“ Die Aussage kommt wie ein Hammerschlag und verbindet Thyestes Schicksal mit unseren im highspeed Zeitraffertempo.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ ist ein Stück auf der Höhe der aktuellen, internationalen Theateravantgarde mit einer archaischen Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Sehenswert.

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Tanzend in den Abgrund https://www.european-cultural-news.com/schauspielhaus-graz-abgrund-vernon-subutex/34644/ Sun, 06 Oct 2019 13:08:42 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34644 Der scheinbar unstillbare Drang nach noch mehr Überwachung, sei es von Internetgiganten oder politischen Parteien selbst, lässt ein Szenario wie jenes von „Vernon Subutex“ letztlich aber nicht gänzlich illusorisch erscheinen. Leider. Ein sehenswerter und nachdenkenswerter Theaterabend.

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Das Publikum macht sich bereit für einen langen Theaterabend. Fünf Stunden inklusive Pause steht im Programmheft. Dass fünf Stunden dermaßen schnell vergehen können, ist ein Theatererlebnis der neuen Art.

„Vernon Subutex“ ist der Titel jenes Stückes, das derzeit am Schauspielhaus in Graz die Geister scheidet. Nach einer Romanvorlage der Französin Virginie Despentes, die für das Theater adaptiert wurde, heißt es schon zur Halbzeit: Entweder es gefällt, oder das Theater wird in der Pause kurzerhand verlassen. Alle, die dies tun, fallen um einige eindrucksvolle Bilder um. Und um einen dystopischen Schluss, der mit einem humorigen Epilog doch noch erträglich wird.

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Die Geschichte, mit Nebenverästelungen, erzählt vom Leben Vernons Subutex, gespielt von Norbert Wally, der dazu kräftig seine E-Gitarre bedient und rockige Melodien singt. (Komposition Benedikt Brachtel) Subutex wird als Drogensubstitut für Heroin eingesetzt und tatsächlich spielen Drogen eine zentrale Rolle in dem Stück. Vernon war einmal Besitzer eines Plattenladens und wurde vom Popstar Alex Bleach (Clemens Maria Riegler) über viele Jahre mit Geld versorgt. Davon konnte er seine Miete bezahlen. Als Alex stirbt – auf der Bühne bildlich dargestellt in Anlehnung an „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David, sitzt Vernon bald auf der Straße und wird zum Obdachlosen im Einmann-Zelt. Die Marat-Metapher stimmt insofern, als die Musik von Alex später als subversiv verboten gilt, er aber Kassetten hinterlassen hat, die sein Vermächtnis tragen. Marat – später als Revolutionsmärtyrer gefeiert – veröffentlichte inmitten der Revolutionsphase widerständige Aufrufe bis hin zum Sturz des Königs.

Alex lebte in einer Hassliebe mit einer jungen Frau zusammen, der er jede Menge Stoff besorgte. Diese arbeitete als Pornodarstellerin für einen verkommenen, aber reichen Filmproduzenten mit mafiösem Umfeld, der sie drogenabhängig machte. Die Erziehung ihrer kleinen Tochter überließ die Schauspielerin ihrem Mann, einem Universitätsangestellten mit arabischen Wurzeln. Kurz darauf verstarb die „Porneuse“ – wie sie sich selbst bezeichnete, eines gewaltsamen Todes durch Schergen ihres Produzenten, dem sie mit Enthüllungen einer Pornoringes mit Politikern drohte. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als ihre Tochter nach vielen Jahren vom wahren Leben ihrer Mutter erfährt und ihren Tod rächen will. Zum Entsetzen ihres Vaters ist sie ausübende Muslimin. Katrija Lehmann changiert zwischen aufmüpfiger Jugendlicher und gläubiger Jung-Muslimin, die sogar bereit ist, sich einem patriarchalischen Diktat zu unterwerfen, was ihren Vater (Franz Solar) zur Verzweiflung treibt.

Neben den genannten werden noch viele andere Charaktere vorgestellt und in die Handlung verwoben. Einen höchst eindrücklichen, furios angelegten Monolog hält Florian Köhler als Börsenmakler Kiko. Getrieben von seiner Geldgier und aufputschenden Drogen kommt es zu darin auch zu einer veritablen Publikumsbeschimpfung. In seiner Wutansprache macht er klar, dass das Börsengeschehen der wahre Motivator des Turbokapitalismus ist, dem alles andere untergeordnet ist. Köhler trägt seinen Text mit derartiger Verve vor, dass er – trotz Hilferuf nach der Souffleuse – zu Recht mit Zwischenapplaus bedacht wurde.

Ebenso aufwühlend und herausragend gespielt ist jene Szene, in der sich eine junge Obdachlose (Julia Gräfner) und ein rassistischer Arbeiter (Fredrik Jan Hofmann) bis aufs Blut befetzen – um letztlich gemeinsam, im Verstehen des Verlustes, über den Tod ihrer geliebten Hunde zu weinen.

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Die Regie von Alexander Eisenach stellt der Geschichte einen Prolog voran, den Despentes ans Ende ihrer Romantrilogie gesetzt hat. Darin erklärt ein gealtertes Paar aus der Zukunft in Marsbewohnerverkleidung, was es mit der Subutex-Bewegung auf sich hat. Beatrice Frey und Rudi Widerhofer haben nicht nur hier, sondern in ihren zweiten Rollen als Pennerpaar die Sympathien auf ihrer Seite. Die Subutex-Gruppe muss sich versteckt halten, um nicht umgebracht zu werden. In einer Welt, in der alle und alles kontrolliert und beschränkt wird und dem Turbokapitalismus untergeordnet ist, hält sie an einem Lebensstil ohne Zwang und Konsum fest und feiert und tanzt im Wissen, eine verfolgte Randgruppe zu sein.

Dank einer grandiosen Bodenchoreografie von Alex Deutinger und Marta Navaridas – bei der alle Subutex-Mitglieder in Unterwäsche am glitschigen Boden rutschen und von einer Kamera dabei gefilmt und auf eine Leinwand projiziert werden, lässt Eisenach jenes ausgelassene Lebensgefühl nachvollziehbar machen, das der kapitalistischen Obrigkeit ein Dorn im Auge ist. Daniel Wollenzin setzt in seinem Bühnenbild am Ende noch die spannende und opulente Idee eines dreiteiligen, bunten Kathedralenfensters um. In diesem flimmern auf kleinteiligen Bildschirmen Videos von Subutex-Anhängern. Vernon selbst wird letztlich in der Pose des gekreuzigten Christus – inklusive Kreuzabnahme – vorgeführt und verweist damit auch ohne weitere Aufklärung das gewaltsame Ende der Gruppe.

Die komplexe Handlung mit ihren vielen Nebensträngen wird in der Inszenierung nach einem eher langatmigen Einstieg kurzweilig präsentiert. Um jedoch die Metabotschaft zu verstehen, muss man imstande sein, auch feine Untertöne wahrzunehmen und jene Metaphern zu erkennen, die trotz allem Trubel und trotz aller vermeintlicher Hippie-Glückseligkeit das Drama unseres aktuellen Zeitgeschehens in sich tragen. Der Blick in eine zukünftige Welt, in der Andersdenkende und Anderslebende geächtet werden und in welcher Musik verboten ist, scheint leider nur auf den ersten Blick übertrieben. Der scheinbar unstillbare Drang nach noch mehr Überwachung, sei es von Internetgiganten oder politischen Parteien selbst, lässt ein Szenario wie jenes von „Vernon Subutex“ letztlich aber nicht gänzlich illusorisch erscheinen. Leider. Ein sehenswerter und nachdenkenswerter Theaterabend.

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