European Cultural News https://www.european-cultural-news.com Online Kultur Magazin aus Wien Tue, 08 Oct 2019 19:07:31 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.2.4 https://i0.wp.com/www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2014/03/cropped-logo_quadrat-e1396083958364-1.jpeg?fit=32%2C32&ssl=1 European Cultural News https://www.european-cultural-news.com 32 32 Der Fluch der Götter setzt sich fort https://www.european-cultural-news.com/thyestes-brueder-kapital/34740/ Tue, 08 Oct 2019 10:51:04 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34740 „Thyestes Brüder! Kapital.“ ist ein Stück auf der Höhe der aktuellen, internationalen Theateravantgarde mit einer archaischen Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Sehenswert.

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Michaela Preiner

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Eva Würdinger)
Was haben die Mythen der alten Griechen mit uns zu tun? Können Jahrtausende alte Geschichten uns heute noch berühren, in uns ein Echo auslösen? Ist die Verschränkung des Schicksals von Tantalus und seiner Sippe mit den Ideen von Karl Marx sinnvoll?
All diese Fragen sind eindeutig mit „ja“ zu beantworten – hinterlegt man ihnen die neue Produktion von Claudia Bosse „Thyestes Brüder! Kapital.“ und ihrem Theatercombinat. Nach der Uraufführung in Düsseldorf wird diese jetzt in Wien – in einer für Bosse typischen Location – gezeigt. Im „Kasino am Kempelenpark“, der ehemaligen Kantine der Firma Siemens, wird ihr begehbares Theaterstück nicht nur als tragische Familiengeschichte erlebbar.
„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Elsa Okazaki)
Die Theatermacherin schafft in einer der letzten Szenen auch den Transfer ins Heute – und verpasst mit dem allerletzten Satz dem Publikum noch einen gedanklichen Keulenschlag. Da atmet von der Dramaturgie her nicht nur die Antike aus sich heraus, sondern das hat auch die Dimension eines der großen Stücke von Thomas Bernhardt.

Fünf Personen, die sich zu Beginn unter die Zusehenden mischen, ziehen sich ganz unerwartet aus, bis sie nackt und bloß ihre vorgeschriebenen Positionen im Raum einnehmen. Da stehen sie nun wehrlos, den Blicken des Publikums ausgeliefert und brüllen, aus ihrem tiefsten Inneren kommend, sich zu rhythmischen Percussion-Klängen und diffusen, unberechenbaren elektronischen Geräuschen ( Sound Günther Auer) ab und zu Schmerzensschreie aus dem Leib. Langsam verlassen sie nach und nach ihre Positionen, um sich zu kleinen Gruppen zusammenzufinden und für Augenblicke regungslos zu verharren.

Dabei erinnern sie an jene griechischen Skulpturenanordnungen, die größtenteils nur in Fragmenten oder römischen Nachbildungen erhalten sind, wie zum Beispiel die berühmte Laokoongruppe. Dennoch sind es im Stück von Bosse keine nachgestellten, emblematischen Bilder, die zu sehen sind. Vielmehr solche, die sich aus dem Stückkontext ergeben und sich erst im Nachhinein erschließen. Hätte man im Anschluss an die Vorstellung die Kombinationen der einzelnen Figuren noch im Gedächtnis, sei hinzugefügt. Zumindest aber kann man sich daran erinnern, dass die Kernaussage emotional nachvollziehbare Schmerzenszustände vermittelte. Und etwas Anderes wäre auch nicht passend. Denn die Tragik von Tantalos, der zur Strafe, dass er den Göttern Nektar und Ambrosia stahl, lebenslange Qualen erleiden musste und seine Nachkommen verflucht wurden, lässt sich auch nicht anders darstellen.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Foto: Claudia Bosse)
Gleich griechischen Skulpturen, die in der Überlieferung zwar das weiße Inkarnat des Marmors zeigen, ursprünglich aber bunt bemalt waren, erhalten auch Bosses Figuren nach und nach Farbe. So bekommt Rotraud Kern als Furie, die über Tantalos ihren wortgewaltigen und blutrünstigen Fluch ausspricht, einen schwefelgelben Anstrich. Mun Wai Lee als machtbesessener Familienschlächter und Kurzzeitimperator Artreus beschmiert sich mit dunkelviolettem Inkarnat, dem Kolorit von Herrschern. Alexandra Sommerfeld, die als Bote die blutige Nachkommensauslöschung zu erzählen hat, wird dementsprechend eingefärbt und auch Nic Lloyd, der als Thyestes unwissend seine eigenen Kinder verspeist, trieft es schließlich blutrot aus dem Mund. Lilly Prohaskas Haut und Haar wird weiß bestrichen und vermittelt so den Anschein von steinerner, ewiger Last über die Jahrtausende hinweg. Sie spielt jenen Tantalos, der durch seine anmaßende, frevelnde Tat Unglück über seine Sippe brachte. Und wie Claudia Bosse die Geschichte weiterlaufen lässt – hallt sein Fluch bis in unsere Zeit nach.

Die von Seneca erzählte Tragödie, die ursprünglich von Euripides stammt, erhält in der Übersetzung von Durs Grünbein so manch zeitgenössisches Sprachbild. Vom Ensemble wird es extrem verständlich deklamiert. Zuweilen in Monologen, dann auch wieder gemeinsam im Chor, dem sich gegen Stückende auch ein weiterer hinzugesellt. In einer Koproduktion mit dem jungen Volkstheater verstärken junge Menschen das Geschehen auf der Bühne gerade in jenem Moment, in dem erzählt wird, dass selbst die Sterne nach den grausigen Taten aus dem Himmel fielen und die Nacht kein Ende mehr nehmen wollte.

Juri Zanger klettert währenddessen auf eine Leiter, um von dort aus dem „Kapital“ von Marx vorzutragen. Dabei verweist er immer wieder auf die Dualität von Produktion und Konsumption, mit Gesten so unterstützt, dass man die beiden Begriffe als Auferstehung des sich hassenden Brüderpaares Thyestes und Artreus verstehen könnte. Das eindringliche Bild von Thyestes, der blutrotes Fleisch in sich hineinschlingt und dabei eine rote Flüssigkeit trinkt, währenddessen sein Bruder große, frische Rinderherzen präpariert, verschränkt diese Idee optisch und erzeugt Grauen. Grauen vor der Menschenverachtung des Artreus genauso wie Grauen vor jenem Kapitalismus, der – so hat es den Eindruck – gerade in unserer Zeit seine eigenen Kinder verschlingt. Hier ist das Szenario der Zerstörung unserer Erde nicht weit hergeholt. Ausgebeutet wird bis zu einem Ausmaß, das jegliche Reversibilität übersteigt und den Planet Erde an den Rand der Unbewohnbarkeit treibt.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ (Fotos: Eva Würdinger)
Es ist nicht nur Bosses intelligenter Faden, den sie von der Antike ins 21. Jahrhundert weiterspinnt, der diese Produktion so spannend macht. Es ist auch die herausragende, schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, die so unglaublich unter die Haut geht. Die Schutzlosigkeit, der die Männer und Frauen nackt ausgeliefert sind, der schwierige Text, den sie so nachvollziehbar sprechen, dass man sich fühlt, als wäre man Zeuge eines aktuellen Geschehens – die so unbeschreiblich grausame Geschichte, all das vermengt sich zu einem Theateramalgam der seltenen Art. Der Hass und der Machthunger, die Verschlagenheit und der Blutrausch, über die erzählt werden, aber auch das unbeschreibliche Leid, das dadurch ausgelöst wird, berührt sehr.

Jene Stelle, in welcher Thyestes von seinem verbannten Bruder unerwartet, aber mit Hinterlist dazu aufgefordert wird, Frieden zu schließen, bleibt wohl lange im Gedächtnis. Benutzen die beiden Männer doch jeweils den geöffneten Mund des anderen als Verstärker der eigenen Sätze. So nah, so verschlingend, so besitzergreifend ist ihr Sprechen dabei, dass es einem selbst die Kehle zuschnürt.

In seinen letzten Sätzen weist der Kindsmörder Artreus seinen Bruder, der nicht verstehen kann, warum seine Söhne von ihm getötet wurden, darauf hin, dass Thyestes selbst zu feig zu so einer Tat gewesen ist. „Du wolltest meine Kinder, warst aber nicht sicher. Was, wenn es die eigene Brut trifft?“ Die Aussage kommt wie ein Hammerschlag und verbindet Thyestes Schicksal mit unseren im highspeed Zeitraffertempo.

„Thyestes Brüder! Kapital.“ ist ein Stück auf der Höhe der aktuellen, internationalen Theateravantgarde mit einer archaischen Wucht, der man sich nicht entziehen kann. Sehenswert.

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Tanzend in den Abgrund https://www.european-cultural-news.com/schauspielhaus-graz-abgrund-vernon-subutex/34644/ Sun, 06 Oct 2019 13:08:42 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34644 Der scheinbar unstillbare Drang nach noch mehr Überwachung, sei es von Internetgiganten oder politischen Parteien selbst, lässt ein Szenario wie jenes von „Vernon Subutex“ letztlich aber nicht gänzlich illusorisch erscheinen. Leider. Ein sehenswerter und nachdenkenswerter Theaterabend.

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Das Publikum macht sich bereit für einen langen Theaterabend. Fünf Stunden inklusive Pause steht im Programmheft. Dass fünf Stunden dermaßen schnell vergehen können, ist ein Theatererlebnis der neuen Art.

„Vernon Subutex“ ist der Titel jenes Stückes, das derzeit am Schauspielhaus in Graz die Geister scheidet. Nach einer Romanvorlage der Französin Virginie Despentes, die für das Theater adaptiert wurde, heißt es schon zur Halbzeit: Entweder es gefällt, oder das Theater wird in der Pause kurzerhand verlassen. Alle, die dies tun, fallen um einige eindrucksvolle Bilder um. Und um einen dystopischen Schluss, der mit einem humorigen Epilog doch noch erträglich wird.

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Die Geschichte, mit Nebenverästelungen, erzählt vom Leben Vernons Subutex, gespielt von Norbert Wally, der dazu kräftig seine E-Gitarre bedient und rockige Melodien singt. (Komposition Benedikt Brachtel) Subutex wird als Drogensubstitut für Heroin eingesetzt und tatsächlich spielen Drogen eine zentrale Rolle in dem Stück. Vernon war einmal Besitzer eines Plattenladens und wurde vom Popstar Alex Bleach (Clemens Maria Riegler) über viele Jahre mit Geld versorgt. Davon konnte er seine Miete bezahlen. Als Alex stirbt – auf der Bühne bildlich dargestellt in Anlehnung an „Der Tod des Marat“ von Jacques-Louis David, sitzt Vernon bald auf der Straße und wird zum Obdachlosen im Einmann-Zelt. Die Marat-Metapher stimmt insofern, als die Musik von Alex später als subversiv verboten gilt, er aber Kassetten hinterlassen hat, die sein Vermächtnis tragen. Marat – später als Revolutionsmärtyrer gefeiert – veröffentlichte inmitten der Revolutionsphase widerständige Aufrufe bis hin zum Sturz des Königs.

Alex lebte in einer Hassliebe mit einer jungen Frau zusammen, der er jede Menge Stoff besorgte. Diese arbeitete als Pornodarstellerin für einen verkommenen, aber reichen Filmproduzenten mit mafiösem Umfeld, der sie drogenabhängig machte. Die Erziehung ihrer kleinen Tochter überließ die Schauspielerin ihrem Mann, einem Universitätsangestellten mit arabischen Wurzeln. Kurz darauf verstarb die „Porneuse“ – wie sie sich selbst bezeichnete, eines gewaltsamen Todes durch Schergen ihres Produzenten, dem sie mit Enthüllungen einer Pornoringes mit Politikern drohte. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als ihre Tochter nach vielen Jahren vom wahren Leben ihrer Mutter erfährt und ihren Tod rächen will. Zum Entsetzen ihres Vaters ist sie ausübende Muslimin. Katrija Lehmann changiert zwischen aufmüpfiger Jugendlicher und gläubiger Jung-Muslimin, die sogar bereit ist, sich einem patriarchalischen Diktat zu unterwerfen, was ihren Vater (Franz Solar) zur Verzweiflung treibt.

Neben den genannten werden noch viele andere Charaktere vorgestellt und in die Handlung verwoben. Einen höchst eindrücklichen, furios angelegten Monolog hält Florian Köhler als Börsenmakler Kiko. Getrieben von seiner Geldgier und aufputschenden Drogen kommt es zu darin auch zu einer veritablen Publikumsbeschimpfung. In seiner Wutansprache macht er klar, dass das Börsengeschehen der wahre Motivator des Turbokapitalismus ist, dem alles andere untergeordnet ist. Köhler trägt seinen Text mit derartiger Verve vor, dass er – trotz Hilferuf nach der Souffleuse – zu Recht mit Zwischenapplaus bedacht wurde.

Ebenso aufwühlend und herausragend gespielt ist jene Szene, in der sich eine junge Obdachlose (Julia Gräfner) und ein rassistischer Arbeiter (Fredrik Jan Hofmann) bis aufs Blut befetzen – um letztlich gemeinsam, im Verstehen des Verlustes, über den Tod ihrer geliebten Hunde zu weinen.

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Die Regie von Alexander Eisenach stellt der Geschichte einen Prolog voran, den Despentes ans Ende ihrer Romantrilogie gesetzt hat. Darin erklärt ein gealtertes Paar aus der Zukunft in Marsbewohnerverkleidung, was es mit der Subutex-Bewegung auf sich hat. Beatrice Frey und Rudi Widerhofer haben nicht nur hier, sondern in ihren zweiten Rollen als Pennerpaar die Sympathien auf ihrer Seite. Die Subutex-Gruppe muss sich versteckt halten, um nicht umgebracht zu werden. In einer Welt, in der alle und alles kontrolliert und beschränkt wird und dem Turbokapitalismus untergeordnet ist, hält sie an einem Lebensstil ohne Zwang und Konsum fest und feiert und tanzt im Wissen, eine verfolgte Randgruppe zu sein.

Dank einer grandiosen Bodenchoreografie von Alex Deutinger und Marta Navaridas – bei der alle Subutex-Mitglieder in Unterwäsche am glitschigen Boden rutschen und von einer Kamera dabei gefilmt und auf eine Leinwand projiziert werden, lässt Eisenach jenes ausgelassene Lebensgefühl nachvollziehbar machen, das der kapitalistischen Obrigkeit ein Dorn im Auge ist. Daniel Wollenzin setzt in seinem Bühnenbild am Ende noch die spannende und opulente Idee eines dreiteiligen, bunten Kathedralenfensters um. In diesem flimmern auf kleinteiligen Bildschirmen Videos von Subutex-Anhängern. Vernon selbst wird letztlich in der Pose des gekreuzigten Christus – inklusive Kreuzabnahme – vorgeführt und verweist damit auch ohne weitere Aufklärung das gewaltsame Ende der Gruppe.

Die komplexe Handlung mit ihren vielen Nebensträngen wird in der Inszenierung nach einem eher langatmigen Einstieg kurzweilig präsentiert. Um jedoch die Metabotschaft zu verstehen, muss man imstande sein, auch feine Untertöne wahrzunehmen und jene Metaphern zu erkennen, die trotz allem Trubel und trotz aller vermeintlicher Hippie-Glückseligkeit das Drama unseres aktuellen Zeitgeschehens in sich tragen. Der Blick in eine zukünftige Welt, in der Andersdenkende und Anderslebende geächtet werden und in welcher Musik verboten ist, scheint leider nur auf den ersten Blick übertrieben. Der scheinbar unstillbare Drang nach noch mehr Überwachung, sei es von Internetgiganten oder politischen Parteien selbst, lässt ein Szenario wie jenes von „Vernon Subutex“ letztlich aber nicht gänzlich illusorisch erscheinen. Leider. Ein sehenswerter und nachdenkenswerter Theaterabend.

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Zwischen Hoffen und Bangen https://www.european-cultural-news.com/zwischen-hoffen-und-bangen/34594/ Tue, 01 Oct 2019 13:52:39 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34594 Ein höchst poetisches Stück, das neben konkreten Gedankenimpulsen dennoch viel Freiraum für eine Eigeninterpretation lässt.

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Die Bühne ist dunkel. Eine zarte, junge Frau sitzt im Bühnenhintergrund und begibt sich langsam nach vorne an die imaginäre Rampe. Dort stellt sie sich auf einen Stapel von weißem DIN-A-4-Papier und beginnt sich langsam darauf zu drehen. Bald wird eine Geste sichtbar. Der ausgestreckte Zeigefinger, der von ihr weg zeigt, richtet sich langsam gegen sie. Noch einmal wird diese Geste sichtbar werden – am Ende des Stückes „Annefrank“ der Gruppe MovementLazuz. Uraufgeführt wurde es in Klagenfurt im Rahmen des Festivals für zeitgenössischen Tanz und Perfromance „Pelzverkehr“.

Die tragische Geschichte von Anne Frank wird Kindern und Jugendlichen in vielen Schulen vermittelt. Dass es aber auch einen gänzlich anderen Zugang zu dieser Thematik gibt, zeigte die Arbeit der Choreografin und Tänzerin Anna Possarnig und des Künstlers Ulrich Kaufmann. Im Rahmen des Festivals „Pelzverkehr“ nahmen mehrere Schulklassen an der Uraufführung dieser Arbeit teil. In ihr legt das Künstlerduo keinen Wert auf die Vermittlung von Fakten. Vielmehr geht es darum, den Zustand des Gefangenseins, den Anne mit ihren Eltern in Amsterdam während des 2. Weltkrieges erleben musste, emotional nachvollziehbar zu machen.

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Dafür verwendet Possarnig eine breite Palette an Bewegungseinheiten. Mit Bedacht gesetzte Schritte, die zugleich eine Papierspur hinterlassen, jugendliche, freudvolle Drehungen, die mit Stürzen enden und einer langen Bodenchoreografie, gespickt mit gymnastischen Elementen, in der die Ohnmacht ihrer Situation deutlich wird – all das vereint sie zu einem schlüssigen Ganzen. Darin schwanken die Emotionen zwischen Hoffnung, Resignation, Angst und Freude. Eine sphärisch gelungene Unterstützung bot ihr dabei die Musikeinspielung, die dennoch über Strecken Stille zuließ. Zarte Akkordeonklänge am Beginn verweisen auf den Ort des Geschehens, Amsterdam. Später wird man Klaviermusik hören aber auch eine bedrohliche Geräuschkulisse, die Gedanken an eine Deportation im lärmenden Zugwaggon aufkommen lassen.

„AnneFrank“(Fotos: Niki Meixner)

Eine Videoprojektion, in der die zarte Mädchengestalt von übergroßen Händen herumgeschubst wird, hinterlässt beim jungen Publikum den stärksten Eindruck. Gleichzeitig bekommt man den Eindruck vermittelt, dass die Welt für Anne Frank im wahrsten Sinn des Wortes Kopf steht. Jene Szene, in welcher sich Blutspuren, ebenfalls filmisch eingespielt, verdichten, verweist auf ihr Ende im Konzentrationslager. Ihr letzter Tanz, bei dem sie ihre Röcke anmutig durch die Lüfte flattern lässt, bietet eine ganze Reihe von Assoziationsmöglichkeiten an. Genauso wie die eingangs schon beschriebene Geste. Sie kann als Mahnung und als Beschuldigungsanklage zugleich aufgefasst werden.

Die Stärke der Produktion liegt nicht nur in der Choreografie selbst, in der jeder einzelne Schritt mit Bedacht gesetzt ist. Vor allem die Verdichtung auf jenes Medium, mit dem Anne Frank unsterblich geworden ist, ist wunderbar gelungen. Das Schreiben, die Texte, die sie in ihrem Tagebuch hinterlassen hat, sind ein visuell zentrales Thema, wenngleich auch kunstvoll abstrahiert umgesetzt. Dabei darf man die intellektuelle Beschäftigung in ihrem Versteck als manisch aber auch als befreiend miterleben. Anne Frank wusste, dass das, was sie schrieb, Wichtigkeit besaß. Aber sie wusste nicht, ob sie dafür nicht ihr Leben lassen werde müssen. Das Schwanken zwischen tödlicher Bedrohung und jugendlicher Unbeugsamkeit, zwischen Momenten, in welchen der Lichtblick der Befreiung anklingt und solchen der absoluten Zerstörung ist kunstvoll ausbalanciert und gut nachvollziehbar.

Ein höchst poetisches Stück, das neben konkreten Gedankenimpulsen dennoch viel Freiraum für eine Eigeninterpretation lässt.

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Die Leiden der jungen Wärter https://www.european-cultural-news.com/die-leiden-der-jungen-waerter/34579/ Tue, 01 Oct 2019 13:33:44 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34579 Ein Theaterabend, der durch die Leistung der Studierenden beeindruckt und getragen wird. Ein Abend, der auch die Regie mit Lob bedenken darf. Aber auch ein Abend, der zeigt, wie gut dem Theater große Gefühle und Erzählungen tun.

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„Der Wärter ist weg.“ Uff, uff, uff, ach ich bin so besonders.“ „Die Sexualisierung ist demokratisch – im Gegensatz zur Schönheit.“ Mit diesen drei kurzen Textfetzen steckt man schon tief in der „goetheschen Schmonzette von Nele Stuhler und Jan Koslowski“ mit dem Haupttitel „Die Leiden der jungen Wärter“.

Einem Stück, das sich jenes Klassikers annimmt, der nach seiner Veröffentlichung für reihenweise Skandale sorgte. Nicht nur, weil sich viele junge Männer ganz nach Werthers Vorbild ins Nirwana schickten. Die Uraufführung des zeitgeistigen Remakes erlebte das Schauspielhaus in Graz.

Was ist heute übrig geblieben von diesem romantischen Leiden, das sich aufgrund der Liebes-Nichterfüllung ins Unerträgliche steigerte? Stuhler und Koslowskis machen ihre Auslegung anhand von komplizierten, dialektischen Texten rund um Gefühle, Objekte und Taten deutlich. Oder vielmehr – sie verschleiern mehr als sie behaupten.

Ganz der Postmoderne verpflichtet, verweigern sie sich einer eindimensionalen Erzählung mit Einleitung, Klimax und Nachgesang. Vielmehr gibt es mehrere, lange, pseudophilosophische Texte, die in einem Hörsaal besser aufgehoben wären als im Theater. Vor allem, weil sie diese noch in Worte und Halbsätze zerstückeln und vom Ensemble in rascher Abfolge nacheinander aufsagen lassen.

„Die Leiden der jungen Wärter“ – Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

Aber wahrscheinlich soll die Verwirrung, die das auslöst, beim Publikum auch so ankommen. Denn wer kennt sich heute im großen Feld der Liebe schon wirklich aus? Da hilft zumindest die Regie – ebenfalls von Stuhler und Koslowski – ein wenig weiter, in der die einzelnen Charaktere stärker leuchten als ihr Text. Das Institut für Schauspiel der Kunstuniversität Graz stellte dafür das Ensemble, das sich meisterlich in seinen Staccato-Einsätzen bewährte. Wie aus einem grellen Comic-Heft flimmern ihre Aussagen zu Beginn projiziert auf die vorgezogene Bühnenwand, die sich später auch als Spintreihe zeigen wird und eine Reihe von Auf- und Abgängen anbietet. (Bühne Lukas Kesler)

Nach der tantrischen Vergewisserung, etwas Besonders zu sein, denn sonst könne man ja nicht geliebt werden, wird Wilhelm in der Nicht-Erzählung in jenes Oyster-Valley geschickt, in dem er seinen Freund „Wärter“ oder „Werther“ vermutet, um ihm „analog“ den Kopf zu waschen. Denn dass dieser wieder einmal in Liebesverstrickungen steckt, weiß er aus dessen elektronischen Briefen. Die Outfits erinnern samt und sonders an die 70er-Jahre (Kostüme Marilena Büld), eine Zeit also, in der das Internet noch nicht erfunden war und die Dekonstruktion der Moderne noch nicht in den Köpfen aller Intellektueller angekommen war. Einer Zeit aber auch, in der dank der Erfindung der Pille die Frauen eine sexuelle Revolution erlebten und nicht zuletzt dadurch das Patriarchat ins Wanken kam. Von Letzterem ist aber ist im Stück nicht die Rede.

„Die Leiden der jungen Wärter“ – Schauspielhaus Graz (Foto: Lex Karelly)

Wie sich zeigen wird, ist „Willi“ in einer „Institution“ gelandet, die nach strikten Regeln lebt. Nach außen zumindest. Schon bald wird deutlich, dass es unmöglich ist, die einzelnen Pärchen, die sich als solche definieren, auch wirklich einander zuzuordnen, zu groß ist ihre Fluktuation hin zu anderen Liebesattraktionen. Was noch klar wird ist, dass genannter „Werther“, der niemals in Erscheinung tritt – alle in Oyster-Valley Lebenden in Liebesschmerzen sitzen hat lassen. Am überzeugendsten bringt dies Fräulein C. zum Ausdruck – die sich an einer Stelle ihr Liebesleid mit einer „Scheiß“-Tirade aus dem Leib brüllen muss. Es ist eine der wenigen Stellen, in der die Emotion hochkochen darf und auch in den Publikumsrang überschwappt.

Untermalt wird das Geschehen mit Musik, begonnen von Wagner´schen Klängen über amerikanische 70er-Jahre Schnulzen bis hin zu französisch-afrikanischem Soft-Rap. In raschem Tempo wird nicht nur über die gesellschaftlichen Regeln verhandelt, die darin gipfeln, ausgerechnet an einem freien Nachmittag Sport machen zu müssen. Ein Großteil des Textes befasst sich mit der Ökonomisierung der Sexualität und den daraus resultierenden, entgrenzten Beziehungszuständen.

Patrick Firmin Bimazubute, Romain Clavareau, Paul Enev, Alina Haushammer, Fanny Holzer, Carmen Kirschner, Ioana Nitulescu, Nataya Sam und Mia Wiederstein dürfen bei zwei Nummern auch ihr Sangestalent unter Beweis stellen und einmal im Gänsemarsch gymnastische Übungen absolvieren, sodass der Eindruck einer genreübergreifenden Inszenierung mit Revue-Touch entsteht. Dass der Schauspielnachwuchs dabei Freude hat, ist spürbar. Dass er dabei aber selbst auch immer ernst bleiben kann, erstaunt.

Trotz vieler klamaukhafter Überzeichnungen bleibt dennoch ein bitterer Nachgeschmack. Wo ist sie hin, diese romantische Liebe, von der alle noch tief in ihrem Inneren einen Schmerz verspüren? Und ist es wirklich so, dass man am Beginn einer Leidenschaft schon zwangsläufig an ihr Ende denken muss, wie glaubhaft versichert wird?

Ein Theaterabend, der durch die Leistung der Studierenden beeindruckt und getragen wird. Ein Abend, der auch die Regie mit Lob bedenken darf. Aber auch ein Abend, der zeigt, wie gut dem Theater große Gefühle und Erzählungen tun. Gerade weil sie hier fehlten.

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Zeitgenössischer Tanz ohne Schwellenangst https://www.european-cultural-news.com/zeitgenoessischer-tanz-ohne-schwellenangst/34565/ Mon, 30 Sep 2019 15:00:20 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34565 Das diesjährige Tanzfestival „Pelzverkehr“ begab sich mit einem Teil seiner Programmatik auf neues Terrain in Kärnten. Sowohl im öffentlichen Raum als auch in den Sälen des MMKK fanden dieses Mal mehrfach Tanzveranstaltungen statt.

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Das diesjährige Tanz- und Performance-Festival „Pelzverkehr“ begab sich mit einem Teil seiner Programmatik auf neues Terrain in Kärnten. Sowohl im öffentlichen Raum als auch in den Sälen des MMKK – des Museum Moderner Kunst Kärnten – fanden dieses Mal mehrfach Tanzveranstaltungen statt.

Auf dem Neuen Platz zeigte an insgesamt 9 Veranstaltungstagen der Kärntner Tänzer und Choreograf Thales Weilinger, wie sich zeitgenössischer Tanz als morgendliches Ritual ins Leben aufnehmen lässt. Dabei startete er jeweils auf einem leicht erhöhten Podest mit kleinen Aufwärmübungen, um diese im Laufe der Morgenstunde letztlich zu einer Gesamtchoreografie zusammenzuführen.

Tanzfestival „Pelzverkehr“ in Klagenfurt (Foto: ECN)

„Ich bin sehr überrascht, dass ich schnell ein Stammpublikum gewinnen konnte“, erklärte der Tänzer bei einem kurzen Gespräch. Und tatsächlich konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Damen, die mittanzten, sich im Laufe der Veranstaltungsreihe auch persönlich nähergekommen waren. Aber nicht nur Klagenfurterinnen tanzten sich allmorgendlich glücklich. Es war auch schön zu beobachten, dass sich von Touristengruppen immer wieder Menschen lösten, um zumindest für eine kurze Zeit auf dem Platz vor dem Lindwurm mittanzen zu können. Allen voran asiatische Besucherinnen und Besucher, bei denen die Hemmschwelle mitzumachen sichtlich niedriger ist als bei Einheimischen. Das ist nicht verwunderlich, denn öffentliche, morgendliche Bewegungseinheiten aus dem Qigong oder Tai-Chi-Bereich sind im Osten auf vielen Straßen allgegenwärtig.

„Hätten wir die Veranstaltung unter Break-Dance oder Hip-Hop Labels angekündigt, dann wären wahrscheinlich auch viele Jugendliche gekommen“, so Weilinger weiter, „aber der Begriff zeitgenössischer Tanz schreckt noch viele Menschen ab, auch junge.“ Leicht möglich, dass im kommenden Jahr, so die Veranstaltungsreihe wieder stattfinden kann, sich zum bisherigen Stammpublikum auch neues gesellen wird. Vielleicht sogar die eine oder andere Schulklasse.

Für zwei bestand die Möglichkeit, sich im MMKK anlässlich einer gekoppelten Führung und Tanzperformance die Ausstellung „Touch Wood“ zu erleben. Die Klagenfurter Tänzerin und Choreografin Anna Wieser schuf dafür die Arbeit „Gretel ohne Hänsel“. Ausgestattet mit Wanderschuhen, Dirndl und einem Korb mit grauen Steinen, schritt sie der Kinderschar voran und legte dabei ihre Steinspur aus, damit sich die Schülerinnen und Schüler am Ende der Vorstellung Steine einsammelnd alleine zum Ausgang zurückbegeben konnten.

Imitatorisches stand dabei im Vordergrund des Bewegungsrepertoires. So schlüpfte sie in die Rollen eines Hirsches oder einer Eule, zerlegte Baumstämme mit einer knatternden Motorsäge, aber tanzte auch zierlich als Elfe vor den Bildern von Igor Oleinikov. Dessen Werke schufen eine surreale, verwunschene Landschaftskulisse und korrespondierten bestens mit Wiesers zarten Sprüngen und Gesten. Am Ende ihrer Performance wurden die Kinder zum Mittanzen eingeladen. Gekoppelt war diese Performance mit einer kindgerechten Führung, bei der ein niederschwelliger Zugang zu den zeitgenössischen Kunstwerken erreicht wurde. Erwachsene begleiteten die Tänzerin mit einer „Giselle“-Interpretation durch die Räume des MMKK und kamen dabei ebenfalls in einen neuartigen, mehrdimensionalen Kunstgenuss.

Vielleicht gelingt im kommenden Jahr eine höhere Subventionierung dieser Schiene, denn vier weitere Schulklassen, die gerne gekommen wären, konnten nicht an diesem Programmpunkt teilnehmen. „Was, es ist schon aus?“, war von einem 9-Jährigen nach der Performance prompt zu hören. Ein schöneres Kompliment kann sich Ingrid Türk-Chlapec, Intendantin von „Pelzverkehr“, Anna Wieser und Anna Hoisl-Srienc, die empathisch die Kinderfürhung leitete, wohl kaum wünschen.

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Ein Fest für alle Pyrotechniker https://www.european-cultural-news.com/ein-fest-fuer-alle-pyrotechniker/34443/ Sun, 29 Sep 2019 17:13:12 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34443 "Faust" im Burgtheater in der Regie von Martin Kušej ist ein Muss für all jene, die pyrotechnische Herausforderungen lieben. Ein ebensolches für all jene, die schauspielerische Glanzleistungen erleben wollen.

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Michaela Preiner

FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)

Im Burgtheater erlebt derzeit eine überarbeitete Fassung von Martin Kušejs „Faust“ – eine Übernahme aus dem Münchner Residenztheater – ihre Wiener Aufführungsserie. Ein Muss für all jene, die pyrotechnische Herausforderungen lieben. Ein ebensolches für all jene, die schauspielerische Glanzleistungen erleben wollen.

Die Regie, die Goethes Sinnsucher hier in einem kalten, existenzialistischen Environment darstellt, weist einige Höhepunkte auf, stellt aber auch Fragen, die heute vermeidbar sein sollten.
FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Ein großer Lastenkran, unter dem sich eine Plattform befindet, auf der getanzt, geboxt und geliebt wird, sitzt über einem Waschraum und einer Industriehalle samt Treppe in den ersten Stock, die viel begangen wird. Eisen und Stahl sind die bestimmenden Bauelemente, wohl kann man sich in keinem der Räume fühlen. Egal ob unter Dach oder im Freien. (Bühne Heidi Hackl) Bibiana Beglau als Mephisto glänzt von der ersten Auftrittssekunde an. Dabei grinst sie aus einem Spiegel und beobachtet Faust, der dabei ist, über sein Schicksal zu hadern. Die großgewachsene Schauspielerin verbringt augenscheinlich viel Zeit an Fitnessgeräten. Selten war es einem vergönnt, das athletische Muskelspiel einer Frau auf der Bühne derart bewundern zu können. Mit ihrem androgynen Auftritt – verstärkt durch viele Kostümabwandlungen – ist sie eine absolute Idealbesetzung. Sie überragt Faust, gespielt von Werner Wölbern um einiges – nicht nur wenn sie hochhakiges Schuhwerk trägt. Sie windet sich in tierischem Gehabe, einer Schlange gleich, als sie Faust ihre Dienste anbietet. Sie spottet mit scharfer Zunge, leidet und fickt was das Zeug hält und ist sich dennoch schmerzlich bewusst, dass sie als gefallener Engel aus jenem paradiesischen Zustand vertrieben wurde, den es wahrscheinlich gar nicht gibt. Zumindest lässt der Regisseur dies offen.
FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Dabei sind es immer wieder auch heitere Momente, welche dem versinnbildlicht Bösen einen humorigen Touch verleihen. Dann zum Beispiel, wenn Mephisto blutüberströmt in einer Schlachterschürze Faust aus seiner linken Flanke eine tödliche Kugel herausmetzgert, die plötzlich in hohem Bogen aus dessen Leib springt. Egal, welcher Charakterzug gefragt ist, Beglau setzt alle Facetten des Verführers vorbildhaft um.

Kušejs Faust ist einer, der sich, nach einem gescheiterten Suizidversuch, selbstgefällig über Situationen und Menschen stellt. Völlig verblendet schiebt er jegliche Schuld von sich, die er durch sein Tun verursachte und treibt mit seinem rastlosen Verlangen nach mehr Live-Kicks sogar den Teufel zur Verzweiflung. Weder Gretchen, die er geschwängert ins Unglück stürzte, noch ihre Mutter und ihr Bruder, die er auf dem Gewissen hat, lösen in ihm Gewissensbisse aus. Den teuflischen Ränken und Kusejs Regieeinfall verdankt er auch, dass an ihm offenbar der halbe Weltfriede zu hängen scheint. Dass sich dieser notabene durch sein Zutun jedoch in sein Gegenteil verkehrt, liegt auf der Hand. Maskierte Freiheitskämpfer, Selbstmordattentäter in Form jugendlicher Körperbomben, oder Immobilienhaie begleiten sein Tun. Keiner von ihnen überlebt Fausts Machtspiele.

So mancher Bühnenauf- oder – abgang wird mit viel Rauch, Schüssen und Feuer begleitet, sodass man dabei geblendet die Augen zuhalten muss. Szene für Szene nehmen die Grausamkeiten und Frivolitäten zu – wobei sich hier einige seltsame, wohl geschlechterbedingte Blickwinkel auftun, die es zu hinterfragen gilt.

FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Dass die Statisterie in Goethes Osterspaziergangszene kreuz und quer kopulieren muss, ist der künstlerischen Freiheit geschuldet und akzeptiert. Schließlich ergibt sich daraus die bereits angedeutete Szene, in welcher Faust tödlich angeschossen wird, durch teuflische Kunst jedoch wieder zum Leben erwacht. Warum das Ensemble während der Orgie jedoch gesittet Strumpfhosen und andere Beinkleider trägt, ist weniger erklärbar. Ist dies gewerkschaftlichen Vorgaben geschuldet oder, was schwerer wiegen würde, dem Mut an der eigenen Courage? Dass sich Gretchen nach ihrer Entjungferung nackt und Scham rasiert dem Publikum präsentiert, während Faust artig seine weiße Feinrippunterhose anbehalten darf, gilt es jedoch nicht nur aus feministischer Sicht anzuprangern. Die weiteren Kopulationsszenen, hauptsächlich zwischen Mephisto und Marthe (Alexandra Henkel), Gretchens Nachbarin, geben ebenfalls Kunde einer männlichen Sexualphantasie. Sie sind aber weder schockierend noch aufregend. Es kommt nicht oft vor, dass der männliche Regieblick sich so stark in einer Inszenierung offenbart. Aber schließlich ist Goethes Faust ja auch rund um einen Mann konstruiert – darf man entgegenhalten. Regietechnisch sollte aber mitbedacht werden, dass Sex und Gewalt – diese beiden emotional aufpeitschendsten Domänen im Bereich der darstellenden Kunst – sich unzensiert wesentlich schärfer und näher an der Wirklichkeit im Fernsehen und den Social-Media-Kanälen verfolgen lassen. Da wirkt so manche Sex-Szene auf der Bühne rasch gekünstelt.

Einen höchst gelungenen Widerpart zur mephistophelischen Schauspielleistung findet man in jenem von Andrea Wenzl als Gretchen. Ihr Monolog, in dem ihr Wahnsinn sichtbar wird, ist tatsächlich aufpeitschend und berührend und vor dem weiß gekachelten Raum auch gut in Szene gesetzt. Zuvor konnte dieser als Reinheitsmetapher des unschuldigen Mädchens verstanden werden, die von jenem Dunkel umgeben war, in dem sich alle anderen gewalt- und jederzeit lustbereit tummelten.

FAUST / Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Der Abend wartet mit zwei interessanten und spannenden Interpretationen auf: Das ist zum einen die Figur des Faust selbst, der sich als skrupelloser Machttyp zeigt. Zum anderen ist es Kušejs mehrfach zur Schau gestellte Religions-Dialektik. Sein Mephisto lässt eine tiefsitzende Gottesverachtung, zugleich aber auch Gottesfurcht erkennen. Letztere ist Faust hingegen gänzlich abhandengekommen. Am Stückende bekundet der Teufel – dank neu hinzugekommener Sätze – letztlich jedoch seinen Wunsch nach Leere. Jenem Zustand, in dem sich weder Gutes noch Böses je wiederholt, sondern à priori einfach nicht stattfindet. Die Leere ist ein Terminus, der sich ausgiebig in Sartres Werk nachlesen lässt. Eine intellektuelle Verschränkung findet man in dessen Text über den österreichisch-stämmigen André Gorz, über den er sagte: „… diese Stimme, die sucht und nicht weiß, was sie sucht, die will und nicht weiß, was sie will, die in der Leere spricht, im Dunkeln, vielleicht, um durch Worte den Worten einen Sinn zu geben… Oder vielleicht, um ihre Angst vor sich selbst zu verbergen…“ könnte als Ideengerüst für diesen Faust gedient haben.

Dennoch trifft den Teufel göttlicher Glanz oder zumindest ein göttlicher Lichtstrahl bei seinem Wunsch nacht dem Nichts. Sowohl er als auch Faust an seiner Seite müssen ihre Augen kurz bedecken, während sie bei ihren letzten Sätzen himmelwärts blicken. Die Mischung aus Faust Teil 1 und 2 wurde auch durch viele Striche möglich, dennoch dauert die Aufführung 3 Stunden, inklusive Pause. Das Publikum reagierte am Tag nach der Premiere mit höflichem Applaus. Ein Buhrufer meldete sich mit zwei kurzen Unmutsbekundungen ebenfalls zu Wort. Martin Kušej wird es verkraften.

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Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen https://www.european-cultural-news.com/der-dschungel-muss-jetzt-spruenge-machen-und-nicht-nur-schrittchen/34355/ Wed, 04 Sep 2019 21:13:11 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34355 Corinne Eckenstein. Intendantin des Dschungel Wien, erzählt über Visionen und Ist-Zustände im Dschungel Wien.

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Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen

Von Michaela Preiner

Corinne Eckenstein (Foto: Franzi Kreis)
04.
September 2019
Ein Gespräch mit Corinne Eckenstein, der künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin des „Dschungel Wien“, über das bevorstehende 15-jährige Bestehen der Theater-Kulturinstitution für Kinder und Jugendliche.

Unser Gespräch findet anlässlich des Termins 15 Jahre Dschungel statt. Das bedeutet, wir halten Rückschau, oder?

Ich würde so sagen: Ich möchte eher Vorschau halten, weil es um Visionen geht und darum, wie es weiter geht. 15 Jahre ist für mich eher ein Zwischenstep, wie eine „mark“ in der Zeitreise des „Theater für junges Publikum“.

Wenn wir trotzdem zurückschauen, möchte ich gerne wissen, sind die Visionen, die Vorhaben aufgegangen, oder war Einiges, das kam, so nicht geplant?

Ich beantworte beide Fragen mit „Ja“ und zwar im positiven Sinne. Ich habe mir kürzlich mein Konzept angesehen, das ich bei meiner Bewerbung eingereicht habe und war erstaunt, dass wirklich jeder Punkt umgesetzt wurde. Mein 4-jähriges EU-Projekt, ein Netzwerk mit Osteuropa, Theaterprojekte an der Peripherie, mehr Vorstellungen für die freien Gruppen, Schwerpunkt Tanz und Diversität, die Theaterwildwerkstätten – die bis hin zu einem Festival ausgebaut werden sollen, bei dem das ganze Haus von den Kindern und Jugendlichen in die Hand genommen werden sollen – das hat sich alles eins zu eins umgesetzt. Und nun kommt das Unerwartete: Es kam noch mehr!

Was kam noch mehr?

Das sind z.B. Koproduktions- und Kooperationsprojekte im internationalen Bereich. Das war der Bereich, der für mich ungewisser war. Ich hatte natürlich meine Kontakte, aber wie lässt sich so etwas überhaupt umsetzen, aufgrund unserer finanziellen Situation, das war die Frage. Einer Situation, die eher schwierig ist, wenn man Sprünge machen möchte und sich entwickeln will. Mit dem, was wir haben, können wir bestenfalls den Status quo erhalten. Aber durch unterwartete Projekte, wie das Brueghel-Projekt „PLAY!“ konnten wir mit dem angebotenen Geld mit der flämischen Kulturabteilung eine Koproduktion mit dem Theater HetPalais in Antwerpen durchführen, die jetzt im Herbst auch auf Tournee nach Belgien, dann auf Festivals nach Frankreich und Holland geht. Ein weiteres Projekt, das auf uns zukam ist ein „Doppelpass-Projekt“. Doppelpass stammt aus Deutschland und erlaubt einer freien Gruppe mit relativ viel Geld eine Koproduktion mit einem festen Haus zu machen, sowie in einem anderen deutschsprachigen Land mit einem zweiten festen Haus zu kooperieren. Wir arbeiten dabei mit der Gruppe „Lovefuckers“ und dem Theater der Jungen Generation Dresden zusammen. Die Gruppe beginnt jetzt an dem Stück zu arbeiten, das im Herbst 2020 seine Uraufführung im Dschungel Wien haben wird. 2021 werden sie eine Koproduktion mit dem Theater der Jungen Generation Dresden machen, die dann wieder bei uns als Gastspiel läuft.

Weiters beginnt Januar 2020 ein 4-jähriges EU-Projekt mit dem Titel „Connectup“, ein internationales Projekt mit 9 verschiedenen Ländern und 14 Theatern in ganz Europa. Daran wurde schon vor 4 Jahren gearbeitet, als ich das Konzept geschrieben hatte. Darin wird der Fokus auf „schwieriges Publikum“ gelegt – sprich Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen. Man kontaktierte mich damals, im gegebenen Fall ich würde den Dschungel leiten, in das Projekt einzusteigen. Und so haben wir das gemeinsam entwickelt. Es geht um Inklusion, deswegen ist auch die „Ich bin O.K“-Kompanie dabei, die ich dazugenommen habe. Es werden auch Künstlerinnen und Künstler der Szene eingebunden.

Dazu kommt auch ein SHIFT-Projekt in Koproduktion mit dem diverCITYLAB und der Choreografin Magda Chowaniec. Dieses Stück machen wir an der Peripherie unter dem Titel „Medeas Töchter“. Darin geht es um die Sichtbarkeit von jungen Frauen vor allem mit Migrationshintergrund. Es findet im Mai statt und wird eine Reise durch Wien sein. Im 10. Bezirk gibt es eine Halle, die „Ausreisehalle“ heißt. Die stammt noch aus der Zeit von früher, wo die Leute ausreisen „wollten“. Das Schild hängt heute noch so da – und das war unser Ausgangspunkt, dass alle die jungen Frauen der nun 2. und 3. Generation beschließen, auszureisen. Unsere Reise geht bis zum Vienna International Center. Dort gibt es einen Ort innerhalb der Hochhäuser, der wie ein Amphitheater aussieht. Sie kommen da in eine Welt, in die sie nicht gehören. Von dort nehmen sie einen Bus und fahren weg. Das Publikum reist mit diesen Töchtern Medeas mit. Rapperin EsRAP und Slampoetin Yasmo erarbeiten mit den gecasteten junge Frauen Slam-Poetry und Rap, um mit ihnen gemeinsam eine Art Textpartitur zu erstellen.

Theaterwild-Festival 2018 (Foto: Laurent Ziegler)
Sujet Pip. (c) Rainer Berson (2)
Vorschau „Medeas-Töchter“ by Olivia Mrzyglod
Play (Foto: Rainer Berson)

Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit den Schulen entwickelt?

Wir haben ein starkes, festes Klientel. Was sich total verstärkt hat, sind die Partnerschulen und vor allem die Partnerklassen. Die Zahl hat sich würde ich sagen verdreifacht, weil die Schulen jetzt wesentlich weiter vorausplanen. Der zweite, wichtige Punkt sind die Kulturpatenschaften, die wir von Beginn an anboten. Mir war es von Anfang an ein großes Anliegen, dass jedes Kind die Möglichkeit hat Kunst und Kultur zu genießen, denn Kunst ist nichts Elitäres, sondern Teil unserer geistigen Nahrung, die auch den Kindern zusteht.

Gibt es etwas, was emotional extrem berührend war?

Ja, das war das letztjährige Theaterwild Festival, das der Frage nach den Rollenklischees von Buben und Mädchen nachging. Wie komplex das war und auf welchem Niveau die Kinder und Jugendlichen über dieses Thema miteinander diskutiert haben, war unglaublich. Ich hatte das Gefühl, es sind lauter Feministen und Feministinnen hier angetreten..Auch was um das Festival und die Produktion passiert ist, war sehr emotional. Wir hatten eine Ausstellung, in der junge Flüchtlinge zu diesem Thema zu Wort kamen. Und das wider jedes Klischee, was junge Männer und Frauen zu diesem Thema sagen.

Ein junger Iraker sagte zu mir: „Männer und Frauen sind gleich, weil im Tod sind alle Menschen gleich“. Da wusste ich, der hat mehr kapiert als viele andere – da braucht man auch nicht länger zu diskutieren.

Wenn wir über Visionen sprechen, welche sind denn für den Dschungel wichtig?

Unter Vision verstehe ich etwas Positives, etwas mit Entwicklung und Erweiterung zu tun hat. Das hängt mit dem banalen Faktor Geld zusammen: Wir brauchen mehr Geld, um adäquat arbeiten zu können und den Künstlerinnen und Künstlern ein fair pay anbieten zu können. Wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, wo wir an eine Grenze gestoßen sind, dies aus unseren eigenen Ressourcen ab zu decken. Wir machen auch Drittmittelakquisition, damit wir überhaupt Produktionen auf die Beine stellen können. Sei es eine Koproduktion mit einer freien Gruppe oder den Try-Out-Wettbewerb, bei dem die Gewinnerproduktion ausproduziert wird und dadurch Nachwuchs gefördert wird oder eben die internationalen Projekte wie das EU-Projekt in das wir auch Geld investieren müssen, damit wir es überhaupt machen können. Durch unsere niedrigen Eintrittspreise kommt nicht genug Geld rein. Die Preise können wir aber nicht erhöhen, denn das stünde im Widerspruch zu dem, was wir sein sollen: Ein finanziell niederschwelliges Theater, aber nicht künstlerisch niederschwellig. Ich finde, wir sind im Moment mit den Gruppen so gut aufgestellt, dass es jetzt an der Zeit ist, den Künstlerinnen und Künstlern und dem Dschungel Wien die Möglichkeit zu geben, Sprünge zu machen und nicht nur Schrittchen.

Merken die Kinder und Jugendlichen die politische Veränderung, die derzeit rund um die Welt vonstatten gehen?

Für Kinder sind die Dinge, die sie unmittelbar erleben wichtig. Das Gefühl, wo gehöre ich hin, was steht mir zu, die Frage nach Identität – und zwar in jeglicher Hinsicht – Herkunft, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit. Das ist das, was sie unmittelbar tag-täglich erleben. Wenn es in der Schule plötzlich wieder Noten gibt, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Sie sind ja die, die die Wirkungen direkt zu spüren bekommen. Deshalb hab ich hier 3 junge Frauen, denen es um die Sache geht, auf dem Plakat. Emma González, Greta Thunberg und Malala, da hat der Dschungel eine ganz wichtige Haltung. Das bekommen wir auch von den Lehrenden widergespiegelt. Vielleicht ist es das, was mich am meisten berührt: Sie danken uns, dass wir so ein starkes, gesellschaftspolitisches Anliegen haben und dass sich das hier ganz klar vermittelt. Es ist für mich ein starkes Anliegen, eine andere Sichtweise und vor allem einen Ort zu zeigen, an dem Diversität wirklich gelebt wird. Ich will zeigen, dass hier Menschen anders denken, dass Künstler und Künstlerinnen anders denken. Hier gibt es eine Vision, die eine andere Realität schafft. Unser Spielzeitmotto ist „Unsere Zukunft passt auf keine Fahne“, ich verwehre mich gegen die eine menschenunwürdigen Politik. Die geht im Endeffekt immer auf Kosten der Kinder. Dem Egoismus muss etwas entgegengesetzt werden. Auch hier sind die Theaterwildwerkstätten so ein starkes, wichtiges Zeichen. Die sind jetzt schon so voll, dass wir gar nicht wissen, wie und wo wir alle unterbringen und wir platzen eigentlich aus allen Nähten.

Ich blicke positiv zurück. Schwierigkeiten gibt es immer wieder und ich sehe vor allem die freien Gruppen kämpfen. Auch weil ich es selbst 26 Jahre als freie Künstlerin und Regisseurin erlebt habe, dass man vor allem im Theaterbereich für junges Publikum finanziell schlechter gestellt ist als jemand in der freien Szene. Diese Ungleicheit, ganz abgesehen davon, ob generell zu wenig Geld da ist für die freien Künstlerinnen und Künstler, geht für mich gar nicht. Wir machen mehr als nur Theater – wir machen Bildung. Dieser Aspekt wird ja gar nicht abgedeckt, den müssen wir selber abdecken. Er wird aber als Teil der Aufgabe gesehen. Wir versuchen überall Geld aufzutreiben, um diese Arbeit zu leisten. Ich frage mich nur, wie lange die Künstlerinnen und Künstlerinnen das noch mittragen. Man kann nicht nur darüber reden, dass fair pay wichtig ist. Wenn diese Arbeit nicht für Kinder und Jugendliche wäre, würde ich sie nicht machen.

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Im Tanzschritt von Spanien nach Indien https://www.european-cultural-news.com/im-tanzschritt-von-spanien-nach-indien/34304/ Tue, 06 Aug 2019 07:33:41 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34304 In seinem eigenen Stück "Silk road" vereint Jose Agudo seine ursprünglichen, tänzerischen Wurzeln mit jenen, die er später kennenlernte und kreiert eine Reise über tausende Kilomieter mithilfe des Tanzes.

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Agudo Dance Company "Silk road" (Fotos: Karolina Miernik)

Jose Agudo stammt aus Andalusien und ist mit der Musik dieses Landes aufgewachsen. Folgerichtig, dass sich der Tänzer in seinem Heimatland dem Flamenco widmete- bis er den zeitgenössischen Tanz entdeckte und schließlich bei Akram Khan Assistenzchoreograf und Probenleiter wurde.

In seinem eigenen Stück „Silk road“ vereint er seine ursprünglichen, tänzerischen Wurzeln mit jenen, die er später kennenlernte und kreiert eine Reise über tausende Kilomieter mithilfe des Tanzes. Den Grund dafür gibt der Tänzer und Choreograf mit der Verwandtschaft des Flamenco und des Kathak an. Jenem indischen Tanzstil, der genauso wie der spanische mit eleganten, fließenden Hand- und Armbewegungen und rhythmisch eindeutigen Mustern und intensiver Fußarbeit aufwartet.

Eingeladen von Impulstanz, agierten an seiner Seite im Akademietheater musikalisch der österreichische Gitarrist Bernhard Schimpelsberger und der Italiener Giuliano Modarelli, der meisterlich an den Percussions performte. Ihre Live-Darbietung wurde streckenweise mit musikalischen Einspielungen unterfüttert, trug aber wesentlich zum Erfolg des Abends bei, der in drei Teile gegliedert war.

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Im ersten gab Jose Agudo zwei Flamenco-Choreografien zum Besten, wobei man zu Beginn durch einige seiner Bewegungen, wie dem Hochraffen eines imaginären Flamenco-Rockes, eine weibliche Tanzauslegung zu erkennen vermeinte. Diese wurde auch tatsächlich von einer männlichen Variante abgelöst, bei der sich der Tänzer mit nacktem Oberkörper kunstvoll im Bühnenstreulicht so in Szene zu setzen wusste, dass man dabei sein kraftvolles Muskelspiel bewundern konnte.

Der zweite Teil führte nach Indien und war dem „Kathak“ gewidmet. Einem traditionellen Tanz, der im Norden Indiens und im Punjab getanzt wird. Modarelli eröffnete die Szene mit einer lustvollen, sprachlich bewundernswerten Ausformulierung und Umdeutung der Silben Tiki-Taka in einer Rasanz und Variationsbreite die atemberaubend und humorvoll zugleich waren. Jose Agudo erinnerte in seinem weißen Kostüm an einen indischen Mönch und wusste dementsprechend langsam sein Bewegungsrepertoire auch einzusetzen. Dass sich das tänzerische Geschehen letztlich auch in eine dramatischere Körperarbeit hin wandelte, verschränkte diese zweite Arbeit kunstvoll mit seinem ersten Auftritt.

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Im dritten Teil tanzte Kenny Wing Tao Ho an der Seite von Agudo ein pas de deux, in welchem eine ganze Reihe von traditionellen, indischen Bewegungselementen einflossen. Man wurde Zeuge von stilisierten,  handwerklichen Tätigkeiten wie Wäsche waschen oder auch Nähen, erlebte aber auch hoch lyrische Szenen mit den beiden Tänzern. Ein besonderer Reiz von „Silk road“ liegt im häufigen, fließenden Wechsel von kurz determinierten Geschlechterrollen, die sich aber oft rasch auflösen, ins Gegenteil verkehren oder auch unbestimmt bleiben. Das Publikum dankte mit Standing Ovations.

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Das Ich und das Du – wer ist wer? https://www.european-cultural-news.com/das-ich-und-das-du-wer-ist-wer/34274/ Mon, 05 Aug 2019 15:33:29 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34274 Ist es ein Traum, ist es eine real erlebte Bedrohung, ist es der Kampf gegen das eigene Ich oder gegen eine Rivalin, mit der dann doch höchst lustvoll und lachend im Gleichschritt getanzt wird, was hier gezeigt wird?

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"All nights game" (Foto: Lidia Crisafulli)

Die Bühne ist noch ohne Licht, aber man vernimmt ein leises Geräusch. Irgendjemand wischt an irgendetwas und irgendjemand gibt ab und zu Klopfgeräusche von sich. „Alleyne Dance“, vor 5 Jahren von den Alleyne-Zwillingsschwestern in London gegründet, gastierte mit „A Night`s Game“ bei Impulstanz zwei Mal an einem Abend hintereinander im ausverkauften Odeon.

Der zu Beginn der Performance nur zart wahrgenommene Geräuschpegel wird nach und nach stärker. Nach einigen Momenten der Ungewissen, wird ein fahler Lichtkegel sichtbar, der auf eine der beiden Schwestern fällt. Die junge Frau sitzt auf einem Sessel und benutzt sich selbst als Percussion-Instrument. Dabei klopft sie auf ihren Oberkörper und ihre Arme, wischt über ihre Oberschenkel und stampft rhythmisch mit den nackten Füßen auf den Boden. Der zarte Anfang steigert sich rasch in eine furiose Darbietung, bei der man den Eindruck einer Frau erhält, die einer wilden Obsession erlegen ist. Ab und zu versucht sie, sich vom Sessel fortzubewegen – vergeblich, ihre Füße tragen sie nicht. Immer wieder rutscht sie auf den Boden, ohne Halt zu finden. Hin und wieder blickt sie ängstlich um sich, hin und wieder befreit sie sich von dieser sichtbaren Angst durch das Versinken in ihre körperlich fordernde, kraftraubende Beschäftigung. Sie gleicht einer Gefangenen, die mit der Beschäftigung mit sich selbst versucht, jene Zeit auszufüllen, die bleischwer auf ihr zu lasten scheint.

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Diese dunkle, somnambule Illusion bleibt das ganze Stück über bestehen, auch als die zweite Performerin auf die Bühne kommt. Sie fängt bald schon jenen Stuhl auf, den ihr ihre Schwester quer über die Bühne zuwirft und beginnt mit einer sehr ähnlichen, streckenweise sogar gleichen Choreografie. Auch sie hat zuweilen Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten, versucht aber immer wieder mit ihrem Gegenpart Kontakt aufzunehmen.

Was sich genau in diesem dunklen Raum zwischen den beiden Frauen in der einstündigen Performance abspielt, darf sich das Publikum auf weite Strecken selbst überlegen. Dennoch pendelt das Geschehen immer zwischen den möglichen Interpretationen eines Alter-Egos und dem tatsächlichen Spiel, dem tatsächlichen Kampf mit und gegen eine zweite Frau. Dabei nutzen die beiden aus London stammenden Tänzerinnen, die während ihrer Schulzeit Kurzstreckenläuferinnen werden wollten, die gesamte Bühne. Sie laufen in der Diagonale den Raum aus und beweisen mit jeder Menge Bodenkontakt, sowie raschen Dreh- und Hebebewegungen, wie viel Kraft in ihnen steckt. Ein fein abgestimmter Sound trägt wesentlich zur Emotionalisierung des Geschehens bei. Dass dies den beiden gelingt, ist ein wahres Kunststück. Gerade Arbeiten, die keine leicht fassliche Story erzählen, neigen dazu, beim Publikum wenig Emotionen auszulösen.

„A Night`s Game“ funktioniert jedoch anders. Es sind viele Momente, die gezeigt werden, in welchen man sich wiederfinden kann. Einsamkeit, Angst, Wut, Rivalität, aber auch Zusammenhalt und Helfenwollen – all das wird fühlbar und geht unter die Haut. Abgesehen von den vielen synchron getanzten Szenen sind es einzelne, wie jene, die eingangs beschrieben wurde, aber auch eine andere, bei der man den Eindruck erhält, dass sich in der Bühnenmitte eine Eiskunstläuferin um ihre eigene Achse dreht und eine Pirouette nach der anderen absolviert, die stark im Gedächtnis hängen bleiben.

Ist es ein Traum, ist es eine real erlebte Bedrohung, ist es der Kampf gegen das eigene Ich oder gegen eine Rivalin, mit der dann doch höchst lustvoll und lachend im Gleichschritt getanzt wird, was hier gezeigt wird? Auch, oder vielleicht gerade weil sich diese Fragen nicht endgültig beantworten lassen, stellt diese Arbeit von „Alleyne Dance“ einen großen Wurf dar, der vom Publikum zu Recht mit Standing Ovations bedacht wurde. Wie gut, dass den beiden Frauen der Shiftwechsel vom Hochleistungssport hin zur Kunst gelungen ist. Das, was sie hier vermitteln können, ist wesentlich mehr als persönliche Höchstleistungen im Kampf gegen sich und andere zu bringen. Interessant, dass sich letztlich jedoch gerade um diese Thematik herum das dramaturgische Geschehen aufbaute.

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Wohliger Gruselschauer fühlt sich anders an https://www.european-cultural-news.com/maria-metsalu-mademoiselle-x/34254/ Thu, 01 Aug 2019 19:48:36 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34254 Dass sie sich dabei in einem Zustand befindet, der als ewiger Kreislauf bezeichnet werden kann, aus dem sie nicht imstande ist, sich zu lösen, wird dabei klar.

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Maria Metsalu "Mademoiselle x" (Foto: Alan Proosa)

Im Rahmen von 8:tension, der Nachwuchs-Performance-Reihe von Impulstanz, präsentierte Maria Metsalu aus Estland ihre Arbeit „Mademoiselle X“ in den Hofstallungen des MQ.
Grundlage ihrer Performance ist die Beschäftigung mit Horrorfilmen und so schlüpft die junge Tänzerin in die Rolle einer vermeintlich Untoten. Flankiert wird sie von zwei Puppen, die Leichen darstellen sollen. In der Raummitte ist ein Bassin angebracht, das mit Theaterblut gefüllt ist und in dem sich die Performerin gleich zu Beginn in Liegeposition befindet.

Nach und nach entsteigt sie dem roten Nass und dreht ihre Runden, in Tuchfühlung mit dem Publikum, das zum Teil eine gehörige Portion vom roten Wasser abbekommt. Danach folgen Aktionen mit brennenden Kerzen, die sich die junge Frau zwischen ihre Zehen, in ihren Mund und ihr Geschlechtsteil steckt und mit Trockeneis, das sie behandschuht in das Bassin wirft, um das wallende Nebelschauspiel dann zu fotografieren. Nicht zu vergessen das Herausziehen diverser Ketten aus ihrer Vagina, die sie sich danach über ihren Oberkörper hängt. Sobald diese Szenen absolviert wurden, verschwindet Metsalu durch eine Tür ins Freie, um kurz danach wieder in den Saal zu kommen und das Schauspiel von vorne beginnen zu lassen.

Dass sie sich dabei in einem Zustand befindet, der als ewiger Kreislauf bezeichnet werden kann, aus dem sie nicht imstande ist, sich zu lösen, wird dabei klar. Man mag wohlwollend diese Wiederholungen in vielfacher Hinsicht metaphorisch deuten. Kritischer gesehen, schrumpft die Arbeit jedoch auf ein Drittel ihrer Dauer und hinterlässt weder eine wohlige Gänsehaut, noch den Anreiz, länger über das Präsentierte nachzudenken.

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