European Cultural News https://www.european-cultural-news.com Online Kultur Magazin aus Wien Wed, 22 Jan 2020 07:37:37 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.3.2 https://i2.wp.com/www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2014/03/cropped-logo_quadrat-e1396083958364-1.jpeg?fit=32%2C32&ssl=1 European Cultural News https://www.european-cultural-news.com 32 32 „Wenn Sie sich dafür interessieren“ https://www.european-cultural-news.com/heldenplatz-schauspielhaus-graz/35461/ Thu, 16 Jan 2020 12:32:42 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35461 Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

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"Heldenplatz" (Foto: Karelly Lamprecht)

Es gibt mindestens zwei Arten ein Drama zu inszenieren. Einmal, als versuche man in die Zeit einzutauchen, in der es geschrieben wurde, oder zum anderen so, als würde es gerade brandaktuell geschrieben worden sein. Franz-Xaver Mayr, Jungregisseur, aber bereits an Bühnen wie dem Burgtheater, dem Schauspielhaus Wien oder dem Theater Basel – um nur die größeren zu nennen – tätig, schafft beides zugleich. Seine Interpretation vom „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard am Schauspielhaus in Graz bleibt in der Zeit seiner Entstehung, den 80-er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber mit zwei Regie-Ideen holt er das Stück in unsere Gegenwart.

Die Geschichte um die jüdische Familie eines Mathematikprofessors, der sich wegen der politischen Zustände und dem wiederaufkeimenden Antisemitismus in Wien aus seiner Wohnung in den Tod stürzt, ist in vielen Aussagen aktueller als aktuell. Mayr hebt einige dieser Passagen mithilfe eines Biedermann- und Biederfrau-Chores hervor. Dabei erscheinen Bernhards Tiraden wie jene gegen die Politik, die Fehlbesetzungen an den Hochschulen nach dem Zweiten Weltkrieg und gegen die österreichische Zeitungslandschaft, als hätte er sie für unsere Tage verfasst. Die Idee des Chores funktioniert vor allem deswegen so gut, weil die Hoffnungslosigkeit, die Bösartigkeit, die Beschimpfungen oder die Trostlosigkeit, die in den Texten transportiert werden, keiner einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern weil man sie gut als „Stimme des Volkes“ interpretieren kann. Einem Volk, das schon zu Beginn aus einer Loge seinen Unmut über das Bernhard-Stück kundtut Einem Volk, das streckenweise zu stillen Beobachtern degradiert wird, letztlich aber eine tödliche Bedrohung darstellt.

Die zweite Idee, Bernhard aktuell zu inszenieren, geht mit dem mehrfach gestellten Angebot einher: „Wenn Sie sich dafür interessieren!“ Sarah Sophia Meyer macht dieses Angebot dem Publikum schon kurz nach Beginn, nachdem sie das Setting der Uraufführung an der Burg erklärte und den Sturm der Entrüstung, der schon im Vorfeld der Premiere ausgelöst wurde. Ganz einer allumfassenden, literarisch- und sozio-kulturellen Aufklärung verpflichtet, zitiert und verweist sie auf Sekundärliteratur, die das Werk von Bernhard von vielen unterschiedlichen Seiten her beleuchtet. Mit diesem Regieeinfall wird auch klar: Wir befinden uns hier in der post-Bernhard-Ära, in der es nicht mehr nur reicht, seine Stücke nachzuspielen. Vielmehr ist in den Jahren seit der Uraufführung jede Menge an Erkenntnis hinzugewonnen worden, hat sich die politische Landschaft in Österreich verändert und können einige seiner Aussage ohne weiterführende Untersuchungen fehlinterpretiert werden. Fein wäre es gewesen, würden diese Literaturzitate auch im Programmheft auftauchen. Das hätte nicht nur eine schöne Verschränkung ergeben, sondern hätte einen zusätzlichen Mehrwert geboten.

Als dritte, zentrale Komponente, um die sich alles rankt, bleibt das Bernhard-Stück erhalten. Herausragend wird Frau Zittel, Haushälterin und Vertraute von Professor Schuster, von Florian Köhler dargestellt. In hellblauem, knielangem Kleid mit großer, weißer Plastikmasche und Perlenkette versehen, mach diese Besetzung vor allem deswegen Sinn, weil es Köhler mit Leichtigkeit gelingt, von einer Sekunde in die andere in die Rolle des verstorbenen Hausherrn zu schlüpfen, der zu Lebzeiten ein Familientyrann war. Selbstredend, dass die Rückverwandlung in Frau Zittel genauso bravourös von einer Sekunde auf die andere gelingt. Mit der Barcarole (Liebesnacht-Duett) aus der Oper Hoffmanns Erzählungen verweist der Regisseur auch auf eine Liebesbeziehung zwischen Zittl und Professor Schuster und erklärt damit viele ihrer ambivalenten Aussagen über ihren ehemaligen Chef. Raphael Muff spielt das schüchterne Hausmädchen Herta, das sich nicht genug über die Lügen zu ihrer Abstammung wundern kann, die Zittl dem Professor aufgetischt hatte. Antizipierend, ganz auf die Wünsche von ihm zugeschnitten, hatte die Haushälterin die Biografie von Herta zurechtgebogen  – sozial so unterschichtig, dass einem der Atem dabei stockt.

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Auch der Bruder des Professors, sowie eine seine Töchter besetzt Mayr mit dem jeweils anderen Geschlecht. Julia Franz Richter verkörpert  Prof. Robert Schuster. Sie gibt einen zarten, alten Mann, der sich aus dem Tagesgeschehen schon lange zurückgenommen hat, sich mit seiner Passivität jedoch nicht von der Anklage des Mitläufertums freisprechen lassen kann. Oliver Chomik schlüpft in die Rolle der wortkargen Tochter Olga, die den Redefluss ihrer Schwester Anna ( Evamaria Salcher) stoisch über sich ergehen lässt. Der Auftritt der Witwe in der letzten Szene wird pompös in Szene gesetzt und evoziert unweigerlich Lacher. Julia Gräfner erscheint in einem schwarzen Kostüm, mit einem Baldachin über ihrem Kopf, den sie selbst, an einer hohen Stange befestigt, über sich trägt. Herrlich, wie schlagartig dieses Kostüm von Michaela Flück all das transportiert, womit dieser Charakter von Bernhard ausgestattet wurde. Ihre Theatralik, welche von der Familie schwer auszuhalten ist, vermischt sich mit einer Trauer, die mehr aus Schein denn als Sein besteht. Die Wahnvorstellungen, unter welchen sie leidet, werden gekonnt visualisiert. Zu Beginn noch subtil –  nehmen die abstrakten Wandprojektionen gegen Ende hinzu an Intensität jedoch zu.

In einem gesonderten Einschub des Chores ist auf einem Transparent eine höchst satirisch-lyrische Zustandsbeschreibung der politischen 80-er-Jahre zu lesen: „In den Waldheimen und Haidern“ prangt aus der Menschengruppe hervor, die kleine, beleuchtet Modelle von Kirchen und alpenländischen Häusern in Händen hält. Aber auch ein Wimpel von Casino-Austria ist gut zu erkennen. Unschwer zu erraten, warum.

Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

Weitere Termine auf der Homepage des Schausielhaus Graz. https://www.schauspielhaus-graz.com/

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Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt https://www.european-cultural-news.com/fuer-mich-hat-kunst-immer-einen-heilsamen-effekt-gehabt/35435/ Wed, 15 Jan 2020 20:28:17 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35435 KATHARINA REICH wurde 1980 geboren und durchleutet als freischaffende Künstlerin unkonventionell ihr Umfeld. Daraus entwickelt sie interdisziplinäre Arbeiten wie gefilmte Performances, am Körper tragbare Skupturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie und Kunst und Podiumsdiskussion mit Interatkionsspielraum etc. Es geht ihr um das Wahrnehmen des Ichs im Gefühl, im Erfühlen.

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Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt

Von Michaela Preiner

Katharina Reich (Foto: Walter Oberbramberger)
15.
Jänner 2020
KATHARINA REICH wurde 1980 geboren und durchleutet als freischaffende Künstlerin unkonventionell ihr Umfeld. Daraus entwickelt sie interdisziplinäre Arbeiten wie gefilmte Performances, am Körper tragbare Skupturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie und Kunst und Podiumsdiskussion mit Interatkionsspielraum etc. Es geht ihr um das Wahrnehmen des Ichs im Gefühl, im Erfühlen.

Seit einigen Jahren fokussiert sie sich vermehrt auf Kooperationen mit unterschiedlichen Netzwerken, die sich mit unterschiedlichen transkulturellen Haltungen beschäftigen. Kunstschaffende, Menschen von Nebenan – die unmittelbaren Nachbarn‐ genauso wie Universitäten, Museen und Galerien oder Off spaces sind Teil ihrer Arbeit. Sie tritt bei Diskussionen auf und bringt unbequeme und schwierige Themen mit Fingerspitzengefühl in den Dialog ein.

Sie hält Vorträge zum Thema der mütterlichen Gewalt an der Tochter, ist als Frauenrechtsaktivistin und freischaffende Künstlerin tätig. Sie ist selbst Betroffene von mütterlicher Gewalt. Reich hat die Gruppe MüGeAnTo gegründet und leitet sie. Ihre Gewalterfahrung verarbeitet sie in ihrem Werk seit 1996.

Wie bist du denn zur Kunst gekommen? Wusstest du schon lange, dass du Künstlerin werden wolltest oder kam das step by step?

Ich war schon in der Volksschule beim Zeichnen die Beste. Vor 10 Jahren hatten wir ein Volksschultreffen und dafür hatten wir ein Buch mitgebracht, dass wir in der Schule gemacht hatten. Als wir das angeschaut haben, haben meine Kolleginnen und Kollegen gesagt: „Das war klar, dass du Künstlerin werden würdest.“ Die anderen haben die Haare als Strich gezeichnet, wenn die Haare zu einem Knödel gebunden waren, dann war es bei ihnen eine Kugel. Bei mir sind noch die feinsten Haare im Detail gezeichnet gewesen oder die Falten und der Stoffwurf bei den Blusen. Es war schon absehbar.“

Gibt es in deiner Familie Künstlerinnen oder Künstler?

Ja schon. Zwar hat niemand auf der Akademie ein Studium abgeschlossen. Es gab aber einen Ur- oder Ururgroßonkel, der angefangen hatte, Malerei zu studieren, aber ihm kam der Erste Weltkrieg in die Quere. Sonst gibt es viele Handwerker und viele Leute aus der Textilbranche. Daraus erkläre ich mir heute die Taktilität, die haptischen Momente und die feinen Arbeiten in meinen Werken. Ich glaube, das sinnliche Ertasten wurde über Generationen weitergegeben. Ich trage die textile, weiche Empfindsamkeit der Stofffabrikantenseite in meiner Familie in mir und die mechanisch-metallische Seite der Uhrmacher. Kurz: Ich bin neugierig auf das Erkunden von Materialien und das daraus Schaffen.

Wenn du deine Kunst beschreiben müsstest – wie würdest du das kurz und bündig tun?

Es gibt zwei Bereiche. Zum einen entwickle ich Kunstwerke über den Dialog – das ist die geistige Ebene. Das andere ist, dass mir die Materialität eine Sicherheit gibt.

Welche Art von Dialog meinst du?

Das kann zum Beispiel ein Dialog mit der Marktstandlerin vom Naschmarkt sein. Ich kenne den Naschmarkt, seit ich ein kleines Mäderl war. Ich bin dort in der Ecke von Wien aufgewachsen. Wenn ich da zum Beispiel mit einer Standlerin über einen Kartoffelhändler rede, dann kommt was über Kartoffeln. Ich kann jetzt für dich als Steirerin eine Brücke nach Graz zur Synagoge schlagen, in der ein großes Mobile von mir hängt. In dieser installatativen Arbeit geht es um Knollenfrüchte und ihre Speicherkapazität. Die Grundidee kam tatsächlich beim Gehen über den Naschmarkt. Man kann die Pflanze oben abschneiden, aber die Knolle hat die Lebensenergie und wird wieder austreiben. Das ist für mich das Sinnbild des Judentums, aber man kann das auch in der frühen Christenverfolgung genauso sehen. Da gab es ja auch starke Widerstände. Auch in diesem Kunstwerk mit dem Titel „verwurzelt“ ist viel Taktilität enthalten. Das Mobile hat viel mit Architektur zu tun, man muss es statisch austarieren, damit es funktioniert. Ich habe es aus Aluminiumrohren gebaut. Das Mobile hat 3,5 Meter Durchmesser und ist 8,5 Meter lang und mit Stahlseilen verbunden. Daran hängen runde Elemente, die ich aus Papiermachée geformt habe. Das alles bewegt sich im Raum. Wir müssen als Menschen im Dialog ja auch beweglich sein. Auf diese Arbeit bin ich heute noch stolz und würde sie auch heute noch so abliefern wie damals. Die raumgreifende Installation „verwurzelt“ ist aus dem Jahr 2005.
Foto und Konzept mit Zeichnung
„verwurzelt“, 2005 • Fotos: Katharina Reich

Gibt es ein bestimmtes Thema, das sich in deiner Kunst durchzieht oder arbeitest du situationsbezogen?

Natürlich gibt es meine Familiengeschichte, aus der ich schöpfe, aber es ist sehr unterschiedlich, in welchen Präzessionen oder Details sie tatsächlich herauskommt. Eigentlich ist das ein trauriger Teil von mir, aber ich habe gelernt, dass ich daraus auch viel Sicherheit herbekomme. Die liegt eigentlich immer unter allem drunter. Ich hatte die Sicherheit im Familienhintergrund nicht, aber übers Greifen, die Haptik, bin ich selbst zur Sicherheit gekommen.

Das Wort helfen kommt bei dir oft vor, wenn man länger mit dir spricht. Hat Kunst auch einen therapeutischen Wert für dich?

Ja klar! Da komme ich selber ja auch her. Ich glaube ohne Kunst wäre viel von dem, was ich heute mache, gar nicht möglich gewesen. Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt. Auch meine Körper- und Schmuckskulpturen haben mir immer Halt gegeben. Wenn es in meiner Familie ohne Halt ganz schlimm war und ich mich ganz elend gefühlt habe, habe ich mir Glasperlen aus einem Schuhkarton ausgeleert und meine Finger darin untertauchen lassen. Das habe ich lange machen können, das Gefühl der Perlen, sie durch die Finger rinnen zu lassen hat mich beruhigt. Ich habe bis heute diese Kiste und bringe es auch nicht übers Herz sie herzuschenken. Ich mache auch nichts damit, aber die Kiste gibt es noch. Die wandert von Wohnung zu Wohnung und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Vielleicht gibt es irgendwann einmal Kinder, die damit etwas machen.

Hat sich deine Kunst im Laufe der Jahre ideell oder materiell verändert oder sich sukzessive weiterentwickelt?

Ich bin grundsätzlich ein sehr dynamischer Mensch und probiere gerne Neues aus. Die Materialien, die ich verwendet habe, haben sich aus verschiedenen Lebensphasen ergeben. Nehmen wir z.B. die Assemblagen her. Das sind dreidimensionale Collagen, die auch etwas Architektonisches an sich haben. Die habe ich angefangen, weil ich die Plastiktassen, den Abfall unserer Gesellschaft, so ästhetisch gefunden habe. 2001 habe ich damit begonnen und arbeite bis heute fortlaufend noch daran. Meine Großmutter hatte ein Faible für die Vogue. Da waren immer wahnsinnig ästhetische Fotos drin. Sie kam aus einer Textilfabrikanten-Familie und hatte natürlich einen tollen Zugang zu Textilien und tolle, schöne Kleidungsstücke gehabt. Immer wenn sie in Wien war, sind Vogue-Hefte übriggeblieben. Und ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen, weil sie einfach so schön waren. Die Zeitungsartikel habe ich aus meinem feministischen Erleben heraus schwachsinnig gefunden, aber ich konnte aus den Fotos etwas bauen. Habe sie ausgeschnitten und kleine Welten daraus gebaut. Noch heute baue ich immer wieder kleine Welten.
Assemblagen, seit 2001 laufende Arbeitsserie • Foto: Katharina Reich

Ist dieser Vorgang so etwas wie sich selbst Entwelten und aus der Welt flüchten?

Wenn ich Kunst mache, vergesse ich Raum und Zeit. Ich habe auf meinem Telefon eine Erinnerung für zu Mittag eingerichtet, damit ich nicht aufs Mittagessen vergesse. Denn wenn ich einmal im Tun bin, kann das bis zu 12 Stunden gehen. Ich tauche dann so ein, dass ich Raum, Zeit, alles um mich vergesse. Ich höre nichts mehr. Ich bin ganz bei mir.

Die Assemblagen und die Auftragsarbeit „verwurzelt“ in der Grazer Synagoge sind vom Ansatz her ganz unterschiedlich. Die eine Arbeit ist raumbezogen und in einen sozialen Kontext eingebunden und die anderen Arbeiten stammen aus deinem Innersten, aus dem Wunsch, etwas für dich selbst zu machen. Wie sieht das im Kunstbetrieb für dich aus? Wenn du etwas nur für dich machst, heißt es noch lange nicht, dass das auch jemand kauft. Wie gehst du damit um?

Das ist eine schwierige, gefinkelte Frage. Ich kann Schmuckstücke machen, die gefällig sind, die sich gut verkaufen, aber nicht unbedingt von Herzen kommen würden.

Wie kamst du zum Schmuckststücke-Machen?

Ich habe die Kunstschule Herbststraße gemacht und komme aus einer alten Uhrmacherdynastie. Da war Goldschmieden auch immer so ein bisschen ein Teil davon. Ich bin die, die gesagt hat, Uhrmacherin möchte ich auf keinen Fall werden, aber mit Schmuck hatte ich von Klein an zu tun.

Die Platzpatronen, die wir in meiner Kindheit verwendet haben, hatten Ringe und ich habe die Ringe alle rundherum abgebrochen, bis auf einen. In den habe ich einen Kieselstein hineingesteckt. Der Ring war natürlich einen Kilometer zu groß für meinen kleinen Kinderfinger, aber er war mein erstes konzeptuelles, performatives Schmuckstück.

Was den Verkauf meiner Arbeiten betrifft, probiere ich viel aus, schaue wo sind Leute, wo das hinpasst, wo muss ich mich am wenigsten verbiegen und wo muss sich das Gegenüber am wenigsten verbiegen. Ich mache das schon lange und da bekommt man dann schon auch ein gewisses Gefühl dafür. Ich glaube ganz fest daran, dass authentisch Sein und authentisch Arbeiten langfristig besser wirkt als anbiedern und Gefälliges machen.

Schmuckserie „angst mit liebe ersetzt“, 2019 | foto: thomas gobauer/ bildkonzept: katharina reich

Du hast bei deiner Schmuckproduktion eigene Serien entwickelt.

Grundsätzlich ist es so, dass ich mir jedes Mal ein anderes Material heranziehe und mit dem arbeite. Das Ziel dabei ist immer eine Serie. Ich mache das seit 7 Jahren, jedes Jahr kommt eine Serie heraus. Dabei arbeite ich mir eine Materialidee in einer Experimentalphase zurecht, bis es ganz konkret ist. In einer Serie ging es zum Beispiel ums Ausprobieren, was kann ich an Größe erzeugen, was kann ich hart und gleichzeitig weich bei Textilien machen. Das war die Voraussetzung. In dieser Serie habe ich Textilien gepresst, geknotet und geknüpft, gewickelt, geflochten, sie genäht, zu Quasten geformt. Was mir wichtig ist, ist, dass die Komposition am Ende ganz ästhetisch ist. Wenn es bei mir schon wehtun anfängt, dass ich es nicht hergeben möchte, dann ist eine Arbeit für mich fertig.

Du hast auch eine Serie mit Fahrradketten gefertigt. Die hat etwas mit deiner Zeit als Fahrradbotin zu tun.

Ja, genau. Ich hatte die Idee eine Ausstellung mit Material zu machen, das ich von Freunden bekommen habe, die ich aus meiner Zeit als Radbotin, aber auch aus der Kunstschule gekannt habe. Ich bekam bunte Teile aus Radketten. Ketten sind Teile, die sich sehr schnell abnutzen und es gibt auch bunte Radketten, die auf die entsprechende Länge, die gebraucht wird, gekürzt werden können. Da blieben dann von einem Freund bunte Reste übrig, die er mir geschenkt hat. Von einer Freundin habe ich Stoffreste bekommen, die beim Fertigen ihrer Textilien übriggeblieben sind. Daraus habe ich Kugeln geformt und gewickelt, die dann später in einer Weiterentwicklung noch in die Textilserie eingeflossen sind.

Das bedeutet, wenn man von dir ein Stück Schmuck kauft, hat man auch ein Stück Lebensgeschichte von dir.

Ja, das ist immer wichtig in der Kunst. Da steckt immer ein Stück Geschichte drin. Wenn ich mir im Urlaub etwas kaufe, habe ich ein Stück Urlaub drin. Wenn ich mir eine Katharina Reich kaufe, kaufe ich ein Stück Geschichte und ein Objekt, das einen Hintergrund, einen Inhalt, eine Dichte hat. Ich glaube, das ist etwas Wichtiges.

Würdest du einen Wiedererkennungswert in deinen Arbeiten sehen?

Die Frage würde ich gerne an dich zurückgeben! Vielleicht siehst du etwas?

Du machst ja viele verschiedene Dinge. Du malst, machst Objekte, Schmuck, Fotoarbeiten, Performances, es gibt auch Lyrik. Die bildende Kunst hat sich ja in alle Richtungen hin geöffnet bis hin zur Aussage, dass ein Wiedererkennungswert nicht mehr vorhanden sein muss. Der Wiedererkennungswert kann sich ja auch in einer Idee manifestieren, die dann von einem Künstler oder einer Künstlerin in alle möglichen Richtungen hin ausgeschlachtet wird. Aber wenn ich konkret noch einmal die Frage stelle, woran man deine Kunstwerke im ersten Moment erkennen kann, was würdest du drauf antworten?

Es ist die taktile und haptische Ebene, die hat jede Arbeit. Das ist egal, ob ich eine Performance mache, die auch mit haptischen Objekten arbeitet, die ich baue, und dem Publikum hinstelle, um angegriffen werden zu können. Oder: Wenn ich meine Schmuckobjekte, die ich am Körper trage und die wie kleine Skulpturen sind, führt das regelmäßig bei Ausstellungen dazu, dass ich beobachte, dass Leute diese ausgestellten Skulpturen angreifen und sie mit ihren Händen be-greifen wollen. Dann komme ich daher und schmunzel, worauf es die jeweilige Person reißt, ich aber gleich sage: „Nein, nein! Das soll ja so sein! Wollen Sie das probieren?“ Meine Arbeit erfolgt über diese Grenzüberschreitung und der Lust am Greifen. Das Fühlen, Greifen und Be-greifen hat auch etwas mit Loslassen zu tun. Lassen, loslassen, einlassen.

Das Körperliche an sich ist für dich total wichtig.

Ja, genau.
performance „(un)schuldig, 2019 • Foto: Werner Hartinger

Gibt es Arbeiten, auf die du heute, auch wenn du sie schon länger gemacht hast, noch ganz stolz bist?

Eines ist ein Ring, der in Augform gestaltet ist. Das ist eine ganz frühe Arbeit aus dem Jahr 1997. Er ist aus Edelstahl und von der Seite her bildet er eine Augenform, durch die ich mit dem Finger schlüpfen kann. Die Augform verbindet meine Arbeit immer wieder, kommt seit dem Beginn meiner Arbeit immer wieder vor. Mich freut das immer noch, dass ich schon damals, als ich 16 war, die Form Kopf und Bauch zu verbinden, gefunden habe. Wir haben die Augen, den Mund – das sind elementare Sinnesorgane, die diese Augform haben. Der Mund hat ja auch eine Augform. Und wenn wir als Frauen zwischen unsere Beine schauen, haben wir auch eine Vagina, bwz. die Vulva mit einer Augform. Das sind drei ganz wesentliche, elementare Sinnesinstrumente des weiblichen Körpers. Da bin ich stolz drauf, dass ich das so früh schon begriffen habe. Aber auch die one-minute-drawings machen mir viel Freude. 2017 war ich in Los Angeles und dachte mir: „Verdammt noch mal, ich weiß nicht mehr, ob ich noch zeichnen kann!“ Ich war alleine unterwegs und wenn es zu heiß wurde und ich mir einen Kaffee gegönnt habe, bin ich vor irgendwelchen, lustigen Gegenständen gesessen. Da habe ich dann die Zeit totgeschlagen und da kam mir die Idee zu schauen, ob ich noch zeichnen kann. Denn meine Skills waren eingerostet und ich wollte sie wieder vertiefen. Dann habe ich die Objekte, die vor mir waren, angefangen abzuzeichnen, mit der Prämisse: In einer Minute muss es fertig sein! Ich habe ein Notizbuch gehabt, das aber nicht immer die richtige Größe hatte wie zum Beispiel für ein Glas, das auf eine Seite vom Format her nicht drauf gepasst hat. Aber auf den Zahlbon, da ging es sich aus. Dann habe ich den hergenommen. Beim nächsten Mal habe ich einen Bleistift gezeichnet, den die Serviererin am Tisch vergessen hatte. Und so ist diese, ganz einfache, taktile, schon bildhauerische Arbeit der one-minute-drawings entstanden. Es gibt auch eine Performance, bei der ich das zeige. Das Publikum bringt ein Alltagsobjekt mit wie Brillen, oder einen Schlüsselbund – der ganz schön anstrengend war in einer Minute zu zeichnen. Man kann sich aus einer Schale mit unterschiedlichen Papieren, die von meinen Reisen stammen, das Objekt draufzeichnen lassen. Das letzte Mal hat sich eine Frau, eine Schweizerin, den Schlüsselbund von der Wohnung ihrer Freundin aus Wien zeichnen lassen. Dann waren sie sich nicht sicher, ob sie die Zeichnung ganz lassen würden oder ob die sie halbieren und jede in ihrer Wohnung eine Hälfte aufhängen würden. Das war mir zwar nicht so recht, aber zugleich auch ein richtiger Lernprozess. Für mich ist es elementar, dass die Person, die ein Kunstwerk von mir zu sich nimmt, das auch wertschätzt.
Zeichenperformance „one-minute-drawings“, seit 2017 • Foto: Walter Oberbramberger

Du schreibst auch. Seit wann machst du Lyrik?

Seit 15 Jahren. Ich habe das lange für mich behalten, dass ich Lyrik schreibe. Das kam aus einem Reinigungsprozess heraus. Lyrik ist ein Feld, das etwas exotisch daherkommt. Ich habe lange Rilke verehrt, mag seinen Panther sehr gerne. Ich mag auch den Christian Morgenstern. Das sind große Lyriker, die mir sehr zugetan waren. Irgendwann habe ich rausgefunden, dass ich mich in Gedichten ausdrücken kann, wenn ich Schweres am Herzen hab. Die schüttel` ich in einem absolut reinen Reimschema in 10 Minuten raus. Das geht einfach so. Natürlich arbeite ich dann schon zwei, drei Mal noch drüber, wenn ich merke, dass es noch holpert. Aber mit diesen lyrischen Dingen arbeite ich auch ins Musikalische hinein. Ich singe ja auch in Chören und ich möchte irgendwann auch das Lyrische mit dem Musikalischen verbinden.
axelhaare | titel             28.11.2018                                                                        copyright by katharina reich

die haare in meiner axel haben mich lange beschäftigt
ich find sie bei anderen frauen prall wunderbar mächtig!
doch wie ist das bei mir? ich versuchte es mit wachsen
und hab´s bis auf cirka fünf milimeter gebracht. faxen!
dann hab ich den rasierer genommen und ab damit..
die axel nackig und ich war wieder am glatzigen limit.

auf´s neue plagten mich gedanken, feministin bin ich
da möcht ich axelhaare in meiner axel, am tageslicht
ich habe überlegt, bin ich weniger frau ohne haare da?
hm. schwierige frage, aber irgendwann sagte ich: ja.
ich trag sie seitdem abrasiert und freu mich für frauen,
die ungeniert ihre axelhaare frei wachsend ausbauen.

das ist nun mein sinnbild für meine toleranz in mir.
ich wünsch mir das auf viel umgelegt im jetzt und hier
denn ob axelhaare ja oder nein, es geht um´s frau-sein.
hier unter frauen mit und ohne axelhaaren. ja, herein!
fortschritt ist für mich vielfalt von weiblichkeit und kraft.
ich stehe voll in meinem frau-sein da, im weiblichem saft.

egal ob kringellocke, rothaarig, dunkel, schräg oder hell,
ich mag hören, wer ihr seid und verstehen, einfach grell!
leben heißt sterben, mein selbst braucht andere, existenz.
…das weiß ich zumindest seit krebs. das war die konsequenz.
ich fühle mich selbst, nicht als eine fremde, sondern als frau.
genauso fühle ich mich selber in meinem hier, himmelblau?

Hast du schon etwas veröffentlicht?

Nein, aber das möchte ich gerne. Ein Gedichtband wäre schön. Ich habe ja schon ein paar Hundert, da kann ich schon etwas aussuchen. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt gibt es alles, das ganze menschliche Spektrum. Sie sind sehr persönlich, weiblich, vom Genre her auch feministisch, oft mit viel Augenzwinkern ausgestattet.

Wenn du im Kunstbetrieb etwas verändern wolltest, wo würdest du denn da ansetzen?

In der Fairness mit Frauen. Wir sind sicher bei 50:50 weibliche und männliche Kunstschaffende. Wenn wir aber anschauen wer weltweit oder am österreichischen Galerienmarkt ausgestellt wird und ich sehr wohlwollend bin, sage ich 80:20. Soweit ich weiß, ist die Vertretungsebene aber trotzdem bei 90 Prozent männlich und 10 Prozent weiblich. Wenn ich die Möglichkeit hätte, da etwas zu verändern, wäre das für mich ein großes Anliegen, den Frauenanteil auf 50 Prozent Marktanteil bei Galerien zu bekommen.

Ich arbeite selber im solidarischen Bereich mit Frauen. Das ist mir in meiner eigenen und Netzwerkarbeit ganz wichtig und ich arbeite in dem Bereich aber auch mit Männern zusammen, um da etwas dazu beizutragen. Ich kann zwar etwas ankreiden, aber ich muss schon selber meinen Hintern bewegen. Über diese zwei Ebenen und den Kunstunterricht kann ich etwas bewegen. Bei den Kindern kann ich ganz klar Geschlechterkontexte aufbrechen und tue das auch. In einem Workshop war ein kleiner Bub dabei, der stark in Rollenbildern verhaftet war und nichts vom Dritten Geschlecht gehört hatte. Ich habe dann eine Geschichte erzählt, in dem ein Wesen des Dritten Geschlechts vorkam, das war ein gelber Frosch. Da hat der Bub dann gefragt, wie denn das Wesen denn heißen könnte. Das fand ich eine super Frage, und hab die Kinder animiert, gemeinsam eine Antwort zu finden. Dann kamen Aussagen zu Namen, die Buben und Mädchen gleichzeitig haben, aber sie kamen auf die Idee eines Doppelnamens. So wurde das zweigechlechtliche Wesen zu Freda-Tom. Mit Studierenden habe ich einen Schmuckworkshop gemacht, zu dem auch Männer kamen. Ich versuche die klaren, festgefahrenen Rollenaufteilungen beim Arbeiten aufzubrechen. Da kann ich auch konkret Gesellschaft verändern.

kinder mit eigenen arbeiten, 2019 • Foto: Katharina Reich
erwachsene mit selbstportrait, 2019 • Foto: Katharina Reich

Du unterrichtest ja auch und gibst Kurse für Kinder und Erwachsene. Ist das Weitergeben des taktilen Sensoriums für dich auch etwas Wichtiges?

Da ist eine neue Facette für mich entstanden. Das Unterrichten hängt davon ab, welches Setting an Leuten ich habe. Bei Kindern ist es wieder anders. In einem Kurs waren 6-Jährige, die gemeinsam mit 8-Jährigen in einem Kurs auf der Angewandten waren. Die hatten eine Bandbreite an Können und Aufmerksamkeit, aber auch an Nicht-Aufmerksamkeit. Die Kleineren können ganz lange in einem Material bleiben. Aber mit der Aufmerksamkeit, um etwas umzusetzen, hapert es noch. Vielleicht ist das aber auch gut, weil sie noch einen sehr elementaren Zugang haben. Die 8-Jährigen bleiben schon eher dabei, aber die Ursprünglichkeit ist bei ihnen schon ein bisschen weg. Für Erwachsene gab ich einen Zeichenkurs, in dem es um Portraits und Ganzkörpererfassen ging. Da habe ich gesehen, dass es Leute gibt, die ganz weit weg von sich sind und behaupten, dass sie nicht zeichnen könnten. Ich habe einer Dame gesagt, dass ich das nicht glauben würde, weil ich weiß, dass jeder zeichnen kann und ich habe ihr gesagt: „Du wirst ja einen Grund haben, warum du gekommen bist.“ Im Endeffekt hat sie am Ende etwas ganz, ganz Schönes gesagt: „Danke! Ich kann mich jetzt besser fühlen!“. Und da sind wir wieder bei mir. Ich versuche es einfach übers Fühlen, aber auch übers Freilassen und den anderen Raum geben und ihnen vermitteln, dass sie die Kraft in sich haben. Ich schau immer mehr, dass ich die Schülerinnen und Schüler, die ja auch mir einen gewaltigen Teil beibringen, möglichst viel Raum gebe, dass sie sich selbst erfahren können. Ich habe den Erwachsenen gesagt, dass sie sich gegenseitig auch ihre Zeichnungen zeigen sollten. Da hat man dann gesehen, dass ein Ferdinand irrsinnig toll schattieren konnte, aber er hatte Probleme bei Feinheiten mit dem Stift eine genaue Kontur zu ziehen, das war nicht seine Stärke. Die Renate hat mit dem harten Bleistift ganz fein vorzeichnen können, hat dann aber Mut gebraucht, eine Linie mit dem weichen Bleistift nachtzuziehen, um dem dann Tiefe zu geben. Die nächste hat ein wunderbares Porträt mit tollen Haaren gezeichnet. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Das war die, die sagte, dass sie nicht zeichnen kann. So hat jeder Mensch Stärken. Ich freue mich, wenn ich diese Stärken mit den Teilnehmenden gemeinsam herausfinden kann. Wenn sie dann rausgehen und eine Arbeit mitnehmen, durch die sie eine neue Fähigkeit an sich entdeckt haben.

Das erinnert mich ein wenig an die mittelalterliche Gewaltenteilung in der Kunst. Einer war spezialisiert auf Landschaften, ein anderer auf Porträts, der Dritte hat die Architektur gezeichnet. Haben sich die Teilnehmenden auch ergänzt oder nur voneinander gelernt?

Ich habe sie dazu angehalten zu schauen. Das mache ich auch bei den Kindern. Wenn ich 12 8 bis 10-Jährige habe, kann ich mich nicht gleichzeitig allen widmen. Dann versuche ich schon, die die flotter sind anzuhalten, den anderen zu helfen. Das gibt ihnen auch Kraft in der Selbstermächtigung. Eigentlich ist für mich das Ziel bei den Kursen, dass die Leute ins Selbstaktive hineinkommen. Ich möchte keine Kurse anbieten, in denen ich Leute jahrzehntelang unterrichte, wie sie es machen sollen. Eigentlich ist es mein Ziel, dass sie dahin kommen, dass sie selbst weitertun und das auch nach außen tragen. Vielleicht kann man so im Endeffekt und im Idealfall die Gesellschaft in einer Form verändern, in dem man den Menschen das, was wir jetzt im System haben, nämlich das Wegbringen von unserer Körperlichkeit, rein mit dem Kopf arbeiten, viel sitzen, viel am Computer sein verändern und Menschen wieder aktivieren. Das ist eine meiner Zielsetzungen. Ich möchte Menschen das Fühlen zeigen.
Ausstellungen u.a.: in Zusammenarbeit mit Lentos/Linz, Kooperation mit MQ/Wien, Ankauf jüdisches Museum Wien / Synagoge Graz, Gemeinschaftsarbeit mit J. Gallauer, G. Gava und T. Gobauer, Vertreten in der Sammlung ITS/Triest, Performanz Kooperation Donaufestival / Krems, Kooperation mit Werk X und den Brutpflegerinnen, Podiumsdiskussion und Ausstellung Akademie der Bildenden Künste / Wien, Arnulf Rainer Museum/ Baden; Sie ist Mitglied bei EOP und Abgängerin der Akademie der Bildenden Künste und der Universität für Angewandte Kunst
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Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler https://www.european-cultural-news.com/vom-gstoerten-buam-zum-bundeskanzler/35373/ Tue, 07 Jan 2020 14:37:09 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35373 Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend.

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"Marizza staubt ab" (Foto: Nathan Murrell)

Eine Doppelconference ist es nicht – und doch bringt Regina Hofer in ihrem neuen Kabarett „Marizza staubt ab“ etwas ganz Ähnliches auf die Bühne. Der Unterschied zum herkömmlichen Genre, bei dem sich zwei Personen über gesellschaftliche Themen auf humorige Art und Weise unterhalten ist: Die Kabarettistin schlüpft selbst in zwei Rollen, jene der „Hausperle“ Marizza und ihrer Chefin, einer Frau Doktor, die spezialisiert darauf ist, Menschen den richtigen Platz in ihrem Leben zuzuweisen. Letztere hatte das Glück, in der obersten Reihe der vergangenen Türkis-Blau-Regierung werken zu dürfen.

Der Abend beginnt romantisch-naiv mit einem Rückblick auf das bewegte Leben von Marizza, das sie erzählt, während sie die Staubfetzen auf der Bühne entfernt. Ihr erster Beruf als Zirkustänzerin wurde schlagartig obsolet, nachdem ihr Mann, der Direktor des Wanderzirkusses, in einer Löwen-Verkleidung beim Sprung durch einen Feuerreif starb. Alleine die launige Schilderung dieses tragischen Ereignisses beschert dem Publikum einen Lacher nach dem anderen. Als sie aber danach die Bühne für ihre Chefin räumt, die in Seminar-Attitüde eine psychologishe Grobeinteilung des Publikums in Zwanghafte, Depressive, Hysteriker und Narzissten vornimmt, kommt man aus dem Amusement nicht mehr heraus.

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Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend. Die von ihr erfolgreich durchgeführte Wandlung eines „gestörten Bubens“ hin zu einem österreichischen Kanzler mag man noch etwas skeptisch verfolgen. Das Hinaufhieven des ehemaligen Innenministers auf ein Pferd hingegen, mit dem all seine Minderwertigkeitskomplexe wie weggeblasen schienen, stellt sich dann schon als eine strategische Meisterleistung der Beraterin dar.

„Marizza staubt ab!“ (Foto: Nathan Murrell)

Regina Hofer, ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie ist auch Psychoanalytikerin, Gruppenpsychoanalytikerin und Supervisorin. Zwar hausiert sie mit ihrem Wissen nicht in ihrem Kabarett, dass sie aber über eine enorme Menschenkenntnis und eine überbordende Intelligenz verfügt, steht außer Frage. Der Grundgedanke, dass eine intelligente Frau Strippenzieherin hinter den Regierungsverantwortlichen ist, ist köstlich und ermutigend zugleich. Was diese an strategisch-intellektuellen Volten vollführt, gleicht Marizza mit ihrer überbordenden Lebensfreude und Sangeslust locker aus. Der dramaturgisch gekonnt in die Länge gezogene Schlussapplaus, der dem Publikum nicht lästig wird, sondern ein letztes, wonniges feel-good-Erlebnis beschert, beendet den Abend adäquat.

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Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert https://www.european-cultural-news.com/burgtheater-der-nackte-wahnsinn/35317/ Mon, 06 Jan 2020 20:00:34 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35317 „Der nackte Wahnsinn (noises off)“, so der gesamte Stücktitel, ist ein Glücksfall für die Burg und könnte sich zu einem Dauerbrenner entwickeln.

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Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Michaela Preiner

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Du legst auf und nimmst die Sardinen mit!“ So schallt es stimmgewaltig vom Balkon in Richtung Burgtheaterbühne. Dort probt Sophie (von Kessel) ihren ersten Auftritt für das Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Martin, den Regisseur, gespielt von Norman Hacker, hält es nicht länger auf seinem Beobachtungsposten. Schnellen Schrittes durchquert er die Gänge, während er immer wieder seine Regieanweisung brüllend wiederholt und landet schließlich im Parterre. Von dort aus dirigiert er nun das Geschehen des ersten Aktes nah an der Bühne.
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Martin Kušej inszenierte das Stück als sein letztes am Münchner Residenztheater und übernahm es zu Silvester 2019/20 an die Burg. Wer meint, bei dieser atemberaubenden Komödie könne man nichts falsch machen, irrt. Was der Text an vermeintlich wenig Tiefgründigem und Nonsensgespicktem hergibt, gilt es durch geschickte Regie und schauspielerische Leistung auszugleichen oder zu betonen. Beides ist Kušej gelungen.

Glaubt man zu Beginn beinahe, sich in einem falschen Theater zu befinden, so Burgtheater-untauglich und seicht beginnt die Farce, weiß man am Schluss, warum es hier doch gut aufgehoben ist. Michael Frayn lieferte damit ein Meisterstück mit mehreren Interpretationsebenen ab, die bis hin zur philosophischen Fragestellung rund um die Selbst- und Fremdbestimmung und den Schein und Sein des Lebens geht. Seine Charaktere, darauf bedacht, auf der Bühne eine gute Figur zu machen, gleiten im Laufe des Geschehens in ein Chaos, das sie nicht mehr beherrschen können und verlieren darin nicht nur die Kontrolle, sondern einige von ihnen auch ihr Gesicht. Frayn beherrscht dabei die Kunst des intellektuellen Understatements perfekt und überlässt erweiterte Deutungen den Zusehenden, so sie dazu willens sind. Abgesehen von diesem aufregenden Text und dem Bühnenbild, gestaltet von Annette Murschetz, das „sauteuer war, aber billig aussieht“, wie der Regisseur moniert, ist es das Ensemble, das den Abend zu einem Glücksfall macht.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Sophie von Kessel glänzt als Frau Klacker in einer charakterlichen Verwandlung, die sich über die drei Akte hinzieht. Darin entwickelt sie sich von einer mittelmäßig motivierten Schauspielerin hin zu einer psychisch angeschlagenen Trinkerin, der man nicht nur ihre seelischen, sondern auch körperlich zugefügten Blessuren ansehen kann. Ihr Kontrapart, Roger Trampelmann alias Till Firit versucht trotz aller Feindseligkeiten und Intrigen, die sich während des Stückes aufbauen und sich ins schier Unendliche steigern, auf der Bühne dennoch ein Profi zu bleiben. Schwer möglich, wenn es dahinter zugeht wie in einem Affenstall.

Frayns versah seine Charaktere mit tiefgründigen Seelen-Einblicken, in welchen es nur allzu sehr menschelt. Eifersucht, Hass, Neid bilden schon im zweiten Akt ein unheilige Mengenlage, die sich bis ins Finale noch furios steigert. Dass es dabei zu höchst witzigen Einlagen kommt, liegt bei diesem Genre auf der Hand.

Großartig, wie dabei Thomas Loibl als Franz Xaver-Hötz seine Hosen runterlässt und so die Treppe in den ersten Stock des Hauses nach oben hüpft. (Kostüme Heide Kastler) Als Steuerflüchtling darf er sich mit seiner Frau, dargestellt von Katharina Pichler, in seiner Immobilie eigentlich nicht blicken lassen und evoziert dadurch jede Menge Verstrickungen. Auch wie er sich immer wieder Taschentücher in die Nase stopfen muss, weil er vor lauter empathischer Anteilnahme an Grausamkeiten daraus zu bluten beginnt, ist einfach nur köstlich. Mit Loibl wurde diese Rolle ideal besetzt, steht doch seine stattliche Erscheinung, durch ein zusätzliches, großes Gebiss noch verstärkt, in direktem Widerspruch zu seiner zarten Seelenbesaitung.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Genija Rykova, die als amouröses Abenteuer von Till die Szenerie in schwarzer Bikini-Unterwäsche belebt, hält man von Beginn bis zum Ende in jedem Augenblick wirklich für so dumm, wie es ihr die Rolle vorschreibt. Daran kann man erkennen, wie hoch ihre schauspielerische Leistung hier ist.

Paul Wolff-Plottegg erfüllt herzerwärmend den Part des Alkoholikers, der einen Einbrecher gibt und seine Kolleginnen und Kollegen bei jeder Vorstellung in Angst und Schrecken versetzt, wenn er nicht rechtzeitig gesichtet wurde. Dieser Mann, der seine seelische Verletzbarkeit offen zur Schau trägt, ist der einzige Charakter, der den Irrsinn, der sich ausbreitet, ohne weitere Blessuren übersteht. Ein wunderbarer, dramaturgischer Kniff, das Positive am Menschsein ausgerechnet an einem stillen Alkoholiker festzumachen, der den Wirren des Alltags komplett entrückt zu sein scheint.

Mit der Regieassistentin Mechthild (Deleila Piasko und Herrn Klemt, einem Inspizient, (Arthur Klemt) wird die Crew, die sich nach der Premiere auf Österreich-Tournee begeben muss, vervollständigt. Mit ihnen bietet Frayn einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Theateralltags und erklärt Berufsfelder, für die man ganz spezielle Persönlichkeitsprofile vorweisen sollte, um sie schad- und klaglos an der eigenen Psyche ausführen zu können.

„Der nackte Wahnsinn (noises off)“, so der gesamte Stücktitel, ist ein Glücksfall für die Burg und könnte sich zu einem Dauerbrenner entwickeln. Die kleinen Österreich-Adaptionen, welche Kušej vorgenommen hat, angefangen von Hinweisen auf das diesjährige Jubiläum der Salzburger Festspiele bis hin zu einem eleganten Seitenhieb auf die Wiener Festwochen oder der Verballhornung des Namens eines Wiener Feuilletonisten, trägt zusätzlich zur Publikumsakzeptanz bei, die sich in langem Applaus äußerte.

Nähere Informationen: Webseite Burgtheater

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Jacques Brel im ungewöhnlichen Bigband-Sound – ein Erlebnis https://www.european-cultural-news.com/jacques-brel-im-ungewoehnlichen-bigband-sound-ein-erlebnis/35123/ Wed, 11 Dec 2019 10:30:35 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35123 Sich Brel nicht anbiedern, ihn aber auch nicht verleugnen. Das ist wohl jene Mischung, die diesen Abend so interessant, reizvoll und letztlich äußerst gelungen machte.

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Es war ein Wagnis. Ein großes sogar. Die zarten, so kunstvoll-lyrischen Chansons von Jacques Brel auf Bigbandsound zu polieren. Die Jazz Big Band Graz hat sich mithilfe des Leiters des Brussels Jazz Orchestras – Frank Vaganée – dieser Herausforderung gestellt. Dieser tourte mit seiner Band und dem französisch-belgischen Sänger David Linx vier Jahre lang mit einem Jacques Brel-Programm, das bereits abgespielt erschien. Bis die Einladung nach Graz kam und hier im Schauspielhaus das Publikum begeisterte. Vaganée und Linx folgten dem Ruf in die Steiermark und erarbeiteten mit dem Grazer Ensemble ein musikalisch höchst anspruchsvolles Programm.

Dass rhythmisch aufgeladene Klassiker wie „Amsterdam“ oder „la valse à mille temps“ mit der Klangfülle einer Bigband funktionieren können, konnte man sich noch gut vorstellen. Dass aber auch „les vieux amants“ – die liebenden Alten, oder „quand on n´a que l´amour“ – „wenn man nichts außer Liebe besitzt“, auch mit dieser Sound-Begleitung funktionieren, war schwer vorstellbar. Ganz zu schweigen von „ne me quitte pas“, jenem Lied, in dem Brel das Verlassenwerden von seiner Geliebten mit einem geradezu hypnotischem Sprachmuster hintanzuhalten versucht. Und doch: Die ausgetüftelten Arrangements machten es möglich.

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Brel zu imitieren wäre ein von langer Hand geplanter Selbstmord. Brel neu zu interpretieren funktioniert auch nur dann, wenn den Ohren etwas geboten wird, das vertraut und fremd zugleich erscheint. So könnte man am ehesten das Ergebnis des Abends „Brel. Jazz Bigband Graz feat. David Linx mit den weltberühmten Songs von Jacques Brel“ beschreiben. Vieles, was da zu hören war, wurde mit einer neuen, zum Teil gewagten Harmonik unterfüttert. Vieles hat neue, rhythmische Einlagen erhalten, die teils herausfordernd zu spielen sind. Zugleich aber wurde einer der Grundregeln des Jazz beibehalten: Mit einer Reihe von Soli durften sich die einzelnen Ensemble-Mitglieder vorstellen und dabei zeigen, welche Qualität jeder einzelne Musiker vorzuweisen hat. Dabei war es schön zu sehen, welche Freude Linx selbst bei den Auftritten seiner Kollegen hatte. Immer in Bewegung, vom Rhythmus erfasst, dabei jedoch stets den Solisten den Vortritt lassend, stand er während der einzelnen Einschübe an der Seite, um sekundengenau getimt, seinen Einsatz parat zu haben. Frank Vaganée leitete abwechselnd mit Querflöten- und Saxophoneinsatz die Band von der ersten Reihe aus.

Die scharfen Bläsereinsätze bei „Mathilde“ und die Verwandlung von einem wilden Galopp, wie ihn Brel verwendete, in eine schmissige Latin-Variante kann als Musterbeispiel jener gelungenen, kreativen Verwandlung gelten, der die Chansons unterzogen wurden.

David Linx stammt ebenso wie Brel aus Belgien. Schon als Kind übersiedelte er nach New York, seit 20 Jahren jedoch lebt er in Paris. Seine Brel-Interpretationen sind frei von Pathos, aber nicht von Leidenschaft. Sein klares Timbre und seine deutliche Aussprache machen ihn zu einem Idealinterpreten jener französischen Chansons, die um die Welt gingen. Brel, dieser sensible Mensch und Musiker, schaut ihm dabei offenkundig über die Schulter, ohne sich jedoch aber aufzudrängen. „Ich musste meine Lieder wie ein Idiot selbst singen, weil sie keiner haben wollte“, erklärte er einmal in einem Interview und fügte hinzu, dass es ihm nichts ausmachen würde, wenn jemand anderer diese sängen.

Mit Linx ist dieser andere gefunden. Schade, dass Brel selbst diese Session nicht erleben durfte. Er hätte sich wahrscheinlich riesig über die neuen Bigband-Arrangements und die jazzige Vokaliterpretation gefreut. Der gute Soundmix war auch verantwortlich dafür, dass Linx vom Klangschwall der Bigband nie übertönt wurde. So manche musikalische Zwiesprache geriet meisterlich, wie jene mit Uli Rennert am Klavier oder auch jene mit dem feinen Trompetensolo in „Isabelle“ von Horst-Michael Schaffer, der auch die An- und Abmoderation gestaltete. Sich Brel nicht anbiedern, ihn aber auch nicht verleugnen. Das ist wohl jene Mischung, die diesen Abend so interessant, reizvoll und letztlich äußerst gelungen machte.

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Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor https://www.european-cultural-news.com/eine-telefonzelle-wird-zum-angstfaktor/35072/ Sun, 24 Nov 2019 22:29:23 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35072 Die Lettern Telefono prangen an ihrem oberen Rand. Die Telefonzelle ist und bleibt das einzige Raumelement in der neuen Produktion des Off-Theaters von Ernst Kurt Weigel „This is what happened in the Telephone Booth“.

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Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Michaela Preiner

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
Bestimmend steht sie da. Nicht ganz mittig im Raum, aber einnehmend. Bedrohlich gelb und orangerot leuchtet sie aus ihrem Inneren. Die Lettern Telefono prangen an ihrem oberen Rand. Die Telefonzelle ist und bleibt das einzige Raumelement in der neuen Produktion des Off-Theaters von Ernst Kurt Weigel „This is what happened in the Telephone Booth“. (Ausstattung Devi Saha) Das „Tanz.Schau.Spiel“ berichtet über ein traumatisches Kindheitserlebnis und dessen Folgen für die Tänzerin Leonie Wahl.
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
​Nach den ersten Schweizer Jahren zog sie mit Schwester und Mutter in ein kleines, italienisches Dorf, um einen Bauernhof zu bewirtschaften. Ein Telefon im Haus gab es nicht, von Handys träumte noch niemand. Und so war eine Telefonzelle jenes Mittel zur Außenkommunikation, das zugleich auch schicksalsbestimmend für Leonie werden sollte.

Nach einem Telefonat der Mutter mit ihrem Freund kam diese völlig verstört und mit einem schizophrenen Schub aus der Zelle. Ereignisse wie diese sind für Erwachsene schwer zu verdauen. Für Kinder gar nicht. Und so befand sich Leonie plötzlich in einer Situation, in der die Welt auf dem Kopf stand. Einer Situation, in der sich die Rollen verkehrten und nichts mehr so war wie zuvor.

Gemeinsam mit Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz lässt sie in tänzerischer Form das Publikum am Gefühls-Tsunamie, der dabei ausgelöst wurde, teilhaben. Ein Arzt-Patienten-Gespräch, das man mithört, hält eine gute und eine schlechte Nachricht bereit. Die gute, dass die Krankheit der Mutter nicht tödlich ist und die schlechte, dass sie ab sofort ein Vampir sein würde. Diese Metapher steht für ein besonderes Mutter-Tochter-Verhältnis, in welchem das Kind als etwas angesehen wird, das man im wahrsten Sinne des Wortes „besitzt“. Sichtbar wird dies in einer Szene, in der Leonie zwischen der Mutter und ihrer Schwester hin- und hergezerrt wird, ohne sich wirksam dagegen wehren zu können.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„Ich will da nicht hinein! Ich habe das Grauen gesehen“, ist ein Satz, den Kajetan Dick stellvertretend für die beiden Mädchen und die Mutter öfter zitiert. Tatsächlich kommen alle, die sich in die Telefonzelle begeben, als Zombies, zumindest aber psychisch komplett verändert, aus ihr wieder heraus.

Im Bewegungsrepertoire markiert die Tänzerin sich selbst, ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Vater mit wiedererkennbaren Mustern. Intensiver Bodenkontakt mit Drehungen, Rollen und akrobatischen Bewegungselementen werden abwechselnd als Soli oder auch von allen Ensemblemitgliedern getanzt. Eine Gruppenchoreografie, begleitet nur durch eigenes rhythmisches Stampfen und Singen, gleitet nach und nach ins Orgiastische ab. Tamara Stern steuert vom Bühnenrand aus ein vokales Geschehen bei, das zwischen Geräuschen wie Flattern, Klappern, Krächzen, Schnattern und feinen, gesanglichen Passagen oszilliert und die Performance zum Teil mit einer starken Spannung auflädt. (Soundscapes ASFAST)

Leonie Wahl erzählt in ihrem Programmtext, dass aktive und passive Kunsterfahrung das Leben von Menschen verändern kann. Ihr Stück ist sicher zu einem großen Teil therapeutisch erfahrbar und greift damit auch auf den Ursprung von Tanz und Theater zurück, in dem durch orgiastische Momente eine Katharsis eintreten konnte.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Günter Macho)
„This is what happened in the Telephone Booth“ ist zugleich aber auch eine Aufforderung an das Publikum, sich seinen eigenen traumatischen Erfahrungen – seinen eigenen Telefonzellen – zu stellen. Gelänge es, diese so aufzuarbeiten, dass sie sich durch einen kreativen Prozess in eine Erfahrung verwandeln, die das weitere Leben nicht mehr nur negativ beeinflusst, dürfte man Wahl doppelt gratulieren.
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Wenn uns die Vergangenheit einholt https://www.european-cultural-news.com/wenn-uns-die-vergangenheit-einholt/35036/ Sat, 23 Nov 2019 08:49:11 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35036 Es sind die unglaubliche Spielfreude und die wandelbaren Stimmen der beiden Puppen-Großmeister, die bestechen. Dabei ist man gebeutelt zwischen Lachen, Fremdschämen, Staunen und einem aufkommenden Unbehagen.

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„The sound of music“ – das amerikanische Musical aus dem Jahr 1959 – verwandelte sich nach seiner Verfilmung sechs Jahre später weltweit zu einem touristischen Aushängeschild Österreichs. Die Geschichte der Trapp-Familie, die während der Nazi-Zeit nach Amerika auswanderte, ist zwar voll von fragwürdigen Klischees und entspricht auch nicht der wahren Familiengeschichte. Dennoch sang sich die vielköpfige Kinderschar rund um die neu in die Familie gekommene Nanny in die Herzen des Publikums. Der Film zählt heute zu den vier erfolgreichsten Hollywood-Musical- Filmen überhaupt.

Nikolaus Habjan und sein ehemaliger Lehrer Neville Tranter haben den Stoff aufgenommen und lassen die Eltern, Vater Max und Ziehmutter Maria, 50 Jahre später unter dem veränderten Namen Trüb wieder in ihr Heimatland zurückkommen. Hier müssen sie feststellen, dass Österreich anscheinend das einzige Land auf der Welt ist, in dem der Film und ihr damit zusammenhängender Ruhm nicht bekannt sind. Habjan und Tranter sprechen auf der Bühne Englisch, wobei der österreichische Puppenmagier seine Hauptfigur – Mag. Norbert Frickl – mit einem so grottenschlechten, österreichischen Akzent ausstattet, dass er dafür Lacher ohne Ende erntet. Dass diese Klappmaulpuppe „familiar“ aussieht – mit Zügen, die zwischen Hitler und dem ehemaligen, österreichischen Innenminister der blauen Fraktion angesiedelt sind, zeigt auf, wie zeitgenössisch das Stück mit seinem bitterbös-beißenden Humor angesiedelt ist. Ersetze bei Frickl das F durch ein K und denke zu Norbert den Nachnamen eines erfolglosen Bundespräsidentenkandidaten und schon weiß man, welche Gesinnung von behördlicher Seite in Österreich den Trübs entgegenschlägt. Frickl, das stempelwütige Aktenmonster, hat, wie sich bald herausstellt, ganz persönliche Animositäten gegenüber Max Trüb und denkt nicht im Traum daran, dessen Einwanderungsansuchen positiv zu bescheiden. Selbst Arnold Schwarzenegger, der als letzter Hoffnungsträger von den Trübs nach Salzburg geholt wird, kann nicht helfen. Nicht nur, weil Maria ihn wegen seines unehelichen Kindes verabscheut, sondern weil auch er wegen seiner doppelten Staatsbürgerschaft von Frickl ausgewiesen wird.

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Wer Österreich einmal den Rücken gekehrt hat, hat seine Heimat für immer verloren, ist die offizielle Begründung des „chief of Einwanderungsbehörde“. Die Charaktere von „The hills are alive“ sind samt und sonders archetypisch angelegt. Das ist wohl mit ein Grund, warum das Puppenspiel, bei dem die beiden Akteure während ihres Spiels auch sichtbar sind, so gut funktioniert. Max, der sich rühmt, habsburgische Verwandte zu haben und sämtlichen Kindermädchen, die zur Familie kamen, nachstellte, trägt den Charakter eines gealterten Lebemannes, dessen Verdrängungsmechanismus groteske Züge angenommen hat. Seine Frau Maria, eine verwelkte Diva in rosafarbigem Tütü, will von ihrem wahren Lebensalter nichts wissen. Sie erlebt ihren Österreich-Aufenthalt zwischen Starallüren und dem Wahn, als Filmprominenz geachtet zu werden.

Mit dem Krone-Journalisten Mayer schufen Habjan und Tranter eine Figur, die im Verlauf des Geschehens ihre Herkunft neu definieren muss. Damit nicht genug, verliebt sich Mayer – spezialisiert auf Gartenartikel – auf den ersten Blick in die französische Nanny Juliette. Diese wurde von Frickl gezwungen, die Trübs auszuspionieren. Diesem Auftrag kommt sie nur widerwillig nach, folgt ihm jedoch in der Hoffnung, dadurch die Ausweisung ihres syrischen Freundes verhindern zu können.

Mit unglaublich raschen Szenen- und damit verbundenen Puppenwechseln dreht sich das Komödienkarussel rasantes. Dem Frickl an die Seite gestellte Soldat Kornbichler darf ohne Weiteres ein vermindertes Denkvermögen attestiert werden. Die sich daraus ergebenden Lachnummern stehen ganz in der Tradition der Wiener Doppelconferencen, wie sie schon kurz nach Gründung des ORF von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn so meisterhaft inszeniert wurden.

Sehr interessant ist der Umstand, dass alle Figuren, sieht man von den beiden sozial niedrigsten Personen des Kindermädchens und dem Rekruten ab, mit tiefen, seelischen Abgründen ausgestattet sind. Das rückt die Geschichte, trotz ihres skurrilen Fortgangs mit mehreren atemberaubenden Volten in Realitätsnähe. Es ist nicht nur die so kunstvoll verzahnte Erzählung, welche die eineinhalbstündige Aufführung wie im Flug vergehen lässt. Es sind die unglaubliche Spielfreude und die wandelbaren Stimmen der beiden Puppen-Großmeister, die bestechen. Dabei ist man gebeutelt zwischen Lachen, Fremdschämen, Staunen und einem aufkommenden Unbehagen, das einem sagt: Das hier ist zwar Theater, aber die Grenze zum realen Leben – wo ist die noch scharf auszumachen?

Die beiden überdimensionierten rot-weiß-roten Fahnen links und rechts von der Bühne (Denise Heschl) flankieren den großen Frickl-Schreibtisch in beinahe bedrohlichem Ausmaß. Dass sie in der letzten, berührenden Szene im Dunkel verschwinden, tut gut. Denn wer nach dieser Inszenierung noch mit einer von Nationalstolz geschwellten Brust von dannen zieht – dem ist auch nicht mehr zu helfen.

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Das Gemeindekind https://www.european-cultural-news.com/das-gemeindekind/34983/ Fri, 15 Nov 2019 18:02:18 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34983 Neben dem fulminanten spielerischen Einsatz, der aufzeigt, was am Theater alles mit einem tollen Ensemble möglich ist, ist es vor allem die bewegende Geschichte, die zwischen Komik und Tragik kaum zu überbieten ist, die fesselt. Ein Theaterabend wie aus einem Bilderbuch.

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„In früheren Zeiten konnte einer ruhig vor seinem vollen Teller sitzen und sich’s schmecken lassen, ohne sich darum zu kümmern, dass der Teller seines Nachbarn leer war. Das geht jetzt nicht mehr, außer bei den geistig völlig Blinden. Allen übrigen wird der leere Teller des Nachbarn den Appetit verderben – dem Braven aus Rechtsgefühl, dem Feigen aus Angst. … Darum sorge dafür, wenn du deinen Teller füllst, dass es in deiner Nachbarschaft so wenig leere wie möglich gibt. Begreifst du?“

Mit diesem Text von Marie von Ebner-Eschenbach beginnt das „Gemeindekind“. Eine Produktion im Theater Spielraum, für welche der Text von Nicole Metzger, der Hausherrin, adaptiert wurde.

Sündenböcke gab es zu jeder Zeit. Heute würde man im gesellschaftlichen Kontext von Ausgegrenzten sprechen, im beruflichen von Mobbingopfern. Das Theater Spielraum in der Kaiserstraße nimmt sich dieses Themas mit dem Stück „Das Gemeindekind“ an. Der zugrunde liegende Roman gilt als eines der Hauptwerke jener Literatin aus dem 19. Jahrhundert, deren Texte erschreckend aktuell sind.

Gleich zu Beginn der Inszenierung hört man ländliche Csardas-Klänge und weiß sofort, dass man sich auf dem Land befindet. In Ungarn höchstwahrscheinlich. Dort wird ein Ehepaar verurteilt, das ohnehin keinen guten Ruf besitzt. Der Mann wird zum Tod verurteilt, die Frau zu 10 Jahren Zuchthaus und die Kinder werden in die Obhut der Gemeinde übergeben, die ab sofort für sie zu sorgen hat. In der Fassung von Nicole Metzger sind es ein Bruder und seine jüngere Schwester.

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Ohnehin vom Schicksal schon gebeutelt, schiebt man sie der Familie des Gemeindehirten zu, deren Frau als falsch und zänkisch gilt. Glück im Unglück hat das kleine Mädchen, das der Gräfin zufällt, welche diese in ihr eigenes Kloster schickt, um sie dort christlich erziehen zu lassen.

Metzger, die auch Regie führt, lässt Dana Proetsch, Veronika Petrovic und Paul Graf in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Diese Herausforderung meistern allesamt mit Bravour. Proetsch schafft dabei den heiklen Twist zwischen einer dünkelhaften und zugleich standesbewussten Baronin zur groben Ziehmutter von Pavel, die alles andere als einen noblen Charakter hat.

Veronika Petrovic beeindruckt mit David Czifer als Geschwisterpaar. Vor allem jene Szenen, in welchen sie sich gegenseitig Schutz und Halt geben, sind überaus berührend. David Czifer reift von einem verschreckten, aber trotzigen Jugendlichen zu einem überlegten Mann, dem das finanzielle Glück aufgrund harter Arbeit zur Seite steht.

Abraham Thill gibt den Lehrer, der sich redlich müht, Pavel auf einen rechten Weg zu führen und ihm eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Allerdings schätzt er die Situation der Ziehfamilie des Jungen völlig falsch ein. Dass er noch dazu von seiner eigenen Lebenslüge davonläuft und ein neues Leben in einer neuen Stadt beginnen möchte, beraubt Pavel auch seiner einzigen Bezugsperson, mit der er reden kann.

Das Bühnenbild besteht aus nicht viel mehr als einem großen Tisch mit weißem Tischtuch, unter dem Pavel immer wieder Zuflucht findet. Das Kloster wird in Form eines beleuchteten Fensters hoch über der Bühne angedeutet. Der rasche Szenenwechsel und auch der häufige Kostümwechsel des Ensembles, gehen mit eine hohen Erzähltempo einher.

Paul Graf in der Rolle des Bürgermeistersohnes gibt einen selbstgefälligen, jungen Mann, dem letztlich sein Stolz und seine Habgier im Wege stehen. Obwohl sich die Inszenierung nicht bemüht, zeitgeistig zu erscheinen, ist es gerade das Eingangszitat, das noch einmal am Schluss eingespielt wird, welches die Aktualität der Ungleichheit von Reich und Arm, von Ausgegrenzten und Establishment deutlich macht.

Neben dem fulminanten spielerischen Einsatz, der aufzeigt, was am Theater alles mit einem tollen Ensemble möglich ist, ist es vor allem die bewegende Geschichte, die zwischen Komik und Tragik kaum zu überbieten ist, die fesselt. Ein Theaterabend wie aus einem Bilderbuch.

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Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch. https://www.european-cultural-news.com/das-potential-das-theater-hat-ist-gigantisch/34913/ Thu, 14 Nov 2019 10:19:16 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34913 Constance Cauers blickt auf die letzten 4 Jahre Junges Volkstheater zurück. Theater für und mit den Menschen ist ein Erfolgsrezept an diesem Haus.

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Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

Michaela Preiner

Die Kunst der Nachbarschaft (2018) [Foto: (c) Reinhard Nadrchal/Volkstheater]
Ein Gespräch mit Constance Cauers über das „Junge Volkstheater“
Dass nichts im Leben so bleibt, wie es einmal war, trifft auch auf das Theater zu. Gerade in diesem Bereich jedoch gibt es große Unterschiede in der Erwartungshaltung des Publikums.
Anna Badora hat immerhin das Wagnis gestartet, das Volkstheater von seiner Ausrichtung her umzukrempeln. Dazu gehörte auch massiv die Einbindung der Wiener Bevölkerung. Nicht nur von den Themen der Spielpläne her, die den Zeitgeist widerspiegeln und – spiegelten, sondern eben auch der Intention, das Theater als Erlebnisort zu öffnen. Ein wichtiger Baustein dazu ist „Das Junge Volkstheater“.
Ausblick-nach-oben [Foto: (c) Robert-Polster/Volkstheater] (2015)
„Das Volkstheater soll ein Ort sein, an dem ich sein kann wie ich bin und offen meine Meinung sagen kann.“ Das war der letzte Satz eines Interviews mit Constance Cauers, der Leiterin des „Jungen Volkstheaters“ vor 3 Jahren. Nun haben wir noch einmal nachgefragt und wollten wissen, ob das, was sich Cauers zu Beginn ihrer Arbeit vorgenommen hatte, auch tatsächlich eingetreten ist.

Gleich vorweg: Die Hoffnung, dass die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die in Wien wohnen, rege anhält, hat sich mehr als erfüllt. Über 8000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren seit Bestehen des „Jungen Volkstheaters“ mit diesem Format erreicht. Wäre das Volkstheater ein klassisches Unternehmen, würde diese Zahl von „Kunden mit engem Unternehmensbezug“ als beachtlich gelten und eine bestens gepflegte Kundendatenbank darstellen. Mit 50 Institutionen wurde regelmäßig zusammengearbeitet und mit der Volkshilfe Österreich, der Bäckerei Felzl, sowie Amnesty Inernational gab es große Kooperationen.

„Von diesen mehr als 8000 Personen, die bei uns mitarbeiteten, durchlaufen wiederum jährlich 1500 Personen regelmäßig die Programme des Jungen Volkstheaters. Sie sind sozusagen das erweiterte Ensemble des Volkstheaters. Hier steht buchstäblich die Bevölkerung Wiens auf der Bühne“, so Cauers.

All jene, die regelmäßig kommen, ob Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Studierende, Asylwerbende oder Seniorinnen und Senioren, zeichnet eines aus: Sie identifizieren sich zutiefst mit dem Haus und fühlen sich mit ihm extrem verbunden.

Constance Cauers [Foto (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
 Im vergangenen Jahr erhielt das Volkstheater einen Zuschuss seitens der Stadt, um ein „Stadtlabor“ zu gründen. Es ist eines von 12 Pilotprojekten der Stadt Wien mit dem Ziel, Kultur zu dezentralisieren, Hochkultur in die Bezirke zu bringen und mithilfe von Exzellenz im Sinne von Profi-KünstlerInnen Potentiale in den Bezirken aufzugreifen. Über den Erfolg dieser Arbeit erzählt die Theaterfrau enthusiastisch und gibt gleichzeitig einen tiefen Einblick über die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit:

„In jedem Projekt, das ich gemacht habe, kamen wir an den Punkt, dass wir nicht nur über das Kunstergebnis, das wir gemacht haben, uns über gesellschaftliche Veränderungen austauschten und da auch ziemlich aneinandergeraten sind. Beim ersten Projekt „Ausblick nach oben“ habe ich mich mit einem 15-Jährigen ziemlich gestritten, der sagte: „Wer arbeiten will, bekommt auch eine.“ Ich habe die Meinung vertreten, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt. Bei „Die Summe der einzelnen Teile“ war es so, dass wir viel gestritten haben über Individualisierung und die Kraft der Vielen, bei „Silver Surfer“ hat sich zu einem relativ späten Zeitpunkt einer aus der Gruppe geoutet als jemand, der ausländerfeindlich ist. Meine erste Reaktion war: „Mit dem kann ich nicht mehr zusammenarbeiten.“ Dann hat es viele Gespräche gegeben, in denen wir versucht haben, den Konflikt mit ins Stück zu integrieren – es war ja eine Stückentwicklung. Wir haben damals schon gesagt, dass wir mehr von diesen Räumen brauchen, in denen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen auseinandersetzen können. Wo treffe ich, die ich in meiner Blase bin, in der es viele Linke gibt, jemanden der eine andere Gesinnung hat? Wenn ja, dann bin ich jemand, der eher nicht ins Gespräch geht.

Dann verfolgten wir die Idee des „Raunens“. Wir gingen davon aus, dass so viel geraunt wird, aber wir nie zusammenkommen, um zu sagen, hier ist der Raum, in dem wir uns über Kunst darüber unterhalten können. Deswegen haben wir unser Stadtlabor „Raunen“ genannt. Wir wollten dazu einladen, dass sich Menschen mit einem Thema auseinandersetzen, von dem sie glauben, sich überhaupt nicht identifizieren zu können. Jemand, der in einer 30-jährigen Beziehung ist, kann sich z.B. einmal das Konzept der Poly-Armorie anschauen, oder jemand, der sagt: „Für mich ist Sicherheit das Wichtigste auf der Welt“, kommt zusammen mit Leuten, die ihren Besitz verkauft haben und um die Welt gereist sind. Jung mit Alt, Alteingesessene mit Neuzugezogenen usw. Am ersten Eröffnungswochende des Stadtlabors sind Alt und Jung aufeinander getroffen. Das Wunderbare dabei war das Feedback vor allem der älteren Damen, die gesagt haben, dass sie lang nicht mehr so glücklich gewesen waren. In diesem Raum wurde nicht diskutiert, sondern wir haben uns auf die Gemeinsamkeit konzentriert. Eine Frau war 60, die daneben 24 – und die hatten die Gemeinsamkeit: „Wir wollen tanzen.“ Das hat sie nicht nur total glücklich gemacht, sondern auch Potentiale freigesetzt, die vorher gar nicht da waren. Sie waren sehr angstbesetzt als sie kamen im Sinne von: „Oh Gott, tanzen! Da werden jetzt die jungen Mädels ganz wunderbar ihren Po schwingen und ich trau mich das nicht.“ Zum Schluss haben ältere Ladies auf dem Stuhl getanzt. Das Feedback hat mir gezeigt, was man mit solchen Räumen eigentlich in Gang setzen kann. Räume, in denen man Erfahrungen gemeinsam machen kann.

Constance Cauers – Leiterin des Jungen Volkstheaters [ Foto: www.lupispuma.com/ Volkstheater]
Randale und Liebe [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]

Beim „Labor der Entscheidungen“, das wir gemeinsam mit WienXtra gemacht haben, haben wir das Turbotheater aus Kärnten eingeladen, ein Format zu entwickeln, das wie ein Entscheidungslabor funktioniert hat. Dort sollten Räume geöffnet werden, in welchen wir überprüfen: Was ist eine Entscheidung? Wie oft und wie viele Entscheidungen muss ich überhaupt treffen? Wie wichtig sind die Entscheidungen, die ich treffe? Wo kann ich überall mitentscheiden? Wenn ich frei entscheiden könnte, was wäre meine Entscheidung und welche Konsequenzen ziehen diese Entscheidungen nach sich? Das Labor war der reine Wahnsinn. Wir haben festgestellt, wie genial das ist, wenn wir Jugendlichen einen Raum geben, um mitzumachen, oder auch nicht, unabhängig vom schulischen Bereich, in dem sie ständig zu irgendwas gezwungen werden.

Dann passierte Folgendes: Im Rahmen eines Prozesses wurde die Frage aufgeworfen, dürfen Homosexuelle in meiner Stadt leben? 80% der Kinder haben sich auf das Feld „nein“ gestellt. Mein Mitarbeiter, der homosexuell ist, ist aufgestanden und hat die Stimme erhoben und fing an zu weinen, weil er so ergriffen war. Er hat gesagt: „Leute, ich bin schwul. Wenn ich jetzt bei euch in der Klasse wäre, würde ich nicht mehr in die Schule kommen. Überlegt euch jetzt mal, was ihr da gerade gesagt habt.“ Ich glaube, dieser Moment, der vielleicht durch Jux und Tollerei hervorgerufen wurde, also in der diese eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde, hatte eine unmittelbare Auswirkung. Das ging dann noch weiter – die LehrerInnen in den Schulen, die sehr betroffen waren, haben da noch weiter mit den Jugendlichen darüber geredet und auch der Mitarbeiter ist noch einmal direkt in die Schule, in die Klasse gegangen. Dort hat er in einem zweistündigen Gespräch viele Fragen der Kinder zu seiner Biographie beantwortet, mit dem Ergebnis, dass sich am Ende alle, die sich gegen Homosexuelle ausgesprochen hatten, umentschieden.

Die Aussage der Lehrenden, dass die Kinder nicht gut Deutsch könnten, lasse ich nicht gelten. Ich glaube schon, dass das was mit der Kultur zu tun hat, aber die Tatsache, dass sowas aufgebrochen ist, passiert ist und die Verknüpfung vom Raunen ums Schwulsein hergestellt wurde und dann jemanden zu haben, der es wirklich ist – diese Verknüpfung ist so das erste Mal passiert und da ploppte für mich eine Blase auf und der Gedanke: Theater ist ja das letzte Refugium, in dem diese Dinge der Gesellschaft verhandelt werden können, und Menschen spielerisch Erfahrungshorizonte erhalten können. Dieses Potential ist eigentlich unfassbar. Theater kann ein Ort sein, in dem wir Begegnungen initiieren können, die sonst nicht stattfinden würden und anhand derer wir gemeinsam wachsen können.

 Im Prinzip geht es dabei aber immer um die Fragen: Was ist Persönlichkeit und wodurch entsteht sie? In unserer Zeit ist es so wichtig, Haltung zu zeigen. Um die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren braucht es auch die Möglichkeit zu sagen, ich stehe dafür, weil… Ich glaube, dass Räume, in welchen wir das lernen können, zunehmend verschwinden. Am selben Tag, an dem ich mit Jugendlichen in einem Labor saß, in dem die Frage gestellt wurde, was Junge und Mädchen ist und die sagten: Ist ja ganz klar, Penis Junge, Scheide Mädchen und nie was von genderfluid gehört haben, wurde in Irland die Homo-Ehe erlaubt. Das zeigt: „Auf der einen Ebene passiert was und auf der anderen stagnieren wir, ja finden Rückschritte statt. Da wurde uns bewusst, dass wir mit spielerischen Formaten im Theater Räume eröffnen, in dem sowas stattfinden kann.“

Cauers ist jemand, dem Langfristigkeit besonders am Herzen liegt.

„Für mich sind diese Arbeiten, ja alles, was ich jemals am Theater getan habe, immer langfristig angelegt. Der Bereich „Audience development“, aber auch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern – alles was man da macht, hat nur Sinn, wenn du sagst: Ich meine das ernst, ich interessiere mich für euch und nicht nur, weil ich dem Theater eine Zahl bringen muss, sondern weil mich Leben interessiert. Wenn auch nur ein Mensch merkt, dass das nicht so ist, funktioniert das nicht. Ernst nehmen bedeutet, dafür sorgen und verantwortlich sein, dass ich diese Leute nicht verarsche. Ich will nicht sagen: Da stellt euch alle auf, dann haben wir am Ende 5 Jahre Badora einen schönen Chor. Nein! Wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Ich komme nicht aus einer Bildungsbürgertumfamilie und für mich war das Theater ein Rettungsanker. Etwas, was ich gefunden hab, von dem ich gedacht hab, da ist so viel Verbindung drin zu anderen, aber auch zu mir selbst, zu Menschen, die was über Liebe, Freude, Angst, Trauer, Tod gesagt haben – und darin kann man sich ein Stück weit fallen lassen. Das ist mein Antrieb, das weiterzugeben.“

Sicherlich sind es aber auch ganz persönliche Geschichten, die Cauers deutlich machten, dass die Arbeit des Jungen Volkstheaters direkte Auswirkungen auf Menschen und deren weiteren Lebenslauf hat. Wie zum Beispiel jene des Flüchtlings Tarik. Er kam aus Syrien und war jener Junge, mit dem sie sich wegen der Arbeitswilligkeit gestritten hatte.

„Er sagte, er wollte nicht zu den Flüchtlingen gehören, die sich nicht genug angestrengt haben. Er konnte bei der ersten Zusammenarbeit nur gebrochen Deutsch, hat uns aber in den letzten 4 Jahren begleitet und hat bei fast Allem vom „Jungen Volkstheater“ mitgemacht.

  Vor Kurzem war ich in der Uni und hatte einen kleinen Einführungsvortrag für den Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Da sah ich ihn in der ersten Reihe sitzen, diesen Jungen, mit dem ich vor 4 Jahren gearbeitet habe und der mich dort anschaut und anlächelt. Jetzt studiert er Theater- Film- und Medienwissenschaften. Da musste ich heulen und war weg, zu sehen, wie viel sich in einem Leben ändern kann, weil er sich so angestrengt hat. Außerdem ist er in einen dementsprechenden Freundeskreis eingebunden. Das wäre alles nie passiert, wenn er nicht mitgemacht hätte. Unsere Inszenierungen sind und waren immer offen für alle Kulturen. Tarik ist so mitgegangen, ohne dass es thematisiert wurde.“

Raunen. Klang der Stadt – #1 (Claudia Bosse) [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
Dass es schon neue Pläne für neue Formate gibt, ist klar. Auch darin geht es um die Möglichkeit der Perspektivenveränderung. Es geht darum, sich an andere Sichtweisen anzunähern, nicht darum, sie zu akzeptieren. Zumindest aber darum, den anderen verstehen zu können.

„Wenn wir uns nicht austauschen, bleiben wir in unseren „Raunenkästen“. Die Rechten raunen über die Linken, die Alteingesessenen über die Hinzugekommenen, kommen aber nicht in den Dialog. Deshalb brauchen wir gute KünstlerInnnen, die auf provozierende Art und Weise Erfahrungen vermitteln, an denen wir uns reiben können. Das ist ja eigentlich der Ursprung von Theater. Wir schauen uns etwas an, und entweder fährt es bei uns rein oder es geht uns total gegen den Strich.“

Ich glaube, je mehr wir mögliche Räume, wie die, die wir aufgezeigt haben, verschließen und den Menschen nicht die Möglichkeit geben wahrgenommen zu werden, mit all dem was sie brauchen und sich wünschen, umso schräger wird die Situation hier. Ich lade Leute ein, um zu partizipieren. Ich sage, auch du bist Teil des Volkstheaters. Wenn du bei uns mitmachst, findest du für das, was du denkst, eine Bühne. Im Sinne von – führt euch auf, empört euch, äußert euch. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergehen wird nach dem Juni 2020.“

Im nächsten Jahr übernimmt Kay Voges die Direktion des Volkstheaters. Es ist nicht wirklich vorstellbar, dass diese Arbeit der vergangenen 4 Jahre und der restlichen verbleibenden Monate mit seiner Hausübernahme Geschichte sein soll. Dann gäbe es zumindest großen Erklärungsbedarf gegenüber all jenen, denen das Volkstheater durch die direkte partizipative Arbeit ans Herz gewachsen ist.

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Pranken wie ein Löwe und Feuer im Blut https://www.european-cultural-news.com/peter-bence-graz-konzert-kritik/34892/ Sun, 10 Nov 2019 09:13:33 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34892 Die Leidenschaft, das Feuer, das in ihm beim Spielen brennt, ist unglaublich ansteckend und dürfte auch viele motivieren, die selbst Klavier spielen oder es  erlernen, ihr eigenes Instrument neu zu erkunden. Nach eineinhalb Stunden Vollpower am Klavier dankte das Publikum zu Recht mit Standing ovations.

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Seine Videos auf Youtube wurden mittlerweile zig-millionfach angeklickt. Nach seiner ersten Amerika-Tour gastierte der Tastenbändiger Peter Bence in der Stadthalle in Graz. Gut ein Viertel seines Publikums stammte aus Ungarn, der Heimat des jungen Pianisten.

Sein Auftritt – im Dunkel und mit bassig-stampfendem Klavierrhythmus unterlegt – erzeugt eine unerwartete Spannung, die sich rasch in ein Aha-Erlebnis auflöst. „Black and white“ von Michael Jackson stellt er – vielleicht sogar programmatisch – an den Beginn seines Konzertes. Dass damit nicht nur Hautfarben gemeint sein können, liegt auf der Hand. „Die Tastatur beträgt nur 5% dieses Möbelstückes“, erklärt er kurz darauf launig und demonstriert, welche Klänge er durch Zupfen und Streichen der Saiten, durch Klopfen auf den Korpus und mit dem Deckel noch erzeugen kann. Seine Arrangements von Pop-Klassikern erinnern zeitweise an große Hollywoodmusik. Aber mit Amerika, dem Land, in dem er nach seiner Ausbildung als klassischer Pianist, Filmmusik studierte, verbindet ihn noch mehr. Einer seiner größten Inspirationsquellen ist John Williams, wie er nach seinem mitreißenden Beginn dem Publikum mit Handmikro erklärt. Danach lässt er ein Medley folgen, in dem nicht nur Star Wars aus der Feder des Filmmusikkomponisten die Halle klanglich füllt. Unglaublich fein seine Harry-Potter-Interpretation, bei der er das kleine Glockenspiel perlend zum Klingen bringt, während er zugleich das musikalische Hauptthema weiter verfolgt.

Peter Bence

Bence ist einer, der sich nicht einfach hinsetzt und seine Fans im Programmheft – das es gar nicht gibt, nachblättern lässt. Er ist ein Entertainer, der seine Show selbst moderiert, dabei aber nie dick aufträgt. Immer wieder spürt man, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt, auch wenn er mit seinem Publikum ins Zwiegespräch kommt.

Kompositorisch schafft er es, den Bogen von den Number-One-Songs so aufzubereiten, dass jede Menge klassisches Inventar darin vorkommt, sich dabei aber nicht aufdrängt. Er lässt Läufe vom Stapel, als ob es kein Morgen gäbe, spielt feine Triller genussvoll aus und hämmert seine Fortissimi, als ob er die Pranken eines Löwen besäße. Markenzeichen ist sein Armrudern, mit dem er kraftvolle Passagen beendet. Dabei prallen seine Hände vom Klavier ab, als würden sie von einem elektrischen Schlag getroffen worden sein.

Mit klassischer Attitüde hat das überhaupt nichts zu tun, vielmehr spürt man, wie elektrisiert Peter Bence von seinem Spiel und der Musik selbst ist. Einem atemberaubenden Klavierspiel, das nur durch eine klassische Ausbildung so zustande gekommen ist. Seine Eigenkompositionen umspannen eine große musikalische Bandbreite. Von Neo-Romantik „Midnight-Medley“ bis hin zu seiner „Fibonacci sequence“, die man mathematisch sicher lupenrein auseinandernehmen könnte. Dass sie auch musikalisch funktioniert, zeigte die Begeisterung des Publikums. „Meine CD wird demnächst erscheinen. Ach, das sage ich schon die ganze Zeit“. Mit dieser Aussage hatte Bence die Lacher auf seiner Seite. In einem Interview machte er aber deutlich, dass er sich für dieses Projekt die Latte sehr hoch gelegt hat und damit ringt, nur das Beste vom Besten einzuspielen.

Eine Lightshow, die jeden normalen Konzertpianisten aus dem Konzept bringen würde und die Einspielung von Loops, Percussionklängen und mehreren Stimmen, zuvor von ihm nur am Klavier aufgenommen, machen seinen Sound zum Erlebnis. Dennoch wäre es falsch, Bence als einen Pop-Künstler zu bezeichnen. Gerade die außergewöhnliche Mischung aus Pop und Klassik, die er für sich entdeckt und kultiviert hat, macht ihn so einzigartig. Dass er damit viele Menschen in Konzertsäle lockt, die sonst einen weiten Bogen darum machen würden, ist ein großes Verdienst. Die Leidenschaft, das Feuer, das in ihm beim Spielen brennt, ist unglaublich ansteckend und dürfte auch viele motivieren, die selbst Klavier spielen oder es  erlernen, ihr eigenes Instrument neu zu erkunden. Nach eineinhalb Stunden Vollpower am Klavier dankte das Publikum zu Recht mit Standing Ovations.

Dass Peter Bence ein Publikum erreicht, das Generationen übergreift, illustriert eine kleine Abschlussanekdote. „Gibt es von ihm auch Noten, das möchte ich auch gern spielen?!“, fragt ein Volksschulmädchen nach dem Konzert ihre Begleitperson, eine ältere Dame, sichtlich ihre Großmutter. „Ich glaube schon“, antwortet diese mit dem Zusatz: „Da musst aber sicher noch ein bisschen üben!“. Worauf die Antwort wie aus der Pistole geschossen kam: „Du aber auch, Oma!“

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