European Cultural News https://www.european-cultural-news.com Online Kultur Magazin aus Wien Tue, 06 Aug 2019 07:33:41 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.2.2 https://i0.wp.com/www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2014/03/cropped-logo_quadrat-e1396083958364-1.jpeg?fit=32%2C32&ssl=1 European Cultural News https://www.european-cultural-news.com 32 32 Im Tanzschritt von Spanien nach Indien https://www.european-cultural-news.com/im-tanzschritt-von-spanien-nach-indien/34304/ Tue, 06 Aug 2019 07:33:41 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34304 In seinem eigenen Stück "Silk road" vereint Jose Agudo seine ursprünglichen, tänzerischen Wurzeln mit jenen, die er später kennenlernte und kreiert eine Reise über tausende Kilomieter mithilfe des Tanzes.

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Agudo Dance Company "Silk road" (Fotos: Karolina Miernik)

Jose Agudo stammt aus Andalusien und ist mit der Musik dieses Landes aufgewachsen. Folgerichtig, dass sich der Tänzer in seinem Heimatland dem Flamenco widmete- bis er den zeitgenössischen Tanz entdeckte und schließlich bei Akram Khan Assistenzchoreograf und Probenleiter wurde.

In seinem eigenen Stück „Silk road“ vereint er seine ursprünglichen, tänzerischen Wurzeln mit jenen, die er später kennenlernte und kreiert eine Reise über tausende Kilomieter mithilfe des Tanzes. Den Grund dafür gibt der Tänzer und Choreograf mit der Verwandtschaft des Flamenco und des Kathak an. Jenem indischen Tanzstil, der genauso wie der spanische mit eleganten, fließenden Hand- und Armbewegungen und rhythmisch eindeutigen Mustern und intensiver Fußarbeit aufwartet.

Eingeladen von Impulstanz, agierten an seiner Seite im Akademietheater musikalisch der österreichische Gitarrist Bernhard Schimpelsberger und der Italiener Giuliano Modarelli, der meisterlich an den Percussions performte. Ihre Live-Darbietung wurde streckenweise mit musikalischen Einspielungen unterfüttert, trug aber wesentlich zum Erfolg des Abends bei, der in drei Teile gegliedert war.

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Im ersten gab Jose Agudo zwei Flamenco-Choreografien zum Besten, wobei man zu Beginn durch einige seiner Bewegungen, wie dem Hochraffen eines imaginären Flamenco-Rockes, eine weibliche Tanzauslegung zu erkennen vermeinte. Diese wurde auch tatsächlich von einer männlichen Variante abgelöst, bei der sich der Tänzer mit nacktem Oberkörper kunstvoll im Bühnenstreulicht so in Szene zu setzen wusste, dass man dabei sein kraftvolles Muskelspiel bewundern konnte.

Der zweite Teil führte nach Indien und war dem „Kathak“ gewidmet. Einem traditionellen Tanz, der im Norden Indiens und im Punjab getanzt wird. Modarelli eröffnete die Szene mit einer lustvollen, sprachlich bewundernswerten Ausformulierung und Umdeutung der Silben Tiki-Taka in einer Rasanz und Variationsbreite die atemberaubend und humorvoll zugleich waren. Jose Agudo erinnerte in seinem weißen Kostüm an einen indischen Mönch und wusste dementsprechend langsam sein Bewegungsrepertoire auch einzusetzen. Dass sich das tänzerische Geschehen letztlich auch in eine dramatischere Körperarbeit hin wandelte, verschränkte diese zweite Arbeit kunstvoll mit seinem ersten Auftritt.

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Im dritten Teil tanzte Kenny Wing Tao Ho an der Seite von Agudo ein pas de deux, in welchem eine ganze Reihe von traditionellen, indischen Bewegungselementen einflossen. Man wurde Zeuge von stilisierten,  handwerklichen Tätigkeiten wie Wäsche waschen oder auch Nähen, erlebte aber auch hoch lyrische Szenen mit den beiden Tänzern. Ein besonderer Reiz von „Silk road“ liegt im häufigen, fließenden Wechsel von kurz determinierten Geschlechterrollen, die sich aber oft rasch auflösen, ins Gegenteil verkehren oder auch unbestimmt bleiben. Das Publikum dankte mit Standing Ovations.

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Das Ich und das Du – wer ist wer? https://www.european-cultural-news.com/das-ich-und-das-du-wer-ist-wer/34274/ Mon, 05 Aug 2019 15:33:29 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34274 Ist es ein Traum, ist es eine real erlebte Bedrohung, ist es der Kampf gegen das eigene Ich oder gegen eine Rivalin, mit der dann doch höchst lustvoll und lachend im Gleichschritt getanzt wird, was hier gezeigt wird?

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"All nights game" (Foto: Lidia Crisafulli)

Die Bühne ist noch ohne Licht, aber man vernimmt ein leises Geräusch. Irgendjemand wischt an irgendetwas und irgendjemand gibt ab und zu Klopfgeräusche von sich. „Alleyne Dance“, vor 5 Jahren von den Alleyne-Zwillingsschwestern in London gegründet, gastierte mit „A Night`s Game“ bei Impulstanz zwei Mal an einem Abend hintereinander im ausverkauften Odeon.

Der zu Beginn der Performance nur zart wahrgenommene Geräuschpegel wird nach und nach stärker. Nach einigen Momenten der Ungewissen, wird ein fahler Lichtkegel sichtbar, der auf eine der beiden Schwestern fällt. Die junge Frau sitzt auf einem Sessel und benutzt sich selbst als Percussion-Instrument. Dabei klopft sie auf ihren Oberkörper und ihre Arme, wischt über ihre Oberschenkel und stampft rhythmisch mit den nackten Füßen auf den Boden. Der zarte Anfang steigert sich rasch in eine furiose Darbietung, bei der man den Eindruck einer Frau erhält, die einer wilden Obsession erlegen ist. Ab und zu versucht sie, sich vom Sessel fortzubewegen – vergeblich, ihre Füße tragen sie nicht. Immer wieder rutscht sie auf den Boden, ohne Halt zu finden. Hin und wieder blickt sie ängstlich um sich, hin und wieder befreit sie sich von dieser sichtbaren Angst durch das Versinken in ihre körperlich fordernde, kraftraubende Beschäftigung. Sie gleicht einer Gefangenen, die mit der Beschäftigung mit sich selbst versucht, jene Zeit auszufüllen, die bleischwer auf ihr zu lasten scheint.

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Diese dunkle, somnambule Illusion bleibt das ganze Stück über bestehen, auch als die zweite Performerin auf die Bühne kommt. Sie fängt bald schon jenen Stuhl auf, den ihr ihre Schwester quer über die Bühne zuwirft und beginnt mit einer sehr ähnlichen, streckenweise sogar gleichen Choreografie. Auch sie hat zuweilen Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten, versucht aber immer wieder mit ihrem Gegenpart Kontakt aufzunehmen.

Was sich genau in diesem dunklen Raum zwischen den beiden Frauen in der einstündigen Performance abspielt, darf sich das Publikum auf weite Strecken selbst überlegen. Dennoch pendelt das Geschehen immer zwischen den möglichen Interpretationen eines Alter-Egos und dem tatsächlichen Spiel, dem tatsächlichen Kampf mit und gegen eine zweite Frau. Dabei nutzen die beiden aus London stammenden Tänzerinnen, die während ihrer Schulzeit Kurzstreckenläuferinnen werden wollten, die gesamte Bühne. Sie laufen in der Diagonale den Raum aus und beweisen mit jeder Menge Bodenkontakt, sowie raschen Dreh- und Hebebewegungen, wie viel Kraft in ihnen steckt. Ein fein abgestimmter Sound trägt wesentlich zur Emotionalisierung des Geschehens bei. Dass dies den beiden gelingt, ist ein wahres Kunststück. Gerade Arbeiten, die keine leicht fassliche Story erzählen, neigen dazu, beim Publikum wenig Emotionen auszulösen.

„A Night`s Game“ funktioniert jedoch anders. Es sind viele Momente, die gezeigt werden, in welchen man sich wiederfinden kann. Einsamkeit, Angst, Wut, Rivalität, aber auch Zusammenhalt und Helfenwollen – all das wird fühlbar und geht unter die Haut. Abgesehen von den vielen synchron getanzten Szenen sind es einzelne, wie jene, die eingangs beschrieben wurde, aber auch eine andere, bei der man den Eindruck erhält, dass sich in der Bühnenmitte eine Eiskunstläuferin um ihre eigene Achse dreht und eine Pirouette nach der anderen absolviert, die stark im Gedächtnis hängen bleiben.

Ist es ein Traum, ist es eine real erlebte Bedrohung, ist es der Kampf gegen das eigene Ich oder gegen eine Rivalin, mit der dann doch höchst lustvoll und lachend im Gleichschritt getanzt wird, was hier gezeigt wird? Auch, oder vielleicht gerade weil sich diese Fragen nicht endgültig beantworten lassen, stellt diese Arbeit von „Alleyne Dance“ einen großen Wurf dar, der vom Publikum zu Recht mit Standing Ovations bedacht wurde. Wie gut, dass den beiden Frauen der Shiftwechsel vom Hochleistungssport hin zur Kunst gelungen ist. Das, was sie hier vermitteln können, ist wesentlich mehr als persönliche Höchstleistungen im Kampf gegen sich und andere zu bringen. Interessant, dass sich letztlich jedoch gerade um diese Thematik herum das dramaturgische Geschehen aufbaute.

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Wohliger Gruselschauer fühlt sich anders an https://www.european-cultural-news.com/maria-metsalu-mademoiselle-x/34254/ Thu, 01 Aug 2019 19:48:36 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34254 Dass sie sich dabei in einem Zustand befindet, der als ewiger Kreislauf bezeichnet werden kann, aus dem sie nicht imstande ist, sich zu lösen, wird dabei klar.

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Maria Metsalu "Mademoiselle x" (Foto: Alan Proosa)

Im Rahmen von 8:tension, der Nachwuchs-Performance-Reihe von Impulstanz, präsentierte Maria Metsalu aus Estland ihre Arbeit „Mademoiselle X“ in den Hofstallungen des MQ.
Grundlage ihrer Performance ist die Beschäftigung mit Horrorfilmen und so schlüpft die junge Tänzerin in die Rolle einer vermeintlich Untoten. Flankiert wird sie von zwei Puppen, die Leichen darstellen sollen. In der Raummitte ist ein Bassin angebracht, das mit Theaterblut gefüllt ist und in dem sich die Performerin gleich zu Beginn in Liegeposition befindet.

Nach und nach entsteigt sie dem roten Nass und dreht ihre Runden, in Tuchfühlung mit dem Publikum, das zum Teil eine gehörige Portion vom roten Wasser abbekommt. Danach folgen Aktionen mit brennenden Kerzen, die sich die junge Frau zwischen ihre Zehen, in ihren Mund und ihr Geschlechtsteil steckt und mit Trockeneis, das sie behandschuht in das Bassin wirft, um das wallende Nebelschauspiel dann zu fotografieren. Nicht zu vergessen das Herausziehen diverser Ketten aus ihrer Vagina, die sie sich danach über ihren Oberkörper hängt. Sobald diese Szenen absolviert wurden, verschwindet Metsalu durch eine Tür ins Freie, um kurz danach wieder in den Saal zu kommen und das Schauspiel von vorne beginnen zu lassen.

Dass sie sich dabei in einem Zustand befindet, der als ewiger Kreislauf bezeichnet werden kann, aus dem sie nicht imstande ist, sich zu lösen, wird dabei klar. Man mag wohlwollend diese Wiederholungen in vielfacher Hinsicht metaphorisch deuten. Kritischer gesehen, schrumpft die Arbeit jedoch auf ein Drittel ihrer Dauer und hinterlässt weder eine wohlige Gänsehaut, noch den Anreiz, länger über das Präsentierte nachzudenken.

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Was ich von den anderen lernte https://www.european-cultural-news.com/frederic-gies-impulstanz-walk-talk/34242/ Thu, 01 Aug 2019 19:41:23 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34242 „Walk + talk“, ein Format erweist sich als lustvolle Nachhilfestunde im Bereich zeitgenössischer Tanz.

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Frédéric Gies ist eine Ausnahme im Tanzbusiness. Einer jener raren Tänzer und Choreografen, die sich  bewusst sind, dass ihre Arbeit von verschiedenen Tänzerinnen und Tänzern vor ihnen beeinflusst wurde. Darüber hinaus versteckt Gies  dieses Wissen aber nicht schamhaft, sondern breitet es vor seinem Publikum aus, um ihm einen Einblick in seinen künstlerischen Werdegang zu gewähren.

In seiner Performance „walk + talk“, die im MUMOK während des Impuls-Tanz-Festivals stattfand, tut er nicht genau das, was der Titel verkündet. Denn in der guten Stunde geht der Künstler nicht ruhig vor dem Publikum auf und ab, sondern er tanzt und spricht währenddessen. Ein sehr atemberaubendes Unterfangen. Wer dies nicht glaubt, möge selbst einige wenige Tanzschritte absolvieren und währenddessen sprechen.

Mit meist grazilen Bewegungen, die Arme oft hoch – oder seitlich vom Körper gestreckt, mit einer Mischung aus klassischen und zeitgenössischen Ballett-Schritten, tanzt er durch den Raum und erinnert sich an seine wesentlichen, für seinen Lebensweg wichtigen Vorbilder, die er nur beim Vornamen nennt. Dominique (Bagouet) ist eines davon, Olivia und Bernard, die mit Bagouet tanzten, sind andere. Dazu kommen noch Julia, Allister und Kristina, sowie ein ungenannter Freund, den der Techno-Begeisterte in einem Club in Berlin kennenlernte.

Frédéric Gies „walk + talk“ (Foto: Thomas Zamolo)


Von Letzterem fühlte er sich derart angezogen, dass er mit diesem nach dem Kennenlernen, das er sehr minutiös beschreibt, so als könne er sich noch genau an jede Minute daran erinnern, dessen Geschlechtsteil mit beiden Händen umfasst und in der Hitze der Techno-Nacht auf diese Weise tanzt.

Der vollbärtige Tänzer, bekleidet mit einem schwarzen Leinen-Damen-Sommerkleid, schafft nicht nur eine Öffnung seiner Tanzdramaturgie zum Publikum hin, er lässt es auch intensiv an seinen Emotionen teilhaben. Dennoch bleibt einiges offen interpretierbar, vor allem die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Tanzstile. Erahnen kann man sie, da Gies tatsächlich neue Bewegungsformen in seine Choreografie einfließen lässt, sobald er über eine andere Tanzbegegnung spricht. Er verbindet jedoch dies alles so gekonnt zu einem fließenden Ganzen, dass man meint, dass nichts von dem, was er zeigt, „Geborgtes Formenvokabular“ ist.

Mit Steve Cohen, der zuvor schon im Museum Leopold zu sehen war, verbindet ihn letztlich auch das rigorose Coming-out seiner sexuellen Präferenz, die er offen anspricht.

Walk + talk“, ein Format, das Philipp Gemacher zuerst in Wien zeigte, erweist sich als lustvolle Nachhilfestunde im Bereich zeitgenössischer Tanz. 

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Das Recht auf Freiheit und Provokation https://www.european-cultural-news.com/steve-cohen-taste-impulstant/34206/ Wed, 31 Jul 2019 20:36:58 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34206 Das Kämpfen um das Recht auf Freiheit, scheint immer mit Gewaltakten verbunden zu sein. Selbst, wenn dieser Kampf, wie bei Steven Cohen, letztlich auch ein großes Stück, gegen sich selbst gerichtet ist.

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Michaela Preiner

Steven Cohen – „Taste“ (Foto: Pierre Planchenaut)
Der wohl bekannteste südafrikanische Performancekünstler, der 2006 auf Einladung der Kunsthalle Wien mehrere Tage hier performte und bei Impulstanz im Juli seine Show „Put your heart under your feet — and walk“ zeigte, gliedert seine zweite, in dieser Saison gezeigte Arbeit „Taste“ in drei Teile. Gezeigt wurde diese im Museum Leopold. Die beiden ersten Teile sind reine Filmeinspielungen.
Zu Beginn wird man im Kapitel „Good Taste“ Zeuge der rituellen Handlung Ningyo Kuyo in Japan, bei der Puppen, die man nicht mehr haben möchte, verbrannt werden.
Dies in Begleitung von Gebeten, da man in Japan der Meinung ist, dass auch Puppen eine Seele haben. Steven Cohen überblendet das Geschehen mit einer eigenen Choreografie in einem verspiegelten Tempel, in dem er selbst als lebende Puppe agiert. Als solche präsentiert er sich als menschliches Hybrid, das nur aus Beinen und Armen besteht und durch eine geschickte Spiegelung reizvolle Körperansichten bereithält. In einem kurzen Zwischenschnitt blendet er vor einer Verbrennungsszene ein Hakenkreuz ein und evoziert damit sofort die massenhafte Vernichtung von politischen, religiösen und ethnischen Gegnern unter den Nazis. Dass kurz darauf ein aufgemalter oder eintätowierter Davidstern auf seinem kahlen Schädel zu sehen ist, macht schlagartig klar, dass sich dieser Hinweis auch auf die jüdische Abstammung des Künstlers bezieht.
Steven Cohen – „Taste“ (Fotos: Pierre Planchenaut)
In der zweiten Filmeinspielung „Bad Taste“ verfolgt man eine Performance, die Cohen 2013 vor dem Palais Chaillot inszenierte. Halb nackt, seinen Penis mit einem weißen Stoff nur zum Teil ummantelt, hat er daran eine Stoffleine montiert, die mit einem lebenden Hahn verbunden ist. Auch er selbst trägt Federn auf dem Kopf und an den Handschuhen und mutiert dadurch zu einer auffallenden, menschlichen Hahn-Kunstfigur, die zwangsläufig im öffentlichen Raum provoziert. Das Palais Chaillot wird von insgesamt vier Kulturinstitutionen genutzt, von Museen genauso wie von einem Theater und trägt eine markante Außenaufschrift. Dabei ist sinngemäß zu lesen, dass der Mensch ständig erschafft, ohne dass es ihm bewusst ist, dass aber das Schaffen des Künstlers ein bewusstes ist, welches sein ganzes Sein beeinflusst.

Der Hahn steht in Frankreich für das Symbol der Freiheit – und war nach der Revolution sogar mehrere Jahrzehnte auf der französischen Fahne verewigt. In Cohens Interpretation steht dieser sowohl für den Freiheitsgedanken der Kunst, als auch für das männliche Geschlechtsteil, das im Englischen ja auch mit „cock“ – Hahn bezeichnet wird. Die Freiheit, die hier eingefordert wird, bezieht sich zum einen auf die Kunstproduktion, zum anderen aber auch auf das Mensch-Sein an sich, egal welche sexuelle Präferenz damit verbunden ist.

Beides wurde durch eine Verhaftung während der Aufführung negiert und ein halbes Jahr später auch gerichtlich verurteilt. Wenngleich in einem salomonischen Urteil, bei dem keine Strafe ausgesprochen wurde.

Seinen dritten Performance-Teil, schlicht „Taste“ übertitelt, lieferte Cohen im Untergeschoss des Museum Leopold live ab. Dabei trat er in einem für ihn typischen, glamourhaften Outfit aus, das die Künstlichkeit seiner Figur noch verstärkt. Die Vorderansicht imitiert ein bodenlanges Abendkleid, der Rückenteil lässt aber den Blick auf viel nackte Haut zu. Auf seinem Kopf trägt er einen überdimensionierten Davidstern und geht nach einem kurzen Intro rasch auf Konfrontationskurs mit seinem Publikum. Nachdem er die Zusehenden mit Krachern, die nacheinander automatisch an seinem Rocksaum gezündet werden, erschreckte, presste er eine schwarze Flüssigkeit in eine Leibflasche, so als würde das Nass aus seinen Gedärmen kommen, um es anschließen genüsslich zu trinken. Seinen Abgang quittierten die Anwesenden mit freundlichem Applaus.

Steven Cohen – „Taste“ (Fotos: Pierre Planchenaut)
Der Performer ist davon überzeugt, dass man sich an „Taste“ lange Zeit erinnern werde. Ob das wirklich so ist, wird sich zeigen. Das Schockpotential, das er dabei für sein Publikum bereithielt, war nicht allzu hoch Vielleicht, weil vieles, was den Blutdruck nach oben treiben sollte, so oder so ähnlich schon vor vielen Jahren zu sehen war. Vor allem in Wien. Denn in den 60er-Jahren waren die Wiener Aktionisten mit Rudolf Schwarzkogler oder Günther Brus – um nur zwei von ihnen zu nennen – auch nicht zimperlich, was die Zurschaustellung von Genitalien, Blut oder Fäkalien betraf.

Dennoch ist seine Arbeit sehenswert und spiegelt im performativen Bereich jenen Zeitgeist wider, der Queere und Transgender-Menschen dazu antreibt, extrem offensiv mit ihrer Sexualität umzugehen. Das Kämpfen um das Recht auf Freiheit scheint immer mit Gewaltakten verbunden zu sein. Selbst, wenn dieser Kampf, wie bei Steven Cohen, letztlich auch ein großes Stück, gegen sich selbst gerichtet erscheint.

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Hungry sharks erobern mit Urban Dance die Tanzbühnen https://www.european-cultural-news.com/hungry-sharks-erobern-mit-urban-dance-die-tanzbuehnen/34172/ Sun, 21 Jul 2019 10:55:11 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34172 Der Enthusiasmus, der im Publikum nach der Aufführung spürbar war, macht überdeutlich: Hungry Sharks befinden sich punktgenau am Puls der Zeit und schaffen es, mit ihrer kreativen Arbeit sich einen eigenständigen Platz in der internationalen Tanzszene zu erobern.

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ODas Grazer Publikum ist nicht dafür bekannt, außer Rand und Band zu geraten. „Fomo“ von der österreichischen Gruppe „Hungry Sharks“ schaffte aber das Kunststück von Standing Ovations.

„Wo kommen die denn her?“, „Was, so eine Qualität haben wir in Österreich?“ – das sind nur zwei von vielen ähnlich lautenden Aussagen, die man im Foyer der Theater im Palais der KUG nach der Vorstellung hören konnte. Zurecht. Denn was das insgesamt 5-köpfige Team um Valentin Alfery bei der Internationalen Bühnenwerkstatt performte, hat internationales Niveau.

Alle Tänzerinnen und Tänzer kommen aus dem Urban-Dance-Bereich. Einige von ihnen sind schon von Anfang an – seit 2014 – beim Ensemble. Mittlerweile gibt es sogar eine Nachwuchsschiene, die „young sharks“. 70 Tänzerinnen und Tänzer stellten sich bei der Audition für dieses Projekt vor – nur 5 von ihnen wurden genommen. „Das sind unglaubliche Talente, über die wir sehr froh sind“, so Alfery, selbst noch jung, aber dennoch auf die Weitergabe seines Wissens bedacht.

In seinem nun endlich auch in Graz gezeigten Stück, das aus dem Jahr 2014 stammt, wird das Thema der ständigen Online-Präsenz behandelt. Ob der permanente Blick auf das Handy, ob die Dauerberieselung durch den Fernsehschirm, ob Gaming oder Bildbearbeitung, es gibt nicht viele Online-Bereiche, die in der Produktion nicht vorkommen.

Dafür verwendet Alfery eine abwechslungsreiche Mischung aus vielen Solonummern und solchen, in welchen die gesamte Truppe tanzt, aber auch Szenen, in welchen mit Gesten Objekte und Situationen gezeigt und nachgestellt werden, die wir alle aus dem Alltag kennen: Schreiben auf einer Tastatur, das Wischen am Handy, Selfies produzieren oder der Klingelton beim Eintreffen von neuen Nachrichten oder Mails werden hörbar. Mehrfach wird ein Handscheinwerfer zum Schatten-Hilfsmittel. Mit ihm werden die Tänzerinnen und Tänzer zu übergroßen Figuren an der Wand, gegen die man kämpfen kann, vor denen man sich aber auch fürchten darf, weil sie übermächtig erscheinen.

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Dass sich Breakdance, Hip-Hop und andere Urban-Dance-Elemente vermischen, macht die große Faszination der Choreografie aus. Was sonst nur in speziellen Battles performt wird – in relativ kleinem Rahmen – hat mit den Hungry Sharks den Weg auf die großen Tanzbühnen dieser Welt gefunden. Die Idee, auch mit diesem Bewegungsrepertoire Geschichten erzählen zu können, ist extrem spannend und funktioniert. Aber auch die Körperbeherrschung aller Tänzerinnen und Tänzer, und ihr rhythmisches Feeling sind unglaublich. Einen Handstand kennt man, einen Handstand auf nur einer Hand auch, aber dass man sich dabei noch um die eigene Achse drehen kann, dürften noch nicht viele Menschen gesehen haben. Der häufige Bodenkontakt ist besonders in jenen Schluss-Szenen reizvoll, in welchen alle – bis auf einen – zu Walzerklängen tanzen. Dabei gelingen dem Ensemble nicht nur rasche, tolle Soliwechsel; Vielmehr ist der Gesamteindruck bei dieser Schluss-Szene außerordentlich. Wie sich die Bewegungen spiegeln, verzahnen, ineinander übergehen, wie man den Blick dabei schweifen lassen kann und immer wieder wunderbare, choreografische Ideen entdeckt, wohl wissend, dass man zugleich anderes zwangsläufig übersehen haben muss, macht wirklich Freude.

Mehrfache Auftritte in unseren Nachbarländern und Rumänien haben Hungry Sharks bereits absolviert. Im Frühling nächsten Jahres geht es auf eine längere Tournee durch Schweden und im Sommer dann zu einem internationalen Tanzfestival nach Sri Lanka. In ca. 1 Monat wird ein ganz neues Format präsentiert: „Zeitzonen“ nennt sich das Unterwasserstück, das im Schwimmbad auf der Schmelz zur Uraufführung kommt. Dass es ein exklusives Ereignis wird, steht fest. Schließlich können pro Aufführung lediglich 20 Personen zusehen. In Summe werden es nicht mehr als 180 sein.

Der Enthusiasmus, der im Publikum nach der Aufführung spürbar war, macht überdeutlich: Hungry Sharks befinden sich punktgenau am Puls der Zeit und schaffen es, mit ihrer kreativen Arbeit sich einen eigenständigen Platz in der internationalen Tanzszene zu erobern. Mit einem Generalsponsor könnten Sie sicherlich auch eine World-Tour bestreiten. Wer weiß, ob sich hier nicht in naher Zukunft eine Türe öffnet. Empfehlungen sind jedenfalls immer willkommen!

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Tartuffe als Stummfilmtanz https://www.european-cultural-news.com/tartuffe-als-stummfilmtanz/34139/ Fri, 19 Jul 2019 16:16:49 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34139 „Staging a play: Tartuffe“ wartet mit einer ganz besonderen, extrem wiedererkennbaren Choreografie auf, für die man auch den Terminus „Stummfilmtanz“ verwenden könnte.

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In grellen Farben, bunt ausstaffiert, beäugt eine Gruppe von Menschen einen jungen Mann, der ganz in Schwarz gekleidet ist. Dabei lugen sie vorsichtig hinter einer dreidimensionalen, aufgestellten Schrift hervor, die während des gesamten Stückes sichtbar bleibt: „For today I must stay in your house“ ist darauf zu lesen und antizipiert damit in einer Kurzfassung den thematischen Kern des Stückes. Spannend und vielversprechend beginnt Matija Ferlins „Staging a play: Tartuffe“ auf der Bühne des Theaters im Palais der KUG in Graz. Eingeladen wurde die Zagreb Dance Company von der Internationalen Bühnenwerkstatt. Bereits zum 28. Mal veranstaltet diese ein internationales Tanzfestival, das jeden Sommer Tanzbegeisterte für eine gute Woche in die Landeshauptstadt lockt.

Der 1982 in Kroatien geborene Ferlin absolvierte die School for New Dance in Amsterdam, lebte anschließend eine Zeitlang in Berlin und war Gast auf vielen internationalen Tanzfestivals und internationalen Schauspiel- und Opernhäusern. Auch in Österreich ist er kein Unbekannter. Er war bei Impulstanz zu Gast und erarbeitete jüngst in der Josefstadt eine Choreografie für Schnitzlers „Der einsame Weg“.

Für Ferlin ist es die zweite Arbeit, die unter dem Übertitel „Staging a play“ läuft. Die erste war Tennessee Williams Glasmenagerie gewidmet. Seine eigenständige Interpretation des Moliere-Stückes kommt ganz ohne Worte aus. Dem Choreografen war es wichtig, diese gänzlich durch Bewegungselemente zu ersetzen. Dabei greift das Ensemble auf ein Bewegungsvokabular zurück, das an Marionetten erinnert und auf fließende Übergänge häufig verzichtet.

Der starke Einsatz der Hände erinnert an die Gebärdensprache, ist jedoch völlig eigenständig und charakterisiert auch einzelnen Figuren. Ein weiteres stilistisches Charakteristikum der Produktion ist der häufige Blickkontakt, den die Tanzenden mit dem Publikum aufnehmen. Er ist so intensiv, dass man zuweilen den Eindruck erhält, man solle sich doch auch zum Geschehen äußern oder dem einen oder der anderen zumindest beipflichten. Einzig der Charakter von Dorine, Zofe der Tochter des Hausherren Orgon, fällt aus diesem Schema des Öfteren heraus. Sie stellt eine Figur dar, die sich in Ferlins Interpretation am Ende ganz gegen ihr vorheriges Naturell benimmt und von der aufsässigen Dienerin zu einer unterwürfigen Mitläuferin wandelt.

Die großartigen Kostüme – eine Mischung aus Harlekin-Outfit und peppigem Zeitgeistdesign stammen von Desanka Jankovic und Matija Ferlin selbst. Mit ihnen wird Wohlstand und Macht ausgedrückt – so lange, bis Tartuffe der kleinen Gesellschaft alles Materielle abgenommen hat. Nachdem Orgon ihm sein ganzes Hab und Gut überschrieben hat, entwendet Tartuffe von jedem und jeder ein Kleidungsstück, das er sich selbst überzieht. Dass sich Orgons Familie danach bis auf die Unterwäsche noch selbst entblößt, visualisiert die neuen Besitzverhältnisse. Außer ihrem Hemd am Leib ist ihnen nichts mehr geblieben.

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Es dauert zu Beginn eine ganze Weile, bis alle Figuren vorgestellt werden und man sich in ihren jeweiligen Habitus eingesehen hat. Erst als die getanzten Dialoge beginnen, nimmt das Stück erzählerisch an Fahrt auf. Der lebensverdrossene, hünenhafte Hausherr erkennt in Tartuffe – dem viel kleineren, aber wendigeren, jungen Mann – die Chance, ganz nach seinem Willen sein Vermächtnis zu gestalten. Seine Frau lässt sich vom Eindringling verführen und reagiert, wie dieser, höchst betroffen, als ihr Sohn die beiden beim Tête-à-Tête stört. Mariane, Orgons schon für eine Ehe versprochene Tochter, ist ein Spielball der Wünsche ihres Vaters und bricht mehrfach unter seiner Despotie zusammen.

Ihr Verlobter Valère versucht verzweifelt in vielen Überredungsdialogen Orgon davon zu überzeugen, dass Tartuffe ein Gauner ist. Dieser ist sich – wie am Schluss deutlich wird – der Tragweite seiner Machtbesessenheit und Verführungskünste gar nicht bewusst. Das Spiel, für das er das Leben offenkundig hält, wird todernst und kippt in ein für ihn nicht vorhersehbar gewesenes Dilemma.

Ferlins Stück ist so angelegt, dass es Zusehenden, die Tartuffe nicht kennen, mit großer Wahrscheinlichkeit einen gänzlich anderen Interpretationsrahmen bietet. Tatsächlich folgt er jedoch nicht Molieres Blaupause und verpasst der Geschichte am Ende einen neuen Twist. Tartuffe landet nicht im Gefängnis, sondern reagiert völlig entsetzt und schmerzgebeutelt, als er jenen Mann tot auffindet, den er um sein Hab und Gut brachte.

„Staging a play: Tartuffe“ wartet mit einer ganz besonderen, extrem wiedererkennbaren Choreografie auf, für die man auch den Terminus „Stummfilmtanz“ verwenden könnte. Sie lebt über weite Strecken von den überzeichneten Figuren, die sich allesamt permanent auf der Bühne befinden. Die weiß geschminkten Gesichter können als Referenz für das barocke Script dienen, aber die Kostüme verweisen auch auf die Commedia dell`arte, die von Italien nach Paris importiert worden war und unter Ludwig dem XIV dort eine Blüte erlebte.

Als Sounduntermalung wurde die Einspielung einer langen, zeitgenössischen Orgelkantate von Luka Princic gewählt. Ihr eingängiger Beat untermalt eine Melodiestimme, die auch aus einer historischen Partitur entnommen worden sein könnte. Auch darin verschränkt Ferlin das Zeitgenössische mit dem Historischen auf subtile Art und Weise. Eine gelungene Produktion, die Raum für intensive Diskussionen bietet.

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Lebensstürme und ihr Vermächtnis https://www.european-cultural-news.com/the-storm-james-wilton-graz/34104/ Thu, 18 Jul 2019 12:44:08 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34104 Wieder einmal gastierte James Wilton bei der internationalen Bühnenwerkstatt in Graz und beeindruckte mit seinem Ensemble das Publikum restlos.

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Michaela Preiner

„The Storm“ – James Wilton Dance (Foto: Brain Slater)
Sie springen, sie rollen, sie rutschen über die Bühne, dass man meinen könnte, Knochen haben diese Tänzerinnen und Tänzer keine. Das Tempo, das sie dabei an den Tag legen, ist ebenso atemberaubend wie die Bewegungen mit Elementen der Bodengymnastik, aber auch des Urban Dance sowie des klassischen, zeitgenössischen Tanzes.
Wieder einmal gastierte James Wilton bei der internationalen Bühnenwerkstatt in Graz und beeindruckte mit seinem Ensemble das Publikum restlos.
War es im Vorjahr „Leviathan“, das zu Begeisterungsstürmen hinriss, so stand dieses Mal die neue Produktion „The Storm“ auf dem Programm und ließ sogleich Assoziationen mit Shakespeares gleichnamigem Stück aufkommen.

Tatsächlich stürmt es mehrfach wild auditiv und wirbelt die Menschen kräftig durcheinander, die anfangs in Harmonie lachend und scherzend den Abend eröffneten. Zwei davon trifft es besonders. Sarah Jane Taylor und Norikazu Aoki werden durch eine Sturmattacke so traumatisiert, dass sie nicht wieder in ihre frühere Fröhlichkeit zurückfinden.Wilton erzählt mit seinem Ensemble eine Geschichte, die symbolisch für all jene Schicksalsschläge steht, welche Menschen treffen und aus der Bahn schleudern können. In seinem Stück geht es darum, wie diese sich in der Zeit der Krise benehmen, welche Auswirkungen das auf die Umgebung hat und wie sie wieder zu sich finden und letztlich auch in der Gesellschaft wieder einen Platz einnehmen können.

„The Storm“ – Sarah Jane Taylor (Foto: Steve Tanner)
​Dabei sind es immer wiederkehrende Gesten, die beredt von Freud und Leid erzählen. Wie jenes gemeinsame Armschaukeln der Freunde nach vor und zurück, bei welchem in der Anfangsszene die Hände der Hauptfiguren fröhliche Ausfallbewegungen machen. Oder jenes Handzittern, das Taylor nach ihrem Zusammenbruch immer wieder heimsucht, so sehr sie sich auch dagegen zur Wehr setzt. Aoki hingegen möchte sichtlich nichts mehr, als die Vergangenheit wieder zurückholen. Immer wieder erscheint ein runder, orangefarbener Lichterkreis, um den die fröhliche Gesellschaft anfangs saß und miteinander plauderte. Eine Erinnerung, die er nicht aus seinem Gedächtnis löschen kann, sosehr ihn Wilton auch davon abhalten möchte.

Es ist sicherlich der Beratung des Neurowissenschaftlers Dr. David Belin zu verdanken, dass die Choreografie viele unterschiedliche Stufen der Traumaverarbeitung aufzeigt. Und diesen Prozess von mehreren Seiten beleuchtet. Erst als Wilton die junge Frau mit ihren zitternden Händen so konfrontiert, dass sie diese nicht mehr hinter ihrem Rücken versteckt und erst, als er den psychischen Heilungsprozess bei Aoki zulässt, ohne beständig intervenieren zu wollen, flattert ein Aschenregen auf die Bühne, der die Katharsis ankündigt, die zu einer Heilung notwendig ist.

„The Storm“ zeigt auch auf, wie hilflos sich jene vorkommen, die den Betroffenen vielfach ihre Hand und Unterstützung anbieten, von diesen aber jedes Mal wieder zurückgewiesen werden. Einfach toll zuzusehen, wie Aoki in einem Solo zeigt, wie viele Arten es gibt, sich am Boden fortzubewegen, aufstehen zu wollen, aber immer wieder zu scheitern. Hoch emotional auch jene Szenen, in welchen James Wilton selbst zu Boden geht in der bitteren Erkenntnis, nicht helfen zu können. Die sich abwechselnden Solo-Szenen mit solchen, in welchen nicht nur die drei Hauptcharaktere tanzen, sondern auch das vierköpfige Nachwuchsensemble auf der Bühne ist, faszinieren beständig.

Die zu Beginn psychedelische Musik, die wogend eine heile Welt vorgaukelte, wird im Laufe der Zeit rhythmisch wilder, um bald darauf gänzlich andere Klangfarben anzunehmen. Die James Wilton Dance Cie bietet den Soundtrack, der von der polnischen Band Amarok unter Michal Wojtas produziert wurde, übrigens auch zum Kauf an.

The Storm (Fotos: Brian Slater)
Der versöhnliche Schluss ist dennoch kein Happyend im klassischen Sinn. Zwar schaffen die drei Freunde, die das Schicksal für eine lange Zeit trennte, wieder einen Schulterschluss und beginnen langsam, ihre ausgestreckten Arme gemeinsam nach vorne und rückwärts zu bewegen. Das ausgelassene Wechselspiel ihrer Hände, das zu Beginn die ausgelassene Lebensfreude charakterisierte, bleibt aber aus. Ein subtiler und höchst realistischer Hinweis darauf, dass das Leben nach traumatischen Erfahrungen zwar weitergeht, aber nicht mehr das ist, was es einst einmal war.

Fazit: Tänzerisch und dramaturgisch extrem sehenswert!

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Ein Hauch von Woodstock in Graz https://www.european-cultural-news.com/ein-hauch-von-woodstock-in-graz/34082/ Wed, 17 Jul 2019 13:58:37 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34082 Die Verschränkung von Kunst und gesellschaftlichem Impact kommt in dieser Arbeit nicht mit dem Holzhammer daher. Vielmehr gelingt CieLaroque mit „It`s all about“ das Kunststück, dem Publikum ein Stück positives Weltbild mit auf den Weg zu geben.

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Der Beat rockt und lässt die Füße der Teilnehmenden mitwippen. Eine und einer nach dem anderen aus dem Publikum wird auf die Tanzfläche geholt oder tut dies von sich aus, ganz ohne Aufforderung. Innerhalb weniger Augenblicke hat sich die Bühne, auf der bisher drei Tänzer agierten, in einen Space verwandelt, auf dem zu happy music ausgelassen getanzt wird. Die fröhliche Stimmung ist unglaublich ansteckend und unweigerlich stellt sich die Frage: Wann durfte man das letzte Mal so unbeschwert sein? Wann hat man sich gemeinsam als „beautiful people“ erlebt? Frei nach dem Song „Beautiful people“ von Melanie, der im Anschluss an das gemeinsame Tanzerlebnis, erklingt. Das erste Mal sang ihn die Singer-Songwriterin 1969 beim Festival in Woodstock.

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Die Choreografin Helene Weinzierl zeigt in ihrem neuen Stück „It´s all about“, dass man auch in Zeiten von täglicher Horror-Reizüberflutung das Leben feiern darf. Und wagt damit einen gesellschaftlichen Perspektivenwechsel, der unglaublich wohltut. Luan de Lima, Uwe Brauns und Alberto Cissello, das Ensemble von Weinzierls CieLaroque, switchen nicht nur das Publikum der Internationalen Bühnenwerkstatt in Graz von der passiven Zuschauerattitüde ins aktive Mitmachen. Vielmehr verbreiten sie in diesem Moment eine so wunderbare Laune, von der man möchte, dass sie lange anhält.

Doch bis es soweit ist, pendelt die Performance zwischen unterschiedlichen Polen. Zu Beginn sind die drei Tänzer eine lange Zeit mit sich selbst beschäftigt, durchmessen den Raum raschen Schrittes und zeigen erste, individuelle Bewegungsmuster. Bis sich beinahe ephemere Paarkombinationen ergeben, die – kaum stattgefunden – auch schon wieder Vergangenheit sind.

Unterfüttert von einer fein abgemischten Musikcollage zeigt Weinzierl ein Kaleidoskop an unterschiedlichen, humanen Befindlichkeiten. Von Rivalitäten oder pfauenhaften Selbstdarstellungen bis hin zu ersten Balzversuchen ist hier alles vertreten. Vieles bleibt angedeutet, mit wenigen Bewegungen nur skizziert – vieles bleibt für eine persönliche Interpretation offen. Und doch sind es die drei Männer, von denen sich jeder in einem Solo vorstellt, die der Performance einen starken Rahmen geben. Nicht zuletzt, weil sie auch sprachlich agieren.

Uwe Brauns präsentiert sich dabei als ein Mann, der am liebsten die Welt retten möchte und als Kind Bodyguard werden wollte. „It`s all about trust“ ist seine Devise, wohl wissend, dass man nicht jedem vertrauen darf. Alberto Cissello hingegen verkörpert den Strahlemann, den Sunnyboy, der alle unterhält und Brauns in einem Flamenco-Fechttanz nach vorherigem Gerangel tänzerisch herausfordert. Luan de Lima stellt er jedoch als seinen Freund vor, der meint, dass alles nur richtiges „timing“ ist. Dessen Solo widmet er einem Mädchen aus dem Publikum, das er mit einem Handy und einem Kopfhörer ausstattet; So, als würde nur sie die Musik hören können und er ausschließlich für sie alleine tanzen.

Neben der riesigen Portion an tänzerischem Können, das durch das hohe Tempo und ein exaktes Timing überzeugt, sind es die verschiedenen Stilmittel, welche die Performance extrem kurzweilig erscheinen lassen. Die Verschränkung von Kunst und gesellschaftlichem Impact kommt in dieser Arbeit nicht mit dem Holzhammer daher. Vielmehr gelingt CieLaroque mit „It`s all about“ das Kunststück, dem Publikum ein Stück positives Weltbild mit auf den Weg zu geben.

Weitere Tanzveranstaltungen des Festivals finden Sie auf der Website http://www.buehnenwerkstatt.at/performances-and-acts/

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Nur noch Alpenmilch, Noisette und Vollmilch! https://www.european-cultural-news.com/aktionstheater-ensemble-wie-geht-es-weiter/34017/ Wed, 19 Jun 2019 19:10:33 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=34017 Kopf, Emotion und dazu eine große Portion Humor – gespeist aus der Unzulänglichkeit von uns allen – sind Fixpunkte in den aktionstheaterensemble-Inszenierungen.

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Michaela Preiner

„Wie geht es weiter“ – aktionstheater ensemble (Foto: Gerhard Breitwieser)
Sie sind einfach großartig. Schon beim Einzug in jene Arena, die sich Bühne nennt, kommt Freude beim Publikum auf, handelt es sich doch um mehr oder weniger „alte Bekannte“. Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek treten mit umschatteten Augen, beigen Spitzenkleidern und ebensolchen Shirts auf und machen in wenigen Augenblicken klar, dass die Energie, die jetzt von ihnen ausgesendet werden wird, eine hochexplosive ist.
Der Regisseur Martin Gruber bleibt bei den Produktionen des aktionstheater ensemble seinen Schauspielerinnen und Schauspielern treu. Kein Wunder, ist es doch eines seiner Grundprinzipien, gern mit Menschen zu arbeiten,  die er schon länger kennt. Manche sind schon Jahrzehnte dabei, wie Susanne Brandt, andere wieder bleiben kürzer. – Das entwickelt sich individuell und ist nirgends festgeschrieben. Die Kerngruppe des zwischen Vorarlberg und Wien vazierenden Theaters besteht aus ca. 30 Personen, die wechselweise in den unterschiedlichen Produktionen auftreten.
Das jedoch mit hohem Wiedererkennungswert. Denn schließlich ist auch ein beträchtlicher Teil dessen, was in den Stücken angesprochen wird, Erlebtes, Erfühltes oder Erdachtes der Truppe und nicht nur eines einzigen Masterminds. Und so kommt es, dass man den Eindruck erhält, jene Menschen, die auf der Bühne stehen, schon nach wenigen Vorstellungen gut zu kennen. Vor allem auch, weil alle „Typen“ – im positiven Sinn – sind. 

Sie erzählen von ihren Marotten, ihren Ängsten oder ihren Schwächen, ihren Vorlieben und Wünschen und spiegeln dabei viel von jenem Zeitgeist wider, in dem wir uns alle befinden. „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“, diese Neuproduktion, die im WerkX im Juni Premiere feierte, verhandelt eine ganze Menge an Themen, die vielen von uns unter den Nägeln brennen. Oder brennen müssten. Angefangen von Afrika – „Afrika ist ein RIESENTHEMA!“ – so Bilgeri mehrfach, über prekäre und luxuriöse Wohnverhältnisse bis hin zu reuelosem Schokoladegenuss und politischen, braunen Sümpfen in Österreich spannt sich dieses Mal der Themenbogen.

„Wie geht es weiter“ (Foto: Gerhard Breitwieser)
Den wahren künstlerischen Touch erhalten Grubers Arbeiten aber erst durch die Kombination mit der Musik (dieses Mal Kristian Musser) und dem teilweisen Einsatz von Choreografien. Diese halten alle Beteiligten laufend in Bewegung. Bis auf eine Ausnahme. Benjmin Vanyek fällt oft aus dem Gemeinschaftsraster. Während die anderen beim Hantieren mit alten Autoreifen zu schwitzen beginnen oder sich synchron drehen und parallele Tanzschritte vollführen, kann es immer wieder passieren, dass er dabei ganz außen vor bleibt.

So sehr sich die anderen darum bemühen, erfolgreich und angepasst zu sein, so sehr sie versuchen sich selbst zu optimieren und dabei jedoch regelmäßig scheitern, so sehr stellt Vanyek einen Antipoden dar, dem das alles schnell zu viel, zu laut und zu blöd ist. Er beschäftigt sich mit der Langsamkeit des Lebens, oft auch mit dem Nichtstun, für das er viel Zeit braucht und – er ist jene Figur in den aktionstheater ensemble-Aufführungen, bei der klar wird, wie irrsinnig unsere hektische Welt und unser Verhalten angelegt sind. Dabei bietet er eine wunderbare Projektionsfläche für Wünsche, die sich der strebsame Mensch nicht einmal im stillen Kämmerchen zu denken getraut: Ein ruhiges Leben führen, sich mit sich selbst beschäftigen und auch sich selbst genügen – eine paradiesische, aber in unserer geldoptimierten Welt schier unausführbare Vorstellung.

In dieser jüngsten Aufführung sind es zwei Aktionen, die das temporeiche, verbal Diskursive, das kennzeichnend für dieses Theater ist, sprengen. Es sind die heftigen Schmuse-Attacken von Michaela Bilgeri mit zwei ihrer Kollegen, während derer jedoch das erzählerische Geschehen ungebremst weiter läuft. Und dann ist da noch der minutenlange Schrei von Benjamin Vanyek nach seiner Mutter, untermalt mit einem ohrenbetäubendem Hard-Rock-Sound.

Ausgelöst wurde diese Aktion, bei der er schweißdurchtränkt und schokoladeverschmiert vor allen anderen am Boden sitzt, durch seine vorherige Erzählung. In dieser schilderte er, wie seine Mutter löwenhaft, wenngleich auch „etwas übertrieben“ darum kämpfte, die Wohnung nach einem Mietrückstand für sich und ihre vier Kinder nicht zu verlieren.

Der anschließende, exzessive Schokoladegenuss – nur mit Alpenmilch, Noisette und Vollmilch wohlgemerkt – löst bei ihm wie in einem Backflash ein Sehnsuchtsgefühl aus, das viele kennen. Es sind Momente wie diese, die betroffen machen und von welchen man weiß, dass das, was hier auf der Bühne geschieht, stellvertretend für das Publikum passiert, das nur stumm sitzt und schaut.

Bilgeri knutscht für all jene, die sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern können, wie sich intensiver Körperkontakt anfühlt. Benjamin Vanyek brüllt sich die Seele aus dem Leib für alle, welche den Wunsch, wieder mutterumsorgt Kind zu sein ebenso hinausbrüllen möchten, es aber aus raisonablen Gründen niemals tun würden.

"Wie geht es weiter" (Fotos: Gerhard Breitwieser)
Martin Gruber zitiert in seinen Interviews immer wieder gerne das antike, griechische Theater, wohl wissend, dass gerade die kathartischen Elemente darin Erfolgsfaktoren waren. Was heute bei vielen Theaterleuten verpönt ist, schleust er mit Szenen wie die beiden letztgenannten, ganz frech durchs Hintertürchen ein und erweckt dabei unglaubliche Emotionen und Reflexionsanstöße.

Kopf, Emotion und dazu eine große Portion Humor – gespeist aus der Unzulänglichkeit von uns allen und dem nicht erklärbaren Wahnsinn unserer Welt – sind Fixpunkte in den aktionstheaterensemble-Inszenierungen. Auch die sichere Wiederkehr dieses Triumvirats macht den Erfolg dieses Theaters aus, dessen Fangemeinde wächst und wächst und für dessen Vorstellungen man früh genug Karten kaufen muss, um einen Platz zu bekommen. To be continued – am besten mit Ende nie – ist ein frommer Wunsch – den man ja noch träumen wird dürfen.

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