European Cultural News https://www.european-cultural-news.com Online Kultur Magazin aus Wien Sat, 07 Mar 2020 15:30:28 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4 https://i2.wp.com/www.european-cultural-news.com/wp-content/uploads/2014/03/cropped-logo_quadrat-e1396083958364-1.jpeg?fit=32%2C32&ssl=1 European Cultural News https://www.european-cultural-news.com 32 32 Aktuell wie vor 800 Jahren https://www.european-cultural-news.com/koenig-johann-duerrenmatt-wiener-neustadt/35785/ Sat, 07 Mar 2020 15:30:27 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35785 Das Spiel um die Ränke der Mächtigen, um Vernunft und Unvernunft und letztlich um eine Bürgerschaft oder ein Volk, das mehr ist als die, die es regieren, hinterlässt starke Eindrücke.

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Aktuell wie vor 800 Jahren

Aktuell wie vor 800 Jahren

Aurelia Gruber

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
Das Surrounding könnte nicht authentischer sein. Die frisch renovierten Kasematten in Wiener Neustadt stammen in ihrem Kern aus dem Mittelalter. Aus jener Zeit, in der der Adel sich in Europa konstituierte und seinen länderübergreifenden Einfluss und seine umfassende Macht in Stellung brachte.
„König Johann“, ein krudes und dramaturgisch etwas verworrenes Frühwerk von Shakespeare, wurde in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von Friedrich Dürrenmatt überschrieben und gelangte nur wenige Male zur Aufführung.
Man muss schon eine große Portion Selbstvertrauen haben, sich mit diesem Werk in eine neue Ära zu begeben. Dies tat und tut gerade Anna Maria Krassnigg, ihres Zeichens künstlerische Leiterin und Regisseurin, aber auch Autorin, die gemeinsam mit Christian Mair die wortwiege gründete. In Wien Vielen noch als „Salon5“ bekannt, später dann im Thalhof in Reichenau für 4 Jahre beheimatet, bot man Krassnigg nun die Erstbespielung der historischen Gemäuer in Wiener Neustadt an. Begleitet von einer Reihe literarischer Spürhunde – der despektierliche Ausdruck ist hier anerkennend gemeint – stieß sie auf das Drama „König Johann“, welcher der jüngste Bruder von Richard Löwenherz aus dem Geschlecht der Plantagenets war.

Nicht nur, dass Wiener Neustadt seine erste Prosperität dem Lösegeld verdankte, das in Silber für Richard Löwenherz an den Herzog von Österreich ausbezahlt wurde. In Shakespeares Stück kommt Letzterer sogar leibhaftig vor. Als verkommener Kriegstreiber, der den lukullischen Genüssen mehr zugeneigt war als dem humanistischen Gedanken an Frieden.

Krassnigg inszeniert das Stück als aberwitzigen Ritt eines Ablaufes von innerfamiliären Geschehnissen, bei welchem die Blutsverwandtschaft den Eindruck hinterlässt, sich selbst der größte Feind zu sein. Der Kampf um die Aneignung von Ländereien in Frankreich, sowie ganz England, tritt als Schaulauf von Grausamkeiten, Niedertracht und Verrat in Erscheinung: höchst symbolträchtig auf und um einen verkohlten Catwalk. Hinter diesem hat sich ein riesiges Schlachtross in seiner wildesten Drohgebärde aufgestellt und begleitet das Geschehen damit in Permanenz. (Bühne Andreas Lungenschmid)

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
Die beiden Gegenspieler König Johann und König Philipp – beide aus dem Geschlecht der Plantagenets – agieren als machthungrige Scheusale, die skrupellos einen Krieg anzetteln, bei dem sie wissen, dass tausende Soldaten ihr Leben lassen müssen. Doch auch die Frauen des Clans, der „mafiose Strukturen“ aufweist, wie Krassnigg das Adelsgeschlecht in einem Interview charakterisierte, kommen nicht wirklich gut weg. Entweder stehen sie kurz davor, nach einem wilden, verbalen Schlagabtausch handgreiflich zu werden. Oder sie versuchen die Männer zu manipulieren, um die Krone für ihre eigene Nachkommenschaft zu sichern.

Wie in einem verrückt gewordenen Lebenskarussell wendet sich das Blatt des Schicksals mehrfach. Dennoch steuert die Familiengeschichte haltlos einem unrühmlichen Ende zu. Horst Schily als König Johann und Jens Ole Schmieder als König Philipp spielen beeindruckend zwei höchst kontrapunktische Herrscher. Ersterer als überheblicher Throninhaber, der sich, selbst entscheidungsschwach, von einem „Bastard“ zu vernunftgetriebenen Entscheidungen überreden lässt. Schily spielt mit einer Attitüde, die einem verschlagenen Herrscher innewohnt, der seine eigene Entscheidungsschwäche durch abgehobenes Gebaren überspielt. Während ganz konträr sich Jens Ole Schmieder durch lautstarke Auftritte und überbordendes Testosteron den Geschehnissen dennoch fatalistisch ausgeliefert sieht, aber letztlich als Glücksritter aus den Wirren der Schicksalsumschwünge hervorgeht. Antoaneta Stereva schuf Kostüme die zwischen Eleganz und schäbiger Abgerissenheit changieren und nicht nur die einzelnen Charaktere betonen, sondern Brücken quer über alle Jahrhunderte ins Heute schlagen.

Mit Niko Lukic wurde ein authentischer „Bastard“ besetzt, der stimmgewaltig seine Jugend und seine Vernunft ins Rennen um den Frieden einzusetzen versucht. Als einziger Unbeugsamer wählt er ein Leben in Freiheit ohne Adelsauszeichnung. Blutbesudelt von den angeordneten Peitschenhieben seiner ehemaligen Geliebten, die er verraten hat, zieht er sich letztlich vom Hof zurück. Petra Staduan, die ihn als Blanka zu ihrem Ehemann auserkoren hatte, rächt sich mit einem rockigen „I put a spell on you“, gesungen in ein blank poliertes 50er-Jahre Mikrofon. Jenem Fluch, mit dem Screamin` Jay Hawkings in eben jenem Jahrzehnt zu Weltruhm gelangte. Christian Mair (Musik) nimmt die markante Bass-Melodie auf und lässt mit ihr unterlegt gleich zu Beginn die verfeindeten Familien auftreten. Petra Staduan kämpft in der Rolle als aufmüpfige und lebenshungrige Blanka – entgegen jeder Etikette – selbstermächtigt für ihre Rechte als Frau.

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)

Nina C. Gabriel ereilt nicht nur als Eleonore, Johanns Mutter, ein grausames Schicksal, dem sie erhobenen Hauptes entgegenschreitet. Sie schlüpft auch in die Rolle von „Österreich“ und kommentiert dessen lukullischen Erlebnisse höchst launig während des Treffens, in welchem über das Schicksal der Bürger von Angers entschieden wird. Isabella Wolf tritt sowohl als Constanze auf, der Mutter des Thronfolgers Arthur, als auch als androgyner Kardinal. Mit seinem Bannspruch unterwirft er Philipp und fädelt in weiterer Folge eine neue englische Regentschaft ein. Herzzerreißend bricht sie als Mutter nieder, als sie erfährt, dass ihr Sohn in die Hände der Engländer gefallen ist und berückend und aufklärerisch zugleich erscheint sie als Christus-Nachfolger, der weiß, wie man mit Sog und Druck verführt und zu seinem Ziel kommt.

Julian Waldner verkörpert insgesamt grandios sechs Charaktere. Sein „Bürgervertreter“ mischt sich unter das Publikum und macht diesem klar, dass das, was auf der Bühne verhandelt wird, nicht weniger als jene Zukunft ist, die wir heute Demokratie nennen. Ob als Chatillon oder Pembroke, ob als unglücklicher Arthur, Angouleme oder Mönchlein – mit ihm transportiert Krassnigg in höchstem Maße die Idee, dass ein guter Schauspieler imstande ist, ein Ensemble durch Mehrfachbesetzung numerisch scheinbar aufzumotzen. Die permanenten und oft im Handumdrehen durchgeführten Rollenwechsel, auch von den anderen Mehrfachbesetzungen, sprühen nur so vom Geist eines lebendigen, blutvollen Theatergedankens. Einer Vermittlungsidee großer Stoffe, die durch hervorragende Schauspielende sinnlich erfahrbar und nachvollziehbar wird.

Der Wunsch, dass Theater imstande sein soll ein Nach-Denken anzuregen, dieser Wunsch geht in dieser Inszenierung auf. Denn egal, ob man allen Familienverstrickungen folgen kann oder nicht: Das Spiel um die Ränke der Mächtigen, um Vernunft und Unvernunft und letztlich um eine Bürgerschaft oder ein Volk, das mehr ist als die, die es regieren, hinterlässt starke Eindrücke. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass König Johann vor mehr als 800 Jahren verstarb und vermeintlich in unserem Leben keine Rolle mehr spielt.

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)

Die wortwiege zeigt noch bis Anfang April „König Johann“. Vor einzelnen Vorstellungen trifft Anna Maria Krassnigg auf Gäste aus dem In- und Ausland, um mit ihnen über das Thema des diesjährigen Festivals „Bloody Crown“ zu diskutieren.

Alles Infos hier: www.wortwiege.at

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Atemberaubende Percussion https://www.european-cultural-news.com/atemberaubende-percussion/35705/ Tue, 11 Feb 2020 20:15:38 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35705 Grubinger spielt nicht, er IST Musik, auch wenn sich dies reichlich abgedroschen anhört. Alles, was er präsentiert, spielt er so, als hätte er es selbst komponiert.

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Martin Grubinger (Foto: Simon Pauly)

Auf der Bühne ist kein Zentimeter freier Platz. Aufgestellt sind aber nicht Sesselreihen und die großen Instrumente eines Symphonieorchesters, sondern ungezählte Percussion-Instrumente. Im Stefaniensaal in Graz präsentierte der Musikverein sein 3. Solistenkonzert in dieser Saison und lud dazu den österreichischen Shootingstar auf dem Percussion-Gebiet ein. Martin Grubinger hat auf bereits allen nur erdenklichen, großen Bühnen dieser Welt gespielt und ist im Moment mit einem Programm unterwegs, das er zum Teil solistisch, zum Teil mit Kollegen bestreitet. Dass er dabei zugleich auch noch als Moderator fungiert, hebt seine Sympathiewerte immens. Grubinger ist einer, der sich nicht hinter einem steifen Musikformalismus versteckt. Ganz im Gegenteil. Science-fiction-Liebhaber mögen ihn als Außerirdischen bezeichnen, Religiöse als göttlich oder auch des Rhythmus-Teufels Advokat. Nüchtern betrachtet ist er eine absolute Ausnahmeerscheinung in seinem Bereich.

Percussionisten kennt man höchstens von den großen Pop-Bands, aber im Konzertsaal hat es noch keiner außer Grubinger geschafft, sich einen klingenden, international bekannten Namen zu machen.

Das höchst ambitionierte Programm forderte das Publikum, aber vor allem Grubinger und seine fünf Kollegen. Sowohl musikalisch als auch körperlich. Denn unzählige Platzwechsel, verbunden mit Instrumentenwechseln stehen dabei an. Außerordentlich schwierige, komplexe Partituren müssen bewerkstelligt werden, angefeuert von einem Rhythmus-Vollblut, dessen Lieblingsinstrument die Marimba ist. Und die ist häufig im Einsatz. Gleich zu Beginn zeigt Grubinger, dass man als Percussionist nicht unbedingt nur mit Lautstärke überzeugt. Denn der zarte Auftakt, Solo XV für Marimba, eine Uraufführung des Finnen Kalevi Aho (geb. 1949), lässt noch in keiner Weise das spätere Energiefeuer durchblitzen, das noch kommen wird.

Schon da wird aber klar: Grubinger spielt nicht, er IST Musik, auch wenn sich dies reichlich abgedroschen anhört. Alles, was er präsentiert, spielt er so, als hätte er es selbst komponiert. So, als strömte es auf ganz natürliche Weise aus ihm heraus in die Marimba- oder seine Percussion-Schlägel. Während seine Kollegen bei schwierigen Passagen immer wieder leise vor sich hin mitzählen, um nicht aus dem Takt zu geraten, spielt ihr Chef so, als wüsste er nicht einmal, was zählen ist. Seine beredte Mimik unterstreicht zugleich wunderbar die unterschiedlichen Klangcharaktere. Agiert er im hohen Bereich, lächelt er zart, aber beständig, kommt er in Klangtiefen, verdüsterst sich sein Blick und erhält zuweilen etwas Ekstatisches. Es ist dieses ganz Einswerden mit der Musik, dieses darin Aufgehen und zugleich auch Brillieren, das so fasziniert. Abgesehen von einer technischen Fertigkeit, von der man weiß, dass sie nur erreicht wird, wenn eine außergewöhnliche Begabung auf Fleiß trifft.

Mit Maki Ishiis „13 Drums“ präsentierte er einen „Klassiker“ der Schlagzeugliteratur und zeigte, was es heißt, neben allem Herumwirbeln auf den unterschiedlichen Trommeln einen beinahe durchgehenden Ostinato-Rhythmus von der linken in die rechte Hand zu schieben und umgekehrt. Kalevi Ahos Komposition „Sieidi“ umkreist das Thema „heilige Instrumente“ und vereint eine ganze Reihe von Percussion-Instrumenten mit dem Klavier. Grubinger präsentierte mit seinem Ensemble darin Kraftvolles und Sphärisches gleichermaßen und oszillierte zwischen meditativen Klängen und orgiastischen Einschüben.

Nach dem Solostück von Iannis Xenakis „Rebonds b“, bei dem sich eine Pauke im Wettstreit mit Bongos und Tom-Toms befindet, performten die Musiker nach der Pause eine 40-minütige Suite, zusammengestellt von Martin Grubinger sen. Dabei wurde deutlich, welcher Klangreichtum in den Percussion-Instrumenten steckt. Die Reise quer durch zeitgenössische Schlagzeugliteratur, ebenfalls an vielen Stellen mit Klavierbegleitung, bot ein immens abwechslungsreiches Bild – nicht nur musikalisch. Immer wieder kamen Bühnenarbeiter und stellten Instrumente um, oder trugen sie fort, während Grubinger und seine Musiker unbeirrbar weiterspielten. Jazziges, wechselte sich mit Afrikanischem, Lyrisches mit Kraftvoll- Donnerndem und Theatralem ab. All das wurde erst in unserem und im vorigen Jahrhundert komponiert, als die Rhythmusinstrumente erst ihre großen Auftritte in den Konzertsälen erhielten. Wohl auch, weil sie, wie unter anderen Marimbas und Xylophone, auch melodisch zum Klanggeschehen beitragen konnten. Grubinger sen. verarbeitete Material von 10 verschiedenen Kompositionen und betonte damit nicht nur die immense musikalische Bandbreite, die mit diesen Instrumenten wiedergegeben werden kann. Es ist ein Bravourstück für seinen Sohn, der dabei klar machte, dass er nicht nur ein außergewöhnlicher Solist ist, sondern genauso versteht, in einer Gruppe aufzutreten und diese – egal von welchem Instrument auch immer – zugleich auch zu leiten. Mit einem wilden, atemlosen Ritt, harten Unisonoschlägen, rhythmischen Schreien und einer Gesangsbegleitung, die das Testosteron bis in die letzten Reihen des Saales spürbar machten, endete schließlich „Prismatic Final Suite“. Das atemberaubende Konzert wurde von Standing ovations beendet – die sich auch nach jeder der drei Zugaben wiederholten.

Mit Martin Grubinger traten auf: Slavik Stakhov, Rainer Furthner, Leonhard Schmidinger, Alexander Georgiev und Per Rundberg am Klavier.

Foto ECN

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Tiefgründiges und leichte Kost https://www.european-cultural-news.com/voegel-schauspielhaus-graz-kritik/35602/ Fri, 07 Feb 2020 17:00:05 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35602 Das Schauspielhaus Graz wartet derzeit mit zwei gänzlich unterschiedlichen Produktionen auf, die eins klar machen: Unterhaltung im Theater kann tiefgründig, aber auch leicht konsumierbar sein.

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Tiefgründiges und leichte Kost

Tiefgründiges und leichte Kost

Michaela Preiner

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
Das Schauspielhaus Graz wartet derzeit mit zwei gänzlich unterschiedlichen Produktionen auf, die eins klar machen: Unterhaltung im Theater kann tiefgründig, aber auch leicht konsumierbar sein.
Mit „Vögel“ steht ein Drama auf dem Spielplan, das in dieser Saison auch am Akademietheater und am Tiroler Landestheater in Innsbruck gezeigt wird. Das macht deutlich, dass der Stoff, den der Autor Wajdi Mouawad darin verarbeitet, als sehr zeitgeistig empfunden wird.
„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
Der junge Gentechniker Eitan, der aus einer jüdischen Familie stammt, trifft in der Universitätsbibliothek auf Wahida, eine arabischstämmige, junge Frau und verliebt sich ad hoc in sie. Die Eltern Eitans wollen der Verbindung jedoch unter keinen Umständen zustimmen. Bei der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn kommt es zu einem Beziehungsbruch, bei dem der junge Mann das Gefühl hat, nicht von diesen Eltern abstammen zu können. Bei einem Gentest, den er heimlich durchführt, muss er feststellen, dass sein Vater nicht der leibliche Sohn seines Großvaters sein kann. Deswegen macht er sich mit seiner Freundin auf den Weg nach Israel, um seine Großmutter zu besuchen und dort das Familiengeheimnis zu lüften.

Der Regisseur Sandy Lopicic, von dem auch die Musik stammt, lässt die Vorstellung mit einem rhythmisch begleiteten Blitzlichtgewitter von grünen Bibliothekslampen beginnen. Einer gelungenen, metaphorischen Verschränkung der Idee, damit jene Tages- und Nachtabläufe zu visualisieren, die es benötigte, bis sich die beiden Liebenden in der Bibliothek kennenlernten. Mit einem genialen Bühnenbild von Vibeke Andersen, wird zu Beginn ein X- und ein Y als Chromosomenabkürzung bildhaft dargestellt. Die Y-Konstruktion in Form eines Glascontainers, der innen begehbar ist, bekommt im Laufe des Abends noch weitere Bedeutungsebenen. In ihm eingeschlossen wird sich eine zeitlang Eitan befinden, der nach einem Terroranschlag in Israel ins Koma fällt. Später wird darin sein Vater zu sehen sein – wie Eitan ebenfalls in einer lebensbedrohenden Situation.

Der Text kreist um die Frage nach Identitäten innerhalb einer Familie, aber auch um Identitäten, die sich aus einer Volkszugehörigkeit ergeben. Eitans Vater muss erfahren, dass er von jenem Volk abstammt, das er aufs Stärkste verachtet. Sein tragisches Ende darf man wohl als letzte Konsequenz einer Erschütterung ansehen, welche die Grundfesten eines Menschen so ins Wanken bringen können, dass dieser daran zerbrechen kann.

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
 Mit Rückblenden ins Jahr 1982 zum Massaker von Sabra und Schatila an Palästinensern zeigt der libanesisch-stämmige Autor, der in Kanada lebt, ein besonders grausames Kapitel des Hasses zwischen Arabern und Juden auf. Das Bild, das er dabei verwendet, erinnert an einen Racheengel, der von oben herab nichts als Unheil verkündet. Die unmittelbaren Folgen des Sechstagekrieges von 1967, die für Etgar, den Großvater und die ganze Familie für das weitere Leben ausschlaggebend waren, bringen eine Wende in die Erzählung. Knapp vor Schluss wird die Familiengeschichte von ihrem bis dahin unbekannten Ausgangspunkt völlig überraschend aufgerollt. Mit fatalen Folgen.

Lopicics musikalische Untermalung trägt klangliche Charakterbilder in sich, die sich aus der Mischung von orientalen und okzidentalen Instrumenten ergibt. Auch das ist ein gekonnter, wenngleich sehr subtiler Hinweis auf jene Lebensbausteine, aus welchen Eitans Vater, letztlich aber auch Eitan selbst zusammengesetzt sind. Einem zuweilen langatmigen ersten Teil folgen fulminante, hoch emotionale Bilder und Szenen nach der Pause. Bis hin zum Schlussbild, das den Leichnams des Vaters quer über die Bühne projiziert.

Frieder Langenberger als Eitan und Gerhard Balluch als sein Großvater bestechen mit ihren schauspielerischen Leistungen. Die Emotionalität der Jugend trifft dabei gekonnt und plausibel auf die Abgeklärtheit des Alters. Was den beiden Charakteren an Versöhnungspotential innewohnt, fehlt den Eltern von Eitan komplett. Sowohl Susanne Konstanze Weber als Norah, die Mutter, als auch Mathias Lodd in der Rolle des Vaters, zeigen versteinerte Herzen und verkörpern keine Sympathieträger. Beatrice Frey als Großmutter toppt die beiden in ihrer Gefühlskälte – bis auf einen kurzen emotionalen Ausbruch. Katrija Lehman steht als Wahida sowohl in ihrem Aussehen als auch ihrem Lebenszugang antipodisch der israelischen Soldatin Eden gegenüber, verkörpert von Anna Szandtner, die plötzlich eine unerwartete Empathie mit der jungen Frau empfindet.

Ein Theaterabend mit einigen gelungenen Regieideen, bei dem man trotz aller dramatischer Ereignisse emotional jedoch auf Distanz bleibt.

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
„Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela)

Ich, Tatortkommissarinnen

Von ganz anderem Kaliber ist die Performance „Ich, Tatortkommissarinnen“ bei der Cora Frost für die Regie verantwortlich zeichnet. Darin treten die Rabtaldirndln gemeinsam mit Julia Gräfe auf, um dem Phänomen der allsontaglichen Tatortausstrahlungen nachzugehen. Nach einem fulminanten Einstieg, bei dem man sich live inmitten einer Messfeier zu Ehren des Heiligen Tatortabends befindet und anstelle von Hostien Erdnussflips auf der Zunge zergehen lassen darf, outen sich die Schauspielerinnen mit ihren jeweiligen Krimi-Vorlieben. Dass sie dabei in die Rolle von Kommissarinnen schlüpfen, versteht sich von selbst. Und dass sie als solche nicht davor zurückschrecken, wie ihre männlichen Kollegen zu schießen und sich im Nahkampf am Boden zu wälzen, auch.

Der späte und unerwartete Auftritt von Cora Frost – die plötzlich singend dem bockenden Kaffeeautomaten entsteigt, kippt die Inszenierung ins Revuehafte. Um die Kottan-ermittelt-Anspielung zu verstehen, muss man aber der Jugend schon entwachsen sein. Dramaturgisch erschließt sich einem nicht wirklich, warum jene Szene, in der ein „Teambuilding-Wochenende“ nachgestellt wird, von der Länge her ausufert und die Damen sich dazu in zartes, rosarotes Tuch kleiden müssen. Diesen Switch nimmt man den Rabtaldirdnln beim besten Willen nicht ab. Julia Gräfe blieb von dieser Verwandlung zum Glück ausgeschlossen.

„Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela)
Die durchinszenierte Vorstellung, in der nur einmal Julia Gräfe sich beim Publikum einige Antworten abholt, hat nichts mit einer Performance zu tun und erhält damit ein Etikett, dass ihr nicht wirklich passt. Die Mischung aus Theater-Nabelschau und Krimi-Verballhornung hält zwar immer wieder Lacher bereit, bleibt letztlich aber das, was auch der Tatort selbst ist, eine vorkonfektionierte Unterhaltung, die von zufünftigen Amusements rasch wieder überdeckt werden wird. Dennoch empfehlenswert, wenn man einen lockeren Theaterabend genießen möchte.

Auf der Bühne agieren Barbara Carli, Rosa Degen-Gaschinger, Bea Dermond, Julia Gräfner, Gudrun Maier und Susanne Ohner.

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Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht https://www.european-cultural-news.com/meister-und-margarita-im-akademietheater-kritik/35568/ Wed, 29 Jan 2020 21:37:16 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35568 Das Spiel um Macht und Geld, um Liebe, Begierde, Erfolg, Misserfolg aber auch Moral und Religion weist so viele unterschiedliche Ebenen auf, dass ein Besuch nicht reicht, um alles erfassen zu können.

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Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Michaela Preiner

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
So einiges, was manchen Kritikern missfällt, fasziniert das Publikum – und umgekehrt. Dies ist sehr gut bei der derzeitigen Inszenierung von „Meister und Margarita“ am Akademietheater zu verfolgen, die nach der Premiere nicht nur positive Kritiken erhielt. Unter der Regie von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, die in Tallinn das Theater NO99 betreiben, erlebt das von Michail Bulgakow geschriebene Kultbuch eine Dramatisierung, die es seinem ursprünglichen Kontext, der Sowjetunion der 20er und 30er-Jahre entzieht. Das tut rundum gut und bringt jede Menge neuen Schwung mit sich. In der Interpretation des Regieduos aus Estland ist nichts mehr von der stalinistischen Diktatur spürbar, aber von jener des kapitalistischen Systems sehr wohl.
„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Bulgakow, der als Autor vom System drangsaliert und geächtet wurde, arbeitete an diesem Buch über 12 Jahre und hinterließ damit nicht nur ein Stück Selbstreflexion und jede Menge biographische Verweise. In diesem Werk stellt er einige der großen Menschheitsfragen zur Disposition. Woher kommt das Böse, was ist das Gute? Gibt es Barmherzigkeit und wie kann man es persönlich mit der Religion halten?

Ojasoo und Semper, die auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnen, versetzen das Geschehen in ein Bürogebäude, in dem die Angestellten einer strengen Hierarchie unterliegen. Besonders das Frauen-Männer-Verhältnis ist – wie man rasch mitbekommt – sehr zu Ungunsten der Frauen aufgestellt. Der Plot will, dass sich in dem offenkundigen Verlagshaus der junge Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) mit der Geschichte von Jesus kritisch auseinandersetzen soll. Während er dem Publikum inbrünstig sein grottenschlechtes Anti-Religions-Gedicht vorträgt, spielt sich im Hintergrund – teilweise auf eine große Leinwand über der Bühne projiziert – ein Kopulationsakt ab. Mit Folgen, wie sich später herausstellen wird.

Der Teufel und seine beiden Begleiter werden gleich bei ihrem ersten Besuch im Medientempel für das Publikum nicht nur durch ihre blutrote Beleuchtung sofort erkennbar. Genauso wie Jesus selbst, der mit blutverschmiertem Haupt, Dornenkrone und Büßerhemd als Reinigungskraft häufige Auftritte absolviert. Dass die Agierenden auf der Bühne diese Charaktere aber nicht durchschauen, wirkt wie eine intelligent eingezogene, weitere Interpretationsebene. Für das Naheliegende ist man blind – oder will es nicht wahrhaben. Oder auch: Gut und Böse sind mitten unter uns – die Entscheidung, wem wir uns zuwenden sollen, wird uns jedoch nicht abgenommen.

Die Spur der menschlichen Verwüstung, die „Woland“ – direkt aus der Hölle gekommen – hinterlässt, ist gewaltig. Entweder sterben die Menschen eines unnatürlichen Todes – wie zum Beispiel durch einen Tramwayunfall am Schwarzenbergplatz, geschickt auf die Leinwand projiziert – oder sie werden verrückt. Norman Hacker beherrscht in der Rolle des Woland nicht nur in seinen mächtigen Auftritten, sondern auch in seiner Abwesenheit das Geschehen. Sein Teufel löst Faszination und Ekel gleichzeitig aus und besticht durch die von ihm ausgehende Kälte und permanente Manipulation der Menschen.

Sein Antipode – Tim Werths als Jeschua – wirkt in den Szenen im Bürogebäude als stiller Beobachter, der sogar einmal eine Slapstick-Nummer mit einem Staubsauger absolviert. Herausragend ist jene Szene, in welcher er in blauem Anzug, ohne Hemd und ohne Socken, sich als Büroangestellter versucht und dabei kläglich scheitert. In Riesenschritten misst er tollpatschig die Büroflucht ab und kommt dabei immer wieder so aus dem Gleichgewicht, dass man permanent fürchtet, ihn stürzen zu sehen. Hier wurde eine eindringliche Metapher geschaffen, die den Wahnsinn des Arbeitens für so manch großes Wirtschaftsunternehmen kondensiert versinnbildlicht.

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Die Verschränkung der Handlung mit einer zweiten, die Bulgakow geschickt durchführt, bleibt auch in der Inszenierung aufrecht. Und so verwandeln sich einzelne Charaktere aus der Businesswelt im Handumdrehen zu Pontius Pilatus, dessen Geheimdienstchef, aber auch einen Hohepriester. Beeindruckend kommt dabei nicht nur Jeschuas Furcht vor seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus über die Bühne. Vor Angst zitternd steht er vor dem sitzenden Pontius und erscheint trotz seiner großen Gestalt wie ein Häufchen Elend. Philipp Hauß vermittelt in der Rolle des römischen Statthalters glaubhaftest dessen Zweifel, aber auch sein unglaublich diplomatisches Geschick, dass Jeschua letztlich nicht vor dem Tod rettet. So surreal bei Bulgakow das Geschehen auch verhandelt wird, so logisch erscheint es auf der Bühne des Akademietheaters. Die Verbindung mit dem Bösen, dem sich die Menschen freiwillig ergeben, haben viele von uns – wenn auch nicht persönlich – so doch aus Film oder Fernsehen so oder so ähnlich schon erfahren. Und auch die große Liebe, die den Meister und Margarita verbindet, können zumindest einige nachvollziehen.

Es sind Momente, wie das erste Aufeinandertreffen der beiden Liebenden, die emotional perfektest in Szene gesetzt werden und unter die Haut gehen. Sowohl Rainer Galke als auch Annamaria Lang vermitteln den Eindruck, sich bei ihrem ersten Treffen ad hoc aus der Realität in die unsterbliche Liebe katapultiert zu haben. Aber auch der Schmerz, der Margarita erfasst hat, als der Meister plötzlich verschwunden ist, greift tief ans Herz. Der Jesus-Vergleich, in welchem Galke als verhöhnter Autor auf einem überdimensional großem Kreuz verharren muss, macht Sinn. Denn sein Lebenswerk, sein Roman über Pontius, wird von Kritikern rundum abgelehnt, auch wenn sie ihn noch gar nicht richtig lesen konnten. Er, der niemandem etwas zuleide getan hat, wird nach dieser Zurückweisung psychisch krank und fühlt sich ausgestoßen und verurteilt. Dass ein so starkes Bild wie dieses kaum getoppt werden kann, erfährt man im zweiten Teil nach der Pause. Zwar weist auch dieser mit einem Höhepunkt auf – einer gefilmten und eingespielten Ballnacht, auf der es zugeht wie bei einer orgiastischen Party eines Swingertreffs. Dennoch ist der zuvor gezeigte Klimax nicht mehr wirklich zu toppen.

Eine religiöse Verklärung, welche die Angestellten, aber auch alle anderen Charaktere bis auf das Höllentrio samt und sonders erfasst, ist herrlich humorig in Szene gesetzt. Ist doch dahinter Jesus zu sehen, der es nicht fassen kann, was die Menschen in rhythmischer Verzückung da gerade vor ihm so treiben. Es sind Momente wie diese, aber auch Einspielungen direkt aus der Hölle, in welcher Woland seine Besucher in Angst und Schrecken versetzt, die den Abend trotz seiner dreieinhalb Stunden sehr kurzweilig erscheinen lassen.

„Meister und Margarita“ (Fotos: Horn/Burgtheater)
Dass das Stück – ähnlich moralisierend wie Hoffmansthals Jedermann – aus heutiger Sicht in seiner letzten Conclusio etwas altbacken erscheint, ist nicht der Regie anzukreiden, außer man hätte einen neuen, inhaltlichen Twist bevorzugt. Die Barmherzigkeit, die Margarita jener jungen Frau zukommen lässt, die zu Beginn in der Kopulationsszene mit ihrem Chef zu sehen war, verweist zumindest auf einen kleinen Funken Menschlichkeit, dem sich der Teufel ergeben muss. Wenngleich auch von Gottes Funken sonst nichts mehr übriggeblieben ist.

Das Spiel um Macht und Geld, um Liebe, Begierde, Erfolg, Misserfolg aber auch Moral und Religion weist so viele unterschiedliche Ebenen auf, dass ein Besuch nicht reicht, um alles erfassen zu können. Eine intelligente und witzige Regie, ein opulentes Bühnenbild, eine ganze Reihe von emotionalen Szenen und wie immer ein bestens disponiertes Ensemble ergeben eine runde, sehr gelungene Inszenierung mit jeder Menge Gesprächsstoff. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.

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Österreich sollte sich schämen https://www.european-cultural-news.com/ferdinand-schmalz-schlammland-gewalt-schauspielhaus-graz/35524/ Wed, 29 Jan 2020 11:49:14 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35524 Am Stammtisch, auf dem Bau, im Wettbüro, oder an anderen männerbesetzten Orten kann man die Ansage hören, dass man einen Mann mit nur drei Dingen zufrieden stellen könne: Mit Fressen, Saufen und Beischlaf.

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Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Michaela Preiner

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Am Stammtisch, auf dem Bau, im Wettbüro, oder an anderen männerbesetzten Orten kann man die Ansage hören, dass man einen Mann mit nur drei Dingen zufrieden stellen könne: Mit Fressen, Saufen und Beischlaf. Ferdinand Schmalz, jener Autor, der in seinen Stücken wie mit einem Brennglas in die vorzugsweise männliche österreichische Seele schaut, attestiert den Alphatieren jedoch noch ein viertes Plaisir: Macht.
In seinem Stück „Schlammland Gewalt“, schon seit März 2019 am Schauspielhaus in Graz zu sehen, steht zu Beginn eine zeitgeistige Abhandlung über das Patriarchat rund um den „alten weißen Mann“.
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Es stammt aus einem Buch von Sophie Passmann, in welchem sie die jetzige Rolle der Männer und die hereinbrechenden, gesellschaftlichen Veränderungen untersucht. Darin bezeichnet sie die Männer als jene Spezies, die es nicht glauben kann, dass sich das Blatt der Machtinhabe jemals wenden kann – schon gar nicht jetzt. Vorgetragen wird der Text von Eva Mayer und Clemens Maria Riegler, die danach in mehrere Rollen schlüpfen. Erst im Nachhinein wird man sich bewusst, dass dieses Manifest als Begründung für das herhalten kann, was in der einstündigen Aufführung erzählt wurde. Es ist die Geschichte eines Dorfes in den Alpen, in dem ein Dorfdiktator nicht nur die große Lippe schwingt, sondern alles, was sich gegen ihn aufbäumt, mit Gewalt niederringt. Dabei macht er nicht einmal vor seinem eigenen Sohn halt.

Das Publikum nimmt Platz in einem dunklen Bierzelt, das mit bunten Glühbirnen ausgestattet ist und lässt sich zu Beginn mithilfe der dort platzierten Blasmusik in Stimmung bringen. Es dauert nicht lange, bis diese angesichts der brutalen Ereignisse, die abrollen, kippt. Eine junge Frau, die im Bierzelt vor einer Naturkatastrophe warnt, wird rücksichtslos zum Schweigen gebracht. Der one-day-stand einer anderen bedeutet beinahe ihr Todesurteil und die Affäre des „Dorfprinzen“ kostet ihn letztlich tatsächlich sein Leben. Nicht, dass er von einem Nebenbuhler umgebracht worden wäre. Sein Vater erträgt es nicht, dass „sein eigen Fleisch und Blut“ sich seinem Diktat widersetzt und sich „eine von ganz unten“ genommen hat und bricht ihm in einem Wutausbruch das Genick.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Und schon hat Schmalz den Finger in eine aktuelle Gesellschaftswunde gelegt. „Mann“ verhält sich so, als wäre er dazu ermächtigt, die Welt und ihre Menschen darin nach seinem Gutdünken zu be- und verurteilen. Liest man die Statistik der ermordeten Frauen in Österreich, erfährt man, dass die Zahl von 19 im Jahr 2014 über die letzten 5 Jahre hinweg kontinuierlich auf die Rekordzahl von 41 im vergangenen Jahr anstieg. Österreich führt außerdem in Europa den traurigen Rekord an, dass der Anteil der weiblichen Getöteten wesentlich höher ist als der männlichen. Schmalz hat sich mit diesem Phänomen intensiv auseinandergesetzt und geht davon aus, dass diese gewalttätigen Ausbrüche viel mit der „Labilität unserer Zeit“ zu tun haben. Mit einer Verunsicherung also, der so mancher Mann nur in Gewaltausbrüchen begegnen kann.

Wie häufig in seinen Stücken, wählt Schmalz aus dem Reich der Kulinarik ein bestimmtes Lebensmittel, das er in seinem Text von mehreren Blickwinkeln her ausgiebig untersucht. In „Schlammland Gewalt“ dreht sich alles um gegrillte Hühner. In seiner ihm eigenen, kunstvollen Sprache, die zwischen Gestrigem und Heutigem changiert, umkreist er dieses Mal das Brathuhn, angefangen von der Marinade, der Abnahme von Spieß bis hin zu dessen Verwesung. Das tut er in so eindringlichen Sätzen, dass man den Grillhendelduft riechen, aber auch das Knacken der Gebeine hören kann. Selbst den Gestank einer Hühner-Verwesung fährt so ein, als würde sich dieser Vorgang direkt vor einem abspielen. Schmalz wäre sicher ein guter Gourmetkritiker, hätte er nicht weitreichendere Botschaften zu verbreiten als rein lukullische. Aber auch sein rhythmischer Textfluss wäre in einem Kulinarik-Hochglanzmagazin wahrscheinlich fehl am Platze.

Natürlich kann die Geschichte des Dorfes, das letztlich unter einer Schlammlawine zur Hälfte begraben wird, im Moment gut in der aktuellen Klimadebatte verortet werden. Man kann die Schlammlawine aber auch als Metapher deuten, welche die jetzigen Gesellschaftsverhältnisse durch äußere Gewalteinwirkung beendet. Einer brachialen Gewalt, die all jenen das „Maul stopft“, die nicht gewillt sind, sich zu verändern. Dass dabei jede Menge menschlicher Kollateralschaden entsteht, muss wohl in Kauf genommen werden.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Die Besetzung der verschiedenen Rollen mit nur zwei Personen, funktioniert extrem gut. Dadurch bleibt auch das Schmalz-Diktum bestens erhalten. Die Regisseurin Christina Tscharyiski lässt ihre Protagonistinnen und Protagonisten im kleinen Raum im „Haus 3“ in ständiger Bewegung agieren – mittig, hinter oder direkt neben dem Publikum. Eva Mayer agiert dabei auch als seinem Chef höriger Schnüffler und bringt dies mehrfach in gekonnter Hunde-Imitation zum Ausdruck. Clemens Maria Riegler verwandelt sich durch unterschiedliche Kopfbedeckungen vom scheuen Studierenden hin zu einem testosteronbefeuerten, wutentbrannten Patriarchen. Dass all die unterschiedlichen Charaktere trotz der künstlichen Erzählsprache, in der sie meist zum Leben erweckt werden, so plausibel erscheinen, zeigt die schauspielerische Qualität der beiden Agierenden.

Österreich sollte sich schämen, dass es Autoren wie Ferdinand Schmalz bedarf, die Stücke wie „Schlammland Gewalt“ schreiben müssen. Und es darf sich glücklich schätzen, dass es solche Autoren hat.

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Auf dem Highway to hell mit der Ukulele im Gepäck https://www.european-cultural-news.com/auf-dem-highway-to-hell-mit-der-ukulele-im-gepaeck/35518/ Mon, 27 Jan 2020 10:25:46 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35518 Ein Abend vollgepackt mit Ohrwürmern, aber auch Unerwartetem sowie jeder Menge Spaß. Great!

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Ukulele Orchestra of Great Britian • Foto: Allison Burke

Very british kommen sie auf die Bühne. Mit stoischem Gesichtsausdruck nehmen sie Platz und begrüßen erst einmal das Publikum im Festspielhaus St.Pölten. Noch ist nicht die Hölle los – aber zumindest vorausprogrammiert. Das wissen jedoch nur jene, die schon einmal bei einem Konzert der Ukulele Band aus Großbritannien dabei waren.

1985 war der erste Auftritt als reiner Spaß-Gig gedacht. Da er aber dermaßen gut ankam, setzten die Gründer des Ensembles ihre Auftritte kurzerhand mit den „Bonsai-Gitarren“ fort. Heute, nach 35 Jahren, ist ein Großteil der damaligen Mitglieder noch immer dabei. Der Unterschied ist nur, dass sie heute, im Gegensatz zum Beginn, große Häuser wie die Carnegie-Hall oder das Sydney Opera House füllen oder mal schnell bei der privaten Geburtstagsparty der Queen auftreten.

Das Oktett besteht aus 2 Frauen und 6 Männern und hat sich zur Aufgabe gemacht, sein Publikum zu überraschen. Das Ensemble möchte, dass jene, die nicht ganz freiwillig in ihr Konzert kommen und befürchten, eineinhalb Stunden langweilige Ukulele-Klänge über sich ergehen lassen zu müssen, danach zu Fans geworden sind.

Aus diesem Grund besteht das Programm aus einer gelungenen Mischung aus gecoverten Pop- und Rocksongs, aus jazzigen Nummern, Filmmusik und sogar einigen klassischen Stücken. Einer ihrer all-time-hits ist Ennio Morricones Lied aus „The good, the bad and the ugly”, im Gegensatz zum Original kommt es jedoch ohne jegliche künstliche Geräusche und Klänge aus. Alles was zu hören ist, sind Ukuleles und menschliche Stimmen. Und das funktioniert riesig gut. Genauso wie „Hotel California“ von den Eagles oder „I will survive“ von Gloria Gaynor. Mit jedem neuen Stück wird die Stimmung im Saal weiter angeheizt, denn bei diesem breit gefächerten Angebot ist für jeden und für jede etwas dabei.

„Sweet dreams“ von Eurythmics gehört zu jenen anspruchsvollen Ohrwürmern, bei welchen die Briten so richtig zeigen, was sie stimmlich draufhaben, denn die perfekt arrangierten, komplizierten Akkorde kommen rein und dicht zugleich und gehen durch die Ohren wie Samt und Seide. Die Ansage, dass sie sich für den Brexit entschuldigen und sich nicht erklären können, was in Großbritannien derzeit politisch gerade abgeht, nimmt man ihnen aufs Wort ab. Sind sie doch nun seit 35 Jahren im Showbusiness auf der ganzen Welt vertreten. „There is more which unites us then divides us“ – lassen sie an anderer Stelle noch einmal wissen und bekommen dafür langen Applaus.

Der feine britische Humor, den sie mitgebracht haben, sorgt auch für jede Menge Lacher. Vorzugsweise bei ihrer Interpretation von „Every breath you take“ von Police. Sie seien bei einem Besuch im Silicon Valley draufgekommen, dass dies das Lieblingslied von Marc Zuckerberg sei. Wer das gehört hat, kann den Song nie mehr ohne Dauerschmunzeln genießen – probieren Sie es einfach selbst aus!

Bald danach mutiert ein Stück von Georg Friedrich Händel zum 7-stimmigen Kunstwerk. Das clevere Arrangement schafft es, die Grundharmonieabfolge des Barockmeisters mit sieben verschiedenen Nummer 1 Hits zu unterlegen. Nicht enden wollender Applaus belohnte diese tolle Idee und hinreißende Ausführung. Mit AC/DCs „highway to hell“ rockte der Saal schließlich ohne Ende und nach dem finalen Song – „Heroes“ von David Bowie – wurde das Ukulele Orchestra of Great Britain mit Standing ovations bedacht. Ein Abend vollgepackt mit Ohrwürmern, aber auch Unerwartetem sowie jeder Menge Spaß. Great!

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„Wenn Sie sich dafür interessieren“ https://www.european-cultural-news.com/heldenplatz-schauspielhaus-graz/35461/ Thu, 16 Jan 2020 12:32:42 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35461 Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

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"Heldenplatz" (Foto: Karelly Lamprecht)

Es gibt mindestens zwei Arten ein Drama zu inszenieren. Einmal, als versuche man in die Zeit einzutauchen, in der es geschrieben wurde, oder zum anderen so, als würde es gerade brandaktuell geschrieben worden sein. Franz-Xaver Mayr, Jungregisseur, aber bereits an Bühnen wie dem Burgtheater, dem Schauspielhaus Wien oder dem Theater Basel – um nur die größeren zu nennen – tätig, schafft beides zugleich. Seine Interpretation vom „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard am Schauspielhaus in Graz bleibt in der Zeit seiner Entstehung, den 80-er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber mit zwei Regie-Ideen holt er das Stück in unsere Gegenwart.

Die Geschichte um die jüdische Familie eines Mathematikprofessors, der sich wegen der politischen Zustände und dem wiederaufkeimenden Antisemitismus in Wien aus seiner Wohnung in den Tod stürzt, ist in vielen Aussagen aktueller als aktuell. Mayr hebt einige dieser Passagen mithilfe eines Biedermann- und Biederfrau-Chores hervor. Dabei erscheinen Bernhards Tiraden wie jene gegen die Politik, die Fehlbesetzungen an den Hochschulen nach dem Zweiten Weltkrieg und gegen die österreichische Zeitungslandschaft, als hätte er sie für unsere Tage verfasst. Die Idee des Chores funktioniert vor allem deswegen so gut, weil die Hoffnungslosigkeit, die Bösartigkeit, die Beschimpfungen oder die Trostlosigkeit, die in den Texten transportiert werden, keiner einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern weil man sie gut als „Stimme des Volkes“ interpretieren kann. Einem Volk, das schon zu Beginn aus einer Loge seinen Unmut über das Bernhard-Stück kundtut Einem Volk, das streckenweise zu stillen Beobachtern degradiert wird, letztlich aber eine tödliche Bedrohung darstellt.

Die zweite Idee, Bernhard aktuell zu inszenieren, geht mit dem mehrfach gestellten Angebot einher: „Wenn Sie sich dafür interessieren!“ Sarah Sophia Meyer macht dieses Angebot dem Publikum schon kurz nach Beginn, nachdem sie das Setting der Uraufführung an der Burg erklärte und den Sturm der Entrüstung, der schon im Vorfeld der Premiere ausgelöst wurde. Ganz einer allumfassenden, literarisch- und sozio-kulturellen Aufklärung verpflichtet, zitiert und verweist sie auf Sekundärliteratur, die das Werk von Bernhard von vielen unterschiedlichen Seiten her beleuchtet. Mit diesem Regieeinfall wird auch klar: Wir befinden uns hier in der post-Bernhard-Ära, in der es nicht mehr nur reicht, seine Stücke nachzuspielen. Vielmehr ist in den Jahren seit der Uraufführung jede Menge an Erkenntnis hinzugewonnen worden, hat sich die politische Landschaft in Österreich verändert und können einige seiner Aussage ohne weiterführende Untersuchungen fehlinterpretiert werden. Fein wäre es gewesen, würden diese Literaturzitate auch im Programmheft auftauchen. Das hätte nicht nur eine schöne Verschränkung ergeben, sondern hätte einen zusätzlichen Mehrwert geboten.

Als dritte, zentrale Komponente, um die sich alles rankt, bleibt das Bernhard-Stück erhalten. Herausragend wird Frau Zittel, Haushälterin und Vertraute von Professor Schuster, von Florian Köhler dargestellt. In hellblauem, knielangem Kleid mit großer, weißer Plastikmasche und Perlenkette versehen, mach diese Besetzung vor allem deswegen Sinn, weil es Köhler mit Leichtigkeit gelingt, von einer Sekunde in die andere in die Rolle des verstorbenen Hausherrn zu schlüpfen, der zu Lebzeiten ein Familientyrann war. Selbstredend, dass die Rückverwandlung in Frau Zittel genauso bravourös von einer Sekunde auf die andere gelingt. Mit der Barcarole (Liebesnacht-Duett) aus der Oper Hoffmanns Erzählungen verweist der Regisseur auch auf eine Liebesbeziehung zwischen Zittl und Professor Schuster und erklärt damit viele ihrer ambivalenten Aussagen über ihren ehemaligen Chef. Raphael Muff spielt das schüchterne Hausmädchen Herta, das sich nicht genug über die Lügen zu ihrer Abstammung wundern kann, die Zittl dem Professor aufgetischt hatte. Antizipierend, ganz auf die Wünsche von ihm zugeschnitten, hatte die Haushälterin die Biografie von Herta zurechtgebogen  – sozial so unterschichtig, dass einem der Atem dabei stockt.

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Auch der Bruder des Professors, sowie eine seine Töchter besetzt Mayr mit dem jeweils anderen Geschlecht. Julia Franz Richter verkörpert  Prof. Robert Schuster. Sie gibt einen zarten, alten Mann, der sich aus dem Tagesgeschehen schon lange zurückgenommen hat, sich mit seiner Passivität jedoch nicht von der Anklage des Mitläufertums freisprechen lassen kann. Oliver Chomik schlüpft in die Rolle der wortkargen Tochter Olga, die den Redefluss ihrer Schwester Anna ( Evamaria Salcher) stoisch über sich ergehen lässt. Der Auftritt der Witwe in der letzten Szene wird pompös in Szene gesetzt und evoziert unweigerlich Lacher. Julia Gräfner erscheint in einem schwarzen Kostüm, mit einem Baldachin über ihrem Kopf, den sie selbst, an einer hohen Stange befestigt, über sich trägt. Herrlich, wie schlagartig dieses Kostüm von Michaela Flück all das transportiert, womit dieser Charakter von Bernhard ausgestattet wurde. Ihre Theatralik, welche von der Familie schwer auszuhalten ist, vermischt sich mit einer Trauer, die mehr aus Schein denn als Sein besteht. Die Wahnvorstellungen, unter welchen sie leidet, werden gekonnt visualisiert. Zu Beginn noch subtil –  nehmen die abstrakten Wandprojektionen gegen Ende hinzu an Intensität jedoch zu.

In einem gesonderten Einschub des Chores ist auf einem Transparent eine höchst satirisch-lyrische Zustandsbeschreibung der politischen 80-er-Jahre zu lesen: „In den Waldheimen und Haidern“ prangt aus der Menschengruppe hervor, die kleine, beleuchtet Modelle von Kirchen und alpenländischen Häusern in Händen hält. Aber auch ein Wimpel von Casino-Austria ist gut zu erkennen. Unschwer zu erraten, warum.

Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

Weitere Termine auf der Homepage des Schausielhaus Graz. https://www.schauspielhaus-graz.com/

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Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt https://www.european-cultural-news.com/fuer-mich-hat-kunst-immer-einen-heilsamen-effekt-gehabt/35435/ Wed, 15 Jan 2020 20:28:17 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35435 KATHARINA REICH wurde 1980 geboren und durchleutet als freischaffende Künstlerin unkonventionell ihr Umfeld. Daraus entwickelt sie interdisziplinäre Arbeiten wie gefilmte Performances, am Körper tragbare Skupturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie und Kunst und Podiumsdiskussion mit Interatkionsspielraum etc. Es geht ihr um das Wahrnehmen des Ichs im Gefühl, im Erfühlen.

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Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt

Von Michaela Preiner

Katharina Reich (Foto: Walter Oberbramberger)
15.
Jänner 2020
KATHARINA REICH wurde 1980 geboren und durchleutet als freischaffende Künstlerin unkonventionell ihr Umfeld. Daraus entwickelt sie interdisziplinäre Arbeiten wie gefilmte Performances, am Körper tragbare Skupturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie und Kunst und Podiumsdiskussion mit Interatkionsspielraum etc. Es geht ihr um das Wahrnehmen des Ichs im Gefühl, im Erfühlen.

Seit einigen Jahren fokussiert sie sich vermehrt auf Kooperationen mit unterschiedlichen Netzwerken, die sich mit unterschiedlichen transkulturellen Haltungen beschäftigen. Kunstschaffende, Menschen von Nebenan – die unmittelbaren Nachbarn‐ genauso wie Universitäten, Museen und Galerien oder Off spaces sind Teil ihrer Arbeit. Sie tritt bei Diskussionen auf und bringt unbequeme und schwierige Themen mit Fingerspitzengefühl in den Dialog ein.

Sie hält Vorträge zum Thema der mütterlichen Gewalt an der Tochter, ist als Frauenrechtsaktivistin und freischaffende Künstlerin tätig. Sie ist selbst Betroffene von mütterlicher Gewalt. Reich hat die Gruppe MüGeAnTo gegründet und leitet sie. Ihre Gewalterfahrung verarbeitet sie in ihrem Werk seit 1996.

Wie bist du denn zur Kunst gekommen? Wusstest du schon lange, dass du Künstlerin werden wolltest oder kam das step by step?

Ich war schon in der Volksschule beim Zeichnen die Beste. Vor 10 Jahren hatten wir ein Volksschultreffen und dafür hatten wir ein Buch mitgebracht, dass wir in der Schule gemacht hatten. Als wir das angeschaut haben, haben meine Kolleginnen und Kollegen gesagt: „Das war klar, dass du Künstlerin werden würdest.“ Die anderen haben die Haare als Strich gezeichnet, wenn die Haare zu einem Knödel gebunden waren, dann war es bei ihnen eine Kugel. Bei mir sind noch die feinsten Haare im Detail gezeichnet gewesen oder die Falten und der Stoffwurf bei den Blusen. Es war schon absehbar.“

Gibt es in deiner Familie Künstlerinnen oder Künstler?

Ja schon. Zwar hat niemand auf der Akademie ein Studium abgeschlossen. Es gab aber einen Ur- oder Ururgroßonkel, der angefangen hatte, Malerei zu studieren, aber ihm kam der Erste Weltkrieg in die Quere. Sonst gibt es viele Handwerker und viele Leute aus der Textilbranche. Daraus erkläre ich mir heute die Taktilität, die haptischen Momente und die feinen Arbeiten in meinen Werken. Ich glaube, das sinnliche Ertasten wurde über Generationen weitergegeben. Ich trage die textile, weiche Empfindsamkeit der Stofffabrikantenseite in meiner Familie in mir und die mechanisch-metallische Seite der Uhrmacher. Kurz: Ich bin neugierig auf das Erkunden von Materialien und das daraus Schaffen.

Wenn du deine Kunst beschreiben müsstest – wie würdest du das kurz und bündig tun?

Es gibt zwei Bereiche. Zum einen entwickle ich Kunstwerke über den Dialog – das ist die geistige Ebene. Das andere ist, dass mir die Materialität eine Sicherheit gibt.

Welche Art von Dialog meinst du?

Das kann zum Beispiel ein Dialog mit der Marktstandlerin vom Naschmarkt sein. Ich kenne den Naschmarkt, seit ich ein kleines Mäderl war. Ich bin dort in der Ecke von Wien aufgewachsen. Wenn ich da zum Beispiel mit einer Standlerin über einen Kartoffelhändler rede, dann kommt was über Kartoffeln. Ich kann jetzt für dich als Steirerin eine Brücke nach Graz zur Synagoge schlagen, in der ein großes Mobile von mir hängt. In dieser installatativen Arbeit geht es um Knollenfrüchte und ihre Speicherkapazität. Die Grundidee kam tatsächlich beim Gehen über den Naschmarkt. Man kann die Pflanze oben abschneiden, aber die Knolle hat die Lebensenergie und wird wieder austreiben. Das ist für mich das Sinnbild des Judentums, aber man kann das auch in der frühen Christenverfolgung genauso sehen. Da gab es ja auch starke Widerstände. Auch in diesem Kunstwerk mit dem Titel „verwurzelt“ ist viel Taktilität enthalten. Das Mobile hat viel mit Architektur zu tun, man muss es statisch austarieren, damit es funktioniert. Ich habe es aus Aluminiumrohren gebaut. Das Mobile hat 3,5 Meter Durchmesser und ist 8,5 Meter lang und mit Stahlseilen verbunden. Daran hängen runde Elemente, die ich aus Papiermachée geformt habe. Das alles bewegt sich im Raum. Wir müssen als Menschen im Dialog ja auch beweglich sein. Auf diese Arbeit bin ich heute noch stolz und würde sie auch heute noch so abliefern wie damals. Die raumgreifende Installation „verwurzelt“ ist aus dem Jahr 2005.
Foto und Konzept mit Zeichnung
„verwurzelt“, 2005 • Fotos: Katharina Reich

Gibt es ein bestimmtes Thema, das sich in deiner Kunst durchzieht oder arbeitest du situationsbezogen?

Natürlich gibt es meine Familiengeschichte, aus der ich schöpfe, aber es ist sehr unterschiedlich, in welchen Präzessionen oder Details sie tatsächlich herauskommt. Eigentlich ist das ein trauriger Teil von mir, aber ich habe gelernt, dass ich daraus auch viel Sicherheit herbekomme. Die liegt eigentlich immer unter allem drunter. Ich hatte die Sicherheit im Familienhintergrund nicht, aber übers Greifen, die Haptik, bin ich selbst zur Sicherheit gekommen.

Das Wort helfen kommt bei dir oft vor, wenn man länger mit dir spricht. Hat Kunst auch einen therapeutischen Wert für dich?

Ja klar! Da komme ich selber ja auch her. Ich glaube ohne Kunst wäre viel von dem, was ich heute mache, gar nicht möglich gewesen. Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt. Auch meine Körper- und Schmuckskulpturen haben mir immer Halt gegeben. Wenn es in meiner Familie ohne Halt ganz schlimm war und ich mich ganz elend gefühlt habe, habe ich mir Glasperlen aus einem Schuhkarton ausgeleert und meine Finger darin untertauchen lassen. Das habe ich lange machen können, das Gefühl der Perlen, sie durch die Finger rinnen zu lassen hat mich beruhigt. Ich habe bis heute diese Kiste und bringe es auch nicht übers Herz sie herzuschenken. Ich mache auch nichts damit, aber die Kiste gibt es noch. Die wandert von Wohnung zu Wohnung und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Vielleicht gibt es irgendwann einmal Kinder, die damit etwas machen.

Hat sich deine Kunst im Laufe der Jahre ideell oder materiell verändert oder sich sukzessive weiterentwickelt?

Ich bin grundsätzlich ein sehr dynamischer Mensch und probiere gerne Neues aus. Die Materialien, die ich verwendet habe, haben sich aus verschiedenen Lebensphasen ergeben. Nehmen wir z.B. die Assemblagen her. Das sind dreidimensionale Collagen, die auch etwas Architektonisches an sich haben. Die habe ich angefangen, weil ich die Plastiktassen, den Abfall unserer Gesellschaft, so ästhetisch gefunden habe. 2001 habe ich damit begonnen und arbeite bis heute fortlaufend noch daran. Meine Großmutter hatte ein Faible für die Vogue. Da waren immer wahnsinnig ästhetische Fotos drin. Sie kam aus einer Textilfabrikanten-Familie und hatte natürlich einen tollen Zugang zu Textilien und tolle, schöne Kleidungsstücke gehabt. Immer wenn sie in Wien war, sind Vogue-Hefte übriggeblieben. Und ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen, weil sie einfach so schön waren. Die Zeitungsartikel habe ich aus meinem feministischen Erleben heraus schwachsinnig gefunden, aber ich konnte aus den Fotos etwas bauen. Habe sie ausgeschnitten und kleine Welten daraus gebaut. Noch heute baue ich immer wieder kleine Welten.
Assemblagen, seit 2001 laufende Arbeitsserie • Foto: Katharina Reich

Ist dieser Vorgang so etwas wie sich selbst Entwelten und aus der Welt flüchten?

Wenn ich Kunst mache, vergesse ich Raum und Zeit. Ich habe auf meinem Telefon eine Erinnerung für zu Mittag eingerichtet, damit ich nicht aufs Mittagessen vergesse. Denn wenn ich einmal im Tun bin, kann das bis zu 12 Stunden gehen. Ich tauche dann so ein, dass ich Raum, Zeit, alles um mich vergesse. Ich höre nichts mehr. Ich bin ganz bei mir.

Die Assemblagen und die Auftragsarbeit „verwurzelt“ in der Grazer Synagoge sind vom Ansatz her ganz unterschiedlich. Die eine Arbeit ist raumbezogen und in einen sozialen Kontext eingebunden und die anderen Arbeiten stammen aus deinem Innersten, aus dem Wunsch, etwas für dich selbst zu machen. Wie sieht das im Kunstbetrieb für dich aus? Wenn du etwas nur für dich machst, heißt es noch lange nicht, dass das auch jemand kauft. Wie gehst du damit um?

Das ist eine schwierige, gefinkelte Frage. Ich kann Schmuckstücke machen, die gefällig sind, die sich gut verkaufen, aber nicht unbedingt von Herzen kommen würden.

Wie kamst du zum Schmuckststücke-Machen?

Ich habe die Kunstschule Herbststraße gemacht und komme aus einer alten Uhrmacherdynastie. Da war Goldschmieden auch immer so ein bisschen ein Teil davon. Ich bin die, die gesagt hat, Uhrmacherin möchte ich auf keinen Fall werden, aber mit Schmuck hatte ich von Klein an zu tun.

Die Platzpatronen, die wir in meiner Kindheit verwendet haben, hatten Ringe und ich habe die Ringe alle rundherum abgebrochen, bis auf einen. In den habe ich einen Kieselstein hineingesteckt. Der Ring war natürlich einen Kilometer zu groß für meinen kleinen Kinderfinger, aber er war mein erstes konzeptuelles, performatives Schmuckstück.

Was den Verkauf meiner Arbeiten betrifft, probiere ich viel aus, schaue wo sind Leute, wo das hinpasst, wo muss ich mich am wenigsten verbiegen und wo muss sich das Gegenüber am wenigsten verbiegen. Ich mache das schon lange und da bekommt man dann schon auch ein gewisses Gefühl dafür. Ich glaube ganz fest daran, dass authentisch Sein und authentisch Arbeiten langfristig besser wirkt als anbiedern und Gefälliges machen.

Schmuckserie „angst mit liebe ersetzt“, 2019 | foto: thomas gobauer/ bildkonzept: katharina reich

Du hast bei deiner Schmuckproduktion eigene Serien entwickelt.

Grundsätzlich ist es so, dass ich mir jedes Mal ein anderes Material heranziehe und mit dem arbeite. Das Ziel dabei ist immer eine Serie. Ich mache das seit 7 Jahren, jedes Jahr kommt eine Serie heraus. Dabei arbeite ich mir eine Materialidee in einer Experimentalphase zurecht, bis es ganz konkret ist. In einer Serie ging es zum Beispiel ums Ausprobieren, was kann ich an Größe erzeugen, was kann ich hart und gleichzeitig weich bei Textilien machen. Das war die Voraussetzung. In dieser Serie habe ich Textilien gepresst, geknotet und geknüpft, gewickelt, geflochten, sie genäht, zu Quasten geformt. Was mir wichtig ist, ist, dass die Komposition am Ende ganz ästhetisch ist. Wenn es bei mir schon wehtun anfängt, dass ich es nicht hergeben möchte, dann ist eine Arbeit für mich fertig.

Du hast auch eine Serie mit Fahrradketten gefertigt. Die hat etwas mit deiner Zeit als Fahrradbotin zu tun.

Ja, genau. Ich hatte die Idee eine Ausstellung mit Material zu machen, das ich von Freunden bekommen habe, die ich aus meiner Zeit als Radbotin, aber auch aus der Kunstschule gekannt habe. Ich bekam bunte Teile aus Radketten. Ketten sind Teile, die sich sehr schnell abnutzen und es gibt auch bunte Radketten, die auf die entsprechende Länge, die gebraucht wird, gekürzt werden können. Da blieben dann von einem Freund bunte Reste übrig, die er mir geschenkt hat. Von einer Freundin habe ich Stoffreste bekommen, die beim Fertigen ihrer Textilien übriggeblieben sind. Daraus habe ich Kugeln geformt und gewickelt, die dann später in einer Weiterentwicklung noch in die Textilserie eingeflossen sind.

Das bedeutet, wenn man von dir ein Stück Schmuck kauft, hat man auch ein Stück Lebensgeschichte von dir.

Ja, das ist immer wichtig in der Kunst. Da steckt immer ein Stück Geschichte drin. Wenn ich mir im Urlaub etwas kaufe, habe ich ein Stück Urlaub drin. Wenn ich mir eine Katharina Reich kaufe, kaufe ich ein Stück Geschichte und ein Objekt, das einen Hintergrund, einen Inhalt, eine Dichte hat. Ich glaube, das ist etwas Wichtiges.

Würdest du einen Wiedererkennungswert in deinen Arbeiten sehen?

Die Frage würde ich gerne an dich zurückgeben! Vielleicht siehst du etwas?

Du machst ja viele verschiedene Dinge. Du malst, machst Objekte, Schmuck, Fotoarbeiten, Performances, es gibt auch Lyrik. Die bildende Kunst hat sich ja in alle Richtungen hin geöffnet bis hin zur Aussage, dass ein Wiedererkennungswert nicht mehr vorhanden sein muss. Der Wiedererkennungswert kann sich ja auch in einer Idee manifestieren, die dann von einem Künstler oder einer Künstlerin in alle möglichen Richtungen hin ausgeschlachtet wird. Aber wenn ich konkret noch einmal die Frage stelle, woran man deine Kunstwerke im ersten Moment erkennen kann, was würdest du drauf antworten?

Es ist die taktile und haptische Ebene, die hat jede Arbeit. Das ist egal, ob ich eine Performance mache, die auch mit haptischen Objekten arbeitet, die ich baue, und dem Publikum hinstelle, um angegriffen werden zu können. Oder: Wenn ich meine Schmuckobjekte, die ich am Körper trage und die wie kleine Skulpturen sind, führt das regelmäßig bei Ausstellungen dazu, dass ich beobachte, dass Leute diese ausgestellten Skulpturen angreifen und sie mit ihren Händen be-greifen wollen. Dann komme ich daher und schmunzel, worauf es die jeweilige Person reißt, ich aber gleich sage: „Nein, nein! Das soll ja so sein! Wollen Sie das probieren?“ Meine Arbeit erfolgt über diese Grenzüberschreitung und der Lust am Greifen. Das Fühlen, Greifen und Be-greifen hat auch etwas mit Loslassen zu tun. Lassen, loslassen, einlassen.

Das Körperliche an sich ist für dich total wichtig.

Ja, genau.
performance „(un)schuldig, 2019 • Foto: Werner Hartinger

Gibt es Arbeiten, auf die du heute, auch wenn du sie schon länger gemacht hast, noch ganz stolz bist?

Eines ist ein Ring, der in Augform gestaltet ist. Das ist eine ganz frühe Arbeit aus dem Jahr 1997. Er ist aus Edelstahl und von der Seite her bildet er eine Augenform, durch die ich mit dem Finger schlüpfen kann. Die Augform verbindet meine Arbeit immer wieder, kommt seit dem Beginn meiner Arbeit immer wieder vor. Mich freut das immer noch, dass ich schon damals, als ich 16 war, die Form Kopf und Bauch zu verbinden, gefunden habe. Wir haben die Augen, den Mund – das sind elementare Sinnesorgane, die diese Augform haben. Der Mund hat ja auch eine Augform. Und wenn wir als Frauen zwischen unsere Beine schauen, haben wir auch eine Vagina, bwz. die Vulva mit einer Augform. Das sind drei ganz wesentliche, elementare Sinnesinstrumente des weiblichen Körpers. Da bin ich stolz drauf, dass ich das so früh schon begriffen habe. Aber auch die one-minute-drawings machen mir viel Freude. 2017 war ich in Los Angeles und dachte mir: „Verdammt noch mal, ich weiß nicht mehr, ob ich noch zeichnen kann!“ Ich war alleine unterwegs und wenn es zu heiß wurde und ich mir einen Kaffee gegönnt habe, bin ich vor irgendwelchen, lustigen Gegenständen gesessen. Da habe ich dann die Zeit totgeschlagen und da kam mir die Idee zu schauen, ob ich noch zeichnen kann. Denn meine Skills waren eingerostet und ich wollte sie wieder vertiefen. Dann habe ich die Objekte, die vor mir waren, angefangen abzuzeichnen, mit der Prämisse: In einer Minute muss es fertig sein! Ich habe ein Notizbuch gehabt, das aber nicht immer die richtige Größe hatte wie zum Beispiel für ein Glas, das auf eine Seite vom Format her nicht drauf gepasst hat. Aber auf den Zahlbon, da ging es sich aus. Dann habe ich den hergenommen. Beim nächsten Mal habe ich einen Bleistift gezeichnet, den die Serviererin am Tisch vergessen hatte. Und so ist diese, ganz einfache, taktile, schon bildhauerische Arbeit der one-minute-drawings entstanden. Es gibt auch eine Performance, bei der ich das zeige. Das Publikum bringt ein Alltagsobjekt mit wie Brillen, oder einen Schlüsselbund – der ganz schön anstrengend war in einer Minute zu zeichnen. Man kann sich aus einer Schale mit unterschiedlichen Papieren, die von meinen Reisen stammen, das Objekt draufzeichnen lassen. Das letzte Mal hat sich eine Frau, eine Schweizerin, den Schlüsselbund von der Wohnung ihrer Freundin aus Wien zeichnen lassen. Dann waren sie sich nicht sicher, ob sie die Zeichnung ganz lassen würden oder ob die sie halbieren und jede in ihrer Wohnung eine Hälfte aufhängen würden. Das war mir zwar nicht so recht, aber zugleich auch ein richtiger Lernprozess. Für mich ist es elementar, dass die Person, die ein Kunstwerk von mir zu sich nimmt, das auch wertschätzt.
Zeichenperformance „one-minute-drawings“, seit 2017 • Foto: Walter Oberbramberger

Du schreibst auch. Seit wann machst du Lyrik?

Seit 15 Jahren. Ich habe das lange für mich behalten, dass ich Lyrik schreibe. Das kam aus einem Reinigungsprozess heraus. Lyrik ist ein Feld, das etwas exotisch daherkommt. Ich habe lange Rilke verehrt, mag seinen Panther sehr gerne. Ich mag auch den Christian Morgenstern. Das sind große Lyriker, die mir sehr zugetan waren. Irgendwann habe ich rausgefunden, dass ich mich in Gedichten ausdrücken kann, wenn ich Schweres am Herzen hab. Die schüttel` ich in einem absolut reinen Reimschema in 10 Minuten raus. Das geht einfach so. Natürlich arbeite ich dann schon zwei, drei Mal noch drüber, wenn ich merke, dass es noch holpert. Aber mit diesen lyrischen Dingen arbeite ich auch ins Musikalische hinein. Ich singe ja auch in Chören und ich möchte irgendwann auch das Lyrische mit dem Musikalischen verbinden.
axelhaare | titel             28.11.2018                                                                        copyright by katharina reich

die haare in meiner axel haben mich lange beschäftigt
ich find sie bei anderen frauen prall wunderbar mächtig!
doch wie ist das bei mir? ich versuchte es mit wachsen
und hab´s bis auf cirka fünf milimeter gebracht. faxen!
dann hab ich den rasierer genommen und ab damit..
die axel nackig und ich war wieder am glatzigen limit.

auf´s neue plagten mich gedanken, feministin bin ich
da möcht ich axelhaare in meiner axel, am tageslicht
ich habe überlegt, bin ich weniger frau ohne haare da?
hm. schwierige frage, aber irgendwann sagte ich: ja.
ich trag sie seitdem abrasiert und freu mich für frauen,
die ungeniert ihre axelhaare frei wachsend ausbauen.

das ist nun mein sinnbild für meine toleranz in mir.
ich wünsch mir das auf viel umgelegt im jetzt und hier
denn ob axelhaare ja oder nein, es geht um´s frau-sein.
hier unter frauen mit und ohne axelhaaren. ja, herein!
fortschritt ist für mich vielfalt von weiblichkeit und kraft.
ich stehe voll in meinem frau-sein da, im weiblichem saft.

egal ob kringellocke, rothaarig, dunkel, schräg oder hell,
ich mag hören, wer ihr seid und verstehen, einfach grell!
leben heißt sterben, mein selbst braucht andere, existenz.
…das weiß ich zumindest seit krebs. das war die konsequenz.
ich fühle mich selbst, nicht als eine fremde, sondern als frau.
genauso fühle ich mich selber in meinem hier, himmelblau?

Hast du schon etwas veröffentlicht?

Nein, aber das möchte ich gerne. Ein Gedichtband wäre schön. Ich habe ja schon ein paar Hundert, da kann ich schon etwas aussuchen. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt gibt es alles, das ganze menschliche Spektrum. Sie sind sehr persönlich, weiblich, vom Genre her auch feministisch, oft mit viel Augenzwinkern ausgestattet.

Wenn du im Kunstbetrieb etwas verändern wolltest, wo würdest du denn da ansetzen?

In der Fairness mit Frauen. Wir sind sicher bei 50:50 weibliche und männliche Kunstschaffende. Wenn wir aber anschauen wer weltweit oder am österreichischen Galerienmarkt ausgestellt wird und ich sehr wohlwollend bin, sage ich 80:20. Soweit ich weiß, ist die Vertretungsebene aber trotzdem bei 90 Prozent männlich und 10 Prozent weiblich. Wenn ich die Möglichkeit hätte, da etwas zu verändern, wäre das für mich ein großes Anliegen, den Frauenanteil auf 50 Prozent Marktanteil bei Galerien zu bekommen.

Ich arbeite selber im solidarischen Bereich mit Frauen. Das ist mir in meiner eigenen und Netzwerkarbeit ganz wichtig und ich arbeite in dem Bereich aber auch mit Männern zusammen, um da etwas dazu beizutragen. Ich kann zwar etwas ankreiden, aber ich muss schon selber meinen Hintern bewegen. Über diese zwei Ebenen und den Kunstunterricht kann ich etwas bewegen. Bei den Kindern kann ich ganz klar Geschlechterkontexte aufbrechen und tue das auch. In einem Workshop war ein kleiner Bub dabei, der stark in Rollenbildern verhaftet war und nichts vom Dritten Geschlecht gehört hatte. Ich habe dann eine Geschichte erzählt, in dem ein Wesen des Dritten Geschlechts vorkam, das war ein gelber Frosch. Da hat der Bub dann gefragt, wie denn das Wesen denn heißen könnte. Das fand ich eine super Frage, und hab die Kinder animiert, gemeinsam eine Antwort zu finden. Dann kamen Aussagen zu Namen, die Buben und Mädchen gleichzeitig haben, aber sie kamen auf die Idee eines Doppelnamens. So wurde das zweigechlechtliche Wesen zu Freda-Tom. Mit Studierenden habe ich einen Schmuckworkshop gemacht, zu dem auch Männer kamen. Ich versuche die klaren, festgefahrenen Rollenaufteilungen beim Arbeiten aufzubrechen. Da kann ich auch konkret Gesellschaft verändern.

kinder mit eigenen arbeiten, 2019 • Foto: Katharina Reich
erwachsene mit selbstportrait, 2019 • Foto: Katharina Reich

Du unterrichtest ja auch und gibst Kurse für Kinder und Erwachsene. Ist das Weitergeben des taktilen Sensoriums für dich auch etwas Wichtiges?

Da ist eine neue Facette für mich entstanden. Das Unterrichten hängt davon ab, welches Setting an Leuten ich habe. Bei Kindern ist es wieder anders. In einem Kurs waren 6-Jährige, die gemeinsam mit 8-Jährigen in einem Kurs auf der Angewandten waren. Die hatten eine Bandbreite an Können und Aufmerksamkeit, aber auch an Nicht-Aufmerksamkeit. Die Kleineren können ganz lange in einem Material bleiben. Aber mit der Aufmerksamkeit, um etwas umzusetzen, hapert es noch. Vielleicht ist das aber auch gut, weil sie noch einen sehr elementaren Zugang haben. Die 8-Jährigen bleiben schon eher dabei, aber die Ursprünglichkeit ist bei ihnen schon ein bisschen weg. Für Erwachsene gab ich einen Zeichenkurs, in dem es um Portraits und Ganzkörpererfassen ging. Da habe ich gesehen, dass es Leute gibt, die ganz weit weg von sich sind und behaupten, dass sie nicht zeichnen könnten. Ich habe einer Dame gesagt, dass ich das nicht glauben würde, weil ich weiß, dass jeder zeichnen kann und ich habe ihr gesagt: „Du wirst ja einen Grund haben, warum du gekommen bist.“ Im Endeffekt hat sie am Ende etwas ganz, ganz Schönes gesagt: „Danke! Ich kann mich jetzt besser fühlen!“. Und da sind wir wieder bei mir. Ich versuche es einfach übers Fühlen, aber auch übers Freilassen und den anderen Raum geben und ihnen vermitteln, dass sie die Kraft in sich haben. Ich schau immer mehr, dass ich die Schülerinnen und Schüler, die ja auch mir einen gewaltigen Teil beibringen, möglichst viel Raum gebe, dass sie sich selbst erfahren können. Ich habe den Erwachsenen gesagt, dass sie sich gegenseitig auch ihre Zeichnungen zeigen sollten. Da hat man dann gesehen, dass ein Ferdinand irrsinnig toll schattieren konnte, aber er hatte Probleme bei Feinheiten mit dem Stift eine genaue Kontur zu ziehen, das war nicht seine Stärke. Die Renate hat mit dem harten Bleistift ganz fein vorzeichnen können, hat dann aber Mut gebraucht, eine Linie mit dem weichen Bleistift nachtzuziehen, um dem dann Tiefe zu geben. Die nächste hat ein wunderbares Porträt mit tollen Haaren gezeichnet. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Das war die, die sagte, dass sie nicht zeichnen kann. So hat jeder Mensch Stärken. Ich freue mich, wenn ich diese Stärken mit den Teilnehmenden gemeinsam herausfinden kann. Wenn sie dann rausgehen und eine Arbeit mitnehmen, durch die sie eine neue Fähigkeit an sich entdeckt haben.

Das erinnert mich ein wenig an die mittelalterliche Gewaltenteilung in der Kunst. Einer war spezialisiert auf Landschaften, ein anderer auf Porträts, der Dritte hat die Architektur gezeichnet. Haben sich die Teilnehmenden auch ergänzt oder nur voneinander gelernt?

Ich habe sie dazu angehalten zu schauen. Das mache ich auch bei den Kindern. Wenn ich 12 8 bis 10-Jährige habe, kann ich mich nicht gleichzeitig allen widmen. Dann versuche ich schon, die die flotter sind anzuhalten, den anderen zu helfen. Das gibt ihnen auch Kraft in der Selbstermächtigung. Eigentlich ist für mich das Ziel bei den Kursen, dass die Leute ins Selbstaktive hineinkommen. Ich möchte keine Kurse anbieten, in denen ich Leute jahrzehntelang unterrichte, wie sie es machen sollen. Eigentlich ist es mein Ziel, dass sie dahin kommen, dass sie selbst weitertun und das auch nach außen tragen. Vielleicht kann man so im Endeffekt und im Idealfall die Gesellschaft in einer Form verändern, in dem man den Menschen das, was wir jetzt im System haben, nämlich das Wegbringen von unserer Körperlichkeit, rein mit dem Kopf arbeiten, viel sitzen, viel am Computer sein verändern und Menschen wieder aktivieren. Das ist eine meiner Zielsetzungen. Ich möchte Menschen das Fühlen zeigen.
Ausstellungen u.a.: in Zusammenarbeit mit Lentos/Linz, Kooperation mit MQ/Wien, Ankauf jüdisches Museum Wien / Synagoge Graz, Gemeinschaftsarbeit mit J. Gallauer, G. Gava und T. Gobauer, Vertreten in der Sammlung ITS/Triest, Performanz Kooperation Donaufestival / Krems, Kooperation mit Werk X und den Brutpflegerinnen, Podiumsdiskussion und Ausstellung Akademie der Bildenden Künste / Wien, Arnulf Rainer Museum/ Baden; Sie ist Mitglied bei EOP und Abgängerin der Akademie der Bildenden Künste und der Universität für Angewandte Kunst
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Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler https://www.european-cultural-news.com/vom-gstoerten-buam-zum-bundeskanzler/35373/ Tue, 07 Jan 2020 14:37:09 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35373 Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend.

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"Marizza staubt ab" (Foto: Nathan Murrell)

Eine Doppelconference ist es nicht – und doch bringt Regina Hofer in ihrem neuen Kabarett „Marizza staubt ab“ etwas ganz Ähnliches auf die Bühne. Der Unterschied zum herkömmlichen Genre, bei dem sich zwei Personen über gesellschaftliche Themen auf humorige Art und Weise unterhalten ist: Die Kabarettistin schlüpft selbst in zwei Rollen, jene der „Hausperle“ Marizza und ihrer Chefin, einer Frau Doktor, die spezialisiert darauf ist, Menschen den richtigen Platz in ihrem Leben zuzuweisen. Letztere hatte das Glück, in der obersten Reihe der vergangenen Türkis-Blau-Regierung werken zu dürfen.

Der Abend beginnt romantisch-naiv mit einem Rückblick auf das bewegte Leben von Marizza, das sie erzählt, während sie die Staubfetzen auf der Bühne entfernt. Ihr erster Beruf als Zirkustänzerin wurde schlagartig obsolet, nachdem ihr Mann, der Direktor des Wanderzirkusses, in einer Löwen-Verkleidung beim Sprung durch einen Feuerreif starb. Alleine die launige Schilderung dieses tragischen Ereignisses beschert dem Publikum einen Lacher nach dem anderen. Als sie aber danach die Bühne für ihre Chefin räumt, die in Seminar-Attitüde eine psychologishe Grobeinteilung des Publikums in Zwanghafte, Depressive, Hysteriker und Narzissten vornimmt, kommt man aus dem Amusement nicht mehr heraus.

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Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend. Die von ihr erfolgreich durchgeführte Wandlung eines „gestörten Bubens“ hin zu einem österreichischen Kanzler mag man noch etwas skeptisch verfolgen. Das Hinaufhieven des ehemaligen Innenministers auf ein Pferd hingegen, mit dem all seine Minderwertigkeitskomplexe wie weggeblasen schienen, stellt sich dann schon als eine strategische Meisterleistung der Beraterin dar.

„Marizza staubt ab!“ (Foto: Nathan Murrell)

Regina Hofer, ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie ist auch Psychoanalytikerin, Gruppenpsychoanalytikerin und Supervisorin. Zwar hausiert sie mit ihrem Wissen nicht in ihrem Kabarett, dass sie aber über eine enorme Menschenkenntnis und eine überbordende Intelligenz verfügt, steht außer Frage. Der Grundgedanke, dass eine intelligente Frau Strippenzieherin hinter den Regierungsverantwortlichen ist, ist köstlich und ermutigend zugleich. Was diese an strategisch-intellektuellen Volten vollführt, gleicht Marizza mit ihrer überbordenden Lebensfreude und Sangeslust locker aus. Der dramaturgisch gekonnt in die Länge gezogene Schlussapplaus, der dem Publikum nicht lästig wird, sondern ein letztes, wonniges feel-good-Erlebnis beschert, beendet den Abend adäquat.

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Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert https://www.european-cultural-news.com/burgtheater-der-nackte-wahnsinn/35317/ Mon, 06 Jan 2020 20:00:34 +0000 https://www.european-cultural-news.com/?p=35317 „Der nackte Wahnsinn (noises off)“, so der gesamte Stücktitel, ist ein Glücksfall für die Burg und könnte sich zu einem Dauerbrenner entwickeln.

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Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Michaela Preiner

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Du legst auf und nimmst die Sardinen mit!“ So schallt es stimmgewaltig vom Balkon in Richtung Burgtheaterbühne. Dort probt Sophie (von Kessel) ihren ersten Auftritt für das Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Martin, den Regisseur, gespielt von Norman Hacker, hält es nicht länger auf seinem Beobachtungsposten. Schnellen Schrittes durchquert er die Gänge, während er immer wieder seine Regieanweisung brüllend wiederholt und landet schließlich im Parterre. Von dort aus dirigiert er nun das Geschehen des ersten Aktes nah an der Bühne.
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Martin Kušej inszenierte das Stück als sein letztes am Münchner Residenztheater und übernahm es zu Silvester 2019/20 an die Burg. Wer meint, bei dieser atemberaubenden Komödie könne man nichts falsch machen, irrt. Was der Text an vermeintlich wenig Tiefgründigem und Nonsensgespicktem hergibt, gilt es durch geschickte Regie und schauspielerische Leistung auszugleichen oder zu betonen. Beides ist Kušej gelungen.

Glaubt man zu Beginn beinahe, sich in einem falschen Theater zu befinden, so Burgtheater-untauglich und seicht beginnt die Farce, weiß man am Schluss, warum es hier doch gut aufgehoben ist. Michael Frayn lieferte damit ein Meisterstück mit mehreren Interpretationsebenen ab, die bis hin zur philosophischen Fragestellung rund um die Selbst- und Fremdbestimmung und den Schein und Sein des Lebens geht. Seine Charaktere, darauf bedacht, auf der Bühne eine gute Figur zu machen, gleiten im Laufe des Geschehens in ein Chaos, das sie nicht mehr beherrschen können und verlieren darin nicht nur die Kontrolle, sondern einige von ihnen auch ihr Gesicht. Frayn beherrscht dabei die Kunst des intellektuellen Understatements perfekt und überlässt erweiterte Deutungen den Zusehenden, so sie dazu willens sind. Abgesehen von diesem aufregenden Text und dem Bühnenbild, gestaltet von Annette Murschetz, das „sauteuer war, aber billig aussieht“, wie der Regisseur moniert, ist es das Ensemble, das den Abend zu einem Glücksfall macht.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Sophie von Kessel glänzt als Frau Klacker in einer charakterlichen Verwandlung, die sich über die drei Akte hinzieht. Darin entwickelt sie sich von einer mittelmäßig motivierten Schauspielerin hin zu einer psychisch angeschlagenen Trinkerin, der man nicht nur ihre seelischen, sondern auch körperlich zugefügten Blessuren ansehen kann. Ihr Kontrapart, Roger Trampelmann alias Till Firit versucht trotz aller Feindseligkeiten und Intrigen, die sich während des Stückes aufbauen und sich ins schier Unendliche steigern, auf der Bühne dennoch ein Profi zu bleiben. Schwer möglich, wenn es dahinter zugeht wie in einem Affenstall.

Frayns versah seine Charaktere mit tiefgründigen Seelen-Einblicken, in welchen es nur allzu sehr menschelt. Eifersucht, Hass, Neid bilden schon im zweiten Akt ein unheilige Mengenlage, die sich bis ins Finale noch furios steigert. Dass es dabei zu höchst witzigen Einlagen kommt, liegt bei diesem Genre auf der Hand.

Großartig, wie dabei Thomas Loibl als Franz Xaver-Hötz seine Hosen runterlässt und so die Treppe in den ersten Stock des Hauses nach oben hüpft. (Kostüme Heide Kastler) Als Steuerflüchtling darf er sich mit seiner Frau, dargestellt von Katharina Pichler, in seiner Immobilie eigentlich nicht blicken lassen und evoziert dadurch jede Menge Verstrickungen. Auch wie er sich immer wieder Taschentücher in die Nase stopfen muss, weil er vor lauter empathischer Anteilnahme an Grausamkeiten daraus zu bluten beginnt, ist einfach nur köstlich. Mit Loibl wurde diese Rolle ideal besetzt, steht doch seine stattliche Erscheinung, durch ein zusätzliches, großes Gebiss noch verstärkt, in direktem Widerspruch zu seiner zarten Seelenbesaitung.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Genija Rykova, die als amouröses Abenteuer von Till die Szenerie in schwarzer Bikini-Unterwäsche belebt, hält man von Beginn bis zum Ende in jedem Augenblick wirklich für so dumm, wie es ihr die Rolle vorschreibt. Daran kann man erkennen, wie hoch ihre schauspielerische Leistung hier ist.

Paul Wolff-Plottegg erfüllt herzerwärmend den Part des Alkoholikers, der einen Einbrecher gibt und seine Kolleginnen und Kollegen bei jeder Vorstellung in Angst und Schrecken versetzt, wenn er nicht rechtzeitig gesichtet wurde. Dieser Mann, der seine seelische Verletzbarkeit offen zur Schau trägt, ist der einzige Charakter, der den Irrsinn, der sich ausbreitet, ohne weitere Blessuren übersteht. Ein wunderbarer, dramaturgischer Kniff, das Positive am Menschsein ausgerechnet an einem stillen Alkoholiker festzumachen, der den Wirren des Alltags komplett entrückt zu sein scheint.

Mit der Regieassistentin Mechthild (Deleila Piasko und Herrn Klemt, einem Inspizient, (Arthur Klemt) wird die Crew, die sich nach der Premiere auf Österreich-Tournee begeben muss, vervollständigt. Mit ihnen bietet Frayn einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Theateralltags und erklärt Berufsfelder, für die man ganz spezielle Persönlichkeitsprofile vorweisen sollte, um sie schad- und klaglos an der eigenen Psyche ausführen zu können.

„Der nackte Wahnsinn (noises off)“, so der gesamte Stücktitel, ist ein Glücksfall für die Burg und könnte sich zu einem Dauerbrenner entwickeln. Die kleinen Österreich-Adaptionen, welche Kušej vorgenommen hat, angefangen von Hinweisen auf das diesjährige Jubiläum der Salzburger Festspiele bis hin zu einem eleganten Seitenhieb auf die Wiener Festwochen oder der Verballhornung des Namens eines Wiener Feuilletonisten, trägt zusätzlich zur Publikumsakzeptanz bei, die sich in langem Applaus äußerte.

Nähere Informationen: Webseite Burgtheater

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