Der tiefe Sturz vom hohen Ideal auf den harten Boden der Realität

Ödön von Horváth feiert derzeit in Österreich so etwas wie eine Renaissance. Das mit gutem Grund, spiegeln doch viele seiner Stücke höchst zeitgeistige Stimmungen wider. Leider, muss dazu festgestellt werden. Denn wer dachte noch vor 10 Jahren, dass Rechtsextremismus, Xenophobie und Themen wie Vertreibung und Flucht uns heute derart in Atem halten würden.

Figaro lässt sich scheiden, Theater Spielraum (c) Barbara Pálffy

Beaumarchais weitergedacht

Das Theater Spielraum bleibt mit der Stückauswahl seiner Eigenproduktionen hochaktuell und zeigt derzeit Horváths „Figaro lässt sich scheiden“. Jene Komödie, in welcher der Autor die Vorlage von Beaumarchais und die bekannte Vertonung „Figaros Hochzeit“ von Mozart nach deren inhaltlichem Ende weiterdenkt. In ihr wird Figaro zum geistigen Mitläufer und Unterstützer der französischen oder auch sonstigen Revolutionen gegen die ungerechten Herrschaftszustände, wenngleich er dabei auch seinem Dienstherrn, den Grafen Almaviva und dessen Gattin, zur Flucht verhilft.

Das Exil nutzt er schließlich, um mit seiner Frau Susanne einen Friseursalon in Großhadersdorf zu eröffnen. Dabei wechselt er von seiner einstigen Feudalherrenabhängigkeit in jene des kapitalistischen Systems. An seiner Weigerung Vater zu werden, zerbricht schließlich seine Ehe.

Figaro lässt sich scheiden, Theater Spielraum (c) Barbara Pálffy

Ein Spiel zwischen Komödie und Tragödie

Anders als im Horvath´schen Original gibt es in der Inszenierung von Gerhard Werdeker jedoch kein Happy End. Vielmehr lässt der Regisseur seine Figuren in freiem Fall von ihren einstigen Idealen auf den harten Boden der Realität unbarmherzig aufprallen. Kennerinnen und Kenner des Theater Spielraum bemerken rasch, dass das Stück jede Menge – aus neoliberaler Sicht – subversiver Gebrauchsanleitungen für den Umgang mit Kapital-Akkumulateuren bietet. Denn die Ausbildung der Superreichen-Klasse des 20. und 21. Jahrhunderts lässt sich – wie es der junge, linke, italienische Rebellen-Philosoph Diego Fusaro in einem herausragenden Artikel veranschaulicht – wunderbar mit dem Mittelalter vergleichen. Jener Zeit, in welcher sich das feudalistische System ausbildete und festigte.

Dabei changiert die Inszenierung zwischen einem deftigen Schwank, in dem das Ensemble seine komödiantischen Vorzüge zeigen darf und einem dramatischen Beziehungsstück. Yvonne Laussermayer, Johannes-David Schwarzmann und Gunter Matzka bringen dabei das Publikum in einer choreografisch angelegten Bankerl-Szene mit gegenseitigen Puffereien herzlich zum Lachen. Matthias Messner (Figaro) und Samantha Steppan (Susanne) hingegen erhalten nach ihrem veritablen Streit, der schließlich auch die Trennung besiegelt, Zwischenapplaus. Robert Rigler als Graf und Dana Proetsch, die im Spielraum die noblen Damenrollen gebucht hat, zeigen auf, dass sie sich als „Herrschaften von parfumierter Existenz“ in einer Realität in Armut nicht zurechtfinden. Weder können, noch wollen.

Als Einstreuer gibt`s noch allerlei humoristischen Zeitbezug, angefangen vom Rauchverbot auf der Bühne bis hin zu einem Seitenhieb auf den president elect, Donald Trump.

Das Theater Spielraum ist Kult

Das Theater Spielraum festigt mit dieser Inszenierung abermals seinen heimlichen Kultstatus. Dieser begründet sich nicht nur darin, dass es unbeirrbar Klassiker der Weltliteratur zeigt. Vielmehr schaffen es die Inszenierungen im ehemaligen Erika-Kino jedes Mal, unglaubliche, ja beinahe schon unheimliche Gegenwartsbezüge aufzuzeigen. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann dies nicht nur im Rahmen dieser Inszenierung tun, sondern darf auch ein Sonntagsfrühstück mit anschließender Aufführung im kleinen Saal genießen. Am 29. Jänner gibt es dazu mit einem Gastspiel von „ergo arte“ mit dem Titel „Der gute Ton – eine Navigation durch Zwang, Korsett und Schinkenbrot“ wieder Gelegenheit. Anmeldungen sind ob der begrenzten Kartenzahl unbedingt erforderlich.

Weitere Infos auf der Homepage des Theater Spielraum.

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