Eine kleine Geschichte zu einem ganz großen Thema

„Flugversuche“ des Agora Theater beim Tanzfestival Szene bunte Wähne im Dschungel Wien beeindruckte mit einem schwierigen Thema

Gutes Kindertheater unterscheidet sich nicht von gutem Theater für Erwachsene. Es muss spannend sein, berühren, es muss eine Geschichte erzählen, die zum Nachdenken anregt und es muss gut gemacht sein. Alle diese Kriterien treffen auf die Inszenierung „Flugversuche“ des Agora Theater aus Belgien zu. Unter der Regie von Daniela Scheuren gastierte die Truppe beim 18. Internationalen Tanzfestival Szene Bunte Wähne im Dschungel in Wien. Und beeindruckte außerordentlich.

Sie sind zu Dritt. Gabriella, Lucie und Raph. Letzterer befindet sich noch im Status eines Praktikanten oder zumindest eines Berufsanfängers, die beiden anderen haben schon Übung in ihrem Metier. Sie verrichten eine Arbeit, die überaus schwierig ist, sind sie doch dazu auserkoren, Sterbende zu begleiten. Sterbende auf der ganzen Welt, egal ob in Europa, Afrika oder Amerika. Sie sind überall dort, wo man sie braucht und begleiten die Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden oder auch nur Sekunden und sie sammeln ihre Seelen ein.

Sie sehen aus wie du und ich, tragen keine Flügel, aber gebärden sich, als ob sie sich in einem Büro befänden. Chefin (Annika Serong), Angestellte (Viola Streicher) und der Jungspund (Joé Keil) erhalten ihre Aufträge von ganz oben und sind bemüht, diese gewissenvoll auszuführen. Um ihre Arbeit zu erklären, heften sie Portraitfotos von Menschen an eine Leine, deren Namen, Todesursache und Kontinent benennen, den sie bewohnten. Ausgestattet sind sie mit zwei Multifunktionsmöbelstücken, die leicht antik wirken und mit allerlei Gerätschaften versehen sind. Als Flügelersatz trägt Raph zwei überkreuzte Gitarren auf seinem Rücken, die später zum Einsatz kommen werden. Lucie hingegen hat ein kleine Harmonika bei sich auf der sie hin und wieder spielt.

Die Geschichte von Peter, Bella und seinem Urgroßvater

Der Plot bleibt aber nicht abstrakt, sondern schon bald wird die Geschichte von Peter, seiner Großmutter Bella und seinem Urgroßvater erzählt. Jenem Mann, der als Rebell starb und der seiner Tochter das bekannte Revolutionslied „Ciao bella“ hinterließ. Der kleine Junge wird durch eine berührende Puppe dargestellt, die mit großen Augen in die Welt schaut. Er liebt seine Oma und kann gar nicht genug davon bekommen, wenn sie von seinem Urgroßvater erzählt und ihm das Lied vorsingt. Bis seine Großmutter stirbt. Daniela Scheuren verpackt das in eine einfühlsame Szene, abermals mit einer Puppe, welche die alte Dame mit einem Kopftuch in einem Krankenhausbett liegend zeigt. Lucie an ihrer Seite lässt sie nicht allein, aber hilft ihr auch dabei, sich an alte Zeiten zu erinnern und lauthals Janis Joplin zu intonieren. Die unglaublich kreativen und wandelbaren Requisiten, aber auch die Puppen schuf Céline Leuchter und drückte der Inszenierung damit einen ganz persönlichen Stempel auf.

Nachdem die Seele der Großmutter durch das Öffnen der Saaltüre aus dem Raum fliegen durfte, muss der kleine Peter in der Trauergemeinschaft den Totencafé über sich ergehen lassen. „Die Trauer ist die große Schwester der Traurigkeit, die nie gehen will und einen wie ein schwarzer Hund begleitet“. In dieser bildhaften Metapher wird jenes Gefühl beschrieben, mit dem der kleine Junge überhaupt nicht umgehen kann und das ihn schließlich dazu führt, auf den Kirchturm zu steigen. Dort möchte er nichts anderes mehr als fliegen. Und wird schließlich durch den unerlaubten Eingriff der drei Cherubime vor dem Tod gerettet. Dass das für sie Konsequenzen hat, ist klar. Mit harten Schlägen fallen sie auf den Boden ins Hier und Jetzt, beraubt ihres Amtes.

Der wunderbare Text, der so viele poetische wie auch kluge Sätze zugleich enthält und zum Schluss noch mit einem zabuerhaften Engelsgedicht von Rainer Maria Rilke aufwartet, gleitet nie in einen sentimentalen Kitsch. Auch wartet das Geschehen mit keinen psychologischen Beschwichtigungspillen auf. Die liebevolle Art der drei Wesen, die zarte Musik, die sie produzieren und die Vermittlung, dass die Seelen der Menschen fliegen können, lässt jedoch keine dumpfen Angstgefühle aufkommen. Zwar gibt es einige Tanzszenen wie jene, in der Lucie unbedingt sterben üben möchte und dies zu den Klängen von Schwanensee und unter der strengen Beobachtung ihrer Chefin auch tut. Das rein spielerische Element ist in der Inszenierung jedoch stärker und die Erzählung auch durch Texte begleitet, sodass sich „Flugversuche“ nicht als klassisches Tanztheater präsentiert. Das Thema, das für diese Produktion gewählt wurde, Tod und Trauer, könnte schwieriger nicht sein. Und doch gelingt hier eine Aufarbeitung, die Kindern, aber auch Erwachsenen dabei hilft, sich damit auf eine Weise auseinanderzusetzen, die man fast als therapeutisch bezeichnen kann.

„Hinsehen, hinsehen, nicht wegsehen, das ist das Schwierigste überhaupt!“ Eine Mahnung, die vordringlich an die Erwachsenen im Publikum gerichtet ist und eindringlicher und liebevoller nicht mehr vermittelt werden kann. Eine kleine Geschichte mit einem großen Thema wird hier zu großer Theaterkunst.

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