Fotografie der anderen Art – Balthasar Burkhard

Die Retrospektive des Werkes von „Balthasar Burkhard“ stellt mich als „Kritikerin“ vor eine gewisse Herausforderung. Soll ich der Presseaussendung Glauben schenken und wiederkäuen, was sich dort und in den ausführlichen Beiträgen zum schönen Katalog, der die Ausstellung begleitet, findet, oder lasse ich mich auf meine eigene Erfahrung und mein eigenes Wissen ein?

Im ersten Fall würde dies bedeuten, Balthasar Burkhard als jemanden zu würdigen, der mit einem bestimmten Blick ans Fotografieren geht und ging und in der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts ein eigenständiges Bildprogramm erarbeitet hat. Es bedeutet aufzuzeigen, dass, obwohl der Umfang seines Werkes nicht unbeträchtlich ist, es doch gewisse Konstanten in seinen Arbeiten gibt, als da seien: die Suche nach der jeweiligen, unbedingten ästhetischen Aussage, der Standpunkt des rein deskriptiven, unbeteiligten Fotografen, oder die, so oft es geht, Wahl des großen Formates. Ein weiteres Kennzeichen wäre das Arbeiten in schwarz-weiß.

Wenn ich mich jedoch, wie angekündigt, auf mein eigenes Urteil verlasse, dann könnten aber alle angeführten Kriterien auch ins Gegenteil verkehrt werden: die Ästhetik von Burkhards Fotos beschränkt sich oftmals nur auf die Oberfläche der Abbildung, ist ihr aber nicht unbedingt innewohnend. Ein Urwald ist per se weder schön noch häßlich, durch die Auswahl des fotografischen Ausschnitts jedoch bewußt in einen bestimmten ästhetischen Zusammenhang gebracht. Für Burkhart scheint der schöne Schein ein ungeschriebenes Gesetz für alle seine Fotos zu sein. Die bewußte oder unbewußte Einhaltung des goldenen Schnittes sowie die bewußte Lichtführung zeugen davon. Rein deskriptiv, also beschreibend, ohne eigene Wertung, sind bei weitem nicht alle Arbeiten von Burkhard. Gerade die letzten Bilder, auf einer Reise durch Kuba aufgenommen, zeigen doch Interaktionen zum Fotografen, wenn etwa ein Mann, lässig an einem Holzpfosten lehnend, direkt in die Kamera blickt. Sofort ist die Parteilosigkeit aufgegeben, die Neutralität verschwindet, zugunsten einer interaktiven Lösung. Und das große Format macht vielleicht gerade deswegen Probleme, weil es in den letzten Jahren zu einer wahren Inflation desselben am Fotografiemarkt gekommen ist. Kein Fotograf, der heute etwas auf sich hält und ohne das aufgeblasene Großformat auskommt. Dass in dieser Serie das Gesetz in schwarz-weiß zu arbeiten aufgegeben wurde, möchte ich nur der Ergänzung halber anmerken.

Es wäre aber nicht gerecht, Burkhard keine eigene Handschrift zuzugestehen, denn sein Werk weist sehr wohl mehrere Serien auf, in denen der Fotograf einen originären Beitrag zur Fotografie des 20. Jahrhunderts leistete. Hier muss man an allererster Stelle seine großformatigen Körperausschnitte anführen.

burkhard_fuss

Bilder, die Beine oder einen Arm solitär in monumentaler Vergrößerung darstellen. Burkhard arbeitete dabei auch seriell, veränderte z.B. bei gleicher Kameraposition nur die Beleuchtung minimal, um jedoch im Ergebnis andere Licht- und Schattenwirkungen zu erzielen. Bisherige Ausstellungen, welche diese Arbeiten in spannenden Präsentationen zeigten, waren sicherlich highlights in der „Künstlerbiographie“. In der Arbeit „Le bras“, also „Der Arm“, ist ein ausgestreckter Männerarm zu sehen, in verschiedene Sequenzen zerteilt und wieder zusammengefügt. Auch hier, wie bei den Beinphotos, gewinnen die photographierten Gliedmaßen nicht nur an Monumentalität, sie stehen auch nicht mehr nur als pars pro toto, also als ein Stück, welches Sinnbildhaft für die Gesamtheit – in diesem Fall also dem menschlichen Körper – ist, sondern sie gewinnen eine Plastizität und Präsenz, die schon skulpturale Ausmaße annimmt. In diesen Arbeiten ist Burkhard nicht nur originär sondern seine Fotografieen eröffnen hier zusätzliche, künstlerische Metaebenen, über die es viel zu reflektieren gibt.

Eine zweite „Serie“, obwohl der Begriff hier nicht ganz zutreffend ist,

da es sich um unterschiedliche Ansätze handelt, möchte ich auch noch besprechen, weil sie Burkhard als jemanden erkennen lassen, der sich mit der Kunstgeschichte an sich intensiv auseinandergesetzt hat. Diese Auseinandersetzung fließt – laut seinen Aussagen – unbewußt in diese Bilder ein. Die Serie der Tierdarstellungen – ein Elefant oder ein Bär – um zwei herauszunehmen, oder die fragementarische Darstellung eines Vogelflügels – erinnert stark an Arbeiten von Albrecht Dürer.

burkhard_braunbär

burkhard_vogel

Zwar war es bei ihm ein Rhinozerus, welches er nach Hörensagen reproduzierte oder der Flügel eines Grauracken, den er ob seines unglaublichen Kolorits in einer Mischtechnik festhielt. Dennoch sind der Bildaufbau, die Wahl des Standpunktes und des neutralen Hintergrundes dieselben, wie auch Burkhard sie in seinen Bildern verwendet. Es ist schade, dass es von diesen Arbeiten nicht mehr gibt, und dass Burkhard sich nicht stringenter mit dieser Umsetzung von Bildikonen der Kunstgeschichte auseinandergesetzt hat. Denn gerade das Foto des Flügels zeigt überdeutlich, wie stark zwar der Bezug zum historischen Vorbild gegeben ist, wie eigenständig aber der Fotograf sein Werk dazu gestaltete. Ein wunderbarer Vergleich, der Lust auf mehr machen würde. Ähnlich liegt der Fall auch in der Aktdarstellung „L`origine du monde“, die sich an das Skandalbild von Gustave Courbet anlehnt, welches dieser als Auftragsarbeit für einen betuchten Sammler herstellte. Das Medium der Fotografie dafür einzusetzen, liegt auf der Hand und wurde millionenmal bereits gemacht. Den Bezug zu diesem wichtigen Bild jedoch herzustellen, blieb Burkhard alleine vorbehalten. Leider ist das Werk in der Ausstellung nicht zu sehen, im Katalog jedoch vertreten.

So bleibt zum Schluss noch anzumerken, dass es ein sehr guter und wohl auch bewußter Kunstgriff der Ausstellungsmacher war, die Arbeiten von Balthasar Burkhard jenen der anonymen Fotografen aus der Ausstellung „Instants anonymes“ gegenüberzustellen. Nur ein kurzer Vergleich genügt, um den Unterschied zwischen Hobbyfotografen und einem Profi zu veranschaulichen. Obwohl auch gleichzeitig wundervoll nachvollzogen werden kann, welcher Qualitätssprung entsteht, wenn scheinbar unbedeutende, kleine Alltagsfotos auf ein großes Format gezogen werden, wie es zur Verdeutlichung der einzelnen Themen in dieser Ausstellung gemacht wurde.

Die Größe allein, ist daraus zu lernen, macht aus einem Fotografen noch längst keinen Künstler. Auch nicht die Wahl eines bestimmten Ausschnittes. Vielmehr ist es das Konzept, das den Abbildungen hinterlegt ist und vom Betrachter auch nachvollzogen werden kann. Ist das vorhanden, dann kann der Sprung ins Museum gelingen.

„Instants anonymes“ und die Retrospektive des Werkes von Balthasar Burkhard stellen ziemliche Herausforderungen an den Museumsbesucher dar, wollen sie tatsächlich verstanden und verarbeitet werden. Nehmen Sie sich also Zeit und, so schönes Wetter ist, lassen Sie Ihre Gedanken bei einem Drink auf der Terrasse des Museumscafés schweifen.

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