Fotografie der anderen Art – Instants anonymes

Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Straßburg, le „Musée d`art moderne et contemporain“, zeigt derzeit gleich zwei Ausstellungen zum Thema Fotografie, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. „Instants anonymes“ und „Balthasar Burkhard“ sind die beiden Titel, aus denen die jeweiligen Inhalte zumindest ansatzweise zu erraten sind. „Instants anonymes“ – zu deutsch – „Anonyme Augenblicke“ – vereinigt eine breit gefächerte Auswahl von privaten Fotos des 19. und 20. Jahrhunderts. Das meiste davon „Schnappschüsse“ aus dem familiären Alltagsbereich, begonnen von Babyfotos bis hin zu Bildern von zuhause aufgebahrten Personen. instants_anonymes In der Gegenüberstellung dazu findet sich die Retrospektive des schweizer Fotografen „Balthasar Burkhard“, dessen großformatige Fotos bewußt inszeniert wurden und den Rezipienten die Ästehtik der Fotografie beispielhaft vor Augen führen.

Der Übersichtlichkeit halber möchte ich eingangs jedoch auf jede Ausstellung einzeln kurz eingehen um abschließend meinen Eindruck über das gelungene Experiment der Ausstellungsmacher zu schildern.

Das Konzept, eine Ausstellung von privaten Fotos unbekannter Menschen in einem Museum für zeitgenössische Kunst zu zeigen macht einerseits Sinn, andererseits stellt sich die Frage, ob nicht das Umfeld eines historischen Museums besser geeignet gewesen wäre, diese Schau zu zeigen. Die Ausstellung ist toll gemacht und sehenswert. Berührt unmittelbar unsere Empfindungen und verursacht eine wahre Kaskade von Gedankengängen, denen man sich fast ungeschützt ausgeliefert sieht, ob der Fülle von historischem Bildmaterial. Und dies nicht ob der „Geschichte“, nämlich einer anonymen an und für sich, sondern gerade ob der „Geschichten“ von Familien, wie wir ja alle eine – oder auch mehrere – besitzen. Angesichts von Urlaubsfotos am Strand strand_instants_anonymes oder von Schnappschüssen bei Familienfeiern fühlt man sich automatisch an die eigenen, tradierten Familiengeschichten erinnert. An ferne Onkeln und Tanten, an nie gekannte Großväter oder Kindermädchen, die sich plötzlich angesichts der bildhaften Fülle wieder in unser Erinnerungsvermögen drängen.

Es sind keine künstlerische Kriterien, die den Bildern zugrunde liegen und bedacht und erörtert werden müssen. Vielmehr ist es die überaus geschickte Präsentation, die das Leben und dessen Ablichtung in verschiedene Bereiche gliedert und uns nachvollziehen läßt, wozu man schon vor mehr als hundert Jahren die Fotografie benutzte. Nämlich um zu dokumentieren, was allzu flüchtig sich vorher nie dokumentieren ließ: den Augenblick, der nicht verweilen mag. Allenfalls in unserer sich ständig wandelnden Erinnerung.

Eine durch phonetisches Material – nämlich

einer sanften Meeresbrandung – gut unterlegte Diaschau verstärkt noch durch die Einbeziehung dieser weiteren Sinneswahrnehmung unsere sentimentalen Gefühle. Jede und jeder, der in seiner Kindheit einmal sommers am Meer war, kommt ins retrospektive Schwärmen bei den gezeigten Bildern. Und aufgrund der unbekannten Menschen, die sich in den Projektionen in ihrer Sommerfrische vergnügen wird schlagartig klar: meine eigene Geschichte ist zumindest ausschnitthaft auch die Geschichte von unzähligen anderen Menschen.

Diese Erkenntnis, die einem eigentlich vor jeder Fotowand befallen kann, ist das große Verdienst der Ausstellung. Sie spiegelt auch wieder, was sich in verschiedenen Wissenschaften bereits seit Längerem abzeichnet: die Beschäftigung mit dem Alltäglichen, nicht mit dem Außergewöhnlichen und Besonderen und die systematische Erforschung desselben. Volkskundliche Studien haben sich schon zu Beginn des Faches der Erforschung bäuerlich-regionalen Lebens gewidmet um sich dann in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Abhandenkommens der bäuerlichen Strukturen auch auf großstädtische Phänomene des Alltaglebens zu konzentrieren. Damit hat sich das Aufgabengebiet mit jenem aus der Soziologie vermischt. Feministische Studien wiederum erhellten das alltäglichen Leben von Frauen in verschiedenen soziokulturellen Umgebungen und ermöglichten die Einsicht in kollektive Erfahrungen und Erlebnisse, um hier nur einige Gedankensplitter zu geben, wie breit aufgestellt die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem alltäglich Erlebten ist.

Abseits der Wissenschaft war es Bernt Engelmann, der durch einen literarischen Kunstgriff 1974 in seinem Buch „Wir Untertanen“ – ein deutsches Anti-Geschichtsbuch – einen Shiftwechsel in der grundsätzlichen Betrachtung von Geschichte vorgenommen hat. Die Geschichtsschreibung, die in der Schule noch immer so gelehrt wird, als hätten die Spitzen der jeweiligen Gesellschaft diese betrieben, wird bei Engelmann auf den Kopf gestellt und von jenen Blickwinkeln aus betrachtet, der dem gemeinen Volk aus seinem Erleben heraus eigen ist. Engelmann könnte auch als künstlerischer Schriftsteller angesehen werden, der sich literarische Gedanken zu Phänomenen machte, die ausgehend von der großen Masse der Menschen erlebt und „erlitten“ wird, aber bis auf wenige Ausnahmen nicht für Wert befunden worden waren, sich damit auch künstlerisch auseinander zu setzen. Gerade weil diese anonymen Fotos in einem Museum für Kunst gezeigt werden, rücken wir bzw. der Betrachter diese auch automatisch in einen künstlerischen Kontext.

Genau dies geschieht aber indirekt in „Instants anonymes“. Denn wir Museumsbesucherinnen und -besucher sind es gewöhnt , uns mit Werken von bestimmten Künstlerinnen und Künstlern auseinanderzusetzen, die Eigenheiten derselben zur Kenntnis zu nehmen und mit einem Mehrwert an Bildung die jeweilige Ausstellung wieder zu verlassen. Der Mehrwert dieser Ausstellung liegt aber nicht in der Erkenntnis eines künstlerischen Einzelausdrucks, sondern vielmehr in der Erkenntnis der vergleichbaren, sich angleichenden Formen, des durch den Alltag hervorgerufenen bildlichen Ausdrucks.

Sinn macht die Präsentation dieser Schau in gerade diesem Museum aber tatsächlich erst in der Kombination mit den Arbeiten von Balthasar Burkhard, die in den Nebenräumen präsentiert wird und im unten folgenden Artikel beschrieben wird.

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