Die Intelligenz bleibt auf der Strecke

Amir ist ein ehrgeiziger Rechtsanwalt in einer New Yorker Kanzlei. Dass er muslimischer Abstammung ist, wissen seine jüdischen Chefs nicht. Bis zu einem Artikel in der New York Times, in dem er fälschlich als Verteidiger eines Imams dargestellt wird. Seine Frau Emily, eine junge Künstlerin, ist in ihrem Werk von der islamischen Kunstästhetik beeinflusst. Ganz zum Missfallen ihres Mannes, der ihre Ansichten über den Islam romantisch nennt. Dennoch nutzt sie die Chance, ihr Konzept Isaac plausibel zu machen. Er ist als Museumskurator gerade dabei, eine neue Ausstellung zu planen. Jory, seine Frau, arbeitet in derselben Kanzlei wie Amir. Um Emily in ihrer Karriere zu unterstützen, lädt Amir das Ehepaar Isaac und Jory zum Abendessen ein, bei dem es zum Eklat kommt.

Eine Tragik-Komödie mit Klischee-Dichte

Ayad Akhtar schuf mit seinem Stück „geächtet“ eine tiefgründige Tragik-Komödie, die, neben anderen Auszeichnungen, 2012 auch den Pulitzer-Preis für Dramen erhielt. Und das, obwohl er darin nicht mit Klischees geizt: Akhtars Moslem Amir Kapoor stellt sich als gewalttätig heraus. Isaac versucht als Jude gewitzt über den Dingen zu stehen und die Religion nicht in seine Entscheidungen einzubinden. Emily, Nicht-Muslima, betrügt ihren Ehemann, um ihre eigene Karriere voranzuschieben und nicht zuletzt lässt sich Hussein, der junge Neffe von Amir, islamistisch radikalisieren.

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory) (c) Georg Soulek

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Nicholas Ofczarek (Isaac), Isabelle Redfern (Jory) (c) Georg Soulek

Im Burgtheater hatte das Kammerspiel unter der Regie von Tina Lanik, die schon mehrfach am Haus inszenierte, nun Premiere. Dabei werden Emotionen und Hassreaktionen offenbar, von denen jeder einzelne Beteiligte dachte, sie im eigenen Zivilisationsprozess längst abgelegt zu haben.

Wenn die Emotion die Intelligenz wegspült

Fabian Krüger brilliert als Amir, der nicht nur mit seiner eigenen Vergangenheit ein Problem hat, sondern alle Höhen und Tiefen einer Ehe in kürzester Zeit durchlebt. Obwohl er sich bewusst ist, dass seine kindliche Islam-Prägung an ihm nicht unbeschadet vorübergegangen ist, schafft er es letztlich doch nicht, die ihm eingetrichterte patriarchalische und antijüdische Haltung abzulegen.

Als sein Traum, Partner in der Kanzlei zu werden, wie eine Seifenblase platzt und seine Frau ihm noch dazu einen Seitensprung beichtet, gibt es kein Halten mehr. Gewalt ist das einzige Ventil, das ihm im Moment der allergrößten Erniedrigung bleibt. Dabei werden dem Publikum Schläge und eine brutale Vergewaltigung zugemutet und die erniedrigende Geste des Anspuckens eines Gegenübers mehrfach eingesetzt. Die Intelligenz, von der Amir behauptete, dass sie ihn von der religiösen Indoktrinierung befreit hätte, bleibt dabei völlig auf der Strecke.

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir) (c) Georg Soulek

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir) (c) Georg Soulek

Nicholas Ofczarek setzt sich als Amirs Widersacher bei seinen körperlichen Annäherungen über die Bedenken von Emily einfach hinweg. Von seiner eigenen Person und Verführungskraft zutiefst überzeugt, scheut er sich nicht einmal, sie während einer kurzen Abwesenheit ihrer beiden Partner in ihrem eigenen Appartement zu begrapschen. Seine Ehe mit Jory ist nicht ganz friktionsfrei. Ihr kühles, Abstand wahrendes Verhalten macht deutlich, dass die besten gemeinsamen Jahre der beiden lange vorbei sind. Auch Ofczarek ist gefordert, völlig unterschiedliche Seiten seines Charakters zu zeigen und überzeugt dabei uneingeschränkt.

Gerechtigkeitssinn führt zu Radikalisierung

Abe (Christoph Radakovits), der gleich zu Beginn bei seinem Onkel um Rechtsbeistand für einen angeklagten Moslem suchte, macht im Laufe des Geschehens eine dramatische Wandlung durch. Seine jugendliche Seele, noch ausschließlich der Gerechtigkeit auf der Welt verpflichtet, leidet unter der Ungleichbehandlung und Vorverurteilung von Moslems in den USA.

Dass er ein leichtes Radikalisierungsopfer ist, liegt auf der Hand. Auch seine Tante Emily muss aufgrund der erlittenen Gewalt durch ihren Ehemann ihr Weltbild komplett revidieren. Aus dem jungen, hübschen und arglosen Mädchen, das leicht bekleidet nicht mit ihren Reizen zurückhält, wird eine verhärmte Frau, die unter einem langen, zugeknöpften, schwarzen Mantelkleid auch noch Hosen trägt. (Kostüme Heidi Hackl) Dass sie sich für den Gewaltausbruch ihres Mannes letztlich auch noch die Schuld gibt, entspricht wiederum dem allgemein verbreiteten Klischee von weiblicher Gewaltreaktion. Katharina Lorenz als Emily und Isabelle Redfern als Jory versuchen vergeblich die Situation zu kalmieren. Gegen die Testosteronschübe ihrer Männer sind sie machtlos.

 

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Christoph Radakovits (Abe) (c) Georg Soulek

Katharina Lorenz (Emily), Fabian Krüger (Amir), Christoph Radakovits (Abe) (c) Georg Soulek

Mit der Rolle von Abe, alias Hussein, fügt der Autor zu guter Letzt jedoch noch einen weiteren Blickwinkel in das Geschehen ein. Die Unterdrückung und Radikalisierung von einzelnen islamischen Gruppierungen, maßgeblich auch von den USA im Nahen und Mittleren Osten gefördert, wird heute nicht nur von militärisch organisierten Terrorgruppierungen wie der IS ins Treffen geführt, wenn es darum geht, den Dschihad auszurufen. Hussein versteht sich, wie viele junge Islamisten, als unterdrückt und moralisch dem richtigen Lager zugehörig. Der Proklamierung des Westens, die einzig wahre Ideologie zu vertreten, will er nicht mehr folgen. Auch wenn er selbst in diesem System groß geworden ist.

Der Krieg ist nicht nur draußen

Dass sich die kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt, vornehmlich der jüdisch-palästinensische Konflikt, sowie die Bürgerkriege in Syrien, im Irak und in Afghanistan letztlich auch tief in die Gedanken der westlichen Bevölkerung einschreiben, die weit weg von diesem Geschehen leben, ist eine bittere Erkenntnis dieses Abends. Da kann auch der Wortwitz und so manche Situationskomik, die das Publikum zum Lachen bringt, nicht darüber hinwegtäuschen. Sie nehmen dem Abend, der eine leichte Länge aufweist, die Schwere, ohne das Dilemma zu verwässern, in dem sich seine Protagonisten und Protagonostinnen befinden.

Die Ausstattung von Stefan Hageneier – ein cleanes Appartement ganz in Weiß gehalten, vor einer tiefschwarzen Wand – erweckt den Eindruck, dass Emily und ihr Mann in einer Blase wohnen, in der sie abgeschottet von der Vorgängen der Welt draußen leben können. Ayad Akhtar vermittelt keine Lösungsansätze, liefert aber jede Menge Diskussionsstoff und Denkanstöße, die globale Gültigkeit besitzen.

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