Geballte Energie am Klavier

Das Programm von Klavierkonzerten ist meist so ausgesucht, dass sich die Pianistin oder der Pianist zwischen einzelnen schwierigen Stücken etwas erholen kann. Es gibt jedoch eine Künstlerin in Wien, für die trifft das nicht zu. Ketevan Sepashvili, über die wir bereits einmal berichtet haben, gab ein umjubeltes Konzert im Alten Rathaus, bei dem sie nicht nur die Kreisleriana von Schumann, sondern auch 9 Rachmaninow Etüden zum Besten gab. Nicht genug, als Draufgabe erklangen auch noch die „Soirée de Vienne“, Strauss-Paraphrasen von Alfred Grünfeld, die für sich alleine schon ein herausfordernder Programmpunkt wären.

Ketevan Sepashvili war im Alten Rathaus in Wien mit einem beeindruckten Konzert zu hören.

Ketevan Sepashvili war im Alten Rathaus in Wien mit einem beeindruckten Konzert zu hören. © Nancy Horowitz

Sepashvili ist ein Phänomen. Nicht nur, dass es für sie offenbar keine schwierigen Stücke gibt, die sie pianistisch nicht bravourös umsetzen könnte. Die junge, aus Georgien stammende Künstlerin schaffte es auch, dass das Wiener Publikum nicht ein einziges Mal während des Konzertes auch nur einen kleinen Räusperer hören ließ. Und das, obwohl sie einige Pausen zwischen den Sätzen länger ausdehnte, als man dies gewohnt ist. Abende wie diese sind ungewöhnlich. Der Grund, warum die Menschen so gebannt sind, wenn Sepashvili am Flügel sitzt, ist, dass sie in einen Zustand eintaucht, in welchem sie wie eine Art Medium die Musik der verschiedenen Komponisten zum Erklingen bringt. Vielleicht ist das etwas übertrieben, aber eins steht auf alle Fälle fest: Das Eintauchen in Musikwelten, ihre Umsetzung und Hörbarwerdung ist bei ihr mehr als nur auswendig gelerntes Notenmaterial perfekt zu spielen. Dabei geht es auch nicht in erster Linie darum, einen Originalklang beschwören zu wollen, wie der erste Programmpunkt verdeutlichte.

Eine Bach Partita (BWV 825) stand am Anfang des Abends und war – rückblickend betrachtet – so etwas wie eine Aufwärmübung für die danach folgenden Stücke. Die Bach-Sätze erklangen an diesem Abend weder mathematisch, noch trocken, sondern stark gefühlsbetont, zum Teil sogar romantisch. Häufiger Pedaleinsatz und Emotionen wie eine starke Fröhlichkeit, die gleich im Präludium zu spüren war, sowie eine durchgängige Transparenz der musikalischen Linien in beiden Händen gleichermaßen charakterisierten diesen Auftakt.

In der Kreisleriana, Schumanns wichtigstem Klavierzyklus, spürte man ab dem ersten Satz den ungestümen, fast wahnsinnigen Einsatz, mit dem Sepashvili unerschrocken am Werk ist. Das bedeutet aber nicht, dass die kantilenen Stellen bei ihr leiden. Die Lieblichkeit, mit der diese erklingen, bilden eine wunderbare Balance zu den schwierigen und rasanten Passagen, mit der die Kreisleriana aufwartet. Das fesselnde Klavierspiel von Sepashvili geht aber nicht, wie man vielleicht vermuten möchte, mit großen Gesten einher. Vielmehr ist an manchen Stellen eine innige Zuwendung ans Instrument erkennbar. Dabei beugt sich die Pianistin hin zum Flügel, ihr Gesicht nah an der Tastatur des Bassregisters, sodass man ihre magische Verbindung mit der Musik nicht nur hören, sondern auch sehen kann. An anderen Stellen wieder vermeint man einen permanent strömenden Energiefluss wahrzunehmen, der durch die Künstlerin fließt und sie befähigt, so unvergleichliche Interpretationen zu präsentieren.

Sepashvili 2Der Fazioli-Flügel, der von der Firma Stingl zur Verfügung gestellt wurde, erweckte an diesem Abend den Eindruck, als sei er kein technisch hochwertiges Instrument, sondern vielmehr ein extrem sensibles Subjekt. Es war spürbar, dass er nicht nur auf Sepashvilis Spiel reagierte, sondern vielmehr in einer Art Rückkoppelung Schwingungen an sie weitergab, die von ihr in zauberhafter Art und Weise aufgenommen wurden. Es scheint so, als ob die Stimmung und die besondere Behandlung des Instrumentes von Ingmar Flashaar nicht nur dem Instrument zu einer Höchstleistung verhalf. Wir werden in Kürze über die ungewöhnliche Profession des Musikers, Klavierstimmers und –mechanikers gesondert berichten.

Nach der Pause, in die Sepashvili vom Publikum erst nach mehreren Ovationsrunden entlassen wurde, standen Rachmaninows Etudes – Tableaux op.39 am Programm. Nur zwei der insgesamt neun Etüden sind in einem langsamen Duktus angelegt, der Rest strotzt nur so vor intensiver Tastenarbeit. Der Wechsel von impressionistischen Schwebezuständen hin zu technisch höchst anspruchsvollen Läufen war unglaublich faszinierend und es stellte sich unweigerlich die Frage, wie sich die Pianistin diese Vielfalt an höchst schwierigem Repertoire bisher aneignen konnte. Ihr musikalisches Gedächtnis scheint unerschöpflich zu sein. Es muss wohl auch eine ganz spezielle Art sein, mit der sie imstande ist, Energien aufzunehmen und dosiert wieder abzugeben, die sie zu diesen außergewöhnlichen Leistungen befähigt.

Das Konzert wurde von Sven Boenicke, einem Klangzauberer im Bereich der Audio-Wiedergabe aufgenommen und wird für eine neue CD von Ketevan Sepashvili verwendet werden. Obwohl die CD erst im Entstehen ist steht schon jetzt fest, dass sie ein unbedingtes Muss für Freunde von magischen, musikalischen Augenblicken sein wird. Wer die Künstlerin noch nicht gesehen und gehört hat kann sich hier über die kommenden Konzerttermine informieren.

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