Der menschliche Körper steht immer im Mittelpunkt

Günter Brus • „Wie mit dem Skalpell – Die Aktionszeichnungen von Günter Brus“ (Foto: ECN)

Das Bruseum am Landesmuseum Joanneum in Graz zeigt im Reigen der Ausstellungen anlässlich zum 80. Geburtstag von Günter Brus eine Schau mit vielen bisher noch nie ausgestellten Werken.

Der Titel „Wie mit dem Skalpell – Die Aktionszeichnungen von Günter Brus“ macht klar, worum es geht: Um Zeichnungen, die rund um die Aktionen des Künstlers in den 60er-Jahren entstanden sind. Entweder als vorbereitende oder auch nachbearbeitete Reflexionsmomente, nicht jedoch als Skizzen im klassischen Sinne, welchen danach eine größere Ausführung folgt

Es finden sich auch einige Arbeiten darunter, zu deren Aktions-Ausführung es nicht gekommen war, da diese letztlich gar nicht stattgefunden haben. Bisher hielt sich die Meinung, Brus hätte erst nach Beendigung der Aktionen zu zeichnen begonnen. Die Ausstellung zeigt jedoch, dass für ihn dieses Medium immer schon ein adäquates Ausdrucksmittel war, das er über die Jahrzehnte hin, vom Beginn seines Schaffens an, verwendete. Vieles aus der Anfangszeit ist jedoch heute nicht mehr vorhanden. Das liegt auch daran, dass die Blätter nicht dafür gedacht waren, jemals in einer Ausstellung zu landen. Vielmehr waren es oft nur Gedankenstützen, in welchen die Themenfelder abgesteckt und verarbeitet wurden, die letztlich in den Aktionen ihren Ausdruck fanden.

Die Verletzlichkeit des Körpers als zentrales Motiv

Dass der Körper dabei im Mittelpunkt steht, wird auf den ersten Blick klar. Die Fragilität, das Ausgesetztsein, die Verletzlichkeit – dies zentrale Aussagen vieler Arbeiten. Stilistisch ist ein großer Bogen von realistischen Selbstportraits über michelangeleske Gesten, von Einflüssen der Wiener Giganten wie Klimt und Schiele, aber auch Kokoschka zu entdecken. Je fragmentarischer die Zeichnungen jedoch werden, je radikaler ihre Aussage, umso stärker wird die persönliche Handschrift von Brus erkennbar. Die Auseinandersetzung mit dem Individuum und mit der Macht, aber auch mit der Weiterentwicklung des Körpers ist und bleibt bei ihm zentral.

Was auch sichtbar wird: Brus verwendete Materialien, wie sie auch in der Arte povera zum Einsatz kamen, nur mit einem gänzlich anderen Output. Seine silbrigen und goldglänzenden Papiere, mit denen er einige gezeichnete Figuren ausstattete, sind nichts anderes als Suppenwürfelverpackungen, wie sie heute noch verwendet werden. Aber auch das Papier, auf dem er zeichnete, zum Teil vom Altwarenhändler gekauft, war von minderer Qualität, wie ein Ringordner mit Kriegspapier, den Brus mehrere Jahre lang verwendete.

Über 200 zum Teil noch nie gezeigte Werke

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Die große Auswahl – die Schau vereint über 200 Werke – gibt nicht nur einen Einblick in die grafisch-formale Umsetzung geplanter Aktionen, sondern vielmehr in das Denken des Künstlers an sich. Tabulos und scheinbar schmerzbefreit seziert er darin nicht nur Körper- sondern vor allem auch menschliche Befindlichkeitsschichten. Das Penetrieren von Leibern, die Verstümmelung von Gliedmaßen werden solitär gezeigt, ohne Verursacher. Der Kontext erschließt sich nur aus den Aktionen selbst, die Brus fotografisch festhalten ließ. Und aus den Ereignissen, die ihn dazu nötigten, Österreich zu verlassen. Die Beschimpfungen und Bedrohungen, die auf ihn und seine Familie einprasselten, erfahren in seinen Zeichnungen eine grafische Transformation. Seelischer Schmerz wird so zu körperlich nachvollziehbarem, das Empfinden von innen nach außen gestülpt. Nie stehen die Gesichter im Mittelpunkt, nie werden von Schmerz verzerrte Antlitze gezeigt. Brus ist nicht mit einer lustvollen Dekadenz ausgestattet, die er triebhaft kanalisieren muss. Vielmehr sind es tiefgreifende Erkundungen des Fleischlichen und das Nachdenken über Möglichkeiten von körperlichen Veränderungen, die er zu Papier bringt. Sein inneres Auge nimmt darin Posen und Rituale vorweg, die in der Umsetzung dann tatsächlich eins zu eins, oder aber gänzlich anders zur Ausführung gelangten. Denn als Regieanweisungen, denen unbedingt Folge zu leisten ist, sind die Zeichnungen nicht zu verstehen.

Besonders berührend ist ein Zyklus, den Brus nach der Geburt seiner Tochter schuf. Mit Gouache weiß gehöht, setzt er den kleinen Körper ebenso in einen kahlen Raum, wie zuvor schon viele andere und bedroht ihn durch spitze Gegenstände wie Scheren oder Reißnägel. Jedoch ist es gerade die Verwendung der weißen Farbe, die sich wie ein Schutzmantel um das kleine Wesen legt und als Geste des Beschützens empfunden werden kann.

Der Direktor des Bruseums, Roman Grabner, verbindet in seinen Führungen die großen Namen der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts eloquent mit jenen Ideen, welche Brus in seinen Blättern visualisierte. Die gefühlte und visuell umgesetzte Vorwegnahme so manch später ausformulierter, philosophischer Theorie um Macht, Kontrolle, Machtmissbrauch, Körperveränderung und Körperveinnahmung, die er bei Brus sieht, lässt sich im Nachhinein sehr schön konstruieren. Und obwohl in der Realität der Künstler einen anderen, wesentlich pragmatischeren Zugang verfolgt haben dürfte, der ihn dazu motivierte, seine geschundenen und körperlich veränderten Figuren in mannigfacher Gestalt auf Papier zu bannen, sind diese Gedankenspiele nicht von der Hand zu weisen. Gilles Deleuze wies auf die Parallelität von Kunst und Philosophie ausdrücklich hin und bemerkte, dass beide einem kreativen Schaffensprozess unterliegen, wenngleich die Kunst neue Affekte und die Philosophie neue Begrifflichkeiten produziert.

Ganz abseits jeglicher philosophischer Herangehensweisen berührt die Ausstellung zutiefst. Sie gibt Einblick in ein künstlerisches Gedankengebäude, das sich dem Kern des Menschseins anzunähern versucht. Das sich offenkundig ebenso einer ungeschönten Wahrheit verpflichtet fühlte, die wir nur allzu gerne ausblenden. Sei es Folter und Krieg, sei es ein Dahinvegetieren in Armut und Krankheit oder sei es auch der nahende Tod. In all diesen Seinszuständen ist der Körper weder fotogen noch begehrenswert, noch strahlt er Sexappeal aus. Aber er berührt, berührt zutiefst.

Unsere Empfehlung: Nehmen Sie sich Zeit für die Ausstellung und gönnen Sie sich eine Führung. Gerade die vielen Verbindung zu den Aktionen, die dabei angesprochen werden, sind erkenntnishaft, wenn man die Blätter in diesem Zusammenhang betrachtet.

Die Schau ist im Bruseum der Neuen Galerie Graz noch bis 27.1.2019 zu sehen.

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