Henkersmahlzeiten und Pubgeschwätz

Pommes mit Ketchup in einem Jausenpapier. Der junge, grau gekleidete Mann isst langsam davon, während das Publikum sich auf seine Plätze begibt. Das wenig frugale Mahl wird sein letztes sein. Genau genommen ist es seine Henkersmahlzeit. Er wartet in einer kleinen Zelle, von zwei Wärtern bewacht, auf seine Exekution durch den Strang.

Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh / Regie Lukas Holzhausen
Mario Schober, Jürgen Weisert, Alfred Schibor, Lukas Holzhausen, Kaspar Locher © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Was sich zu Beginn von „Hangmen (Die Henker)“ im Volx Margareten so düster anhört, ändert sich nach der ersten Szene vehement. Die aber hat es noch in sich. Denn das Publikum muss zusehen, wie sich der Verurteilte, Hennessy, mit Händen und Füßen vor der Vollstreckung seines Todesurteils wehrt und dabei immer wieder beteuert, dass er unschuldig ist. Das geht unter die Haut.

Ein tolles Stück, eine tolle Übersetzung

Nachdem Harry Wade, oberster Henker in Großbritannien, seines Amtes schließlich gewaltet hat, wird die Bühne im Handumdrehen zu einem englischen Pub umgestaltet. Einem Pub, das ihm gehört und in dem der Gentleman-Henker mit Melone und Fliege am Hemdkragen das Sagen hat. Martin McDonagh schafft in seinem Bühnenthriller das Kunststück, dass sich Gänsehaut, stockender Atem und Lachen gleichermaßen die Waage halten. Das verdankt er nicht zuletzt der grandiosen Übersetzung von Michael Raab, der sich nicht scheute, umgangssprachliche Ausdrücke der unteren Schublade zu verwenden. Von Spastis ist da die Rede, von einer schwulen Sau, oder an einer Stelle auch, dass der Ton unter aller Sau gewesen sei. Wann immer diese derbe Sprachkost kredenzt wird, sie kommt zur rechten Zeit. Doch nicht nur das Timing ist in dieser Inszenierung perfekt.

Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh / Regie Lukas Holzhausen
Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen, Sebastian Klein © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Harry holt nach zwei Jahren die Geschichte mit seinem letzten Delinquenten ein. Die Gewissensbisse, die er mit einem Faktencheck der Gerichtsunterlagen zu beruhigen glaubte, lassen ihn nicht los. Zu allem Überfluss taucht am zweiten Jahrestag dieser Exekution auch noch ein Unbekannter in seinem Pub auf, der sich äußerst seltsam benimmt. Und sein ehemaliger Helfer Syd.

Eine Regie, welche die Charaktere ganz fein ziseliert

In der Regie von Lukas Holzhausen, der zugleich auch Harry spielt, entwickelt sich die Geschichte um den Henker und seine fünfzehnjährige Tochter, die plötzlich verschwunden ist, höchst subtil, was die Charakterzeichnungen anlangt. Da sitzen Tag für Tag vier Saufkumpane in einem ganz bestimmten Eck des Pubs, um von dort aus wie Krähen auf einer Stange ihren unsäglichen Senf zum Alltagsgeschehen abzugeben. Da greift Alice, Harrys Frau, hinter der Theke selbst gerne einmal zu einem Glas Gin, tupft Syd, ehemaliger Henkersgehilfe, immer wieder mit einem Finger an sein eitriges Wimmerl am Kinn, sodass man ihm am liebsten die Hand in ein Mulltuch einbinden möchte. Da kommt der schwerhörige Arthur aus dem Klo, um sich nach wenigen Schritten im Gehen die Hose aus seinem Schritt zu ziehen und da gibt es auch noch den undurchsichtigen Moony. Jenen eigenartigen Eindringling, der, während das Publikum den Saal nach der Pause wieder betritt, in aller Ruhe vor diesem auf der Bühne Pommes mit Ketchup isst. Wer zu Beginn gut hingesehen hat, weiß, was das zu bedeuten hat.

Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh / Regie Lukas Holzhausen
Lukas Holzhausen, Steffi Krautz © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Da es aber höchst unfair ist, diese atemberaubende Geschichte fertig zu erzählen, ohne dass man sie auf der Bühne schon gesehen hat, hier nur noch die Erwähnung zweier wichtiger Figuren.  Eine davon ist Harrys Gegenspieler, Pieerpoint, der in einer höchst dramatisch-humorigen Szene zu ihm ins Pub kommt, um sich von seinem Berufskollegen nach einem verbalen Boxkampf untertänigst huldigen zu lassen. Die andere ist Shirley, die scheue Henkerstochter, die in einem Augenblick von hormonellem Überschwang eine folgenschwere Entscheidung trifft.

Hangmen-Die-Henker-von-Martin-McDonagh-Regie-Lukas-Holzhausen Nils Rovira-Muñoz, Steffi Krautz, Alina Schaller, Lukas Holzhausen, Günther Wiederschwinger, Alfred Schibor, Mario Schober © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Lukas Holzhausen, der bislang in großen Rollen am Volkstheater brillierte, gestaltet in seiner Regie jede einzelne Figur, jeden einzelnen Charakter bis in die Finger- und Zehenspitzen authentisch. Außerdem gibt er mit Rainer Galke als Mooney wieder einmal ein Dream-Team auf Bühne. Dieses Duo hat sich zu einem Garant für wunderbare Theatererlebnisse entwickelt.  McDonaghs tiefschwarzer Humor beansprucht in diesem Stück, so unwahrscheinlich es von der Thematik her klingen mag, aber auch die Lachmuskeln. Und zwar immer dann, wenn sich nicht gerade blankes Entsetzen oder ungläubiges Staunen breitmacht. Entsetzen über Vorgänge, die man eigentlich gar nicht zu Ende denken mag und Staunen über die beinahe schon im Minutentakt sich ändernden Anspielungen, wer denn nun der ganz, ganz Böse in dem Stück sei. Alles was verraten werden darf: Einen wirklich unbescholtenen Charakter kann von all den Personen, die auftreten – bis auf Shirley – niemand vorweisen.

Der Gegenspieler ist auch ein Ekelpaket

Das Spiel um Gut und Böse, um die Ausblendung der eigenen Verantwortung, um Vergeltung und um das Aufkeimen von Liebesgefühlen ist psychologisch derart gut aufbereitet, dass es in dieser wunderbaren Inszenierung eigentlich zu einem Dauerbrenner werden müsste. Jane Zandonai (Bühne) und Werner Fritz (Kostüme) dürfen sich mitverantwortlich für den Erfolg fühlen. Denn das dunkle Pub aus den 60er Jahren und die dazugehörigen Klamotten – bis hin zum kitschigen Dandy-Look von Pieerepoint, dessen pomadisierte Haare angeblich nach Tod stinken – ist alles wie aus einem Guss.

Hangmen (Die Henker) von Martin McDonagh / Regie Lukas Holzhausen Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen, Michael Abendroth, Steffi Krautz, Sebastian Klein
Fotorechte: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Eigentlich müsste „Hangmen (Die Henker)“ auf die große Bühne des Volkstheaters, damit es so viele Leute wie möglich sehen können. Theater das unterhält, schockiert, das einem zum Lachen bringt und gleichzeitig verstört, ist ganz selten. Vor dieser Inszenierung muss man uneingeschränkt den Hut ziehen, endlos klatschen oder aber sie jedem weitererzählen, den man kennt. Damit sie so viele Leute wie möglich sehen.

Das ohne Ausnahme großartige Ensemble: Michael Abendroth (Pierrepoint), Rainer Galke (Mooney), Lukas Holzhausen (Harry), Sebastian Klein (Syd), Steffi Krautz (Alice), Kaspar Locher (Hennessy), Nils Rovira-Muñoz (Clegg), Alina Schaller (Shirley), Alfred Schibor (Charlie u. a.), Mario Schober (Arthur u. a.), Jürgen Weisert (Bill u. a.), Günther Wiederschwinger (Inspektor Fry)

Weitere Termine auf der Homepage des Volkstheater.

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