Die vielen Gesichter der Fremde

Von Michaela Preiner

„Heimwärts“ (Foto: ©Alexi Pelekanos / Volkstheater)

07.

Jänner 2018

Der alte Hussein, seit seiner Flucht aus dem Militäreinsatz vom Golan 1972 in Wien ansässig, möchte zum Sterben in seine Heimat Syrien. Dabei helfen soll ihm sein Neffe Khaled, den er nach Österreich geholt hatte, in der Hoffnung, dieser würde hier Medizin studieren. Gemeinsam mit dem türkischstämmigen Arzt Osman und dessen Freundin Simone, die eine Geschlechtsumwandlung hinter sich hat, machen sich die Vier auf den Weg, um schließlich punktgenau am Tag des Putsches in der Türkei an der Grenze zu Syrien zu stranden.

Ibrahim Amir, der in Wien vor allem durch die Absage seines Stückes Homohalal am Volkstheater Bekanntheit erlangte, legt mit diesem Stück nun eine neue Probe seines Könnens vor. (Homohalal wurde mittlerweile am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt und in Wien im WerkX gezeigt.) Der Autor, promovierter Arzt, der in seinen Vorveröffentlichungen zu dem neuen Stück deutlich machte in Wien immer noch nicht angekommen zu sein, schuf mit „Heimwärts“ einen wilden Galopp quer durch verschiedene Zeiten, Ethnien und unterschiedliche Charaktere.

Die zusätzliche komödiantische Verbrämung stammt von der 1987 geborenen Deutschen Regisseurin Pinar Karabulut. Sie versetzte Amirs Stück mit reichlich Trash-Energie, wobei sie die Charaktere zum Teil übertrieben agieren lässt. Zum Glück aber bleibt dabei für die Weisheiten des alten Hussein und die Gegenpositionen seines Neffen auch reichlich Raum. Dabei geht es um die Kontroverse der Begriffe Flucht und Sesshaftigkeit. Ist der alte Mann voll Wehmut und plädiert für ein Ankommen in einer neuen Gesellschaft, sieht sein Neffe die Flucht als etwas positiv Besetztes. Ohne Flucht wären die Menschen schon längst ausgestorben und lieben könne man auch, wenn man noch nicht angekommen sei, ist sein Credo.

„Heimwärts“ (Foto: ©Alexi Pelekanos / Volkstheater)

Mit den Figuren von Osman, einem Alter Ego des Autors, der seine Heimat, die Türkei, freiwillig verließ und in Wien als Arzt arbeitet sowie dessen Freundin Simone, bringt Amir zwei weitere Charaktere ein, die im Verlaufe der Handlung zwangsläufig aus ihrer vermeintlich stabilen Position kippen. Oktay Günes und Sebastian Pass schlüpfen in die Rollen zweier exaltierter, türkischer Grenzer, die in den Reisenden Terroristen erkennen wollen. Der Tod Husseins, der ihn eineinhalb Stunden vor der Erreichung seines Heimatlandes ereilte, schafft zusätzliche Probleme. Ohne Sterbeurkunde gibt es keine Grenzöffnung, aber ohne den Nachweis, dass Hussein kein türkischer Staatsbürger war, gibt es keine Sterbeurkunde.

Teilweise werden die Dialoge mit den Grenzbeamten ohne Übersetzung oder Untertitel auf Türkisch abgehalten. Hier ist das sprachunkundige Publikum eindeutig im Nachteil. Auch wenn einiges später frei übersetzt nachgeliefert wird, ist man doch auf Strecken einzig auf seine eigene Intuition angewiesen und kann die eine oder andere Aussage nur durch die Gebärden und die Mimik des Ensembles erraten. Mit diesem kleinen Kunstgriff schafft es Ibrahim Amir, dem Publikum subkutan zu vermitteln, wie es ist, einer Konversation in einer fremden Sprache nicht folgen zu können, auch wenn man dies möchte.

„Heimwärts“ (Foto: ©Alexi Pelekanos / Volkstheater)

Ganz im Stil einer flotten Komödie verfasst, trifft Amir mit seiner Analyse von Migration und deren psychologischen Folgen ins Schwarze. Hussein nützte es nichts, allwöchentlich seine Sachertorte mit Schlag zu verzehren. Wurzeln konnte er in Wien nie wirklich schlagen. Die Sehnsucht nach einem Zuhause, einem erträumten Zuhause, das in der Realität ganz anders aussieht, wurde schließlich übermächtig. Und alle, die ihn auf seiner letzten Reise begleiten, erfahren, was es plötzlich heißen kann, sich außerhalb seiner eigenen, geschützten Komfortzone aufzuhalten und der Willfährigkeit von Grenzbeamten ausgeliefert zu sein.

Mit Günter Franzmeier und Kaspar Locher stehen sich ein Onkel und ein Neffe gegenüber, die mehr trennt, als nur eine Generation. Entwurzelt der eine, die Freiheit in Österreich bewusst genießend, der andere, liegen Welten zwischen ihren großteils selbst gebastelten Lebensrealitäten. Günther Wiederschwinger als Osman in hippem, blauem Anzugsoutfit und seine Liebste, gespielt von Isabella Knöll, sind so lange mit ihrer eigenen Identitätsfindung beschäftigt, bis die Verhaftung an der Grenze sie wie ein Tsunami überschwemmt.

Immer wieder verändern sich die Zeithorizonte, springt das Geschehen in die Vergangenheit und wieder zurück in die Putschnacht an der Grenze. Und inmitten des Wahnsinns irrt der verstorbene Hussein zwischen den Lebenden und schwelgt meist in  Episoden seiner eigenen Vergangenheit. Die Fremde, in die er auswanderte, sie hat viele Gesichter. Lebensrettend und ihn verachtend zugleich, so erlebte er Wien, in dem die Leute mit ihren Hunden mehr reden als mit den Nachbarn.

Das Stückchen Orient, das Hussein so verzweifelt an seinem Lebensende sucht, auch das trägt mehrere Gesichter. Unerreichbar und politisch zerrissen bietet es dem alten Mann auch nicht das, wonach er sich wirklich sehnte. Da wundert es nicht, dass sein letzter Wunsch doch wieder war, eine Sachertorte zu essen und eine Melange dazuzutrinken.

Weitere Termine auf der Homepage des Volkstheaters.

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