Am Anfang war ein Ei

Von Michaela Preiner

Hüpfen (Foto: Rainer Berson)

18.

Oktober 2017

Noch bevor jemand die Bühne betritt, hüpft ein Ei von rechts nach links, von links nach rechts und wieder zurück. Quer über jene weißen Projektionsbahnen, die den Bühnenraum begrenzen.

Die Kleinen, die mit ihren Eltern in den Dschungel Wien gekommen sind, sind mucksmäuschenstill. Zu quietschen beginnen sie erst, als Elda Maria und Gat die Bühne betreten und mit ihren knielangen Krinolinen, die sie über ihren Trikots tragen, versuchen, das Ei zu fangen. Krinolinen werden jene durchsichtigen Reifröcke genannt, die von den feinen Damen bis ins 19. Jahrhundert unter ihren Kleidern getragen wurden, damit diese voluminöser aussahen.

„Da!“, „Da!“, „Nein, da!“ rufen die beiden jungen Tänzerinnen, während sie mitten unter den Kindern versuchen, das Ei zu fangen und tatsächlich findet es sich schließlich – zum bunten Ball mutiert – in einem Versteck. Nun geht das Tanzstück mit dem animierenden Titel „Hüpfen“ für Kinder ab 3 erst richtig los. Elda Maria und Gat springen und hüpfen mit dem Ball, dass es eine wahre Freude ist. Wenn sie sich hinter die hellen Projektionsbahnen begeben, erscheinen sie als wunderschönes schwarz-weißes Schattenspiel, so als wären sie Scherenschnitte, wie sie im Biedermeier die Wohnzimmer zierten. Nur sehr seltsam, dass der Ball auch ein Eigenleben entwickelt. Immer wieder zieht er die Mädchen hinter sich her. Gegen diese Macht können sie sich nicht wehren und was es damit auf sich hat – wird erst am Ende der Vorstellung klar.

Hüpfen (Foto: Rainer Berson)

Bis dahin erfahren die beiden aber eine kontinuierliche Verwandlung und erleben eine ganze Reihe von Situationen, die den Kindern nur zu bekannt sind. Dabei dürfen sie Lach-Blödsinn machen, wie ein lautes Fürzchen von sich geben, oder die hüpfenden, jungen Schwänchen aus Tschaikowskis Schwanensee imitieren. Sie fordern ihr Publikum auf, laut zu trampeln und in ein Indianergeschrei einzustimmen, während sie selbst als rassiges Pferd und Reiter über die Bühne springen. Auch Rivalitäten werden sichtbar – wer ist die Stärkere, wer die Beliebtere, wer bekommt mehr Applaus? Sich selbst behaupten, gegen die andere wehren, um dann zu bemerken, dass es alleine doch nicht wirklich lustig ist, auch das zeigen Elda Maria und Gat in ihrer Choreografie deutlich. Dass dabei der Tanz, inklusive perfekter Bodengymnastik in vielen Facetten zum Hauptcharakteristikum des Stückes wird, erfreut nicht nur die jungen Zuseherinnen und Zuseher.

Hüpfen (Foto: Rainer Berson)

Bis hin zu jener Szene, in welcher die beiden Mädchen mit bunten Kreiden am Boden Trennlinien auftragen, um das eigene Revier zu markieren. Nun scheint die Freundschaft an ihrem Ende angekommen zu sein. So schnell wie Kinder aufeinander böse sind, so schnell finden sie aber auch wieder zusammen – zu sehen auch in einer der letzten Szenen des Stückes. Als beide schließlich nebeneinandersitzen und sich gegenseitig mit den bunten Kreiden  bemalen, ist nicht nur die Freundschaft wieder im Lot, sondern der Bühnenboden in ein fröhliches Chaos verwandelt. Das junge Publikum steht zum Schluss auch noch selbst im Rampenlicht – Näheres muss aber schon selbst erfahren werden! Und wie löst sich das Ballrätsel?

Hüpfen (Foto: Rainer Berson)

Mit dem Bild des Balles, der die beiden Tänzerinnen hinter sich herzieht und der Verwandlung von „braven“ Mädchen aus dem 19. Jahrhundert hin zu selbstbewussten und fröhlichen Menschen, die sich gegenseitig mit Farbe anmalen, spannen die Macherinnen Elda Maria Gallo und Gat Goodovitch einen großen Bogen von der Entwicklung einer autoritären Erziehung, in der Kinder zum Spielball der Erwachsenen wurden, hin in unsere Zeit. Diese gelungene Metaebene verstehen nur die Erwachsenen, wie auch die Metapher der vielen bunten Eier, die schließlich unter dem Staunen der Kleinen am Ende auf den Leinwänden auftauchen. Vergnügen bereiten diese Darstellungen aber auch ohne tiefgründiges Hintergrundwissen. Ein Zuschau-, Zuhör- und Mitmachspaß der Lust aufs Hüpfen macht, egal wie alt man ist.

Von und mit Elda Maria allo und Gat Goodovitch.
Weitere Termine auf der Homepage des Dschungel Wien.

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