Hungry sharks! Hungry sharks! Es ist nicht das erste Mal, dass die Truppe um Valentin Alfery nach einer ihrer Aufführungen vom Publikum lautstark skandierend auf die Bühne zurückgeholt wird. Dabei handelte es sich nicht um einen dance-battle an dem Alfery und seine Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben. Zu hören waren die Ovationen nach der Präsentation ihrer Performance „Hidden in plain side“ im Rahmen von Impulstanz im Arsenal.

Urban und Street dance mit Sinnebenen

Obwohl sich die Aufführung eine Stunde nach hinten verschob, reagierte das Publikum nicht ungehalten. „Die wollte ich unbedingt sehen“, oder „alles andere ist mir wurscht, Hauptsache ich habe dafür Karten bekommen“, waren nur zwei von mehreren Pro-Hungry-sharks-Statements, die man in der Warteschleife zum Einlass hören konnte. Tatsächlich haben die Tänzerinnen und Tänzer österreichweit schon eine schöne Fangemeinde. Dies mag vor allem auch daran liegen, dass sie nicht vom zeitgenössischen Tanz auf die Bühnen gestiegen sind, sondern aus dem Urban dance kommen.

Das Interessante an den Choreografien von Valentin Alfery, der sich früher Valentin Knuffelbunt nannte, ist, dass er anders als beim Street oder Urban dance seine Choreografien mit einer Sinnebene auflädt. Zu erkennen war das schon bei seinen beiden vorherigen Arbeiten, Fomo und Anthropozän. „Hidden in plain sight“ schon 2016 im brut uraufgeführt, hat einen anderen drive als seine Vorgänger.

Der ewig gleiche Trott

Hungry Sharks – Hidden in Plain Sight  (c) Erli Grünzweil

Darin treten die insgesamt sechs Tänzer und zwei Tänzerinnen in einer minutiös durchkomponierten Choreografie auf, in der nichts, aber auch schon gar nichts dem Zufall überlassen wird. Darf es auch nicht, denn sonst würde der Plot nicht zu vermitteln sein. Bei ihm handelt es sich um die Darstellung einer Arbeitswelt, in der die Menschen wie Zahnrädchen ineinander ihre Verrichtungen absolvieren. Immer schön nach Schema F.

Erreicht wird das durch eine Addition von Bewegungsabläufen. Eine Tänzerin beginnt mit einer kurzen Choreografie, die sich bald wiederholt. Nach und nach kommen die anderen dazu und verweben ihre eigenen Tanzschritte mit den schon bestehenden der anderen. So lange, bis ein dichtes Netz entstanden ist, das in einer Endlosschleife wiederholt werden könnte.

Am Anfang tanzen Mustapha Ajdour, Valentin Alfery, Farah Deen, Patrick Gutensohn, Olivia Mitterhuemer, Manuel Pölzl, Diego de la Rosa und Moritz Steinwender in einem großen Quadrat, das am Boden mit schwarzen Linien markiert ist. Noch zweimal werden sie die gleiche Choreografie anschließen, jedes Mal jedoch auf einem noch komprimierteren Feld. Das letzte Quadrat ist nur mehr so groß, dass die 8 Personen stehend nebeneinander darin Platz haben.

Wer nicht dazu passt, wird ausgestoßen

Zu erkennen ist dabei eine kleine Gesellschaft junger Menschen, wie sie sich millionenfach in Firmen, Büros, Behörden usw. rund um den Erdball befinden. Alle, die darin arbeiten, tun dies nach einem vorgegebenen Plan, Tag für Tag und immer wieder dasselbe. Kleine Reibereien zwischen Frauen und Männern kommen darin ebenso vor wie kurze, gegenseitige Aufmunterungen unter den Männern. Neuankömmlinge werden nur geduldet, wenn sie sich in das vorgegebene Arbeitsmuster einfügen. Schön aufgezeigt wird dieser Mechanismus in einer Szene, in welcher sich einer der Tänzer ein kleines Solo mit anderen moves erlaubt, als die anderen es in ihrem Repertoire haben. Schon nach wenigen Augenblicken wird er ausgestoßen, muss die Tanzfläche verlassen.

Immer wieder schiebt Alfery Szenen ein, in welchen die Frauen und Männer in unterschiedlichen Gruppen raschen Schrittes aneinander vorbeigehen, ohne sich dabei zu beachten. Der Weg ins und vom Büro kann nicht eindringlicher beschrieben werden. Während gegen Ende das Endlosspiel um den Arbeitstrott weitergetanzt wird, marschiert Valentin Alfery wie ferngesteuert über die Bühne. Hin und zurück, hin und zurück, wobei ihn eine Kollegin an den beiden gegenüberliegenden Außenpunkten des imaginären Quadrats jedes Mal wieder umdreht, um ihn auf Schiene zu bringen.

Es sind nicht nur die Repetitionen, die klarmachen, dass es sich um immer wieder kehrende Arbeitsabläufe handelt. Es sind auch die Bewegungen an sich, kantig, ruckartig, wie von Robotern gesteuert, die das aufzeigen. Wenn alle in einer Reihe, die sich ständig erneuert, ihre Bewegungen zeigen, meint man sogar, Fließbandarbeitern zuzusehen.

Ein höchst illustrativer Sound

Hungry Sharks – Hidden in Plain Sight  (c) Erli Grünzweil

Maßgeblich für den Erfolg verantwortlich ist auch Patrick Gutensohn, der die Musik schuf. Von einem leisen, eher bedrohlichen Sound, mit flüsternden Stimmen unterlegt, entwickelt sich die auditive Untermalung hin zu einem dichten Teppich mit ganz klar strukturiertem Rhythmus. Die einzelnen Szenen spiegeln sich auch in der Variabilität der Musik wieder, die ganz zum Schluss leise ausfadet.

„Hidden in plain sight“ – also gut sichtbar versteckt – ist sicher noch so manch andere Szenerie, die sich wahrscheinlich erst beim öfteren Ansehen der Choreografie zeigt. Es ist ein höchst komplexes Stück mit großen Anforderungen an die Tanzenden, das beim Publikum zu Recht heftigen Applaus erntete. Valentin Alfery hat sich mit seinen „Hungry sharks“ in den letzten drei Jahren einen ganz eigenen Platz im Tanzgeschehen in Österreich erarbeitet. Einen Platz, den er mit niemandem teilen muss. Das ist eine enorme Leistung, zu der wir herzlich gratulieren.

Pin It on Pinterest