Die vielfältigen Gesichter des Lebens

Annelie Andre agierte in SYS4 nicht nur tanzend, sondern gab auch einige prägnante Statements in das Mikrofon auf der Bühne ab. „Wenn die Mauern dicht genug stehen, kann man nicht mehr fallen“, war eines davon oder „du wolltest aussteigen und du bleibst“, ein anderes.

Die Performance der jungen Tänzerin, die eine Absolventin der Zeitgenössischen Tanzpädagogik der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien ist, pendelt in ihrer Aussage zwischen den Polen der Besitzstandswahrung, einem Getrieben-Sein im Leben, zwischen Hoffnungen auf einen Ausstieg und dem „Doch-nicht-Schaffen“. Damit bildet sie ein breites Kaleidoskop menschlicher Empfindungen ab, bei denen der Wunsch oft der Vater des Gedankens bleibt.

Die Choreografie selbst oszilliert zwischen exakten, mehrfach wiederholten Gesten und Schritten zu einem nicht allzu lauten Techno-Beat und einem freieren Fluss, der sich zu einer sanften Klaviermelodie einstellt. „There is never – always – an exit“ wird schließlich zu einem Schlüsselsatz, mit dem die Ambivalenz des Lebens veranschaulicht wird. Der erhobene Arm mit der geballten Faust, zu Beginn und am Ende der Performance gezeigt, bleibt in dieser Logik auch nur eine „vielleicht-revolutionäre“ Geste.

Mirjam Stögner "Lara" © Rania Moslam

Mirjam Stögner „Lara“ © Rania Moslam

Mirjam Sögner zeigte im Anschluss ihre Arbeit Lara. Ein Werk, das sich auf frühe Frauenfiguren in der Cyberwelt bezieht. Roboterhaft sind ihre ersten Bewegungen hin zu einem Stuhl, auf den sie sich beinahe unbeholfen setzt. Beinahe im Sekundentakt ändern sich ihre Gesichtszüge, bewegt sie die Lippen zu unausgesprochenen Sätzen. Immer wieder friert sie die Bewegungen für wenige Augenblicke in unterschiedlichsten Posen ein. Dabei liefert sie nicht nur eine körperlich beeindruckende Performance ab. Vielmehr stellt sie auch ihr schauspielerisches Können zu Schau. Das menschliche Halbfertigprodukt, das auf der Bühne zu sehen ist, wird von außen gesteuert und man würde gerne sehen, wer an den Hebeln dieser Macht sitzt.

Die Figur der schlanken, junge Frau mit ihren langen Extremitäten passt wunderbar zur Rolle, die ihr wie auf den Leib geschnitten erscheint. Nach einer einfachen Kostümverwandlung – Sögner zieht ihre anliegende, silberne Glitzerhose aus und das schwarze Shirt entpuppt sich plötzlich als schmal geschnittenes, wadenlanges Kleid – geht es in eine schweißtreibende Choreografie, in der der Körper der Tänzerin permanent in Bewegung gehalten wird. Mikroelemente wechseln mit weit ausladenden Schritten ab, ruckartige Bewegungen stehen kleinen Tanzschritten gegenüber, wie man sie aus Standardtänzen kennt. All das ergibt eine absurde Körpersprache, die in höchstem Maße fremdgesteuert erscheint.

Umso größer ist der Bruch zum anschließenden, dritten Teil ihrer Performance. Darin wechselt Stögner im Dunkel jeweils ihre Standposition unter Zuhilfenahme ihres Kleides, das sie sich mit wenigen Handgriffen immer wieder neu um ihren Körper wickelt. Die Momentaufnahmen, die nur für wenige Sekunden im hellen Scheinwerferkegel zu sehen sind, sprechen nun eine ganz andere Sprache. Obwohl das Element der Bewegung nun ganz wegfällt, wird nun ein Mensch fühlbar. Ein Mensch, oder vielmehr das Abbild einer Frau in unterschiedlichsten emotionalen Positionen. Madonnengleich leidend, mit dem Kopf leicht zur Seite geneigt, dann mit den Händen das Gesicht bedeckend. Immer stärker wird ihr Körper durch den Einsatz des Stoffes verfremdet, bis im allerletzten Bild nur mehr eine Skulptur zu sehen ist, die auch nicht mehr im Entferntesten an ein Lebewesen erinnert.

Stögners Arbeit könnte man, wenn man sie von ihrem Ende her zum Anfang hin abrollen lässt, auch als eine evolutionäre Geschichte lesen, an dessen Ende der fremdbestimmte Mensch steht. Sie lässt aber genug Freiraum für andere Interpretationen. Eine erstaunlich reife Arbeit, die von der jungen Tänzerin hier abgeliefert wurde.

Das Festival imagetanz wird noch bis 18. März fortgesetzt.

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