Hirn und Herz

Von Michaela Preiner

Maria F. Scaroni – „walk & talk“ (Foto: Karolina Miernik)

15.

August 2017

Impulstanz präsentierte in Kooperation mit dem Mumok mehrere Performances. Maria F. Scaroni beeindruckte dabei mit einer Arbeit, die sowohl den Intellekt als auch die Emotionen ihres Publikums ansprach.

Maria F. Scaroni, in Berlin lebende Italienerin, zeigte im Mumok ihre Arbeit „walk + talk“. Diese entstand, ausgehend von einer Idee des Tanzquartiers, gemeinsam mit Philipp Gehmacher. Dieser lud Künstlerinnen und Künstler dazu ein, in deren Performances auch ihre Stimme einzusetzen.

Gewichtig und leicht zugleich

Scaroni erarbeitete dabei ein breites Kaleidoskop, das nicht nur aktuelle, gesellschaftliche Strömungen in ihre Performance aufnahm. Vielmehr gab sie auch ein höchst berührendes Statement zur prekären Arbeitssituation vieler Tänzerinnen und Tänzer ab. Dies sind jedoch nur zwei von vielen Aspekten, die sie mit einer Leichtigkeit in ihrer Performance transportierte, dass einem im Nachhinein noch schwindlig davon sein kann.

Gleich zu Beginn ließ sie das Publikum ihre Passion wissen: Das Legen und Interpretieren von Tarotkarten. Einmal auf das Thema neugierig gemacht, zeigte sie eine unglaublich spannende Choreografie, in der sie sich die meiste Zeit nicht vom Fleck bewegte. Das Phantastische daran war, dass sich dabei ihr Bewegungsmuster permanent veränderte. Bei der danach folgenden Visualisierung des Narren, eines Tarot-Charakters, verwendete sie hingegen immer wieder gleiche moves, um darauf nahtlos in eine gänzlich neue Körperarbeit überzugehen. Mit dieser gab sie Auskunft über neuronale Zusammenhänge und uralte Bewegungsmuster, die schon unsere Evolutionsvorfahren, die Fische, beherrschten.

Maria F. Scaroni – „walk & talk“ (Foto: Karolina Miernik)

Das visualisierte Sprichwort

Immer wieder veränderte sie die Farben und den Ausdruck ihrer Performance rasch, aber elegant fließend, sodass es keiner Mühe bedurfte, ihr zu folgen. Nicht zuletzt, weil sie ihre Choreografie auch kommentierte. Dass aber just Szenen, in welchen Scaroni nicht sprach, zu den eindringlichsten gehörten, überraschte. Wie zum Beispiel jene, in welcher sie das italienische Sprichwort „calare le braghe“ in die Tat umsetzte. Dabei ließ sie ihre Hosen herunter und vermittelte, nur mit einem Oberteil bekleidet, am Boden kniend und liegend, tiefste Depression und dunkelsten Schmerz.

Die Hure Olympia

Auch in ihrem nächsten, eindringlichen Bild, fühlte man sich von ihrer halb nackten Erscheinung zutiefst berührt. Es mag sein, dass dieses emotionale Band, das sich spätestens ab diesem Zeitpunkt zwischen Scaroni und einigen Menschen aus dem Publikum verwob, besonders Frauen in ihren Bann zog. Denn mit der Position, am Boden seitlich liegend, den Kopf in die rechte Hand gestützt, den linken Arm am Körper liegend, lieferte sie sich völlig schutzlos den Blicken des Publikums aus.

Und welche Frau hat in ihrem Leben nicht zumindest einmal das Gefühl erfahren, aufgrund ihres Geschlechts, aufgrund ihres Aussehens, ungewollt zum Objekt, welcher Begierde auch immer, geworden zu sein?

Dabei verwies sie auf Édouard Manets berühmtes Gemälde „Olympia“, in dem er eine Prostituierte darstellte. Aber auch darauf, dass diese Figur im Tarot zu finden ist und sich die Tänzerin und Choreografin Vera Mantero mit diesem Charakter beschäftigte.

An viel späterer Stelle setzte Maria F. Scaroni ihre Olympia noch einmal ins Rampenlicht. Zuvor jedoch machte sie mit einer furiosen Suada, in der sie einzig den Satz „I am a freelancer“ verwendete, die ganze Tragik dieses Daseins fassbar. Dabei gelang ihr das Kunststück, durch gänzlich unterschiedliche Betonung der Worte, diese höchst unsichere berufliche Existenzform zu thematisieren. Zwischen Angst, Bitten und Forderungen schien sie hin- und hergerissen und doch unfähig, diesem Lebensumstand zu entkommen.

Maria F. Scaroni – „walk & talk“ (Fotos: Karolina Miernik)

Maria F. Scaroni – „walk & talk“ (Fotos: Karolina Miernik)

Eine neue, alte Gesellschaftsutopie

Daran änderte auch ihr intonierter Song „How good to fight beside you, friends“ nichts. Vielmehr erfühlte man den Text als Wunsch nach einer Gemeinschaft, als Wunsch, nicht alleine die Unbillen des Lebens zu durchwandern, und Gleichgesinnte zu finden. Die Lyrics stammen aus dem Roman „Frau am Abgrund der Zeit“, in dem die 1936 geborene Amerikanerin Marge Piercy nicht nur die Psychiatrie der 70er Jahre an den Pranger stellte. Vielmehr entwickelte sie darin die Utopie einer Gemeinschaft, die sich wirtschaftlich an Genossenschaften orientiert und ökologisch agiert.

Mit dem „Reisenden“ bemühte Scaroni schließlich noch einmal den Tarot-Charakter des Narren und spätestens hier wurde deutlich, wie sehr sie sich selbst mit all diesen Figuren identifiziert. Ein wunderbarer Sidestep, in welchem sie das Publikum animierte, sich vorzustellen, inmitten von berühmten Choreografen und Choreografinnen zu sitzen und sich ihren Tanz zu einer Musik von György Ligeti anzusehen, führte sie wieder zurück in ihr berufliches Surrounding.

Ich gebe euch alles

Olympia, die schöne Hure, in diese Rolle schlüpfte Scaroni tatsächlich noch einmal, ganz zum Schluss ihrer Performance, wobei sie in dieser Position, ohne zu sprechen, völlig ruhig liegen blieb. Den Blick ins Publikum gewandt, verharrte sie so, nur mit einem Oberteil bekleidet, ihren Unterleib nackt, bis der letzte Mensch den Saal verlassen hatte. Eindringlicher kann man jenes Gefühl nicht mehr ausdrücken, in dem das eigene Dasein darauf reduziert wird, einem Publikum alles zu geben. Auch wenn es der eigene Körper bis in seine letzte Intimität ist.

Mit „walk + talk“ gelang der Tänzerin und Choreografin in Personalunion ein höchst seltenes Kunststück. Sie vereinte darin Gesellschaftskritik, entwarf Utopien und sie zeigte Arbeitsbedingungen auf, die alles andere als optimal sind. Sie beschäftigte sich mit ihrem speziellen Berufsumfeld, dem Tanz, entwickelte neue Bewegungsmuster und appellierte dabei an Hirne und Herzen ihres Publikums gleichermaßen.

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