In den Deichtorhallen ist der Wurm drin!

Erwin Wurm in den Deichtorhallen Hamburg

Erwin Wurm in den Deichtorhallen Hamburg

Nach-Denken über die Arbeiten von Erwin Wurm

Erwin Wurm wird sicherlich öfter mit dieser Schlagzeile konfrontiert, wenn er seine Arbeiten, zusammengefasst in Ausstellungen, der Öffentlichkeit präsentiert. Würde das Sprichwort nicht auch in Bezug zu seinen Arbeiten selbst stehen, wäre die Ansage platt und marktschreierisch. So aber verweist sie bereits auf einen Teil des künstlerischen Systems, welches Erwin Wurm anwendet. Nämlich der Infragestellung und Unterminierung, quasi der Aushöhlung, Verschiebung und Untergrabung von menschlich wahrnehmbaren Realitäten.
Wie der Wurm in einem Apfel meist von Außen nicht erkennbar, sich durch das Einfressen von Gängen das Obst für den Menschen ungenießbar macht und dennoch dem Apfel seine Funktion als Speise erhält, wenngleich auch nur mehr für den Wurm an sich, so verwendet Erwin Wurm unterschiedliche Subjekte und Objekte und stellt sie in einen anderen als den ihnen landläufig zugestandenen Sprachsinn und –zusammenhang. Auf diese Weise gelangen diese dann durch die artifizielle Geste und Behandlung in einen anderen funktionalen Zusammenhang. Als erklärendes Beispiel seien hier seine Arbeiten „Fat house“ aus dem Jahr 2003 sowie „Am I a house“, eine 9minütige DVD aus dem Jahre 2005 angeführt, die sich aufeinander beziehen, aber auch als singuläre Arbeiten stehen bleiben können. Im „Fat house“ hat Wurm, ausgehend von der architektonischen Ausformung des Hauses Moller von Adolf Loos aus dem Jahre 1928 in Wien, die Idee realisiert, einer Architektur, im konkreten Fall einem Einfamilienhaus, anthropomorphe, also menschliche Züge zu verleihen. Die wulstige Außenfassade und die Anordnung von Fenstern und Türen, die dem Haus ein menschliches Antlitz verleihen, stellt die Zusammenführung von Architektur, somit Objekt und menschlichen Formen dar. Die wulstigen Rundungen erinnern an menschliche Fettwülste und erwecken Assoziationen, die auf eine krankhafte architektonische Behandlung des Hauses von Wurm verweisen. Im zweiten künstlerischen Arbeitsschritt fügte Wurm dem architektonisch-skulpturalen Objekt noch die sprachliche Erklärungsebene und Auseinandersetzung mit seiner DVD „Am I a house“ hinzu. Darin stellt sich das Haus, in einer computeranimierten Sequenz, die Frage, ob es nun ein Haus oder ein Stück Kunst sei und worin wohl der Unterschied bestehe. Erwin Wurm liefert hier ein zeitgenössisches, künstlerisch ausformuliertes Beispiel des von Jaques Derrida formulierten Dekonstruktivismus, der durch die besondere Art von Sprachverwendung den primär vermeintlichen Sinn hinterfragt und schließlich auflöst, also dekonstruiert. Auch die Ebene, dass Sprache die Sicht der jeweils sie verwendenden Person mit abbildet, zeigt sich schön, wenn das Haus fragt, ob es nun Kunst ist, weil ein Künstler es gemacht hat, oder ob es als Architektur zu bezeichnen sei, hätte sich ein Architekt als Urheber verantwortlich gezeichnet
Vielfach wird die Kunst Wurms als leicht verdauliche Kost verkauft. Und zugegebenermaßen ist die Einstiegsebene für den Betrachter eine niedrige. Wir sehen Häuser und Autos mit Speckwülsten umgeben. Wir stehen vor Anleitungen zu „One-minute-sculptures“ und verfolgen verblüfft, wie viele Menschen sich den Ausführungen auch tatsächlich unterwerfen. Sie klemmen leere Putzmittelflaschen unter ihre Arme, steigen in Blecheimer und halten langstielige Besen über ihren Kopf und erfreuen sich und die Ausstellungspassanten durch diese kurzfristigen, banalen um es schöner auszudrücken, surrealen Beschäftigungen. Wurm hat sicher seine helle Freude daran zu beobachten, dass der homo ludens eine leicht zu erweckende Spezies darstellt, die quasi auf Knopfdruck in einem geschützten, kulturellen Umfeld, nämlich jenem von Ausstellungshallen, Dinge veranstaltet, die einzig und allein – wiederum vordergründig – lustbetonter Natur sind. Gerade in diesen Arbeiten bleibt Wurm noch punktgenau im kunsthistorischen Koordinatensystem der Skulptur verortet, wenngleich er diesen speziellen Punkt, bestimmt aus Mensch, Zeit und Fotografie, als Erster besetzt hat. Dass sich hinter den Anweisungen zu den „One-minute-sculptures“ einerseits Wurmsche Kopfarbeit verbirgt, die sich mit den historischen Positionen der Kunst beschäftigt, um diese schlussendlich weiterzuentwickeln, und andererseits durch die ausführende Aktion und mögliche Fremdbeobachtung und –kommentierung völlig neue Dimensionen dieser Arbeiten ergeben, zeigen, dass es sich keineswegs um eine platte, auf Lacher ausgerichtete Kunst handelt, die Wurm hier vorexerzieren lässt. Die Frage, wie groß der Grad an angeleitetem Unsinn wohl sein kann, um von einem Publikum willig ausgeführt zu werden, leitet bereits in soziale Ebenen und deren zu hinterfragende Phänomene.
Diese Ebenenerweiterung erklärte der Künstler bei einem seiner öffentlich geführten Gespräche, als er darauf hinwies, dass er Anregungen von obdachlosen Wienern aufnahm, die er in die Arbeit „Jakob zieht sich an“ einfließen ließ. Diese tagsüber umherziehenden Menschen tragen im Winter als Wärmeschutz all ihre Kleidungsstücke übereinander angezogen am Leib. Wurm stellt in „Jakob zieht sich an“ zwei Fotos gegenüber. Das erste zeigt seinen Künstlerfreund Jakob Gasteiger in stehender Position, die Hände in die Hüften gestemmt, bekleidet mit einem rot karierten Hemd und einer Blue Jean. Im zweiten Foto daneben ist derselbe Mann in derselben Pose abgebildet, allerdings erscheint er dem Betrachter um ungefähr 50 kg schwerer. Wurm hat Gasteiger alle seine Hemden übereinander anziehen lassen, zuoberst das rot karierte aus dem ersten Foto, sodass es den Anschein erweckt, als hätte der Mann an Masse zugenommen. Schon in der Arbeitsentstehung waren also mindestens drei künstlerische Positionen für Wurm ausschlaggebend. Die einen, die sich mit dem Phänomen von Körper und Skulptur sowie deren Abbildung, hier dem Foto, beschäftigen und die andere, welche eine soziale Komponente, die hier auf den ersten Blick überhaupt nicht erkennbar ist, als Grundlage hat. Was jedoch all seinen Arbeiten fehlt, und seien sie mit noch so brennenden sozialen Fragen unterfüttert, ist das Moment der Erweckung jeglichen Mitgefühls. Ganz im Gegenteil verkehrt Erwin Wurm seine sozialen Notifikationen ins ironisch Überspitzte, versieht sie mit einem plakativen Witz, der es oft schwer macht, sich das subversive Grauen einzugestehen, welches sich erst nach und nach einschleicht.
Wurms Arbeiten, wie in den Deichtorhallen in Hamburg, aber auch im MUMOK in der Stiftung Ludwig gut in der Replik zu erkennen war, sind zutiefst philosophisch Geprägte. Die Auseinandersetzung mit der Philosophie erscheint am Eindeutigsten in den „50 Philosophenzeichnungen“ aus den Jahren 2002 bis 2004. Erwin Wurm gelingt es hier wiederum, mit lakonischen Untertiteln wie „thinking about David Hume“, den Betrachter und die Betrachterin auf eine völlig falsche Fährte zu lenken. Man lacht, über die Unmöglichkeit, das Denken über einen speziellen Philosophen in einem Portrait sichtbar abzubilden, und den scheinbar unablässigen aber erfolglosen Versuch Wurms, dies anhand von kleinformatigen, gezeichneten Portraits von unbekannten Männern und Frauen doch tun zu wollen. Das Motiv, den kognitiven Prozess des Denkens mit künstlerischen Möglichkeiten nicht abbilden zu können und dies ironisch darzustellen, ist aber auch hier wiederum nur eines von mehreren Möglichen. Vielmehr ist anzunehmen, dass sich Erwin Wurm selbst sehr wohl mit den einzelnen philosophischen Vertretern und deren Positionen auseinandergesetzt hat. Seinem über alle Arbeiten stehendem Thema: Was ist Kunst, was ist Realität und wie verhält sich das Eine zum Anderen? nähert er sich wohl über die einzelnen philosophischen Fragestellungen.
Dass ihm dies nicht mit Hilfe eines erhobenen Zeigefingers oder dem Attribut einer in Falten gelegten Denkerstirn gelingt, sondern ganz im Gegenteil mit Witz, Verve und der persönlichen Erscheinung eines schlanken, sportlichen Denkers – an sich schon ein Paradoxon – hebt ihn in die höheren Sphären des internationalen Kunstgeschehens.
Seine derzeitige Ausstellung mit dem Titel „Das lächerliche Leben eines ernsten Mannes. Das ernste Leben eines lächerlichen Mannes“ in den Hamburger Deichtorhallen zeigt mit vielen hervorragenden Beispielen, mit welch hoher Gehirnfertigkeit Erwin Wurm sich dem Thema Kunst und Skulptur stellt und dies bewerkstelligt. Aus oben genannten Gründen ist dies eine Ausstellung für alle Interessierten oder auch nur gnadenhalber Mitgenommenen oder Mitgehenden von 0 bis 99. Mag jeder daraus erkennen, was er oder sie will, nicht nur in diesem Sinne ist Wurms Kunst eine zutiefst Demokratische. Ob intensiv nach-gedacht oder auch nur oberflächlich lustvoll konsumiert, große Kunst erlaubt, wie wir aus den Beispielen von tausenden Jahren wissen, meistens beides.
Kategorie: Empfehlenswerter als empfehlenswert!

Infos:www.deichtorhallen.de/539.html

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