In Krähwinkel bläst ein wind of change

 

Den Krähwinklern, die sich im Despotismus ihres Bürgermeisters und Notenbankchefs ganz gut eingerichtet haben, reicht`s jetzt. Krähwinkel, ein ominöses Örtchen, das erstmals bei Jean Paul 1801 auf der literarischen Landkarte auftauchte, von Kotzebue zwei Jahre später und dann noch einmal von Nestroy nach der Revolution in Wien mit spitzer Feder auf die Theaterbühne gehievt wurde, dieses Krähwinkel lebt! Und wie! Und es ist angekommen im Neoliberalismus der schlimmsten Art, oder präziser in jenem, den wir rund um den Globus gerade erleben.

Soweit der Jetztbezug. Dass es aber auch eine Zukunftsvision gibt, dafür sorgt Gernot Plass in dem Stück „Empört euch, ihr Krähwinkler“ mit einer gedanklichen Finte. Assoziationen des Titels mit Stéphane Hessels Aufruf zur aktiven Demokratiebeteiligung sind selbstverständlich erwünscht. Umgeben ist das kapitalistisch reaktionäre kleine Nest, dieses „Wimmerl auf der Pfirsichhaut Europas“ nämlich von einem im Kommunismus vereinten Europa, oder, exakt benannt, von der Europäischen, sozialistischen Union.

Im TAG steht – ganz außergewöhnlich – ein 12-köpfiges Ensemble auf der Bühne. Und was für eines: die Abschlussklasse der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Als Absolvent des ehemaligen Kons, wie die Hochschule liebevoll bis November vergangenen Jahres noch abgekürzt wurde – lud Plass den Schauspielnachwuchs in sein Haus, um seine Überschreibung des Nestroy-Klassikers „Freiheit in Krähwinkel“ unter seiner Regie zu präsentieren.

Das Ergebnis ist schlichtweg fulminant. Nicht nur, was den Text selbst betrifft. Ein echter Plass, der von Bonmots, intellektuellen Flic Flacs, Querverweisen in die Historie und zu aktuellen soziologischen und politischen Verfasstheiten, nur so strotzt. Aber auch ein Text, der den Jungen nicht wenig abverlangt. Satz-Staccati, die in atemberaubender Abfolge gesprochen werden müssen, eingestreute, herrlich tonale und akkordlastige Gesangseinlagen (Musik Erke Duit) und ein Bewegungstempo, das erst einmal durchgehalten werden muss, werden gefordert. Wenn man das alles beherrscht, braucht man vor kommenden Engagements keine Angst mehr haben. Und der Schauspielnachwuchs der Muk beherrscht das alles.

Die fünf Männer und sieben jungen Frauen spielen frech, spritzig, witzig, aufwieglerisch und vor allem durch und durch komödiantisch – von den gefärbten Haarspitzen bis zu den Zehennägeln. “Was recht is is recht, was zvü is is zvü!“, die Eingangsparole, die von der Krähwinkler Bevölkerung noch im Untergrund beschworen wird, bildet das erste Aufflammen jener Revolution, die am Schluss des Geschehens die Machtelite w.o. geben lässt. Burak Uzuncimen steht als unerschrockener Nachtwächter Dunkelgraus der unzufriedenen Gemeinschaft vor, die sich jedoch nicht wirklich im Revoltieren auskennt, da es keine Studierenden in diesem Land gibt. Da braucht es nicht nur die zusätzlichen, insurgierenden Gedanken von Eberhard Ultra, dem Gesandten aus dem fernen Wien, in dem schon längst Freiheit und Einigkeit herrscht, sondern auch seinen strategischen Kopf. Stanislaus Dick, der diesen Charakter unglaublich fulminant auf die Bühne zaubert, agiert, als ob er ein alter Schauspielhase und mit allen komödiantischen Wassern gewaschen wäre. In keiner Sekunde ist er unglaubwürdig, in keinem Augenblick ist eine handwerkliche Unsicherheit spürbar und das Beste: Dieser Ultra hat nicht nur die Krähwinkler, sondern auch das Publikum fest im Griff. In seinen vielen Verkleidungen und Charakterverstellungen wird in dieser Inszenierung dennoch klar: Uneigennützig agiert diese menschliche Lunte, die das revolutionäre Pulverfass in Krähwinkel schließlich zum Zünden bringt, auch nicht. Die Aussicht auf eine reiche Partie in der Gestalt von Frau von Frankenfrey beflügelt ihn nicht nur in politischer Hinsicht. Maria Strauss agiert in dieser Rolle souverän und bleibt auch dann noch ganz unabhängige Herrin, als ihre Felle durch Korruption davonzuschwimmen drohen.

Ultras saturierter Gegenspieler, der Bürgermeiser, wird, je länger sich die Revolten zuspitzen, von Albträumen geplagt, die ihm keine Sekunde Nachtruhe vergönnen. Stefanie Darnesa weiß, wie Despoten ticken. Sie brüllt, sie kommandiert und delegiert und schiebt ihren ausgestopften Embonpoint vor sich her, dass man fürchtet, die Knöpfe ihres zu engen Wamses unversehens ins Auge zu bekommen. Ein Nestroytalent der Sonderklasse ist auch Marta Kizyma, die in der Rolle der verliebten Cecilie wie aus einer Commedia dell`arte Inszenierung herausgesprungen zu sein scheint. Gemeinsam mit Verena Maria Bauer, die ihr Freundinnen-Gegenstück mimt, springt sie über die Bühne, zerfließt beim Anblick ihres Angebeteten und versucht, ihren Vater von der Feindschaft zu ihrem zukünftigen Bräutigam abzuhalten. Benedikt Paulun lässt mit einem Schlagstock bewaffnet die Gewaltbereitschaft des herrschenden Systems spürbar werden und trägt gleichzeitig seine Feigheit zur Schau: „Wo ein anarchisches Krawallerl ist, bin ich schon die Wolke!“ Maria Magdalena Mund stößt als seine Frau, während des Besuches eines angeblichen Geistlichen, ein wunderbares Jammergeschrei an, in dem sie beklagt, dass nun der jüngste Tag anbreche und das, obwohl sie nicht Staub gesaugt habe. Alle Beteiligten sehen sich an diesem Abend mit der Herausforderung konfrontiert, dass sie nicht nur einen, sondern mehrere Charaktere zu spielen haben. Rasche Kostüm- und ebenso rasche Szenenwechsel machen das möglich. Andreas Gaida und Florian Appelius als subalterne Beamte Sigmund und Willibald sind das Salz in der Schnellsprech-Suppe. Köstlichst, wie sie sich ducken und aufmucken, wie sie buckeln und treten und sich gegenseitig stets im Zaum halten, oder auch befeuern.

Herrlich jene Szene, in der sich die Gattinnen der Honoratioren und Stadtverantwortlichen „Tüllschleier-behütet“ beim Café Gedanken um ihre Zukunft machen. Höchst originell, wie Plass immer wieder auch Originalzitate von Nestroy unterbringt, wie jenes, in dem die Rute für die Kinder, als Äquivalent zur Knute der Erwachsenen bezeichnet wird. Oder auch der Ausspruch von Frau Klöppl, in dem sie froh darüber ist, dass der ihrige schon tot ist, „sonst könnt er sich bei der G´schicht ja noch wehtun!“ Seine Verweise auf die kapitalistische Weltherrschaft in Form einer „westatlantischen Erhabenheit“, bei Nestroy ist es noch ein russischer Gesandter, oder auf sogenannte RUP – Rebellions-Versicherungs-Papiere, die aus der Rebellion ein Derivatgeschäft machen, stehen dem Nestroy´schen Witz, der zu seiner Zeit politisch auch hoch aktuell war, in nichts nach. Und auch, dass sich Intellektuelle, wie der Dichter Sperling, oder der Redakteur Pfiffspitz nicht immer auf der Seite der Guten befinden müssen, wird in diesem Stück klar aufgezeigt. Elisabeth Merkens agiert als Quotenliterat pseudodichterisch „ei, ei, ei, wie sind wir so frei“ und machtanbiedernd auch mit so manch musikalischer Einlage. Rebekka Reinholz verkörpert den opportunistischen Redakteur der Krähwinkler Zeitung, der sich im Verfassen von Gastrokritiken schon höchst rebellisch vorkommt.

Empört euch, ihr Krähwinkler (c) Wolfgang Simlinger

Empört euch, ihr Krähwinkler (c) Wolfgang Simlinger

Die schrille Revue, die sich trotz der Länge von 2 Stunden in keiner Minute langweilig anfühlt, bietet nicht nur eine intellektuell anspruchsvolle Kost. Sie macht auch unglaublich Spaß. Es ist sehr wahrscheinlich, dass anlässlich der Reise zum Intendantenvorsprechen im deutschsprachigen Raum so manche und so mancher dieses Ensembles ein Engagement bekommen werden.

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