Individuum und Kollektiv, die Erlösung gilt für alle

Individuum und Kollektiv, die Erlösung gilt für alle

Michaela Preiner

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26.

Februar 2010

„White feeling“ und „Organic beat“ von Paulo Ribeiro im Le-Maillon in Straßburg Mit „White feeling“ und „Organic beat“ legte Paulo Ribeiro im Le-Maillon in Straßburg zwei Tanzstücke vor, die unterschiedlicher nicht sein können. Das war, zumindest für das Publikum, die Herausforderung des Abends. Das „CC-Ballet De Lorraine“ unter Didier Deschamps erarbeitete zwei Choreografien des Portugiesen, […]

„White feeling“ und „Organic beat“ von Paulo Ribeiro im Le-Maillon in Straßburg

Mit „White feeling“ und „Organic beat“ legte Paulo Ribeiro im Le-Maillon in Straßburg zwei Tanzstücke vor, die unterschiedlicher nicht sein können. Das war, zumindest für das Publikum, die Herausforderung des Abends.

Das „CC-Ballet De Lorraine“ unter Didier Deschamps erarbeitete zwei Choreografien des Portugiesen, die auf zwei unterschiedlichen, künstlerischen Zugängen basieren, aber dennoch dieselbe choreografische Handschrift aufweisen. „White feeling“ versucht, das portugiesische Lebensgefühl der „weißen“ Stadt Lissabon in zeitgenössischen Tanz zu packen und wird dabei von den  vier Akkordeonisten der Gruppe „Danças Ocultas“unterstützt. Von traurigen Elegien bis hin zu feurigen Tangorhythmen spannt sich die Bandbreite der Musik , die wie in einer Endlosschleife die Tänzer  trägt. Assoziationen zu den Themen Individualität und Masse, Außenseiter und Gesellschaft, aber auch Gruppenbildund und –dynamik können mit dieser Arbeit Paulo Ribeiros verbunden werden.  Dabei spannt er jedoch keinen durchgehenden, roten Faden, sondern lässt vielmehr Erinnerungsfetzen, Stimmungen und Bilder zu, die eher poetisch gespeist sind, denn erzählerisch. Ribeiro versteht seine Tänzer zeitweise als Gesamtorganismus, wie gleich zu Beginn, wenn die Männer sich zu einem Knäuel zusammenballen, der durch starke pulsierende Bewegungen zu atmen scheint, als sei er ein einziges, amorphes Lebewesen. Aus ihm lösen sich die Tänzer in ihren schwarzen Hosen und schwarzen Shirts, um nach und nach ihrer individuellen Körpersprache zu frönen. Einer unter ihnen jedoch sondert sich ab und tanzt, beinahe das ganze Stück über, seine eigene Choreografie, abseits der anderen, diese aber doch immer wie ein Gravitationszentrum umkreisend. Erst zum Schluss, als er sich aus seiner Isolation löst, geht er in der Masse auf.

Masse behandelt Ribeiro aber auch im Sinne von Masse aufheben und Schwerkraft überwinden und schafft dadurch eines der stärksten Bilder dieses Stückes. Die drei Tänzer, die mit Mitteln des schwarzen Theaters plötzlich zu schweben beginnen und auf dem Kopf stehen, oder in einer Schräglage erscheinen, die wider jedes Naturgesetz funktioniert, bilden den Höhepunkt dieser Choreografie. Vor dem schwarzen Hintergrund bieten ihre in warmes Licht getauchten Oberkörper und ausgestreckten Arme ein plastisches, einprägsames Bild, das sich leicht mit dem künstlerischen Formenkanon der christlichen Ikonografie verbinden lässt.  Auch eine abstrahierte Kreuzesabnahme lässt Ribeiro in die Choreografie einfließen, die erst in der Replik so manch davor Getanztes in einem anderen symbolischen Licht erscheinen lässt.  „White feeling“ verlangt, dass sich das Publikum möglichst von den Bildern assoziativ leiten lässt und bestenfalls, auch mithilfe der Musik, nicht permanent nach dem Warum, Wieso und Weshalb, nach dem „Was soll das heißen“ und „Was soll uns das sagen“ jeder einzelnen Formation fragt. Paulo Ribeiro gestattet sich hier aber auch einen kleinen Drahtseilakt, denn gerade die subtile Langzeitwirkung, mit der das Stück ausgestattet ist, könnte in der Hektik unserer Zeit, mit ihrem hohen Schlagtakt an Informationen, untergehen.

„Organic beat“, nach einer Musik von John Cage, war sicherlich eine gute Wahl, um Ribeiros Intentionen noch stärker zu verdeutlichen. John Cage schrieb das eigentlich 3-sätzige „Credo in us“ von dem hier nur die letzten beiden Sätze zur Aufführung gelangten, 1942 für seinen Freund Merce Cunningham und den Choreografen Jean Erdman. In Straßburg wurde die Musik von der Gruppe „Les Percussions de Strasbourg“ aufgeführt.  Sie spielten, ganz nach den Instruktionen von Cage, neben den vorgegebenen Schlagwerkaufgaben auch zeitgemäße Soundcluster  ein.  Bei dieser Vorführung einen kurzen, allseits bekannten  Discobeat – der zum Schmunzeln veranlasste. In diesem Stück schaffte es Paulo Ribeiro nicht nur den roten Faden von der ersten bis zur letzten Sekunde durchzuziehen, sondern es gelang ihm zusätzlich zur tänzerischen Arbeit, eine weitere Interpreationsebene hinzuzufügen. „Die Internationale“, die er die Tänzerinnen und Tänzer ganz zu Beginn singen lässt, sowie „Bella ciao“ zum Schluss, setzen dem Werk einen Metastatus auf. Die sozialistische Hymne einerseits und das während des Faschismus in Italien gesungene populäre Lied der Widerstandskämpfer auf der anderen Seite, lassen „Organic beat“ als einen Blick auf die Macht der Masse, die Möglichkeit des Auf- und Widerstandes und den Sieg über Unterdrückung, wenngleich nicht ohne Opfer, lesen. Ähnliches klang schon in „“White feeeling“ an, dennoch beeindruckte „Organic beat“ – vielleicht auch aufgrund der großen Tänzerzahl – nämlich 31 – auf viel stärkere Art und Weise.

Wiederum agiert der Choreograf hier mit Bildern der Entkörperlichung der einzelnen Personen, hin zur Schaffung von größeren, organischen Einheiten. Wie zum Beispiel in jener Sequenz, in die er, bis auf zwei, alle Tänzerinnen und Tänzer eng an eng in der Mitte der Bühnen auf dem Rücken liegen lässt. Mit ihren abgewinkelten Beinen drücken sie sich so fest aneinander, dass sie schließlich einen Mann und eine Frau über ihre Körper mit ausgestreckten Armen von einer Seite zur anderen des Menschenteppichs weiter tragen können. Neben einzelnen Charakterdarstellungen, wie jener des verrückten Mannes im Jogginganzug, der wie wild um sich schlägt und nichts als unbeteiligtes Zusehen der anderen erntet, sind es aber vor allem die kollektiv durchgeführten, synchron wiedergegebenen Szenen, die beeindrucken.  Maßgeblich dazu tragen die hautfarbigen Hosen und Büstenhalter der Tänzerinnen und Tänzer bei, die so das Gefühl der Nacktheit evozieren. Die Idee Ribeiros, seine auf dem Boden liegenden und kriechenden Tänzer durch eine zeitgleiche Videoaufnahme auf die Videowall dahinter zu projizieren, erweist sich schlicht als genial. Die Menschen, die sich am Boden nur mühsam fortbewegen, scheinen auf der Leinwand seltsam fließend zu  marschieren und – wie im Schlussbild – wieder mit ausgebreiteten Armen – sogar gegen den Himmel zu schweben. Ein kollektiver Auferstehungsgestus, der für sich alleine schon diesen Abend rechtfertigen würde. Die Gegenüberstellung von „White feeling“ mit seinen an wenigen Individuen festgezurrten Lebens- Leidens- und Erlösungsmetaphern und „Organic beat“,  in welchem dem Kollektiv eine Heilsbotschaft zuerkannt wird, bot zusätzliches Gedankenfutter.


« White feeling » et « Organic beat » de Paulo Ribeiro au Le-Maillon à Strasbourg

« White feeling » et « Organic beat », les deux créations proposées par Paul Ribeiro, dansées par le « Ballet Lorraine » sous la direction de Didier Deschamps au Médaillon à Strasbourg, étaient aux antipodes l’une de l’autre. Voilà le défi de la soirée, du moins pour le public ! Ces deux œuvres sont basées sur des approches artistiques totalement différentes tout en portant la même signature chorégraphique.

« White feeling », accompagné par les quatre accordéonistes du groupe « Danças Ocultas », tente d’exprimer la mentalité des habitants de la ville « blanche » de Lisbonne sous la forme de danse contemporaine. Le répertoire musical qui porte les danseurs comme une boucle sans fin est très varié : il va des élégies mélancoliques jusqu’aux rythmes de tango endiablés. Ce travail de Ribeiro invite à réfléchir sur l’individu et la foule, sur les marginaux et la société mais aussi sur l’image de groupe et la dynamique de groupe. Mais Ribeiro ne traite pas ces sujets en suivant un fil conducteur ininterrompu. Il se contente d’évoquer des bribes de souvenirs, des ambiances et des images, le tout nourri par une grande poésie narrative.
Par moment, Ribeiro voit ses danseurs comme une entité, un organisme collectif, comme par exemple au début, quand les hommes forment une espèce de boule, qui semble respirer en un mouvement unique et puissant. Comme s’il s’agissait d’un être amorphe. De cette boule se détachent les uns après les autres des hommes habillés de noir pour s’adonner petit à petit à leur langage corporel individuel. L’un d’eux se met à part et danse la plupart du temps tout seul, selon sa propre chorégraphie, tout en tournant autour des autres comme s’ils étaient en quelque sorte son centre de gravitation. Il se fond dans la masse uniquement quand où il décide de sortir de son isolement. Mais Ribeiro considère la foule ou la masse aussi comme un contrepoids à la force d’attraction. Et c’est bien là la partie la plus marquante du spectacle : Les trois danseurs qui, grâce aux effets visuels du théâtre noir s’élèvent pour « flotter dans l’air », se trouvent tantôt la tête en bas, tantôt en position horizontale, bafouant ainsi les lois de la nature ; c’est le moment fort de cette chorégraphie : Les danseurs sur fond noir, leurs torses baignés dans une lumière chaude, les bras écartés, c’est une image très forte, d’une grande plasticité qui permet sans difficulté d’établir des parallèles avec le canon artistique de l’iconographie chrétienne. Mais Ribeiro inclut dans son œuvre aussi l’abstraction d’une déposition de la croix qui change, après coup, le regard du spectateur sur certaines déjà scènes dansées et les éclaire d’une lumière symbolique différente. « White feeling » demande au public de se laisser guider par des images, des associations, sans se poser de questions en permanence, sans chercher à tout prix le message caché dans chacune des formations. Paulo Ribeiro s’autorise un numéro de funambule, car à notre époque où tout n’est que stress et manque de temps, où nous sommes submergés par une multitude d’informations, cet effet subtile à long terme risque de passer inaperçu.

« Organic beat » d’après la musique de John Cage était certainement le choix parfait pour rendre les intentions de Ribeiro encore plus claires.
John Cage a écrit le crédo en 3 mouvements « Credo in us » en 1942. Il a créé cette œuvre, dont on n’entend ici que les deux derniers mouvements, pour son ami Merce Cunningham et le chorégraphe Jean Erdmann. A Strasbourg, le groupe « Les Percussions de Strasbourg » a joué ce morceau exactement selon les instructions de Cage, ce qui implique en plus des parties écrites pour les instruments à percussion l’inclusion de clusters des clusters de son. Cette fois-ci, de la première à la dernière seconde, Paul Ribeiro n’a pas interrompu le fil conducteur. En plus il a ajouté à son travail de chorégraphe une dimension d’interprétation supplémentaire. L’Internationale qu’il fait chanter aux danseuses et danseurs au tout début du spectacle et « Bella ciao » qu’ils chantent à la fin, donnent une sorte d’universalité à sa création: L’hymne socialiste d’un coté et le chant populaire chanté par les résistants pendant la période fasciste en Italie de l’autre, indiquent que l’artiste porte son regard sur le pouvoir de la foule; il évoque la possibilité de la rébellion et de la résistance et parle de la victoire sur l’oppression – même si cette victoire devait faire des victimes.

Déjà « White feeling » faisait allusion à cette thématique, mais celle-ci trouvait une expression beaucoup plus forte dans « Organic beat » – peut-être à cause du nombre impressionnant (31 !) de danseurs. De nouveau, l’œuvre du chorégraphe tournait autour de la création d’entités importantes en faisant abstraction de l’individu. Comme par exemple dans la séquence où il fait se réunir tous les danseurs au centre de la scène – sauf deux. Ils se couchent sur le dos et se serrent les uns contre les autres, les jambes repliées. De cette façon ils réussissent à transporter un homme et une femme par la force de leurs bras tendus d’un coté à l’autre de ce tapis humain. Les interprétations de caractères particuliers comme celle de l’homme fou en tenue de jogging qui frappe l’air autour de lui et qui ne récolte rien d’autre que l’indifférence des autres sont moins impressionnantes que les scènes que les danseurs exécutent ensemble et parfaitement synchrone. Leurs costumes jouent aussi un « rôle » important, car les pantalons et soutiens-gorges couleur peau évoquent la nudité. L’idée de Ribeiro de filmer ses danseurs qui rampent par terre pour en projeter les images en même temps sur le mur vidéo derrière sa scène est tout bonnement géniale. Les hommes au sol semblent bouger avec beaucoup de difficulté. Sur les images projetées, en revanche, la démarche étrange des danseurs semble bizarrement fluidifiée. Ils semblent même, comme dans la scène finale, s’envoler vers le ciel, les bras écartés. Un geste de résurrection collective qui à lui tout seul justifierait toute cette soirée.

Une source supplémentaire de réflexion est la comparaison entre « White feeling » et ses métaphores de la vie, de la souffrance et de la rédemption qui sont portées par quelques rares individus et « Organic beat » qui accorde la rédemption collective.

Dr. Michaela Preiner

Texte traduit de l’allemand par Andrea Isker

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