2 Jahren ago

Was gäbe es Traurigeres, als hier nur zu wohnen!

Im Frühjahr wird der Thalhof in Reichenau an der Rax - nach einer umfassenden Renovierung - dem Publikum vorgestellt. Das Label „wort.spiele“, das die kommenden künstlerischen Aktivitäten umreißt, macht deutlich, dass Literatur im Zentrum des Geschehens stehen wir. Das Duo Anna Maria Krassnigg und Christian Mair wollen den Ort mit seiner bedeutsamen, literarisch-historischen Vergangenheit neu beleben. Anna Maria Krassnigg erläutert im Gespräch wie es dazu kam und welche Pläne für das ehemalige Nobelhotel vorliegen.


Michaela Preiner im Gespräch mit Anna Maria Krassnigg über die Zukunft des Thalhof in Reichenau
Michaela Preiner im Gespräch mit Anna Maria Krassnigg über die Zukunft des Thalhof in Reichenau

Wir befinden uns an einem besonderen Ort, dem Thalhof in Reichenau, der sich gerade in der Umbauphase befindet. Können Sie kurz erklären, was es mit diesem Haus oder präziser formuliert dem Häuserensemble auf sich hat?

Der Thalhof hat eine besondere Geschichte, die vielfältig und bunt ist. Das Haus steht seit etwa 1670/80 und war ursprünglich ein bäuerliches Gebäude. Aufgrund der Findigkeit, Intelligenz und Strebsamkeit der Besitzer und aufgrund seiner absurd schönen Lage hat er es geschafft, sich zu einem der ersten touristischen Hotspots des Landes zu mausern. Da die Ruhe und Rückzug und Freiheit suchenden Denker, Dichter, Staatsmänner und -frauen, Schauspielerinnen und Schauspieler gerne das Weite im Grünen und gewisser Weise im „exotischen“ Grünen gesucht haben, hat es sie hierher verschlagen. Das hat die Berühmtheit, den Charme, den Flair, schlicht die Energie dieses Ortes ausgemacht. Es war eine Residenz des Überganges, eine Residenz des Vergänglichen, des zauberhaft Flüchtigen für Generationen von Rückzugsbedürftigen, Literaten und Geistesmenschen.

Wir haben Beginn 2015, genauer noch Jänner 2015. Wir sind in diesem großen Raum, der später als Theaterraum genutzt werden wird, warm eingemummelt. Er ist ungeheizt und es pfeift hier noch der Wind durch. Was hat sich in dem letzten halben Jahr getan, dass hier plötzlich ein neuer Wind im wahrsten Sinne des Wortes – auch geistig – herrscht?

Wie jede große Unternehmung braucht auch diese einen großen „effort“ – eine große Anstrengung, einen großen Willen. Der ging zunächst gar nicht von mir aus, dazu wäre ich gar nicht in der Lage gewesen. Sondern von einem engagierten, jungen Paar (Anm: Josef und Ursula Rath), das von Kindheit an eine große Liebe zu dieser Gegend und vor allem zu diesem Gebäude hegt. Sie sind aufgrund eines enormen persönlichen Einsatzes, auch Risikos, dazu gelangt, sich dieses Abenteuer, den Thalhof, von Grund auf zu erneuern, ins Heute führen zu wollen – rein vom Gebäude her, anzutun. Zu diesem Abenteuer haben sie sich durchgerungen und haben das Gebäude gekauft und haben das Gebäude, das zu einem erklecklichen Teil halb verfallen und halb ausgehöhlt war, von unten nach oben – sozusagen von der Wurzel des Gebäudes aus – reanimiert und renoviert. Rein von der Struktur, Architektur, denkmalzuschützenden Ästhetik des Hauses. Das mit hohem Einsatz und mit hohem Geschmack. Von den beiden kam dann der wunderschöne Satz: „Was gäbe es Traurigeres, als hier nur zu wohnen“. Das war, wie gesagt, ein großes, berühmtes Hotel. Eigentlich der erste Höhepunkt an der Strecke Wien – Triest. Eine tatsächlich legendäre geschichts- und geschichtenträchtige Strecke in den Süden. Diese Widmung, das „erste“ Haus an der Strecke zu sein und auch die technischen und geistigen Höhepunkte an der Strecke zu vereinen, die wollen wir diesem Haus zurückgeben. Liebenswürdigerweise kam ich dann ins Spiel. Die Besitzer kannten Produktionen, sie kannten meine Art Theater zu machen, meine Art, mit Räumen umzugehen, meinen Spleen, morbide, verwundete Naturräume mit Theater zu befüllen und in eine Spannung zum Text oder zur Aktion zu setzen. Das kannten sie, und sie haben mich schlicht und ergreifend gefragt, ob mich dieser „spinöse“ Ort interessieren würde. Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, weil ich nun doch einige -wenn auch sehr charmante – Baustellen zu bewerkstelligen habe, aber es ging nicht, sich gegen diesen Ort zu wehren. Das klingt jetzt pathetisch und auch ein wenig naiv, aber es ist tatsächlich so, dass das einen derartigen Sog ausübt für jemanden, der gebäudeverliebt ist, der ohne Frage eine theatrale, also in jedem Sinn theatrale Ader hat und mit der Literatur und natürlich auch gerade mit der kakanischen, österreichischen Literatur und ihren Fortsätzen bis heute zutiefst verbandelt ist. Für so jemanden ist es äußerst schwierig, ein solches Projekt abzulehnen. Also ist es mir missglückt, es abzulehnen. Sehr wohl aber glaube ich geglückt – mit den Eigentümern zusammen – ein Konzept aufzustellen, das den Überbegriff Wort-Wiege trägt. Die liebevolle Wiege des Wortes soll hier in all seinen Ausformungen und Existenzformen zwischen Theater, Musik, Film und natürlich dem Kerngebiet Literatur ausgelotet werden um den Ort in diesem Sinn zu beleben. Das ist das Vorhaben.

Grillparzer, Nestroy, Schnitzler sind Namen, die ursächlich mit diesem Ort verbunden sind. Schriftsteller, die aus dem österreichischen. literarischen Kanon nicht wegzudenken sind, auf die vieles aufbaut – bis heute. Sollte man in der Erwartung sein, retrospektive Literatur hier präsentiert zu bekommen und deren Umsetzung ins Dramatische?

Es ist so, dass sich das Wort radikal vom lateinischen Wort Wurzel radex, radicis ableitet. Das klingt jetzt fürchterlich dozierend, aber mich hat das immer so fasziniert, bewegt, diese Tatsache dieses Wortursprungs. Dass nämlich die Wurzel radikal ist oder dass die Radikalität – jetzt bereinigt aller negativen Emotionen – sondern im Sinne einer akribischen Suche, ohne Wurzel nicht funktioniert. Das ist oder kann die besondere Magie dieses Ortes sein. Was meine ich damit? Ich beziehe mich damit auf die soeben Genannten. Es gäbe ja viele, viele mehr, die wir hier als intellektuelle Bodenschätze betrachten dürfen. Sie waren zu ihrer Zeit und in ihrer Zeit, und das ist ja mit der Grund für ihr literaturhistorisches Überleben, lebendiges Überlegen bis heute, die kritischsten, schwierigsten, zeitdeutendsten, aneckendsten Geister überhaupt. Der Repräsentanz von Texten dieser Größen ist es eigen, dass sie über die Jahre Staub angelegt haben. Ich nenne das immer aus einem letztlich österreichischen Empfinden und Aspekt heraus die Marmeladisierung aller Dinge. Das selige Bild, das wir heute von Schnitzler, Nestroy, Grillparzer haben, oder zum Teil haben, oder mit dem sehr stark geworben wird, entspricht ja in keiner Weise dem eigentlichen Standpunkt dieser Geister in ihrer Zeit. Das ist das eine, was mir sehr wichtig ist an diesem Ort. Dass wir selbstverständlich mit diesen großen Autoren und zeitgeschichtlich naturgemäß weniger Autorinnen arbeiten werden. Aber mit einem entstaubten Blick. Also mit dem Blick, der versucht, zu erkennen, wie radikal in dem vorhin genannten Sinn diese Autoren waren. Das ist das eine, was mir sehr wichtig ist. Das heißt: Ja, man darf hier selbstverständlich und wird diese große Literatur zu Gesicht, zu Gehör bekommen und als Bewegung, als Element, schlicht als Rundumtheater erleben können. Das Zweite aber ist, dass dieser Ort eben tatsächlich eine Wort-Wiege, eine Geburtsstätte der Dramatik, der Literatur war. Das ist seine Widmung, das ist das, was er kann, aus verschiedenen Gründen. Und diese lebendige, elementare Funktion wollen wir dem Ort zurückgeben. Das heißt, in den Spielplänen wird es immer eine Spanne geben von den entstaubten, in diesem Sinne den Autoren gemäßen Bespielen und Umspielen der Originaltexte der Thalhofautoren, die eine Brücke schlagen werden zu zeitgenössischen Dramatikern und Dramatikerinnen, aber auch Lyrikerinnen und Prosaschriftstellern. Es wird dazwischen eine Art von Mentorensystem eingezogen. Das heißt, wir wünschen uns eine Handreichung von Grillparzer über zeitgenössische Autorinnen und Autoren, die durchaus anerkannt sind im europäischen und nicht nur europäischen Kontext, die wiederum die Augen mit uns gemeinsam offen halten nach dem Nachwuchs in ihrer Branche. Das heißt, es soll eine Fackel- oder Staffettenübergabe der Pflege der Literatur und im Besonderen natürlich der dramatischen Literatur hier geben.

Können Sie schon ein paar Namen nennen?

Ich kann ein paar Namen nennen. Es wird wie gesagt um Grillparzer gehen, es wird um Schnitzler gehen, es wird um Musil gehen, es wird um Stifter gehen, es wird um Lenau gehen, es wird um Ebner-Eschenbach gehen, es wird um Felix Salten gehen. Also man sieht – und ich nenne jetzt hier wirklich einen kleinen Auszug – hier gibt es einen Reichtum an Bodenschätzen.

Und die Referenzen ins Hier und Jetzt?

Wir werden mit Autoren wie Menasse, Schindel, mit jungen Autorinnen und Autoren wie Nino Haratischwili, Mario Wurmitzer zusammenarbeiten – um die Allerjüngsten zu nennen. Wir werden selbstverständlich mit der Schule der Dichtkunst, mit dem Reinhardt Seminar, mit der Filmakademie arbeiten. Wir werden tatsächlich den Brückenschlag der großen Geister zu denen, die heute überhaupt – um sehr direkt zu sein – nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Presse wahrgenommen werden, oder die – manchmal fragwürdige – Adelung durch die öffentliche Meinung erfahren haben. Hin zu denen, die noch gar nicht gesehen und erkannt werden, die aber unsere Zukunft bedeuten. Das wird die Aufgabe sein. Die wird einerseits im Spielplan beackert und umgesetzt, andererseits aber auch in Veranstaltungen hier, die symposienartig Literatur, Geisteswissenschaften und darstellende Kunst verbinden und anhand von bestimmten Jahresschwerpunkten Themen beackern. Mit den Ergebnissen von durchaus auch neuen Schriften im Bereich Essay, Dramatik aber auch Lyrik, Prosa. Das wird soweit gehen, dass es hier nach der Vollrenovierung dieses schönen, opulenten Gesamtensembles „residences“ für Autorinnen und Autoren geben wird. Das heißt, es soll hier nicht nur dramatische Literatur erlebt werden, sondern auch wieder neu entstehen.

Absolut „back to the roots“.

„Back to the roots“ und „also nach vorne!“

Sie haben in unserem Gespräch zuvor von „charmanten Baustellen“ gesprochen, die Sie derzeit beackern. Was sind das für Baustellen?

Hier sitzend und vom Ort verführt, um nicht mit dem Zentrum anzufangen, aber doch mit etwas, das das Zentrum berührt, wenn wir vom Max Reinhardt Seminar (Anm: Krassnigg ist seit Oktober im Leitungsteam), wenn wir vom Brick5, dieser wirklich kultigen jüdischen Turnhalle im fünfzehnten Bezirk, wenn wir vom Nestroyhof sprechen, dann sind das natürlich alles Orte mit einer wechselvollen und im Ort selbst immer spürbaren und nicht immer leichten Geschichte. Um von den „vibes“, den Energien oder dem Charme dieser Orte zu sprechen. Charmant aber natürlich auch deshalb, weil das Aufgaben sind, die, wie alles im Leben, man sich selbst auflastet. Es hat mich ja niemand gezwungen, das zu tun, ganz im Gegenteil. Die sind für mich aber alle im Sinne des Wachstums oder des Neuen nicht im Sinne der Neuerfindung des Rades, die nicht funktioniert, sowie das ubiquitär gebrauchte Wort der Innovation nicht, und schon gar nicht mehr funktioniert. Neu jedoch tatsächlich im Sinne des Wachstums. Natürlich bedeutet das Neu des Wachstums mit Studierenden, mit den nächsten Generationen zu arbeiten. Nicht nur wissenschaftlich-theoretisch selbstverständlich, sondern in Produktionen, auf den zahlreichen Bühnen, die das Reinhard Seminar hat, in den Lehrsälen. Natürlich bedeutet das Wachstum auch die Möglichkeit, eine Alternative, ein Zusatzangebot, vielleicht oft auch einen anderen Blick zu den verfassten Theatern oder Stadt- und Staatstheatern, die ich besonders liebe, anzubieten. Eine Wirklichkeit und dramatische Wirklichkeit, die man in Räumen wie dem Nestroyhof, in Räumen wie dem Brick5 nochmal anders umsetzen kann. Sprich, die freie, internationale Theaterarbeit, die ich seit Jahren nebenbei betreibe, ist für mich, nach wie vor, das wird oft missverstanden, nicht die arme, kleine Schwester oder der arme kleine Bruder, sondern es ist tatsächlich die Alternative, die mir Flügel verleiht, im Denken und in der Kreativität.

Explizit noch einmal nachgefragt. Was ist für Sie das Aktuelle am Theater. Oder warum plädieren Sie dafür, warum sollten sich die Menschen aktuelle Produktionen ansehen – ich verwende den Begriff des Off-Theaters, wie immer man den auslegen möchte. Was ist es, was an diesen Spielorten, die mit kleinerem Etat ausgestattet sind, derzeit tatsächlich brennt?

Das ist eine sehr, sehr große Frage, weil man sie in Teilfragen, die zu untersuchen sich alle lohnen würde, aufgliedern kann. Zum einen zur Frage, was kann Theater überhaupt, was konnte es immer, hat sich das verändert? Da würde ich sagen: Die Mimesis, die Notwendigkeit der Verwandlung, egal in welchem Grad, in welcher Ästhetik, wie stark narrativ oder nicht narrativ, ist schlicht und ergreifend eine Urlust des Menschen, die etwas mit Freiheit und Befreiung oder, wie ich das immer nenne, mit der Öffnung der Kanäle nach oben zu tun hat. Ich halte das – ich sage das ganz bewusst so – dramatische und mimetische Theater vor allem, und das ist meine subjektive Position, für in seiner Substanz unausrottbar. Wie gut es ihm geht, wie stark es anerkannt wird, wie viel es frequentiert wird, in welche Schublade man es stopft, welches Zeitgenossentum es abbilden kann oder nicht, das ist Schwankungen unterworfen. Teilweise existenziellen Schwankungen. Finanziellen, existenziellen Schwankungen. Schwankungen des Überlebens. Aber diese Notwendigkeit, die Wirklichkeit mimetisch, also durch ein „als ob“ zu erfassen, scheint mir für das geistige Überleben der Menschheit unersetzlich. Und das ist auch nicht auszurotten. Also das einmal um die ganz große Frage zu beantworten. Es hat natürlich jetzt 2015 einen Sonderaspekt, der, wie ich finde, jährlich oder täglich steigt. Das Theater bietet einen der wenigen, letzten Anlässe des Live-Zusammenkommens von Menschengruppen. Nicht zwei, oder drei oder vier in der Bar oder am Cafétisch, nicht getrennt durch Screens oder ähnlichen Prothesen oder Stützapparaten der Wahrnehmung, sondern es ist einer der letzten, wenigen Orte der Übertragung, der direkten Übertragung. Dass es diese Funktion überhaupt bekommen würde, war ja nicht abzusehen bei der Erfindung und historischen Entwicklung des Theaters. Das halte ich aber für ein ganz besonderes Atout, also das macht das Theater für wichtiger, als es je war. Was den dritten Aspekt des sogenannten Off-Theaters betrifft: Ich persönlich bezeichne es ja immer als das freie Theater und das sagt ja für mich schon alles. Ich bin jemand, aus welchen Gründen auch immer, da sind die Menschen sehr unterschiedlich veranlagt in dem was sie ertragen, oder in dem was sie als Bedingungen für Kunst benötigen, also ich bin jemand für den die oberste Notwendigkeit die Freiheit ist. Und ich meine jetzt natürlich den großen Begriff der künstlerischen Freiheit, ich meine aber auch den Begriff der strategischen Freiheit. Der Freiheit, die Stoffe zu wählen, die Ensembleumgebung, die Orte, egal ob bereits gewidmet dem was bereits Theater ist oder nicht – also die Freiheit in der Wahl der Mittel ist für mich die conditio sine qua non. Und diese Freiheit – und daher halte ich es mit dem freien Theater und nicht mit dem Off-Theater, denn on oder off sind für mich mehr oder minder elektrische Bezeichnungen, die mit meiner Arbeit wenig zu tun haben, diese Freiheit bietet mir das freie Theater. Abgesehen davon sind die Begriffe ohnehin obsolet geworden, denn wir müssen nicht so tun – ich habe in beiden Formen viel und lang gearbeitet – als wäre es nicht dem heutigen Stadt- und Staatstheater absolut möglich, alle Spielformen, Genres, Themen des sogenannten Off-Theaters on zu schalten. Und zwar mit erheblichen Mitteln. Daher ist für mich tatsächlich der von mir früher instinktiv immer so gewählte Begriff des freien Theaters für das sogenannte Off-Theater noch viel wichtiger geworden. Denn das ist das einzige Unterscheidungsmerkmal. Für mich ist der große Unterschied als am und im Theater Arbeitende die freie, kreative Wahl der Mittel. Das ist im freien Theater für mich als auch Dramaturgin und sehr viel mit Autorinnen und Autoren arbeitende Person eine ähnliche Freiheit, wie die Freiheit am Schreibtisch.

Ich muss aber jetzt ein bisschen stärker hineinbohren, denn die Freiheit der Wahl der Mittel hängt ja ursächlich mit der Freiheit der finanziellen Mittel, die man zur Verfügung hat, zusammen.

Very good point. So ist es. Das Irritierende ist, und das ist jetzt nicht ein Banalschauplatz der aktuellen Glücksforschung, die ja entsetzliche Blüten treibt, sondern das ist eine auch historische Gewissheit, dass Freiheit natürlich mit Finanzierung zu tun hat, aber und vor allem in der Kunst noch mehr mit der Freiheit des Gedankens, der kreativen Möglichkeit und des Vertrauens. Meine Erfahrung nach doch vielen, vielen Jahren ist, dass die bessere Produktion, selbst wenn die eine der jetzt imaginär beiden, die ich jetzt nebeneinander stelle, die wesentlich höher dotierte ist, diejenige sein wird, wo Vertrauen, Angstfreiheit, die Möglichkeit des tiefen Falls vorhanden ist. Mit tiefem Fall meine ich folgendes: Es ist ja das Theater eine absturzgefährdete Kunst. Ich meine jetzt nicht, dass es aufhören wird, zu existieren. Das glaub ich überhaupt nicht. Sondern es ist ja eine der letzten Drahtseilakte des Live-Balancierens. Theater hat immer etwas Raubtierhaftes, weil das, was da passiert, passiert wirklich. Es ist nicht abgesichert. Da gibt es keinen Schnitt. Da gibt es nichts, was in diesem Sinne vorfertigend manipulieren kann. Der Schauspieler kann fallen, er kann stürzen, er kann den Text vergessen, er kann vollkommen anders sein als am Vortag. Dieses Unberechenbare am Theater ist wahrscheinlich das Kostbarste am Theater. Und je intensiver dieses Unberechenbare erlebbar gemacht wird, je mehr das das Ziel ist, das Unberechenbare zu provozieren, desto spannender ist der Theaterabend. Und dieses Unberechenbare kann ich natürlich selbst unter schlechten finanziellen Bedingungen in einem schwarzen, oder bröckelnden, oder weißen Raum, in einem Grotowski´schen Keller oder wie auch immer, diese bewusste Provokation zum Absturz, die gleichzeitig so existenziell und so öffnend ist, kann ich da wesentlich besser garantieren und auffangen. Weil ein Klima, eine Atmosphäre, ein Vertrauen in einem Ensemble herrscht, das es ermöglicht, über die Grenzen, die diese Kunst definieren, zu gehen.

Sie werden an diesem Ort mit ihrem bewährten Ensemble zusammenarbeiten, mit dem Sie schon seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Wie schaut es jetzt aber konkret wirklich finanziell aus? Inwieweit können Sie überhaupt über das erste Jahr hinaus vorausplanen und was können wir im ersten Jahr jetzt erwarten?

Auch diese Frage ist sehr gut, weil sie in den naturgemäßen und auch lächerlichen –also lächerlich, was mich jetzt betrifft, Widerspruch des Künstlers führt. Auf der einen Seite von der existenziellen Absturzgefahr und wie sehr man sie sich wünscht, plaudernd, und auf der anderen Seite sagt man: „Es ist zu wenig Geld.“ Beides ist aber wahr und es zu vereinen, ist die Schwierigkeit. Was wir hier im ersten Jahr machen, nennen wir ganz bewusst einen Auftakt. Das Programm, das wir hier zeigen wollen, wird ja nicht oder nicht vorwiegend ein Sommerspielprogramm sein, sondern wir wollen den Genius loci in dieser Form nützen, dass wir den Ort dem Publikum zu allen Jahreszeiten zugänglich machen, zu bestimmten, kuratierten Festivalzeiten. Und auch jetzt rekurrierend, auf das was vorher gesagt wurde, was mit diesem Ort geplant wird, kann man sich vorstellen, das ist kein kleines Projekt. Es ist ein Projekt, das eine gewisse Intimität und eine Besinnung auf die wesentlichen Ingredienzien des Theaters hat, aber es ist ein Projekt, das mit vielen Menschen arbeitet und das natürlich unterstützt werden muss. Wir haben eine gewisse Unterstützung dankenswerterweise des Landes Niederösterreich. Wir sind gerade dabei zu sehen, ob der Bund, Österreich, das Bundesministerium für Kunst hier auch andockt. Wir sind in Gesprächen mit verschiedenen – ich kann es nicht anders sagen – Mäzenen, also Menschen, die wiederum den Geist dieses Ortes und die Möglichkeit einer solchen Zusammenkunft, wie sie hier gewährleistet werden kann, schätzen und fördern wollen. Und die Aufgabe dieses ersten Jahres wird permanent – und das ist wiederum die Schwierigkeit an solchen Projekten neben der künstlerischen sein – dafür, ich möchte nicht sagen zu kämpfen, aber zu werben, zu verführen und zu bitten, dass ein solcher Ort möglich ist und hochkarätig möglich ist. Und das sag ich auch ganz offen, da stehen wir am Anfang. Wir stehen an einem Anfang, der sich sehen lassen kann, dank der Unterstützung des Landes, sonst würden wir das auch nicht tun, das wäre unprofessionell, aber um über den Anfang hinauszuwachsen, wird es viele Komplizen brauchen.

Wann soll es jetzt eigentlich konkret losgehen? Gibt´s schon einen fixen Fahrplan?

Ja, es gibt einen Spielplan für die erste Spielzeit. Es gibt einen Titel, ein Motto für die erste Spielzeit. Es wird für jede Spielzeit einen Begriff geben entlang dessen wir uns abarbeiten. Der Spielplan en Detail, obwohl wir ihn schon haben, wird bewusst aus verschiedenen, vor allem logistischen Gründen vermutlich Ende Januar bis Mitte Februar rauskommen. Da sind wir gerade dieser Tage am Tüfteln. Feststeht, es wird, wie schon gesagt, diese Spanne von Bodenschätzen, also sprich Thalhofautoren, Thalhofumgebungsautoren zu zeitgenössischen Autoren geben. Es wird, so wie es jetzt aussieht, Ende April eine große Eröffnung geben. Eröffnung heißt, dass Türen und Tore geöffnet werden sich anzusehen, was hier einfach mit dem Gebäude bereits passiert ist und sich auf eine sehr sinnliche Weise vorzustellen, was das Gebäude füllen soll. Und danach wird es eine Sommerspielzeit geben – die sich nicht – das sag ich ganz bewusst – die sich nicht mit den sonstigen hiesigen hervorragenden Angeboten kannibalisiert, sondern die eigene Time-slots und eigene Blöcke bespielt, wo sich das, was hier kuratiert und geboten wird, ausbreiten kann und darf. Ohne in irgendeiner Form hier in einen allgemeinen Jahrmarkt hier in Reichenau ausarten zu wollen. Es wird das Motto der ersten Spielzeit sehr, sehr viel damit zu tun haben, dass man ins Bewusstsein rückt, was dieser Ort überhaupt war und ist. Und zwar nicht nur im Sinne der wissenschaftlich betrachteten oder der hier ansässig geographisch betrachteten Historie des Ortes, Geschichte des Hotels, sondern auch im Sinne dessen, was das überhaupt heißt, so ein Ding zwischen Wien und Triest hinzustellen, vor eine schroffe Bergwand, mit Blick aufs weite Land, wie Schnitzler es sehr präzise und für hier formuliert hat. Sondern zu sagen, was ist denn das für ein Ort, wo temporär Menschen zum Zwecke dessen, über sich selbst hinauszuwachsen und sicherlich auch teilweise um völlig hinter sich zurück zu bleiben, zusammengekommen sind. In Lust und in Spaß und in Debattierfreude. Was ist das? Infolgedessen werden wir uns sehr stark um Literatur kümmern, die mit Übergang zu tun hat. Die mit Behausungen zu tun hat, die hotelartig sind. Mit Behausungen, die Übergänge provozieren und gewährleisten. Mit dieser merkwürdigen Lage eigentlich in Wien, aber schon in Triest sein zu wollen. Man hat mir erzählt, das hat mich sehr erheitert, dass es das erste Hotel war diesseits der Alpen, das Austern kredenzte. Also die Sehnsucht, eigentlich auch am Meer zu sein, obwohl man hier die Reste des Meeres vor der Haustüre stehen hat, in opulenter und sehr hoher Form. Das sind alles so eigenartige, starke, theatrale Übergänge. Und die werden die erste Spielzeit dominieren, die heißen wird: Die Residenz des Flüchtigen.  Wenn man diesen Begriff „die Residenz des Flüchtigen“  ein bisschen beknabbert, wird man merken, dass es natürlich in der heutigen Zeit eine Brisanz hat, von einer Residenz des Flüchtigen zu sprechen. Denn es gibt viele grauenvoll, erbärmliche, aber auch menschliche Residenzen des Flüchtigen. Und das, was in solchen Mauern in destillierter, kondensierter, wie unter einer Kristallkugel geraffter Form passiert, ist hoch theatral. Und dazu gibt es zeitgenössische und auch Thalhofliteratur, die wir beschnuppern werden.

Eine Abschlussfrage. Was wäre eigentlich Ihr Wunschpublikum? Ich weiß, angesiedelt zwischen Wien und Triest!

Ja!

Haben Sie eine Idee – oder was ist die Idee der Anziehungskraft räumlich gesehen? Was glauben Sie, wo können Sie ihr Publikum rekrutieren?

Zwischen Wien und Triest gefällt mir schon sehr gut, muss ich sagen, wissend um die Utopie, die das bedeutet und es auch immer bedeutet hat, hier. Sonst kann ich nicht umhin, mit dem Spruch zu antworten, dem man mir zum Teil schnippisch, zum Teil belächelnd angekreidet hat, als ich den Salon5 eröffnet habe – da habe ich auch diese Frage bekommen und ich habe gesagt: Von der Palmersverkäuferin zum Architekten. Das hat relativ großes Unverständnis ausgelöst, beziehungsweise eine Sichtweise auf mich verstärkt, ich würde in naivem Impetus glauben, die Welt erneuern zu können, was sicherlich nicht der Fall ist. Weder kann ich es, noch will ich es, noch bin ich so naiv. Aber diese Utopie bleibt, weil diese Utopie eine sehr bodenständige ist. Also ganz ehrlich: In allen großen Theaterzusammenhängen, seit dieses schöne Medium besteht, wie wir wissen sehr, sehr lange, war ja das Theater genau das Schmiermittel – ich sag das bewusst so banal – oder schöner gesagt, der verführerische Drang, der komplexe, schwierige Inhalte auch mit einem Glas Wein und mit einem Lachen, ob es einem im Hals stecken bleibt, oder nicht, transportieren konnte. Und zwar so, dass man weder akademisch vorgebildet, noch sonst ein Kenner sein musste. Also das Kenner- oder Kennerinnenpublikum an sich ist nicht das, was wir vorwiegend herziehen wollen oder müssen. Selbstverständlich freuen wir uns über jeden, der literaturbegeistert ist, der theaterbegeistert ist. Aber uns ist jeder Mensch willkommen, der Lust hat, hinaus über das, was der Alltag uns möglich macht, Erlebnisse zu haben, geistige Erträge zu sammeln, Lust zu haben, in Diskussionen zu geraten und sich einfach „anzusaufen“ mit spannender Dramatik.

Ich danke Ihnen für das Gespräch, das wir jetzt glaube ich, auch beenden aufgrund des aufziehenden Sturms, den man hört. Möge er Gutes bringen.

Genau, genau! Wie immer – ein Natureignis!

Categories Begegnungen

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