Ivo Pogorelich in Straßburg – sperrig und brillant

Ivo Pogorelich, weltweit bekannter Pianist, geboren 1958 in Belgrad und pianistisch ausgebildet in Moskau, gab am 18. April 2009 ein Konzert in Straßburg. Anlässlich des vom OPS ausgerufenen Ravel- Wochenendes gastierte er mit einem schwierigen Programm, in dessen Verlauf klar wurde, dass Pogorelich dort das Publikum fesseln kann, wo technische Brillanz gefordert ist. Wie schon bei vielen  Auftritten zuvor, sind einige seiner Interpretationen  „kritikwürdig“ im Sinne von Schwächen aufzeigen, wie zum Beispiel gleich bei seinen beiden ersten dargebotenen Stücken, der Nocturne op. 62 Nr. 2 sowie der Sonate Nr. 3 op. 58 von Chopin. Dass beide Stücke hier zugleich besprochen werden können liegt daran, dass Pogorelich sowohl das eine, als auch das andere mit einer Lustlosigkeit interpretierte, die schon wieder bewundernswert war. Obwohl ich persönlich der Meinung bin, dass der Notentext zur Gedächnisunterstützung eines Künstlers auch bei einem Konzert seine Berechtigung hat, ja vielmehr einer eventuell ausufernden, technischen Galoppade Einhalt gebieten kann, so vermittelte Pogorelich gerade in der Anfangsphase seines Konzertes in Straßburg den Eindruck, die Stücke sich gerade einmal technisch erarbeitet zu haben. Das Publikum konnte wohlwollend – wenn es wollte – Einblick nehmen in ein Stadium der Spielbarkeit, welches jedoch den Eindruck erweckte, noch weit davon entfernt zu sein, als aufführungsreif zu gelten. Was fehlte, waren die großen Spannungsbögen, waren differenziert ausgearbeitete Feinheiten, war die Brillanz in Läufen und Trillern. Stattdessen spielte der Pianist wortwörtlich „vom Blatt“, ließ sich vom Notentext nicht gedanklich unterstützen sondern klebte daran fest, wie ein Konservatioriumsschüler bei einem seiner angstvollen ersten Auftritte. Wenn, wie schon in vorangegangenen Auftritten mit diesem Programm, Pogorelich Chopin absichtlich verzerrte, so sei ihm bescheinigt, dass dies zwar ein durchaus legitimes Experiment ist, welches jedoch als misslungen betrachtet werden darf und dadurch keine Bühnenberechtigung aufweist.

Erst bei der Interpretation des Mephistowalzers Nr. 1 von Franz Liszt schien der Künstler zu jener Kraft zurückgekehrt zu sein, die ihn in früheren Konzerten bekannt gemacht hat. Obgleich er auch hier eine sehr eigenwillige Interpretation darbot –gleich zu Beginn ein extrem kräftigtes Staccato unterstützt durch ein heftiges Forte, mit überdehnten, gekünstelten Längen in den Übergängen – zeigte er, wie sehr er in der hohen Schule der technischen Brillanz fest im Sattel sitzt. Gerade seine ganz persönliche Auslegung des Stückes machte aber auch deutlich, dass es ihm dabei nicht nur um die Meisterung von technisch schwierigen Passagen geht. Seine kraftvolle Linke, die zuvor in den Chopinwiedergaben brutal die rechten Klangbögen und Läufe zugedeckt hatte, war das Ass im Ärmel bei diesem Stück. Mephisto tobte gleich zu Beginn des Stückes was das Zeug hielt, verführte jedoch in den mittleren, lyrischen Passagen beinahe feinsinnig, um schließlich offen und mehr brutal als lustvoll, zu seinem Höhepunkt zu gelangen. Angebrachter, aufbrausender Applaus für den Teufelspianisten bestätigte eindringlich die Zustimmung des Publikums.

Nach der Pause bot Sibelius‘  „Valse triste“ wiederum die Gelegenheit, Pogorelich beim trockenen Lamentieren zuzuhören. Es bedurfte schon einer großen Portion Hörkultur, um den Walzertakt wahrzunehmen, so spröde und sperrig nahm Pogorelich den Faden des Werkes auf. Es war ratsam, den Blick von der Bühne abzuwenden, denn die erratische Haltung des Pianisten erweckte  – vielleicht manchmal auch zu Unrecht – den Eindruck von Unsicherheit. Wie schon zuvor, so war es im zweiten Konzertteil schließlich abermals das technisch höchst Anspruchsvolle, welches dem Künstler die Möglichkeit bot,  seinem ehemaligen Ruf gerecht zu werden. Er war einst durch Martha Argerich als neuer Rubinstein postuliert worden und seine hymnische Verehrung, gerade von jungen Konzertbesuchern, wirkte sich auch auf seine Agitation auf der Bühne aus. Jedoch spreche ich hier von tempi passati – von einer, so scheint es, längst vergangenen Zeit. Der Künstler vermittelte stark den Eindruck, mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, stand doch seine Unbeweglichkeit – besonders in den ruhigen Partien der Stücke – in krassem Gegensatz zu seinen früheren Auftritten. Umso bewundernswerter gestaltete sich schließlich die Aufführung des letzten Programmpunktes, des „Gaspard de la nuit“ von Maurice Ravel. Sei es, weil sich der Künstler offenbar in obskuren, dunklen und spannungsreichen musikalischen Dichtungen besonders wohl zu fühlen scheint, sei es, weil er offenbar gerade die technisch schwierigsten Herausforderungen benötigt, um zu Höchstform aufzulaufen, hier jedenfalls war er Meister – nicht über – sondern in der Musik. Sie strömte durch seine Finger in den Resonanzraum des Flügels, dass keine Sekunde Zeit blieb, Überlegungen über die Interpretation anzustellen,  was immer ein gutes Zeichen einer künstlerischen Darbietung ist. Man wurde mitgerissen von den unterschiedlichen Traummomenten, fühlte das Vorübergleiten der feenhaften Wassergestalt genauso intensiv, wie das schaurige Baumeln des Erhängten am Galgen und wähnte sich am Ende dankbar, nicht von unruhigen Traumgeistern gequält zu werden, wie Pogorelich sie aus den Noten von Ravel auferstehen ließ.
Mit diesem Stück gelang es dem Künstler immerhin, der Autorin dieser Zeilen eine allgemeine Verstörung einzupflanzen, die sich lange mit der Thematik beschäftigte, warum sich ein Mensch bewusst einer Kritik aussetzt, die er doch offensichtlich mit Leichtigkeit umgehen könnte. Sprachliche Erklärungen würden wahrscheinlich Abhilfe schaffen, aber ist es nicht gerade die Musik selbst, die jedem sprachlichen Ausdruck hier überlegen sein sollte?

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