Eines kann man dem künstlerischen Multitalent Jan Fabre nicht vorwerfen: Dass man um das Geld einer Eintrittskarte wenig geboten bekäme. Das Gegenteil ist der Fall. Das, was an Eindrücken auf das Publikum in seiner neuen Produktion „Belgian Rules / Belgium Rules“ mit seiner Gruppe Troubleyn niederprasselt, weist eine derartige Opulenz auf, dass das Erinnerungsvermögen nach vier Stunden Aufführungsdauer schon die eine oder andere Szene in die Delete-Lade des Gedächtnisses verschoben hat. Dass dies einkalkuliert ist, davon ist auszugehen. Und schließlich gibt es auch noch ein Unterbewusstes, das uns einmal mit diesem künstlerisch verdrängten Input überraschen wird.

Der Wanderer zwischen den Kunstwelten

Fabres Herangehensweise an sein Belgien-Portrait, das er bei Impulstanz im Volkstheater in Österreich uraufführte, ist das eines Wanderers zwischen den Kunstwelten. Beheimatet in der Performance, der bildenden Kunst und dem Theater, greift er nicht nur in seine Regie- und Dramaturgie-Trickkiste. Er packt auch jede Menge Kunstgeschichte-Kenntnis und nicht zuletzt Theaterkritik in seine Aufführung, die damit zu einem wohlschmeckenden Mahl für alle wird, deren Allgemeinwissen in der Kunst breit aufgestellt ist. Und jene, die auf anderen Gebieten fit sind, können im höchst ausführlichen Programmheft ausreichend Hintergrundwissen nachlesen.

Belgian Rules/ Belgium Rules “ in der Regie von Jan Fabre (c) Wonge Bergmann

Kunstgeschichte auf der Bühne

Da tritt Van Eycks Arnolfini-Ehepaar aus einem altdeutschen Kasten auf die Bühne, inklusive des berühmten, konvexen Spiegels, der von der Decke schwebt. Da ist Margritte nicht nur mit seinem berühmten Ausspruch „Ceci n`est pas une pipe“ vertreten, sondern hat auch einen vervielfachten Auftritt in seinem schwarzen Anzug und seiner Melone – als ob er sich geklont hätte und aus seinem eigenen Bild herausgestiegen wäre. Da wird Rubens „Pelzchen“ lebendig und die eleganten Damen von Delvaux bevölkern mit ihren weißen, langen Kleidern, zum Teil aber auch gänzlich nackt, so manche Szene. Auch Felicien Rops leicht bekleidete Dame wird von einem menschlichen Schwein über die Bühne geführt. Ganz abgesehen davon, dass James Ensors Gerippe gleich mehrfach zum Einsatz kommen.

Alle diese Verweise – und mehr – sind nicht nur Verlebendigungen von Gemälden. Vielmehr sind sie Thementräger zu sozio-kulturellen – nicht ausschließlich – belgischen Phänomenen, die der Regisseur und Autor genüsslich abhandelt. So gab es auch in Österreich Fälle von Freiheitsberaubung und Misshandlung in Kellern – wie sie in der Arnolfini-Szene bei Fabre mit zwei halbnackten jungen Mädchen angesprochen werden. Und Waffen werden nicht nur in der Fabrique Nationale Herstal bei Lüttich produziert, sondern rund um den Erdball. Der Ertrag nimmt dabei gigantische Ausmaße an. Fabre lässt diesen genüsslich von mehreren Rubens-Frauen vorrechnen, die mit Maschinengewehren ausgestattet, nackt in ihren Pelzmänteln gehüllt, das Publikum zum Teil bedrohlich anvisieren.

Belgian Rules/ Belgium Rules “ in der Regie von Jan Fabre (c) Wonge Bergmann

Sexuelle Ausschweifungen – über die Jahrhunderte hinweg – und ihre Folgen werden genauso thematisiert wie der erste Giftgasangriff, der im flämischen Ypern 1915 stattfand. Der Tod bestimmt auch darüber hinaus an diesem Abend vielfach das Geschehen. Sowohl in einem der ersten Bilder, als die drei ethnischen Gruppen – die Flamen, die Walonen und die Deutschen – sich metaphorisch mit je einer untoten Person aus einem Grab erheben, als auch in späteren Szenen – wie einem Leichenmahl oder dem Monolog eines Igels, der darin das Theater und die Leute am Theater als tot erklärt. (Text Johann de Boose) Er und eine sprechende Taube, die sich merklich von ihrer Sippe abhebt, besitzen jenen Intellekt, der den Menschen in dieser Aufführung oftmals abhanden gekommen zu sein scheint. Das Reflexionsvermögen der Tiere übersteigt jenes der Menschen bei Weitem und könnte einen Hinweis darauf geben, welche Meinung Jan Fabre von der humanoiden Gattung hat.

Tod und Leben

Dem zum Teil morbiden Charakter der Inszenierung steht das pralle Leben, das ebenso zelebriert wird, gegenüber. Fantastische Fastnachtsgestalten mit buntem Federkopfschmuck, ein Tambourstäbe schwingendes, zackiges Ballett in blauen Uniformen, eine ausgelassene Geburtstagsfeier mit einem Regen an Glitzerkonfetti und jeder Menge Musik  lassen Feierlaune noch und nöcher aufkommen. Die physische Leistung des außerordentlichen Ensembles ist bestechend. Was hier an Körpereinsatz zu absolvieren ist, treibt sogar dem Publikum den Schweiß auf die Stirn. Dabei sind es drei Szenen, welchen eine Schlüsselposition zugeschrieben werden kann. In zwei von ihnen zeigen die Performenden – ganz so wie in einem Fitness-Studio – ein anstrengendes Workout, bei dem sie in militärischer Manier jeweils eine ganze Anzahl von Verboten repetieren. Dies erreicht seinen Höhepunkt, als die Wiederholungen mit höchstem Krafteinsatz kein Ende zu nehmen scheinen, das Publikum sichtbar ungeduldig und unruhig wird und erst ein Zwischenapplaus dieser Menschenschinderei ein Ende setzt. Genial dabei, wie Fabre die Empfindung von Verboten und Repressionen körperlich auf sein Publikum überträgt, auch wenn er ihm damit wenig schöne Minuten bereitet.

Am Ende steht die Hoffnung

Ans Ende seiner bildmächtigen und farbenprächtigen Szenen, die in 14 Kapitel gegliedert sind, setzt der Theatermagier eine Vision. Die zuvor geschwungenen Nationalflaggen weichen blütend weißen, symbolhaft für die Überwindung von Grenzen und als Zeichen des Friedens. Die darauf folgende Aufzählung von Möglichkeiten, unsere Gesellschaft in vielen Schritten hin zum Besseren zu entwickeln, stellte eine Versöhnung nicht nur mit Belgien dar. Fabre erzeugte damit einen Hoffnungsschimmer, der in diesem Moment die Herzen des Publikums überflutete. Zu hören, dass es möglich ist, Grenzen zu überwinden, dass es möglich ist Kinder, Kinder sein zu lassen, zu hören, dass es möglich ist, den Reichtum der Erde neu und gerecht zu verteilen – all das ging wie ein heilender Balsam in die Ohren und Seelen der Menschen, die mit Standing Ovations dankten. Dem Schluss-Statement: „Es ist möglich, belgisch zu sein“ möchte man hinzufügen: „Es ist möglich, ein Mensch zu sein“.

Die Idee, neue, zutiefst menschliche Gebote aufzustellen, sollte von allen, die in der Vorstellung waren, ganz im Sinne von Fabres Inszenierung weitergedacht werden. Wenn sich Verbote eintrainieren lassen, so auch Gebote. Ihre Repetition, ihr Weitertragen, ihr Diskutieren wird nicht zu charakterlichen Deformierungen führen, wie wir sie täglich nicht nur auf der Bühne, sondern im realen Leben erfahren. Vielmehr setzen wir damit der Situation, die viele als ausweglos erachten, ein kräftiges und vitales Statement entgegen.

Vielleicht hilft  Jan Fabre nach, indem er den Text seiner utopischen Möglichkeitsformel veröffentlicht und so für ihre größt mögliche Verbreitung sorgt.

Restkarten für die beiden noch kommenden Vorstellungen auf der Website von Impulstanz.

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