Angst ist ein schlechter Ratgeber

Osnabrücker Dramatikerpreis 2014, Stückepreis des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises 2015, Thomas-Bernhard-Stipendium 2015 am Landestheater Linz und das Wiener Dramatikerstipendium, Kleist-Förderpreis 2016. Wenn jemand in so kurzer Zeit so viele Preise und Stipendien erhält und noch dazu aus Österreich kommt, ist das eine besondere Erwähnung wert.

Der Ausgezeichnete ist Thomas Köck, 30 Jahre jung, und derzeit mit seinem Stück „jenseits von fukuyama“ im Theater Drachengasse vertreten. Demnächst wird im Volxs/Margarethen in Zusammenarbeit mit dem Max Reinhardt Seminar, Isabella H. (geopfert wird immer), ein weiteres Stück von ihm aufgeführt werden.

Der Titel „jenseits von fukuyama“ referenziert offensichtlich auf die Thesen des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, der 1992 ein umstrittenes Buch mit dem Titel „Das Ende der Geschichte“ verfasste. Und tatsächlich sprechen auch die Figuren in Köcks Stück davon, die Geschichte hinter sich gelassen zu haben. Sie leben in einer Welt des Neoliberalismus, in der bereits alle Pfründe aufgeteilt wurden und die Jungen so gut wie keine Chancen mehr auf einen Aufstieg im Berufsleben haben, der ihnen ein halbwegs gesichertes Einkommen bringen würde.

Angesiedelt im Umfeld eines Glücksforschungsinstitutes agieren Aleksandra Corovic, Johanna Rehm, Steve Schmidt und Dirk Warme als abhängige Jung-Angestellte. Ihre Gefühle brechen für das Publikum zwar sichtbar aus, werden von ihnen jedoch im Alltag sozial erwünscht, artig und brav unterdrückt. Pilar Aguilera schlüpft in die Rolle ihrer Chefin, die sich nicht scheut, ihre Macht uneingeschränkt auszuspielen. Frau Dr. Fekter, wer Ähnlichkeiten mit lebenden Personen erkennt, ist ein Schelm, lässt ihrem jungen Nachwuchs ohne Skrupel spüren, dass sie nicht daran denkt, auch nur einen Cent ihres Reichtums, den sie sich in den Jahrzehnten des Wirtschaftsbooms aufgebaut hat, abzugeben. „Sagen Sie, wofür bezahle ich Sie eigentlich kaum?!“, ist einer ihrer anmaßenden Sprüche, mit dem sie ohne Gegenwehr Angst verbreitet.

Köck verwendet eine Sprache, die Gedachtes und Gesprochenes miteinander vermischt. Dafür stellt er den einzelnen Figuren ein Alter Ego an ihre Seite, das zumeist anstichelt und Unfrieden stiftet. Er zeigt ein Zukunftsbild, das eigentlich nichts Zukünftiges mehr an sich hat. Vielmehr ist das Gerangel um den ersehnten Fix-Job, für dem man Überstunden macht und seine Familie vernachlässigt, längst Alltag. Antidepressiva, beschönigend als „Bessermacher“ tituliert, sind an der Tagesordnung. Den Sinn einer erfüllten Arbeit hat man längst vor der Türe gelassen. Die Liebe wurde in schwarzen Säcken im Sondermüll entsorgt und der Geschichte wurde schlicht „gute Nacht!“ gesagt.

Samuel Schaab verstärkt die Absenz der Menschlichkeit durch ein technisch aufmagaziniertes Bühnenbild mit von der Decke hängenden Leuchtstäben und daran fixierten Mikrofonen. Die Regie von Katharina Schwarz gibt dem ohnehin mit zeitgeistigen Schlagworten hoch getakteten Text noch zusätzlich Speed. Sie lässt den Figuren keine Verschnaufpause und erweckt dadurch den Eindruck einer rastlosen und permanent getriebenen Gesellschaft, die zwar den Wahnsinn der eigenen Lebensumstände erkannt hat, aber nicht imstande ist, sich dagegen zu wehren.

„Was wäre die Mittelschicht ohne ihre Angst?“, lässt Köck eine der Personen sagen und benennt damit das Grundübel jeglicher freiwilliger Unterjochung. Dass am Ende sich alle für alles entschuldigen, den Zustand der Welt bedauern, scheint für den Autor der mögliche Ausweg aus dem Dilemma zu sein, das damit aber dennoch nicht aus der Welt geschafft wird.

jenseits von fukuyama © Andreas Friess / picturedesk.

jenseits von fukuyama © Andreas Friess / picturedesk.

Hass und Neid, Besitzstandswahrung, Angst, Überheblichkeit und der Einsatz von Ellenbogen, all das sind Gefühle und nicht zuletzt Taktiken, die in diesem Drama vorkommen. Gefühle, die nicht erst seit dem Neoliberalismus bekannt sind, aber, so wird allerorten kolportiert, durch diesen zusätzlich befördert werden können. Dem intensiven Spiel des Ensembles ist es zu verdanken, dass die einzelnen Charaktere zumindest ein wenig greifbar werden. Der Zynismus und Sarkasmus, das Schwarz-Weiß von Köcks Text, lässt dies auf weite Strecken wohl ganz bewusst nicht zu.

Ein Umstand, der das Publikum nicht betroffen macht, sondern ihm allenfalls die Möglichkeit gibt, den Grundaussagen und der im Stück verbreiteten Tristesse zuzustimmen, oder sich und anderen zu beweisen, dass es auch anders geht.

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