Join – oder lieber nicht!

Selten gab es im Vorfeld einer Kulturproduktion eine so breit gefächerte Vorberichterstattung quer durch die österreichische Medienlandschaft. Das zeigt deutlich, dass die Macher von „Join“ bravourös auf der Medienklaviatur zu spielen wissen. Das muss man Alfred Zellinger und Franz Koglmann zumindest neidlos anerkennen. Leider ist es nicht viel mehr, wofür den beiden Herren Anerkennungstribut gezollt werden müsste. Zumindest nicht im Zusammenhang mit jener Veranstaltung, die der eigentlichen Eröffnung der Wiener Festwochen in der Halle E im Tanzquartier gestern am 8.5. vorangestellt wurde.

Join - Eine Oper bei den Wiener Festwochen

„Join“ eine Produktion von Netzzeit bei den Wiener Festwochen (Foto: Alex Püringer)

Die Schwierigkeit, dem Machwerk eine Kritik gegenüberzustellen, beginnt damit, dass hier eher der Rotstift einer Schularbeitskorrektur angesetzt werden müsste, denn die Qualität des Librettos des ehemaligen Managers Zellinger verschränkte sich mit jener der Musik Koglmanns auf demselben – leider tiefen – Gymnasialniveau. Das Bühnenbild mit den nicht grandios – sondern nur grandios lächerlichen Kostümen schlug zu allem Überfluss in dieselbe Kerbe. Der Plot der Oper – wie eingangs erwähnt – leicht im Netz vielfach nachzulesen – hangelte sich von einer Plattitüde zur nächsten. Ihn hier noch einmal zu replizieren widerstrebt der Rezensentin zutiefst.

Wenn es Menschen gibt, die bis jetzt von den hier an der Leine vorgeführten kapitalistischen Machtspielchen noch nichts gehört haben, so sind die eher in der afrikanischen Savanne oder im australischen Busch zu orten, nicht aber im medienüberfluteten globalen Dorf. Und so kommt Zellingers Text, dessen Basis in den 1990er Jahren entstand, dermaßen altbacken von den diversen Bühnenzuständen in die Zuschauerränge, dass das Wort „Fremdschämen“ plötzlich mit einem neuen subjektiven Erfahrungsschatz ausgestattet wird. Man mag nicht glauben, was hier kredenzt wird. Der als „Querdenker“ in der Musik bezeichnete Koglmann scheint mit seinem kompositorischen Stil genauso wie sein Texter in Zeiten stecken geblieben zu sein, in welchen die Vermischung unterschiedlicher E- und U-Musik-Stile als avantgardistisch bezeichnet wurde. Wie auch immer man nun die Qualität der Komposition beurteilen mag – ob mit dem Mascherl „Third Stream“ oder ohne, die Zusammenfügung von 12-Ton-Musik, Jazz- und Swingelementen, von Rap-Einsprengseln und Bigbandsoundfeeling geschieht in derselben platten Manier wie jene des Textes. Man glaubt es kaum. Da nützt keine aufwendige Bühnenumgestaltung, in welcher das Publikum die Seiten wechseln muss, da helfen auch ganz zum Schluss keine klatsch-evozierenden Rhythmen – der Funke, der in guten Produktionen auf die Zuseherinnen und Zuseher überspringt, ist hier nicht einmal vorhanden.

Viel eher wähnt man sich die gesamte Zeit – und das sind immerhin 1 Stunde und 45 Minuten – in einer hoch subventionierten, wie schon eingangs dargestellt, ambitionierten Schulaufführung. Hier ist auch der Regisseur Michael Scheidl vor den Kadi zu zitieren, denn seine „Zwei Glatt, zwei Verkehrt“ – Umsetzung folgte lediglich der textlichen und musikalischen Vorgabe – und mündete letztlich im Desaster. Vergebene Liebesmüh auch die als Abgesang auf das Bildungsbürgertum verarbeiteten Mozart- Beethoven- und Goethezitate, die lediglich den Peinlichkeitspegel noch ein wenig weiter anheben. Einzige Ausnahme dabei – die Sängerinnen und Sänger die eine Ahnung davon verbreiteten, dass auch Bühnenprofis am Werk sind. Allen voran Katja Reichert in der Rolle der Verkaufsleiterin, deren stimmliches Highlight den Koglmann´schen Noten punktuellen Glanz verleiht. Falls Koglmann und Zellinger der Meinung waren, dem Publikum mit dieser Oper Unterhaltung zu bieten, sei ihnen gesagt, dass ihr Produkt einer intensiven Überarbeitung unterzogen werden müsste, um ihre Intention tatsächlich zu erfüllen. Es bleibt dabei nämlich lediglich der Eindruck, dass jene, für die dieses Stück geschrieben wurde, von den beiden für nicht sehr intelligent gehalten werden – und das ist vielleicht das allergrößte Manko der Produktion.

Belehrungen mit dem Holzhammer, die den gewünschten Transfer ins Komische nicht schaffen, funktionieren nicht. Ein extra Bravo an Annette Schönmüller, deren Mezzosopran völlig in der gekonnten Umsetzung der Model-Rolle Anna Erbs untergeht. Um in der von Zellinger so sehr bemühten Sprache der Börse zu bleiben, kann man getrost eine Empfehlung aussprechen: „Join“ ist ein „Strong Sell„. Dass die kommenden Vorführungen bereits gut verkauft sind, zeigt aber, dass gutes Marketing auch bei inferioren Theaterproduktionen von hohem Wert sein kann. Allerdings nützt auch das wenig, wenn am „Point of Sale“ letztendlich die Versprechungen des Marketing nicht gehalten werden können. Unsere seltene Empfehlung daher: Daumen nach unten.

Hier auch eine Diskussion zum Thema: Join – sorgt für Aufregung

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