Träumen über Orpheus

Jule Flierl adaptierte den Stoff und übertrug ihn in eine beeindruckende, getanzte Traumsequenz.

In diesem Jahr hat ImpulsTanz gleich mehrere Schwerpunkte ausgerufen. Einer davon ist die verstärkte Bezugnahme von Tanz und bildender Kunst. Aus diesem Grund gibt es Kooperationen mit dem mumok und dem Leopoldmuseum, in welchen die Künstlerinnen und Künstler einen Teil ihrer Arbeiten zeigen.

Jule Flierl, Teilnehmerin an der (8:tension) Reihe nützte in ihrer Produktion „Operation Orpheus“ höchst geschickt die Räume des mumok in der Vertikalen. Ihre Traumsequenz über jenen Moment, in dem Orpheus in der Unterwelt sich zu seiner Euridike umdreht, sie dabei für immer verliert und mit diesem Akt ewig dort gefangen bleibt, fand auf Ebene -4, also schon in den Katakomben des Museums statt.

Nach einer Intro auf dem ersten Zwischengeschoß, zu der das Publikum vom Eingangsbereich hinunterblicken konnte, lockte sie dieses zu ihr. Langsam stieg man hinter ihr Stufe für Stufe weiter und weiter hinunter, um schließlich in jener Unterwelt angekommen zu sein, aus der es für gewöhnlich kein Entrinnen mehr gibt. Dort erzählte Flierl in kurzen Worten die Geschichte von Orpheus, der Euridike nur unter der Bedingung vom Tod ins Leben zurückbringen durfte, wenn er sich bei dem Gang durch die Unterwelt, hinauf ins Leben, nicht zu ihr umdrehte.

Jule Flierl Operation Orpheus (c) Sémiha Cebt: La Panacée

Jule Flierl Operation Orpheus (c) Sémiha Cebt: La Panacée

Die Gruppe scharte sich rasch um die Tänzerin und Choreografin, die unter anderen auch mit Tino Sehgal zusammenarbeitete und derzeit ihren Lebensmittelpunkt in Berlin hat. Die Grundüberlegung zu dieser Performance kam einerseits aus der Beschäftigung mit dem Stoff, der Jule Flierl fasziniert, sowie der Auseinandersetzung mit den Tanzeinlagen in der Oper von Christoph Willibald Gluck, die 1762 in Wien uraufgeführt wurde. Die Möglichkeit, den Gesang gleichwertig mit dem Tanz auf der Bühne einzusetzen, verdankt Flierl ihrer Beschäftigung mit der Lichtenberger Methode. Dabei ist es wichtig, die Stimme nicht künstlich zu pushen, sondern sich der Aufgabe des Kehlkopfes bewusst zu werden und ihn so natürlich wie möglich zu unterstützen.

In ihrer Show verband die junge Kreative Glucks Orpheus-Arie „Che farò senza Euridice“ mit einer Choreografie, in der sie sich beständig um die eigene Achse drehte. Das verwendete Bewegungsvokabular basierte zum Teil auf historischen Stichen, in welchen die Tanzenden in möglichst ausdrucksstarken Posen wiedergegeben sind. Sie wurden von Flierl mit ihrem zeitgenössischen Tanzverständnis in eine flüssige, ineinander überlaufende Choreografie vereint. Diese zerlegte sie wiederum in kleine Einzelsequenzen, die sie danach in Loops, unabhängig voneinander, immer und immer wieder tanzte. Nach dem selben System arbeitete sie an der Zerlegung der Arie.

Die Stimme, der Gesang, ist für die Künstlerin nichts anderes als eine zweite Art von Choreografie. Keine aufgesetzte, künstliche Behübschung, sondern ein eigenständiges Ausdrucksmittel ihres Körpers. Waren zu Beginn nur kurze Töne zu hören, verlängerten sich im Laufe der Performance einzelne musikalische Sequenzen. Dabei changierte der emotionale Ausdruck zwischen tiefer Verzweiflung und einer manischen Repetition, in die sie ihren Orpheus fallen ließ – so rudimentär und abstrakt die Gesangsteile auch übermittelt wurden.

Ohne Requisiten, nur mit einer schwarzen, eng anliegenden Hose und einer weiten, über die Hüften reichenden bunten Bluse und schwarzen Turnschuhen blieb das Geschehen einzig auf ihre Person konzentriert. Entgegen herkömmlichen Choreografien nutzte sie nicht den gesamten Raum, sondern blieb in diesem nur an einem bestimmten Punkt. Dadurch bekam die Komponente Zeit gegenüber jener des Raumes eine stärkere Bedeutung.

Das mumok bot einen idealen Platz für diese Performance, die von ihr ursprünglich für den Raum einer Galerie konzipiert wurde. „Ich arbeite sehr raumbezogen“, erklärte die Künstlerin bei einem Interview, „adaptiere die Stücke auf die jeweiligen Anforderungen“.
Und so nahm sie am Ende ihrer Vorstellung das Publikum wieder stumm mit hinauf ins Erdgeschoss. Nach der Wiederholung ihres Eingansstatements, wie aus einem schlechten Traum erwacht, verschwand sie letztlich alleine in einem Aufzug, in dem sie in die oberen Etagen entschwebte. Zum ersten und einzigen Mal sang sie nun, für das Publikum jedoch unsichtbar, Glucks Arie von Beginn bis zum Schluss. Ein poetischerer Abgang einer Performance in einem Museum muss erst einmal gefunden werden.

Flierls Arbeit war nicht nur ganz besonders auf die Räumlichkeiten des mumok zugeschnitten. Ihr Rückgriff auf den Tanz, der im Barock sich von der Oper noch nicht emanzipiert hatte und ihre Konzentration des Stückes, man könnte beinahe von einer Kernfusion sprechen, in der sich das Geschehen auf einen ganz bestimmten Augenblick verdichtet, sind nur zwei extrem interessante Aspekte. Dass sie während ihrer Choreografie auch noch ausdrucksstark singt, und zwar zeitgleich während ihres Tanzes, und nicht, wie es häufig zu sehen ist, alternierend mit den Tanzbewegungen, ist ebenso bewundernswert wie von ihrer Konzeption her zugleich auch höchst interessant.

Aufgrund der unterschiedlichen konzeptionellen Zugänge von „Operation Orpheus“, sowie der emotionalen Komponente, die ins Publikum schwappte und nicht zuletzt aufgrund des hohen poetischen Gehaltes, gehört diese Arbeit bislang zu unseren Favoriten für die Prämierung des Casinos Austria Prix Jardin d’Europe und den FM4 Fan Award 2016. Die Auszeichnung wird in einer eigenen Veranstaltung am 14.8. im Kasino am Schwarzenbergplatz verliehen werden.

Die folgenden Videoaufnahmen entstanden während einer Probe 2015 in Montpellier.

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