Kein einziger lehnte sich auf

Who is next? (c)Matjaz Kenda

Die neue Produktion von Janez Janša zu besprechen macht nur dann Sinn, wenn man zulässt, anstelle der alleinigen Reproduktion des Gesehenen auch jene Assoziationen und Reflexionen zu beschreiben, die während und nach der Vorstellung aufkamen.

„Who is next?“ lautete der Titel des Abends, den der Performance- und Konzeptkünstler exemplarisch für das Geschehen nicht nur auf der Bühne einsetzte. Exemplarisch deshalb, weil hinter der einfachen Frage wer wohl der Nächste sei, ein viel größeres Gedankenkonstrukt steckt, wie das auch bei den einzelnen dargebotenen Szenen der Fall war. Janez Janša wurde 1970 als Davide Grassi in Italien geboren und nahm zugleich mit Žiga Kariž sowie Emil Hrvatin, zwei Künstlerkollegen, im Jahr 2007 offiziell seinen jetzigen Namen an. Namensträger sind nun nicht nur die drei bereits Erwähnten, sondern auch Sloweniens Ministerpräsident, der übrigens am Tag vor der Österreichpremiere im Tanzquartier zum zweiten Mal in seinem Amt bestätigt worden war.

Der Politiker, dem ein hohes Aggressionspotential gegenüber der Opposition sowie völlige Humorlosigkeit im Umgang mit Kritik an seiner Person nachgesagt wird, findet sich seit der Zeit, als er plötzlich 3 Namensvettern bekam, nicht nur in Zusammenhang mit politischen Aktivitäten in der Öffentlichkeit wieder, sondern auch im zeitgenössischen Kunstkontext. Denn wann auch immer „Janez Janša“ nun Kunst produziert und diese öffentlich macht, erscheint sie in den Medien – und im Internet.

Die Aktion der Namensänderungen der drei Künstler erregte in Slowenien heftiges Aufsehen und Grassi – alias Janša – gilt nicht nur seit dieser Zeit über das Land hinaus als Enfant terrible in der Kunstszene. Und das wohl nicht zu Unrecht, denn seine Positionen sind nicht nur gegen sich selbst von Radikalität geprägt, sondern auch gegenüber seinem Publikum. Er verlangt nicht nur, dass es ihm auf seiner Reise durch unsere postmoderne Kapitalismusgesellschaft folgt, sondern noch viel mehr. Er verlangt, dass es selbst aktiv wird, und stellt sich dabei ganz wie nebenbei an die Seite von Stéphane Hessel. Allein mit dem Unterschied, dass Janez Janšas Aufruf zum Widerstand gegen das Establishment mit einer großen Portion Gewalt unterfüttert ist.

Das multimediale Ereignis – oder die Performance, wie der Künstler den Abend selbst nennt – beginnt mit der eindringlichen Aufforderung sich vorzustellen, wie es wäre, ein richtiges menschliches Schwein aufzulauern und so lange mit einer Brechstange auf dieses einzuschlagen, bis es geschunden am Boden liegt. Menschen, die sich dieses Szenario nicht wirklich vorstellen können, gibt er Peter Pan oder Pippi Langstrumpf an die Seite, um sich zumindest mit diesen Kämpfern für Recht und Freiheit solidarisieren zu können. Die kurz vor Vorstellungsbeginn auf den Bühnenboden aufgeschriebenen Namen des Publikums werden bald nicht nur mit Füßen getreten, sondern durch die Hinterteile von den Performern – insgesamt 3 Männer und 3 Frauen – teilweise weggewischt. Ein drastisches Bild, das auch durch die groteske „Choreographie“ dieser Aktion nicht gemildert wird.

Im Laufe des Abends folgten jedoch noch andere Themenkomplexe – wie z.B. die oftmalige Änderung des Passes aufgrund der unterschiedlichen Wohnorte von Jelena Rusjan quer durch die heutigen autonomen Länder des ehemaligen Jugoslawiens – grotesk durch einen kurzen, eingespielten Film beleuchtet; oder die Frage, ab wann man im Kulturbetrieb zu den ganz Großen gehört. Diese wurde ziemlich ernüchternd, wenngleich auch ganz simpel dargestellt. Dafür wurden 3 Kulturmacher gebeten, vor laufender Kamera so viele Künstlerinnen und Künstler wie nur möglich aus ihrem jeweiligen Spezialgebiet zu nennen. Schon nach wenigen Aufzählungen, nach wenigen Minuten, waren sie alle an ihrer Leistungsgrenze des Erinnerns angekommen. Der dadurch transportiere Eindruck, dass alleine schon das menschliche Aufnahmevermögen daran scheitert, wollte es unbegrenzt Namen aufzählen, machte klar, dass eine demokratische Verteilung der Kulturschaffenden in der Aufmerksamkeitsgunst des Publikums nicht mehr als ein Wunschtraum ist.

Die mehr oder weniger lose Reihenfolge unterschiedlicher Themenkreise wurde jäh unterbrochen. Ein wahres Anklagefeuerwerk prasselte auf die Zuseherinnen und Zuseher ein, im welchem Ungerechtigkeiten am laufenden Band aufgezählt und ihnen nichts anderes als Gewaltlosigkeit entgegengesetzt wurde. Ohne Unterlass wurden Gräueltaten aufgezählt, die sich von psychischen hin zu physischen Gewalttaten steigerten. Ganz nach dem Motto: Der Kluge gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Doch auch das Sprichwort in dem veranschaulicht wird, dass ein einziger Tropfen ein Fass zum Überlaufen bringt, kam im Anschluss zu seinem Recht. Denn nach all den Erniedrigungen, gegen die es keine adäquate Reaktion gab, um weiteres Übel endlich aufzuhalten, verwandelte sich die Bühne in ein Schlachtfeld. Zu Heavymetal-Klängen veranstalteten die Protagonistinnen und Protagonisten so etwas wie eine Revolution im Wasserglas, bei der mit Gegenständen herumgeworfen und Klopapierrollen sinnbildhaft als Explosionsmaterial eingesetzt wurden. Nun war der Damm gebrochen. Niemand mehr sicher vor dem nächsten Geschehen. Und doch blieb das Publikum in Wien ziemlich distanziert, denn niemand ließ sich darauf ein, von den Agitationsparolen, die gegen die Sitzreihen gebrüllt wurden, mitgerissen zu werden.

Das anschließende bzw. abschließende laute Zahlenzählen – von etwas über 300 beständig abwärts – wurde nach einigen Minuten schließlich von einem Teil des Publikums als Ende des Stückes erkannt und akklamiert. Und tatsächlich kam das Ensemble auf die Bühne um sich zu verbeugen – während einer von ihnen weiter mit dem Zählen beschäftigt war. Wer meinte, jetzt nach Hause gehen zu müssen – trug einen wahrlich anderen Schluss mit sich als all jene, die noch eine Zeitlang sitzen blieben.

Denn die nicht enden wollende Zählorgie machte plötzlich klar, dass es sich hierbei um ein Kräftemessen handelte. Um ein Kräftemessen mit dem verbliebenen Publikum. Ein Kräftemessen, das aber, immer zugunsten der Schauspieltruppe ausgehen würde – das wurde klar, nachdem einzelne Mitglieder begannen, sich nach ermüdenden Zählminuten abzuwechseln. Das Wiener Publikum blieb – das sollte hier ehrenhalber erwähnt werden – sehr standhaft und verabschiedete sich erst, nachdem der dritte Schauspieler bei der Zahl 1000 angekommen war.

Die Aussage dieser letzten Aktion war mehr als klar. Hier hatte also eine kleine, mächtige Gruppe gegenüber der großen, anonymen ihren Sieg davon getragen. Eine unter die Haut gehende Metapher, denkt man dabei an reelle politische Machtstrukturen. Obwohl es nicht schwer gewesen wäre, diesem Treiben mit einer simplen Gegenaktion ein Ende zu setzen, war an diesem Abend niemand aus dem Publikum dazu in der Lage.

Und so stellt sich die Frage: Wer von uns, die wir an diesem Abend an diesem Spektakel teilgenommen haben, wer von uns ist in der Lage, im „real life“ einer machttrunkenen Autorität etwas entgegenzusetzen, wenn wir es schon nicht an diesem Abend taten? Die Hoffnung besteht dennoch, denn die Motivation sich gegen Ungerechtigkeiten in einer demokratischen Struktur aufzulehnen ist ja hoffentlich doch eine andere, als dem Bühnen-Janez Janša die Stirn bieten zu wollen.

Eine Produktion, deren Nachhaltigkeit darin besteht, dass sie durch ihren multidimensionalen Kunstansatz zum Denken auffordert und nicht im Angebot des reinen Kulturkonsums stecken bleibt.

Janez Janša wird sicherlich noch oft in die Schlagzeilen kommen! 

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