Wer spielt – gewinnt!

Kharbga: Um dieses Spiel zu spielen, sitzen die Männer direkt am Boden, oder auf flachen Steinen – fast am Boden. Vor ihnen im Staub haben sie helle und dunkle, kleine Kiesel platziert – in Reih und Glied. Abwechselnd hebt einmal der eine, dann wieder der andere Spieler ein Steinchen auf, nimmt eines oder mehrere weg, oder verrückt sie auf einen anderen Platz. Das kennen wir so ähnlich vom Schach. Jenem königlichen Spiel, das sogar Weltmeister hervorbringt. In Tunesien, jenem Land, in dem gerade die ersten demokratischen Wahlen seit Menschengedenken stattfinden, nennt sich das Äquivalentspiel „Kharbga“. Ein Zeitvertreib, bei dem sich die Spieler meist – wie auch in Europa – von Kiebitzen umringt fühlen.

„Kharbga“ jeux de pouvoir – übersetzt – Kharbga, Spiel der Macht – nennt sich ein Tanzabend, der von der tunesisch-französischen Companie Chatha im November im Tanzquartier erstmals in Österreich aufgeführt wurde. Hafiz Dhaou und Aicha M´Barek schufen dafür die Choreografie. Für diese mussten erst einmal einige Tonnen kleine Steine in den Bühnenraum gekarrt werden, auf dem sie zu verschiedenen Haufen zusammengekehrt worden waren. Nach und nach kommen eine Tänzerin und vier Tänzer auf die Bühne. Unter ihnen auch Hafiz Dhaou und Melchior Derouet. Letzterer ist ein außergewöhnliches Bühnen-Multitalent und verdient besondere Beachtung, denn der Mann mit den schlohweißen Haaren ist blind. Das hält ihn aber nicht davon ab, gleichberechtigt auf der Bühne mitzutanzen.

Menschen tanzen gegen eine harte, schmerzende Marterie

Getanzt wird anfänglich in Schritten, die Drehungen um die eigene Achse ergeben, aber die Körper dennoch merklich fortbewegen. Je länger der Abend voranschreitet, umso schneller werden diese Schritte, bis sich schließlich alle – bis auf Derouet – wie rasende Derwische im Raum um die Steinhaufen bewegen. Dabei tanzen sie über Steine, die ein eigenartiges Soundmuster ergeben und schieben diese, so sie ihnen im Weg sind, während ihres Tanzes, geschickt mit den Füßen weg. Die sportlichen Outfits – unterschiedliche T-Shirts in gedeckten Grün-Rottönen und graue Hosen zeigen, dass diese Menschen sich weder ganz oben noch ganz unten in der sozialen Hackordnung befinden. Derouet ist der einzige, der sich auf eine Steinansammlung zurückgezogen hat und in diesem langsam, ganz langsam zu wühlen beginnt. Nach und nach schaufelt er mit seinen Händen allerlei Objekte frei. Die Büste einer weiblichen Puppe zum Beispiel, oder einen ausgebleichten Plastikblumenstrauß. Aber auch eine Pistole. Alles, was er aus dem Schuttberg hervorholt, platziert er mit Bedacht auf demselben und kreiert so eine Gedenkstätte, die einem Grab gleicht. Die Geschichte dazu entsteht durch die Requisiten im Kopf.

Währenddessen beginnen sich die anderen aufeinander zuzubewegen, voneinander Notiz zu nehmen. Auf Tuchfühlung starten sie damit, im Gleichklang zu tanzen, synchrone Bewegungen zu machen. Die Musik und die Sounduntermalung wechselt beständig. Von leiser Hinergrundmusik über das Läuten eines Weckers bis zu aufputschenden Rhythmen ergibt dies eine große Bandbreite, der sich die Tanzenden ausliefern. Denn ab einem bestimmten Punkt ist es ein Ausgeliefertsein, das an Brutalität grenzt. Waren zuerst die Tanzenden auf sich alleine gestellt, isoliert in ihrem Tun, so wird nun klar, dass ein gemeinsames Etwas entsteht. Ein Gefühl, das sich verstärkt, das so etwas wie Zusammenhalt bedeutet. Und irgendwann einmal, beinahe unmerklich, scheint ein Damm gebrochen zu sein, der die Isolation in einer Sturzflut hinweg spült. Er setzt Kräfte frei, die keinen Halt mehr kennen und welche die bis dahin sakrosankten Steinhaufen als attackierbar kennzeichnen. Immer und immer wieder springt Hafiz Dhaou ohne Rücksicht auf seinen Körper auf die Kiesberge. Er lässt sich mit solcher Wucht darauf fallen und bleibt dann eine Zeit regungslos liegen, dass man immer das Schlimmste befürchtet. Aber auch die anderen versuchen, sich gegen die harte Marterie zur Wehr zu setzen. Sich in sie hineinzubohren oder sie zu überspringen. Immer wilder wird der Rhythmus eines arabischen Popsongs, immer stärker lassen sich die Tänzerin und die Tänzer von der Musik aufpeitschen, bis Dahou schließlich Derouet unterhakt. Mit vollem Speed läuft er mit ihm auf das Publikum zu, um knapp vor ihm abzubremsen. Die Brutalität und das Aufbegehren ist nun einer immensen Lebensfreude gewichen. Es wird gesprungen und getanzt und gelaufen, was das Zeug hält. Und es wird das Leben gefeiert.

Die ersten Partien des Spieles sind gewonnen

Im arabischen Frühling, in dem das Stück entstanden ist, war ein freies Leben in Tunesien nicht selbstverständlich. So wie es auch heute noch nicht wirklich selbstverständlich ist. Das Spiel um die Macht des Volkes und eine Demokratie kann noch immer verloren werden. Aber die ersten Züge und die ersten Partien gingen an die Tunesier und Tunesierinnen. „Beim Spiel gewinnt immer die Bank“ sagt an einer Stelle Melchior Derouet zum Publikum. Damit hat er Recht. Aber das Spiel um die politische Macht in einem Staat geht nicht zwangsläufig an Machthaber, welche die weiteren Spielzüge alleine entscheiden. Tunesien ist dafür ein Vorzeigebeispiel. Ein Land, in dem ein kleines Pflänzchen wächst. Das der Freiheit und das der Demokratie. Von heute auf morgen wird sich das Lebensgefühl der Tunesier nicht rapide wandeln. Das Gefühl, nicht mehr alleine einer Willkür ausgeliefert zu sein, das Gefühl eine Rechtsstaatlichkeit aufbauen zu können und schließlich auch gemeinsam ausgelassen feiern zu können, das ist schon vorhanden. Wie man in „Kharbga jeux de pouvoir“ fühlen konnte.

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