Kongo goes baroque

Coup fatal. Todesstoß. So nennt sich jene Produktion, die bei den Wiener Festwochen im Burgtheater zur Aufführung kam. Als Magnet für das Publikum, das große Namen am Theater liebt, fungierte Alain Platel, der die künstlerische Leitung innehatte, obwohl die Idee und das Konzept nicht von ihm stammten.

Coup Fatal im Burgtheater in Wien (Foto: Chris Van der Burght)

Coup Fatal im Burgtheater in Wien (Foto: Chris Van der Burght)

Die Macher der Show

Serge Kakudji, kongolesischer Countertenor, der über viele Jahre autodidaktisch an seiner Stimme arbeitete, bis er 2007 in Belgien mit einer professionellen Sängerausbildung begann, erhielt vom KVS Theater (das Stadttheater in Brüssel) einen Auftrag. Das wollte für das alljährliche Festival in Kinshasa einen Arienabend mit Kakudji auf die Bühne bringen. Schon zuvor hatte er in kleinerem Kreis immer wieder Liederabende bestritten. Für die Festivalproduktion Coup fatal jedoch, die 2015 erst in Kinshasa gezeigt werden wird, fehlte dem Sänger ein adäquates Barockorchester. Zwar gibt es ein Symphonieorchester in der Hauptstadt des Kongo, das allerdings hat das Barockrepertoire nicht im Programm. So kam er mit Paul Kerstens, seinem Mitstreiter, auf die Idee, ein eigenes Orchester zusammenzustellen, welches mit adaptierten Instrumenten in der Lage war, die Barockmusik, wenn auch reloaded, wiederzugeben. Kerstens ist Afrikaspezialist und arbeitet seit über 25 Jahren im Theater-Kreativbereich. Die Vorbereitung zu Coup fatal dauerte insgesamt 4 Jahre und entwickelte sich zu einem Cross-over-Projekt, in dem europäische und afrikanische Musiktraditionen miteinaner verschmelzen. Einen wichtigen Anteil am Gelingen der Produktion hat darin jener Teil, in dem das Lebensgefühl der „Sapeurs“ auf die Bühne gebracht wird. Die Sapeurs sind eine Gruppe von Männern in Kinshasa, deren Lebensmittelpunkt darin besteht, sich möglichst elegant zu kleiden. Ursprünglich waren es hauptsächlich westeuropäische Kleidungsstile, Anzüge mit Westen und Krawatten, Hüte. Heute gibt es einige Sapeurs, die Fantasiekostüme tragen, oder auf ein bestimmtes Modelabel spezialisiert sind. Ihre Idee ist es, dem oftmals so unmenschlichen und extrem harten Alltag im Kongo, in dem keine Familie von den kriegerischen Auseinandersetzungen verschont wurde, eine große Portion Eleganz und Lebensfreude entgegenzusetzen. Als Schlussbild breiteten die Musiker in ihren bunten Kostümen einen farbenfrohen, animierenden Gesellschaftsentwurf auf, der nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Nachmachen animieren könnte.

Sapeurs im Stück "Coup Fatal" während der Wiener Festwochen (Foto: Chris Van der Burght)

Sapeurs im Stück „Coup Fatal“ während der Wiener Festwochen (Foto: Chris Van der Burght)

Lebensfreude inmitten von Patronenhülsen

Ein Motiv, das für Platel auch ausschlaggebend für diesen Abend war. Der Kongo ist bekannt für seine blutigen Fehden und für rücksichtslose Ausbeutung seiner Bodenschätze. Umso mehr verwundert ein Abend wie dieser, der nichts als Musik und Tanz auf die Bühne bringt. „Es ist wichtig zu zeigen, dass im Kongo Menschen leben, die eine starke Lebensfreude besitzen und diese auch nach außen offen zeigen.“ Dieser Kommentar eines aus dem Kongo stammenden Mannes, der sich beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung zu Wort meldete, erntete beim Ensemble heftigen Applaus. Ganz subtil verweist der bildende Künstler Freddy Tsimba mit seinem Bühnenbild auf den Horror in seinem Land. In verschiedenen Ebenen hintereinander angeordnet, schuf er Vorhänge aus Patronenhülsen. Luftig leicht, wie jene Sommerstreifenvorhänge, die als Sichtschutz in der heißen Jahreszeit gerne verwendet werden, glänzten diese ja nach Beleuchtung silbern oder golden. Das zarte Klimpern, wenn die Tänzer oder Sänger an ihnen entlang streiften, vermittelte keinerlei Grauen, sondern vielmehr einen Hauch zarter, Klang gewordener Poesie.

Musik zwischen den Traditionen

Mit Fabrizi Cassol fand Kakudji einen feinfühligen Komponisten, der es verstand, europäische Barockmusik mit afrikanischen Klängen zu unterfüttern und zu ergänzen. Seine Neuinterpretationen der Musik von Gluck, Händel und Bach waren das Herzstück des Abends. Die Arien, die der Countertenor interpretierte, wurden in den seltensten Fällen in ihrer vollen Länge wiedergegeben. Oft war es nur ein Desiderat, sozusagen das „best of“, das zu Gehör gebracht wurde. Cassol belegte eine E- und eine akustische Gitarre mit den Hauptstimmen der Arien und das Bassinstrument mit dem Generalbass, der in der barocken Musiktradition normalerweise mit dem Cembalo gespielt wird. Diese Instrumentierung wurde durch elektronisch verstärkte Likembe, ein Xylophon, ein Balafon, sowie eine ganze Reihe von Percussioninstrumente ergänzt. „Das Einzige, was wir an historischen Barockinstrumenten auf die Beine stellen hätten können, wären ein paar Querflöten gewesen“, erklärte Serge Kakudji. „Da wollten wir dann doch gleich die Musik ganz anders instrumentieren – nein, wir mussten einfach, wir hatten gar keine andere Wahl.“ Und so setzte er mit Fabrizio Cassol gemeinsam einen Prozess in Gange, der zwar als Ausgangspunkt die Barockmusik hatte, sich von ihr aber streckenweise weit entfernte. Diese einzigartige Melange funktionierte in der besuchten Vorstellung nicht immer einwandfrei. Vor allem dann nicht, wenn es, wie bei einem Stück, Misstöne zwischen dem Orchester und Kakudji gab. Aber auch dann, wenn Kakudjis Stimme die Fülle und Stütze im Mittelbereich abhanden kam. Vielleicht mag diese Kritik vom Publikum als überzogen angesehen werden, angesichts des Gesamtpaketes, das man an diesem Abend vorgesetzt bekam. Wäre jedoch Kakudjis Stimmmaterial noch ein wenig verfeinert und glänzender, dann hätten die intonierten Arien jene Qualität erreicht, die den berühmten Funken ausgelöst hätten, der notwendig ist, um sich restlos in die Musik fallen zu lassen.

Coup Fatal im Burgtheater in Wien (Foto: Chris Van der Burght)

Coup Fatal im Burgtheater in Wien (Foto: Chris Van der Burght)

Sänger und Tänzer in einer Person

Besondere Würze steuerten hingegen Russell Tshiebua und Bule Mpanya bei, die sowohl als Chor, als Solisten, aber zugleich auch als Tänzer fungierten. Ihre Körperbeherrschung, ihr Esprit, ihre komödiantischen Einlagen sorgten für jene Spannung und Freude, die der Produktion letztlich ihren authentischen Stempel aufdrückten. Der eine ist eine muskelpepakte, imposante Erscheinung, ein groß gewachsener Glatzkopf, der andere wesentlich kleiner, dafür aber mit einem immensen Irokesenschnitt auf dem Haupt. Sie agierten als wunderbares Duo, das alleine schon von seinem Erscheinungsbild her faszinierte. Ihre Interaktion mit den Zuseherinnen – zwei Damen aus der ersten Reihe wurden von ihnen zum eng umschlungenen Tanzen aufgefordert – aber auch ihre Animationsanfeuerungen an das gesamte Publikum machten schließlich wohl jenen Applaus erklärlich, der sich sogar in Standing Ovations auswuchs.

Das Experiment Coup fatal

Coup fatal ist ein Experiment, das zum Teil gut, zum Teil weniger gut funktioniert. Die Längen im ersten Teil des Abends kommen durch eine Regie des Laissez-faire zustande. Getrost hätten Platel oder auch Kerstens hier ein wenig mehr eingreifen können. Die im Programmheft von Kakudji angesprochene Metaebene – das Anprangern von Gewalt gegen Frauen und Kindern – ist nicht einmal dort zu erahnen, wo die ausdrucksstarken Arien davon entfernt verkünden. Coup fatal funktioniert aber dort, wo afrikanisches Lebensgefühl, die Energie und die Standhaftigkeit der Menschen spür- hör- und sichtbar werden. Wie auch in der Abschlussarie, dem berühmten „Lascia ch´io pianga mia cruda sorte“ aus Händels Oper Rinaldo. Wie das tanzenden Gesangsduo dem klagenden Kakudji versucht, die Freude am Leben wieder einzuhauchen, hat wirklich Klasse und kann als Substrat des gesamten Abends verstanden werden.

Fazit: Coup fatal wird die Häuser füllen, das ist sicher. Ob es auch bei kritischen Theaterentscheidern standhalten kann, wird sich zeigen.

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