Kultur kann Zeichen setzen

Von Michaela Preiner

Kurhaus Semmering (Foto: European Cultural News)

16.

August 2017

Ein Zimmer zu buchen ist nicht einfach. Wenn man nicht früh genug dran ist, mehrere Monate im Voraus. Die Rede ist nicht von In-Destinationen in Spanien oder von Salzburg zur Festspielzeit. Die Rede ist vom Semmering. Eine gute Autostunde von Wien entfernt.

Das Semmeringer Dilemma

Das hat ursächlich aber auch damit zu tun, dass das Zimmerangebot am Semmering seit diesem Jahr drastisch geschrumpft ist. Das Panhans, seit Jahren schon mit wechselnden Besitzern in den Schlagzeilen, hat nun endgültig seine Tore geschlossen. Angeblich sollen sie im Winter wieder geöffnet werden. Die Semmeringer selbst glauben aber nicht mehr daran. Zu oft wurden sie schon herb enttäuscht. Vor allem, wenn es um die großen, traditionsreichen Bauten ihrer Gegend ging. Einst Anziehungspunkte für eine mondäne, internationale Gesellschaft, ist vieles heute heruntergekommen und so manches an dubiose Investoren verkauft, die sich einen ordentlichen Profit mit einem Weiterverkauf der Immobilie nach einer Zeit x erhoffen.

Der Ort selbst weist noch einen Bäcker und einen Billa-Shop auf. Für alles andere muss man entweder auf der einen oder anderen Semmeringseite ins Tal fahren. Nach Gloggnitz oder nach Mürzzuschlag. Es ist schwer vorstellbar, dass in diesem Ort sommers einst ein reger Kurbetrieb herrschte und winters Tausende zum Skifahren kamen. Ruhig und beschaulich geht es dort heute zu. Ein gastronomisches Angebot ist zwar vorhanden, aber überschaubar. Wanderwege direkt vom Ort aus werden von Erholungssuchenden aber gerne begangen, defiliert man dabei doch bei der einen oder anderen Villa aus dem 19. Jahrhundert vorbei, die auch heute noch mit ihrer prachtvollen Architektur bezaubert. „Zu vermieten oder zu verkaufen“ ist dabei immer wieder an aufgestellten, gut lesbaren Schildern zu erfahren. Einige wenige dienen als Pensionen oder werden als Hotel genutzt. Einige wenige sind offenbar in guten Händen, renoviert und gepflegt, bei anderen aber scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Kurhaus Semmering (Foto: European Cultural News)

Kurhaus Semmering (Foto: European Cultural News.com)

Die Kultur ist zurückgekehrt

Seit sechs Jahren aber ist am Semmering im Sommer – zumindest jeweils von Donnerstag bis Sonntag – dennoch wieder verstärkt Leben spürbar. Der Pianist und Dirigent Florian Krumpöck hat mit seiner Frau Nina Sengstschmid den Kultur.Sommer.Semmering vor drei Jahren übernommen. Er war 2011 vom inzwischen verstorbenen Präsidenten des Kulturvereines Semmering, Erich Reiter, ins Leben gerufen worden. Mit einem dichten Programm von heuer über 40! Veranstaltungen werden es bis Saisonende, Anfang September über 7000 Gäste gewesen sein, die zum Kunstgenuss auf den Semmering gekommen sein werden. Das mag man kaum glauben, wenn man einige Tage in der Beschaulichkeit des Luftkurortes verbringt.

„Wir hatten in diesem Jahr auch ein Paar, das für 13 verschiedene Vorstellungen Karten gekauft hat“, erklärte Krumpöck in einem Interview. Das zeigt, dass es neben Tagespublikum mittlerweile aber auch solches gibt, das zumindest einige Tage vor Ort bleibt. Wenn man von jeweils Donnerstag bis Sonntag alle angebotenen Vorstellungen konsumiert, ist es auch nicht schwer, bis zum Wochenendausklang schon die ein- oder andere Bekanntschaft gemacht zu haben. Zwar keine Kurbekanntschaft, wie dies früher der Fall war, aber immerhin eine Kulturbekanntschaft. Denn gerade die Möglichkeit, an vier, drei oder zumindest zwei aufeinander folgenden Tagen unterschiedliche, kulturelle Veranstaltungen besuchen zu können, ist für viele interessant.

Das Programm reicht von Lesungen über Konzerte, von Kabarett- und Zauberabenden bis hin zu einer Theateraufführung, die in diesem Jahr im Auftrag des Kultur.Sommer.Semmering entstand. Keine Geringere als Friederike Mayröcker konnte dafür gewonnen werden. „Oper!“ ist der etwas irreführende Titel des Werkes, das Otto Brusatti in Szene setzt. Darin zieht die Autorin ein, wie es im Programmheft angekündigt ist, „bewegendes Resümee über ihr Leben und ihr Schaffen.“

Kurhaus Semmering (Foto: European Cultural News.com)

Ein breit gefächertes Programm

„Es war eine ganz bewusste Entscheidung, unser Programm breit aufzustellen. Erstens gibt es ohnehin viele Spartenfestivals im Sommer und andererseits wollen wir auch wieder ganz bewusst an jene Tradition um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert anknüpfen, bei der sich Literaten, Musiker und Schauspieler am Semmering trafen. Diese bunte, kulturelle Vielfalt möchten wir einfach wiederbeleben“. Das gelingt dem Ehepaar Krumpöck / Sengstschmid vor allem durch sein großes Künstlernetzwerk, das es ihm erlaubt, viele klingende Namen auf den Semmering zu holen.

In diesem Jahr standen und stehen zum Teil noch Elisabeth Leonskaja, Tamara Metelka und ihr Ehemann Nicholas Ofczarek, Claus Peymann, Sunnyi Melles, Robert Meyer sowie viele, viele andere bekannt Namen auf den beiden bespielten Bühnen. „Dankenswerter Weise können wir sowohl im alten Kurhaus spielen, als heuer erstmals auch im Südbahnhotel. Das war eine Rettung in letzter Sekunde, nachdem das Panhans, in dem wir immer spielten, zusperrte“. Möglich macht dies im Südbahnhotel ein deutscher Industrieller, der einst Pläne hatte, in dem Haus wieder einen Kurbetrieb zu installieren, aber an mehreren Fronten damit scheiterte. Nun wartet das Haus, mittlerweile mit einem neuen Dach versehen, darauf, dass es von jemandem entdeckt wird, der damit vor Ort wieder Leben auf den Semmering bringt.

Das ehemalige Kurhaus gehört wiederum Kasachen. „Sie waren so kooperativ und haben die Spielstätte – den einstigen Speisesaal – und einige andere angrenzenden Räume – wieder so instandgesetzt, dass ein geordneter Spielbetrieb stattfinden kann.“ Krumpöck weiß um die Generosität der Besitzer, aber auch um die Fragilität des Veranstaltungsmodus, die damit zusammenhängt.

Südbahnhotel (Foto: European Cultural News.com)

Südbahnhotel (Foto: European Cultural News.com)

Der unglaubliche Charme der beiden Spielstätten

Auch wenn man alten Zeiten nachtrauert, ist es doch gerade der Charme dieser beiden alten Gebäude, der einen großen Reiz des Festivals ausmacht. Dabei wünschte man sich, dass die alte Meublage, ein Mix aus ursprünglicher und späterer Ausstattung, in beiden Häusern noch möglichst lange erhalten bliebe. Blank geputzte Messingtürgriffe, abgewetzte Kommoden, weich gepolsterte Fauteuils aus den 50er Jahren, originale Jugendstillampen – so aufgeputzt präsentiert sich das alte Kurhaus. Seine Balkone, einer vom anderen einst fein säuberlich abgetrennt, versprüht eine Zauberberg-Atmosphäre, wie sie Thomas Mann in seinem gleichnamigen Roman so anschaulich beschrieb. Dass es wenige hundert Meter Luftlinie tatsächlich auch am Semmering einen Zauberberg gibt, überrascht keineswegs. Im Sommer tummeln sich dort Rucksacktouristen, im Winter wird dort, dank Beschneiungs- und Lichtanlagen, auch nachts Ski gefahren.

Ganz anders wirkt das ehemalige Südbahnhotel. Ein von der Straße aus klobiger, riesiger Kasten, an dessen Schmalseite von der einstigen Aufschrift Südbahnhotel nur mehr die Lettern Hotel zu lesen sind. Aber auch sie sind irreführend. Zwar wartet es mit einem revitalisierten Gebäudeteil auf, in dem sich Wohnungen und sogar Büros befinden, Hotelbetrieb gibt es aber längst keinen mehr. Die Aufschrift Frisör und Atelier über ziemlich maroden Geschäftseingängen zeugen noch von Zeiten, in denen sich Damen und Herren bei längeren und kürzeren Kuraufenthalten einer dementsprechenden Verschönerung unterzogen. Heute herrscht im Inneren des Gebäudes aber nur mehr an jenen Tagen Betriebsamkeit, in welchen die Kunst regiert. Die schwere, dunkle Holzvertäfelung lässt bewusst getaktete Ausblicke auf einzelne, wohl platzierte Sitzgruppen zu. Neben der ehemaligen Bar – einst der letzte Designschrei mit seiner schwarzen Vertäfelung und der elegant geschwungenen Messingstange entlang des Bartresens – befindet sich heute eine improvisierte Labestelle mit dem Angebot von Cafe, Kuchen, Brötchen, Sacherwürsteln und Sekt – an Vorstellungstagen. Gesehen haben muss man die Toiletten, in denen sich bis auf neumodisch platzierte Mistkübel, seit rund hundert Jahren nichts verändert zu haben scheint.

Hohe Kunst mit viel Herz

Zu all dieser innenarchitektonisch exquisiten Atmosphäre kommt aber noch, dass die Künstlerinnen und Künstler in offensichtlicher Sommerfrischelaune ihre jeweiligen Programme darbieten. Ein gutes Beispiel dafür war das Duo Kropfitsch. Unter dem Titel „Wenn der Vater mit dem Sohne“ präsentierte Johannes Kropfitsch, Pianist und Prodekan der Fakultät Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, seinen 11-jährigen Sohn Jakob. Abwechselnd intonierten sie Werke von Beethoven, Chopin, Schubert oder Haydn. Nicht nur die pianistischen Qualitäten, die dabei hörbar wurden, bezauberten das Publikum. Zu spüren, wie viel Spaß Jakob beim Spielen hat und zu sehen, wie stolz und liebevoll er von seinem Vater dabei unterstützt wurde, war ein ganz besonderes Erlebnis. Im hellen, großen Saal des Südbahnhotels, der auch heute noch durch seine historistischen Stuckaturen und großen Kronleuchter bezaubert, schwappten die Emotionen zwischen den beiden Künstlern und dem Publikum fühlbar hin und her.

Kropfitsch & Kropfitsch (Foto: Pia Klawatsch)

Zwischen drei und fünf Stunden würde er vor einem Konzert wie diesem üben, konnte man in der Pause von Kropfitsch Junior erfahren und auch, dass ihm das Spielen einen Riesenspaß machen würde. Der zufällige, kleine Gedankenaustausch ergab sich just vor der Herrentoilette, als der junge Pianist höchst charmant einer Besucherin den Weg zur Damentoilette wies. Er ist nicht nur jetzt schon ein wunderbarer Musiker, sondern auch ein scharfer Beobachter, ausgestattet mit der Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen.

Man sollte sich unbedingt das Jahr 2025 in seinen Kalender eintragen, um sich dann eine Karte für eines seiner Konzerte zu sichern. Die technische Perfektion und die Spielfreude, die jetzt schon vorhanden sind, werden sich dann mit einer Lebenserfahrung gepaart haben, durch die Interpretationen zustande kommen können, die wahrscheinlich wie von einem anderen Stern klingen werden. Die Persönlichkeit, die dabei immer dahintersteht, stehen muss, ist schon heute bei Jakob Kropfitsch spürbar.

Petra Morzé wiederum gelang ein ganz anderer Draht zu ihrem Publikum. Sie las, begleitet vom Concilium musicum Wien, Texte rund um die Sommerfrische vor. Einige davon hatten direkten Bezug zum Semmering. So zum Beispiel jene Anekdote, nach der Peter Altenberg nach wenigen Tagen wieder abreisen wollte, da er keine Verbesserung seines Gesundheitszustandes bemerkte. Auf die Anmerkung, dass ein Homöopath die Aussage getroffen hätte, dass die Heilung einer Krankheit genauso lange dauern würde wie ihre Akquise, antwortete der scharfzüngige Literatur höchst pointiert: „Na, 16 Jahre kann ich aber nicht auf dem Semmering verbringen.“

Vor allem Morzés Interaktion am Ende ihres Programmes mit dem Klarinettisten Ernst Schlader, sorgte für allgemeine Heiterkeit im Saal. Während eines Vortrages, in dem eine Sommerfrische-Schönheit einem jungen Mann Avancen machte, berührte sie ihn ab und zu an seiner Schulter und warf ihm schmachtende Blicke zu, was den Musiker beinahe aus der Fassung brachte. Er, Meister seines Faches, der auf einem seltenen Nachbau einer Klarinette aus Mozarts Zeiten spielte, musste sich dem Charme der Burgschauspielerin geschlagen geben, die mit ihrer kleinen, aber umso feiner gesetzten Aktion die Herzen ihres Publikums eroberte. Der ehemalige Speisesaal des Kurhauses, in dem die Bühne unter der Musikerloge aufgebaut wurde, verströmt noch immer jene Eleganz, in welcher die noblen Kurgäste einst dinierten.

Petra Morzé (Foto: Pia Klawatsch)

Mit einem Minimalbudget zum Erfolg

Es sind diese ganz persönlichen Erlebnisse, in denen die Künstlerinnen und Künstler als Menschen spürbar werden, die den Zauber der Vorstellungen am Semmering ausmachen. Vielleicht liegt es auch daran, dass allen, die der Einladung von Krumpöck und Sengstschmid folgen, dieser Ort am Herzen liegt. „Wir können uns diese wunderbaren Künstlerinnen und Künstler eigentlich gar nicht leisten. Dazu haben wir zu wenig Budget. Es sind nicht einmal Freundschaftsgagen, die wir hier bezahlen. Deswegen freuen wir uns umso mehr, dass wir nun im dritten Jahr sehen, dass der Publikumszuspruch ständig steigt. Auch die Menschen, die uns vor Ort bei den Veranstaltungen helfen, tun dies nur, weil ihnen die Idee des Kultur.Sommer.Semmering am Herzen liegt.“

Ein Zimmer zu buchen ist nicht einfach. Wer sich aber noch in den nächsten Wochen dazu entschließt, den Kultur.Sommer.Semmering zu besuchen, sollte es dennoch versuchen. Wenn nicht im Ort direkt, dann eben in Gloggnitz oder Mürzzuschlag – oder irgendwo dazwischen.

Nähere Informationen auf der Webseite: Kultur.Sommer.Semmering

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