Kunst oder Leben. Ästhetik und Biopolitik

Unter diesem Motto steht das diesjährige Galerienprojekt „curated_by“, das von „departure“, der Kreativagentur der Stadt Wien koordiniert und gefördert wird. Diesmal hat sich Eva Maria Stadler, eine ausgewiesene Expertin für zeitgenössische Kunst, als Chefkuratorin Gedanken über das Motto dieser dislozierten Mega-Ausstellung gemacht, in welcher 25 Kuratierende insgesamt 95 Kunstpositionen in 23 Wiener Galerien gebracht haben. Dabei hinterfragten die Künstlerinnen und Künstler in welchem Verhältnis Leben und Arbeit stehen und welchen Anteil die Kunst daran hat.


Dass dabei sowohl die Regulierung als auch die Optimierung von Lebensbedingungen zur Sprache oder besser gesagt zur Schau kommt, scheint beinahe selbstverständlich. Neben ganz individuellen Positionen stehen aber auch solche, welche soziale oder politische Einflüsse auf die Gesellschaft im Allgemeinen behandeln. Räumliche Grenzziehungen gibt es dabei keine. Die Teilnehmenden kommen aus Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika.

Gefordert ist das Publikum immer dann, wenn die Wahl der Kuratierenden auf mehrere Kunstschaffende fiel – denn nur wenige Galerien haben tatsächlich die räumliche Kapazität, dass mehrere künstlerische Positionen konfliktfrei nebeneinander positioniert werden können. Georg Kargl Fine Arts gehört dazu. Die von Thomas Locher – Kurator und Künstler in einer Person – gestaltete Schau „On signs and bodies“ vereinigt Arbeiten von gleich 12 Künstlerinnen und Künstlern zu einer Präsentation, die in sich schlüssig wirkt. Dabei wird der Generalbass zu seiner grundsätzlichen Betrachtung der Darstellbarkeit von Machtausübung auf die Gesellschaft und die Frage der Darstellbarkeit von gesellschaftlich Normativem, das jedoch ins Individuum wirkt und von diesem verstanden werden soll, gleich von mehreren Generationen getragen. Mit dem 1924 geborenen Gianfranco Baruchello von dem eine dreidimensional aufgebaute Collage aus dem Jahr 2009 (sic!) gezeigt wird bis hin zur 1970 geborenen Yael Bartana, die mit einer Videoarbeit vertreten ist, in der Otto Dix mit einem Kriegsversehrten fröhliche Urstände feiern darf, reicht der zeitliche Bogen der Teilnehmenden. Ästhetisch herausragend dabei sind die Piktogramm-Tafeln von Andreas Siekmann, die eine zeitintensive Betrachtung förmlich herausfordern, um ihren Sinn zu erfassen. Dass diese Schau trotz ihrer Fülle noch konsumierbar bleibt, ist wohl der klugen Werkauswahl zuzuschreiben, die mit einigen sehr reduzierten konkreten Arbeiten zwar dichte Informationen, aber zugleich auch eine optische Beruhigung anbieten. Hier lohnt es sich, einen längeren Besuch einzuplanen.

Ganz konträr dazu – aber nicht minder interessant – präsentiert sich die Ausstellung in der Galerie Christine König. Kurator Marius Babias setzte den Deutschen Thomas Kilpper räumlich vor Jimmie Durham, der im hinteren Bereich mit neuen Zeitungscollagen vertreten ist. Die kleinteiligen Arbeiten, in welchen der 1940 in Washington, Arkansas geborene Künstler, Schriftsteller und Aktivist sowie Mitglied des American Indian Movement private mit politischer Geschichte verbindet, wirken, obwohl erst jüngst entstanden, eigentümlich antiquiert. Sie geben so Zeugnis, dass unser Leben nicht nur von unserer eigenen Biografie gestaltet wird, sondern dass politische Entscheidungen, oft nur als mediale Schlagzeilen wahrgenommen, einen ebensolchen Einfluss darauf ausüben. Aus dieser Gleichung kann die sehr subtile Ableitung gezogen werden, sich selbst beiden Erfahrungspolen zu stellen und sie zu bedienen, möchte man nicht ein Spielball jener Mächte werden, die abseits unserer Privatsphäre bestimmend wirken. Thomas Kilpper bedient sich hingegen einer Methode, die sich ganz perfide sozusagen von hinten herum in die Köpfe der Kunsthistorikerinnen und -historiker schleicht. Er arbeitet nicht von Ungefähr mit dem uralten Medium des Holzschnittes, agiert bei der Fertigung desselben jedoch im XXX-L-Format. 1956 geboren, zeigt er in diesen Blättern Portraits, aber auch Momente, die zu visuellen Ikonen des politischen Widerstandes aber auch Terrors in Deutschland wurden. So finden sich beinahe einträchtig nebeneinander das Portrait von Rosa Luxemburg aber auch Holzschnitte nach Fotos, die vom Attentat auf Siegfried Buback im Jahr 1977 von Kilpper angefertigt wurden. Ungeachtet der grandiosen Idee, diese Schnitte in den Boden des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR einzuschneiden und dort im übertragenen Sinne Wunden zu hinterlassen, verweist diese Projektarbeit auch auf die Rolle der Medien – genauer gesagt der Printmedien – als deren Urväter jene Künstler gelten müssen, die Bilder aber vor allem auch Texte in Holz schnitten, um diese nach dem Abzug auf Papier unter möglichst viele Menschen zu bringen. Die Tatsache, dass Kilpper – einst schärfster Gegner des politischen Establishments in Deutschland – ausgerechnet durch seine Kunstproduktion und dessen Aufnahme im Kunstmarkt, wie hier bei Christine König wunderbar sichtbar, jetzt vom gesellschaftlichen Establishment absorbiert wird, ist an Ironie fast nicht mehr zu überbieten. Die Revolution hat ihre Kinder nicht gefressen, sondern weist sie heute als gesellschaftsfähig aus. Kilppers Kunstproduktion und ihre Vermarktung stehen exemplarisch dafür, dass es dem kapitalistisch ausgerichteten westlichen Gesellschaftssystem scheinbar ohne große Mühe in den letzten Jahrzehnten möglich war, revolutionäre Ideen einfach zu schlucken, zu verdauen und als kapitalismustaugliche Produkte wieder auszuspeien. Ein faszinierender Mechanismus, der sich in dieser Arbeit von Thomas Kilpper, systemkritisch betrachtet, im übertragenen Sinne zu einem bedrohlichen schwarzen gesellschaftlichen Loch verdichtet. Christine Königs Rolle in diesem Spiel ist mehr als zu bewundern, ja verlangt direkt nach erweiterter Betrachtung.

Während sich in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg gesellschaftliche Gegenbewegungen zu bereits etablierten Staats- und Lebensentwürfen formierten – bis hin zu terroristischen – zogen sich die Menschen im ehemaligen Ostblock weitestgehend ins Private zurück, so sie nicht aktive und bekennende Parteigänger waren. In der Galerie Krobath ist es dem Kurator Karel Císar gelungen, mit dem Werk von Dominik Lang (CZ) ein Zeitfenster zurück in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts aufzumachen. Damals waren es Künstler wie Jirí Lang – der Vater von Dominik – die ihre Kunstproduktion auf Themen ausrichteten, die sich als politisch völlig unverfänglich erwiesen. Nichts desto Trotz sind diese aus heutiger Sicht jedoch ein beredtes Beispiel des gesellschaftlichen Rückzugs in den privaten Raum, der auch vor den Kunstschaffenden nicht Halt machte und der zum großen Teil nicht freiwillig erfolgte. Die kleinen, aber umso beachtenswerteren Skulpturen von Jirí Lang (1927-1996) wurden von seinem Sohn unter dem Titel „The lovers“ gebündelt und auf eine eigens für den Raum Krobath ausgerichtete Ausstellungsarchitektur verbracht, die aus zwei sich gegenseitig tragenden, gebogenen Wänden besteht, was wiederum als schöne Metapher für die Arbeit der beiden Langs angesehen werden kann. Die des einen ist nicht denkbar ohne die des anderen. Dass sich hier aber auch urheberrechtliche Probleme ergeben, soll diese Symbolik nicht wirklich stören. Die zeitgeistige Präsentation ermöglicht eine völlige Neuinterpretation des Werkes, oder besser formuliert, einen unverkrampften Blick, der zwar einerseits die geschichtliche Dimension eines posthum gezeigten Werkes verdeutlicht, andererseits jedoch auch die kreative Leistung eben dieser neuen Präsentation von Dominik Lang deutlich macht. Kunst oder Leben – das übergeordnete Motto dieser Ausstellung bekommt hier aufgrund des historischen politischen Hintergrundes noch einmal eine ganz andere Dimension. Der Eingriff Langs in das Werk seines Vaters könnte aber genauso gut als Vatermord bezeichnet werden, vor allem dann, wenn man die Überlegung miteinbezieht, dass ein Kunstwerk ohne Zustimmung seiner Urheberin oder seines Urhebers nicht verändert werden darf. Von wem, so darf sich die Käuferschaft fragen, erwirbt sie denn hier eigentlich ein Werk und ist es möglich, Dominik konfliktfrei als evolutionäre nächsthöhere Stufe einer künstlerischen Entwicklung anzuerkennen? Eines künstlerischen Ausdrucks, der erst durch die Bearbeitung des Sohnes seine Vollendung findet? Was bewirkt die Präsentation und sind die gewählten Mittel der Präsentation tatsächlich adäquat? Nimmt das Publikum das Werk überhaupt erst wahr, wenn es nach gewissen ästhetischen Regeln angeordnet wird? Dominik Langs Werk „The lovers“ baut auf ästhetischen Momenten und deren Wirkung und strotzt dennoch vor Widersprüchen. Nicht nur das ästhetische Potential ist es aber, das diese Ausstellung so spannend macht, es sind auch die daran ankoppelnden Fragen, von denen es noch viel mehr als die angerissenen gibt. Getrost kann dieser Beitrag als einer der Höhepunkte der Ausstellungsserie gelten.
Felicitas Thun-Hohenstein setzte in der Galerie Charim Roberta Lima, gebürtig aus Brasilien, ins Rampenlicht. Die junge Architektin, die in Wien zusätzlich Kunst studierte, beeindruckt mit einer radikal feministischen Position, die auch vor dem schmerzhaften Einsatz ihres eigenen Körpers nicht Halt macht. Zusätzlich zu Videoarbeiten, die wie durch kleine Guckkästen bei der Betrachtung der Perfomances von Lima eine Art voyeuristischen Effekt hervorrufen, sind auch einige Skulpturen von ihr zu sehen. Dafür hat sie Kleidungsstücke, die für sie oder ihr nahestehenden Personen einen bestimmten emotionalen Wert besitzen, um lange Stangen gewickelt und anschließend mit Paraffin verschlossen. Diese könnten jederzeit – ohne die Kleidungsstücke darunter zu zerstören – wieder geöffnet werden, aufgeschnitten werden, um somit den Akt der Befreiung aus diesem Korsett wieder sichtbar zu machen. Sie stellt es den Menschen, die diese Skulpturen besitzen, frei, diese Aktionen durchzuführen und legt damit ein klares Bekenntnis ihres originären Kunstverständnisses ab. Die scheinbare Nähe zu den Wiener Aktionisten, auf die Lima schon bei der Aufnahmsprüfung an der Akademie hingewiesen wurde, ist nicht beabsichtigt. Es sind keine epigonenhafte Zitate, die in ihrer Arbeit Verwendung finden. „In meinem Land fühlte ich mich immer als freak“ erzählte die Künstlerin bei einem Interview mit Thun-Hohenstein auf der Vienna-art-fair. Erst als ich in Österreich war habe ich erkannt, dass ich kein freak bin, sondern Feministin. Und als man mich nach den Wiener Aktionisten fragte musste ich gestehen, dass ich keine Ahnung hatte wer das war und was sie gemacht hatten.“ Die Zusammenarbeit der Kuratorin mit der Künstlerin, die schon über eine längere Zeit verfolgt wird, hat nicht nur die öffentliche Vermittlung der Künstlerin zum Ziel. Bei dem bereits zitierten Gespräch wurde deutlich, dass sich der rege Gedankenaustausch der beiden Frauen auch unweigerlich im Werk Limas niederschlagen muss. Eine Entwicklung in der Kunst, die längst nicht nur in diesem Fall ihre Früchte trägt.

Eine zusätzliche, eigenständige, kreative Position verfolgt der Kurator Adam Carr in der Galerie Andreas Huber. 9 unterschiedliche künstlerische Positionen – teilweise beinahe schon unter der Wahrnehmungsschwelle – ließ er von einem pensionierten Wiener Kriminalisten untersuchen. Dabei notierte dieser, welche Ereignisse den Kunstwerken wohl zugrunde lagen und auch, wer ihre Urheber gewesen sein konnten. Hier drängt sich das Spiel mit der Kunst so in den Vordergrund, wird selbst zur Kunstaktion, dass die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler einen Schritt zurück machen, zumindest was die Einzelreflexion betrifft. Ein zu diskutierender Akt, der Kunst als Ausgangsmaterial zu einer eigenen Arbeit „degradiert“ – oder ist es vielmehr so, dass die Betrachtenden dabei erst recht tief in die Entstehungs- und Interpretationsgeschichte der Werke eintauchen können? Heiter und spannend allemal – wie wohl auch nicht ohne Reibungsverluste.

Fortsetzung folgt

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