Tiefsinnig, schwarz, grell und unterhaltsam. Was ist das? Eine zeitgenössische Oper, eine musikalische Revue, ein Drama mit Begleitung eines Ein-Mann-Orchesters? KZ.Imaginaire, das vom Bernhard-Ensemble im Off-Theater gezeigt wird, ist alles zugleich.

Schrill, mit viel Tempo aber auch Tiefgang, so präsentiert sich das Stück, das auf Molières „eingebildetem Kranken“ und dem realen Vorbild eines österreichischen Widerstandskämpfers fußt. Grischka Voss spielt darin die Hauptrolle des Hypochonders Erneste. Ernst Kurt Weigel, für Text und mit Voss gemeinsam für die Regie verantwortlich, verwendet in dem Stück sprechende Namen.  Autriche ist die Tochter von Erneste,  Allemagne – bzw. Allemannt, ihr Nazi-Bräutigam. Der Großvater, ehemaliger KZ-Häftling und Widerstandskämpfer, wird von Michael Welz in goldener Ganzkörperbemalung dargestellt. „Du“ wiederum ist der Name eines Flüchtlings, der unendliche Angst vor Wasser hat.

Zwischen den einzelnen Auftritten verwandeln sich die Darstellerinnen und Darsteller in Commedia dell`arte-Figuren, die mit deftigem Witz das Oben und Unten von zwischenmenschlichen Verhältnissen aufzeigen. Einer ist der Gegängelte, der andere der, der gängelt. Wie im richtigen Leben und ohne Happy End. Und das ist letztlich auch die Grundaussage des Abends. Dass jenes Bild, in dem sich alle zugleich anfangs als erhängte Figuren zeigen, eine Lebenshypothek für Erneste darstellt, wird erst später aufgelöst.

Grischka Voss und Michael Welz in KZ.Imaginaire (c) Bernhard Ensemble

Grischka Voss und Michael Welz in KZ.Imaginaire (c) Bernhard Ensemble

Die Hauptfigur des Abends, der Großvater, ist zwar ständig präsent, bleibt aber bis auf das finale grande sprachlos. Er, der seinen Enkelsohn nicht nur einschüchterte, sondern mit seinen vielen Toden, wöchentlich einer, auch amüsierte, bleibt ihm auch nach seinem Ableben als beständiger Begleiter erhalten. Um diese Last abzuschütteln, läuft Erneste von einer Therapie in die nächste, ohne nennenswerten Erfolg. „Die aufgestellte Familie hat nichts gebracht“ und „mit wie vielen Sesseln hab’ ich geschimpft!“, sind zwei Aussagen, die klar machen, dass er therapeutisch nichts unversucht gelassen hat, um mit seiner Vergangenheit besser umgehen zu können. „Ma Santé“, sein Leibtherapeut (Kajetan Dick), verpasst ihm eine Tanz- und Lachtherapie – „immer schön expressiv und nur nicht interpretieren!“, und nötigt ihn schließlich noch, auf Befehl zu defäkieren: „Wir scheißen jetzt die Wohlstandsfamilie heraus!“ Das Geld, es rinnt davon, der Erfolg bleibt aber sogar in der „Königsdisziplin aller Therapien“, der Psychoanalyse, aus.

Die Erzählungen, vor allem aber die Fotos aus der KZ-Zeit, die der Großvater eines Tages seinem Enkelsohn zeigte, lassen diesen nie mehr los. Suizidal erhängte Genossen in gestreiften Sträflingskleidern mit heruntergelassenen Hosen und einem erigierten Glied. „Mit den Bildern hat das KZ bei mir begonnen“, erklärt Erneste sein Trauma. Voss spielt unter einer mächtigen, schwarzen, barocken Lockenperücke in weißer, langer Unterhose, weißem Hemd und roten, spitzen Lackschuhen. Sie gibt einen wunderbaren, zeitgeistigen Molière-Verschnitt einer tragik-komischen Figur, die nichts lieber täte, als in diesem Leben glücklich zu werden. Stattdessen muss sie sich nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Tochter abplagen, die rein triebgesteuert, aber ohne große Intelligenz agiert. Rosa Braber, in einer Outfit-Mischung zwischen Punk und Dirndmädel angesiedelt (Kostüme und Bühne Julia Jasmin Rommel), gibt mit Ernst Kurt Weigel, versteckt hinter einer dicken Brille und in berohlichen Springerstiefeln staksend, ein wunderbares Möchte-gern-Nazi-Pärchen ab. Dass sie nicht einmal die „deutschliche Sprache“ beherrscht, wird ihr von ihrem Vater des Öfteren vorgeworfen. Erneste ist hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, politisch korrekt zu leben und dabei sein eigenes Glück nicht ganz zu vergessen. Die Aufnahme eines Flüchtlings aus Afrika (Viktor Yuri Correa Vivar), stellt sich im täglichen Zusammenleben als höchst schwierig heraus.

Der Text ist voll mit messerscharfen Bonmots, aber auch Reimen, die musikalisch verarbeitet wurden und Sprengkraft haben. „Alles wird gut und besser … nur das Grauen wird größer“, oder „Ich suche einen Ort, das ist unendlich schwer, ich will dich nicht, KZ.Imaginaire“, ist da zu hören. Der Höhepunkt, die Schilderung des tatsächlichen Ablebens des alten Mannes, dement im Krankenhaus, berührt und steckt zugleich voller Poesie. Erneste ist der einzige, zu dem er noch einen Zugang findet und auch der einzige, der seine Nöte lindern kann. Die schwarzen Raben, vor denen sich der Großvater fürchtet, deutet er als wunderbare, kommunistische Erlöser um, die nur Kapitalisten und Nazis ins Jenseits befördern. Damit erteilt er dem Alten eine Lebensabsolution. Möglich ist dies nur mehr in jenem Zustand, in welchem dem verwirrten Geist der Wunsch zur Realität wird.

Die Musik, prägender Bestandteil der Inszenierung, stammt von KMET, die dieser selbst live produziert. Harter Rock, Protestsongs, Klangfarben der zweiten Wiener Schule, ein paar Takte Wagner, ein paar Takte Internationale, aber auch ein bitterböses, schwarzes Wienerlied kommen dabei zum Einsatz.

„Schicksal ist das, was man erschafft“, ist die Conclusio, die Erneste aus seinem Leben zieht. Das einzige, das vielleicht noch helfen kann, wenn man im Schlauchboot ohne Luft langsam im Lebensmeer zu ertrinken droht, ist ein guter Wein. Und das dazu passende Wienerlied. Ernst Kurt Weigel und sein Team schufen mit der Collage von KZ.Imaginaire eine bitterböse Satire auf unsere Wohlstandsgesellschaft, die vor lauter Introspektion und Aufarbeitungswahn darauf vergisst, sich dem Elend unserer Tage zu stellen. „Ich kam nach Europa, um euch von eurem KZ zu befreien, aber keiner mag mich!“, sagt dazu an einer Stelle der Refugee.

Unsere Conclusio: Freunde zusammentrommeln und ins Off-Theater marschieren. Ein praller Theaterabend mit viel Kommunikationspotential ist garantiert. Höchst empfehlenswert.

Weitere Infos auf der Website des Off-Theater

Pin It on Pinterest