Vereint in Leid und Schmerz

Bachs Johannespassion in der Choreografie von Laurent Chétouane im Tanzquartier Wien

Was bleibt, was bleibt? Wo ist das Menschliche? Wo ist das Göttliche? Kann Musik und Tanz berühren, zurück führen zu einem Geschehen, das vor zweitausend Jahren der Ausgangspunkt einer neuen Religion darstellte? Kann die Johannespassion von Johann Sebastian Bach von ihrem barocken Impetus entkernt werden und dennoch die Herzen rühren?

Wer kennt sie nicht, jene Chöre, die in der Johannespassion von Bach den Schlusspunkt markieren: „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“ und „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“. Ohrwürmer, die normalerweise mit perfekten Stimmen und perfekter Instrumentierung die Hörenden aus dem Geschehen entlassen. Hinaus in eine durch die Musik befriedete, geglättete Harmonie, die der Beruhigung der Gemüter dient und das zuvor Vermittelte seines Grauens beraubt.

Laurent Chétouane, der in der Presse als „umstrittener Choreograf“ gehandelt wird, eine Festlegung, die gerne auch für volle Häuser sorgt, choreografierte die musikalische Passion von Jesus Christus mit den Tänzerinnen und Tänzern Lisa Densem, Mikael Marklund, Sigal Zouk, Nitsan Margaliot und Senem Gökçe Oğultekin. Letztere agiert darin jedoch vorrangig als Sängerin und bestreitet nicht nur einzelne Soli, sondern vor allem auch die Rezitative. Jenen Sprechgesang, der die Handlung erklärbar macht, aber von den meisten Menschen als störende Einschübe zwischen Bachs wunderbaren Chorälen, Chören und Arien wahrgenommen wird. Den Ablauf von Christi Passion kennt man ja und viele würden diesen Part gerne aus der Aufführung ganz streichen.

Die Rezitative stehen plötzlich im Mittelpunkt

In dieser Inszenierung jedoch, die im Herbst vergangenen Jahres ihre Uraufführung in Hamburg erlebte, sind es nicht zuletzt gerade diese Rezitative, die das Publikum fesseln, betroffen machen und in das Geschehen sogar mit einbeziehen. Dabei schreiten die Tanzenden und Singenden häufig auf das Publikum zu, nimmt Oğultekin immer und immer wieder intensiven Blickkontakt mit den Menschen in den Sitzreihen auf und kreiert so eine Stimmung, in der schließlich die Musik als willkommene Ablenkung zum grausigen und blutrünstigen Geschehen wahrgenommen wird, das kaum auszuhalten ist. „Habt ihr verstanden, was ich euch erzähle?“ ist die Metabotschaft ihrer Bühnenpräsenz. Mit traurigem Blick und hängenden Schultern, dabei aber völlig unaufgeregt, erzählt sie die Vorkommnisse der letzten Tage von Jesus. Dabei changiert das aufkommende Gefühl zwischen Betroffenheit aber auch Schuld. Schuld, die aus der Passivität resultiert, in der das Publikum gefangen bleibt. Ob sich die Zuhörerinnen und Zuhörer dabei als Juden, Anhänger Jesu oder Römerinnen und Römer verstehen, bleibt dahingestellt. Die Bühne beherbergt nicht mehr als braune Stühle, eine kleine Orgel und einen Tisch. Die Tänzerinnen und Tänzer tragen bequeme, unspektakuläre Outfits. Die Musikerinnen und Musiker scheinen sich in ihrem Alltagsgewand eingefunden zu haben. Spektakulär geht anders.

Chétouane lässt seine Passion mit dem Tod Jesu beginnen. Mit „Zerfließe, mein Herz“, eigentlich Arie Nr. 35, in welcher der Text „Dein Jesus ist tot“ vorkommt, beginnt der Abend. Nach zwei Rezitativen und den zuvor schon beschriebenen Chorälen geht das Licht aus. Bleibt nichts als Stille. Als es wieder hell wird, herrscht Ratlosigkeit. Was nun? Was ist geschehen? Wo bleibt der Trost? Der Choreograf bietet diesen nicht an. Die Instrumente geben Geräusche von sich, unrhythmisiert, unmelodisch. Das körperlich spürbare Bedeutungsvakuum löst sich nur langsam auf. Schrittkombinationen werden hörbar, die Flöte beginnt eine kleine Melodie zu spielen und unmerklich schaukelt sich Musik und Tanz hoch, um schließlich im Chor „Herr, unser Herrscher“, dem ursprünglichen Beginn und Eingangschor der Passion zu münden.

Eine musikalische Leistung der Sonderklasse

Das Solistenensemble Kaleidoskop, das mit einer kleinen Abordnung (Kontrabass, Cello, zwei Violinen und einer Bratsche, Flöte und einem kleinen Orgelpositiv) die Musik interpretiert, schafft mit seiner Transkription das Unglaubliche. Bach bleibt Bach, auch wenn es einige Stellen gibt, die nur mehr kleine Klangfitzelchen anbieten. Tilman Kanitz, der Cellist, kommt – wie alle anderen auch – stimmlich zum Einsatz. Dabei vermittelt er nur brummend, unverständlich und zugleich tief berührend einen Teil des Foltergeschehen. Ein Höhepunkt des Abends, radikal in seiner Idee, aber auch radikal im Brückenschlag hin zum Publikum. Die Stimme von Kanitz kann nicht einmal andeutungsweise die von ihm verlangte Melodie interpretieren, gerade aber diese Brüchigkeit und Unvollkommenheit stellt das Menschliche extrem in den Vordergrund. Seine Kolleginnen und Kollegen sind durchgehend mit mehr Stimmkraft ausgestattet, der oder die eine mehr oder weniger. So fehlt es der Interpretation, auch aufgrund des so kleinen Instrumentalapparates, an jenem Volumen und jener Perfektion, welche die Johannespassion sonst als Kunst-Werk erlebbar macht. Dies war bislang auch in den Inszenierungen von John Neumeier und Peter Sellars der Fall. Auch wenn es sich dabei um die wesentlich opulenter instrumentierte Matthäuspassion handelte. Aber auch Christoph Hagel, der vor zwei Jahren im Berliner Dom die Johannespassion getanzt aufführen ließ, sparte nicht mit musikalischer Opulenz. Und auch die Aufführung, die Wien im vergangenen Jahr im Muth erlebte, hielt so getreu wie möglich, allerdings mit Kürzungen, an der Bach´schen Partitur fest.

In der neuen Arbeit des französisch-deutschen Choreografen folgten die Tänzerinnen und Tänzer offensichtlich ihren eigenen Bewegungsabläufen. Sie wiederholen zarte Gesten und Schrittkombinationen oft und bleiben dabei über lange Strecken einsam. Immer dann jedoch, wenn es darum geht, Leid und Schmerz auszudrücken, agieren sie gemeinsam. Bilden kleine Ketten, oder zumindest Zweierformationen, und helfen einander. Sie streicheln sich zart über die Arme oder den Kopf, richten jene auf, die in Schmerz am Boden verharren. Sie treten nahe an Oğultekin heran, schauen ungläubig ob des von ihr erzählten Grauens und der Gewalt und helfen auch ihr, ihre Gefühle in der Gruppe auszuleben und damit umgehen zu können.

Die Brüchigkeit der Stimmen

Das Solo von Kanitz bleibt nicht die einzige verfremdete musikalische Stelle. Auch der Choral „In meines Herzens Grunde“ erlebt eine ätherisch schöne Neuinterpretation. Beinahe dem Metrum enthoben und verzerrt wiedergegeben, macht er deutlich, was an Bachs Musik so dermaßen berührt. Ohne dabei Bach tatsächlich eins zu eins wiederzugeben. Die Idee dahinter und die Ausführung gipfeln hier in einem unglaublichen Niveau, das man atemberaubend nennen darf.

Nichts an dieser Inszenierung kann man als „umstritten“ bezeichnen. Vielmehr muss man den Hut ziehen vor einer kreativen künstlerischen Leistung, die historisches Geschehen und historische Musik völlig neu erlebbar machen. Die Entkernung von Bachs Johannespassion, rückt das Geschehen so stark in den Fokus, dass das Publikum dabei richtiggehend herausgefordert wird. Die emotionale Ansprache, aber auch die Länge des Abends dürften für einige zu starker Tobak gewesen sein. So lichteten sich die Reihen gegen Schluss etwas. Die Idee, das Ende an den Anfang zu stellen und die streichelweichen Schlusschöre in den Mittelteil zu verpflanzen, ergeben ein neues emotionales Erlebnis von Bachs Johannespassion.

Dass die Aufführung in Wien wenige Tage nach den Massakern in Paris stattfand, gab ihr einen zusätzlichen Bedeutungsschub. Die Religionen bleiben in dieser Interpretation, in der die Kernaussage des Christentums, die Auferstehung, nicht behandelt wird, austauschbar. Wer letztlich welcher Ideologie zum Opfer fällt, ist zweitrangig. Immer sind es Menschen aus Fleisch und Blut, die leiden. Und immer sind es Menschen, die den Tod fordern, ausführen oder auch nur zulassen. Die dahinterstehende Machtkomponente darf nie übersehen werden. Die Solidaritätskundgebung in Paris zeigte in großem Stil, was auch auf der Bühne, diesem subrealen Raum, deutlich wurde. Leid und Schmerz sind die einzigen Motivatoren, so man dieses Wort hier verwenden kann, die Menschen dazu bringen, zusammen zu stehen und sich gegenseitig zu helfen. Wie immer toppt das Leben die Kunst, aber es ist der Kunst vorbehalten, in brillanten Aufführungen dennoch Trost und Erklärungsmodelle anzubieten.

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