Gemeinsam sind wir stärker

Kooperieren statt resignieren. So könnte man die Idee des Intendanten Bernhard Günther von Wien Modern in aller Kürze zusammenfassen. Die finanzielle Ausstattung, die in diesem Jahr gekürzt wurde, zwang ihn dazu, sich neue Kanäle auszudenken, um dennoch ein vielfältiges Festival anzubieten.

Ein Festival im Festival

Das Festival Comprovise, eine Veranstaltungsreihe für komponierte und improvisierte Musik, die von der IGNM, der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, mitveranstaltet wurde, fand im Brick5 in der Fünfhausgasse im 15. Bezirk statt und lockte nicht nur heimische Künstlerinnen und Künstler an. Es war eine der vielen Kooperationen, die Wien Modern auf die Beine stellte. Mit dem Auftritt der Gruppe „Les femmes savantes“ präsentierte sich ein Berliner Ensemble aus vier Musikerinnen, die ebensoviele Eigenkompositionen aufführten.

Vier unterschiedliche Kompositionen

Das Spektrum dabei reichte von der breit angelegten, höchst farbigen Komposition „Octopus Weaving 2“ bis hin zu der eher experimentellen Arbeit von Ute Wassermann „ InPutOut“ für 4 Performerinnen mit Vokal-Feedback-
Anzug. In letzterer schnallten sich die Musikerinnen metallene Brustpanzer um und agierten mit je zwei Mikrophonen gleichzeitig. Eines für ihre Stimme und das andere, um damit direkt über die Platten zu fahren oder im geringen Abstand vom Metall Geräusche zu erzeugen. Das so erzeugte Soundbild war, wenig überraschend, metallen, wobei aber auch den Stimmen eine tragende Rolle zugestanden wurde. Jammernd, summend, gurgelnd, schnarrend und bedrohlich war dabei vor allem Ute Wasssermann, die Komponistin selbst, zu hören. Sie fiel auch bei zwei weiteren Kompositionen auf, weil sie sich als Meisterin erwies, mit eine Mikrofon vielfältigste stimmliche Geräusche zu produzieren.

Trashig-Symphonisches von einem Kollektiv

Ein Highlight im trashig-symphonischen Kurzformat präsentierten „die weisen Frauen“ gleich zu Beginn. „Octopus weaving 2“ stammte aus der Gedanken- und Kreativwerkstatt von allen Ensemblemitgliedern. Sabine Ercklentz, Andrea Neumann, Ana Maria Rodriguez und Ute Wassermann gelang damit ein wunderbares Stimmungsbild, das an den Gang durch eine Fantasielandschaft erinnert.

Wald, Gestrüpp, Wind und Wolken treffen dort auf allerlei sonderbares Getier und andere Lebewesen ober und unter Wasser. Beständiges Tropfen, Vogelgezwitscher, Stimmengeblubber – diese romantischen und zugleich aberwitzig-tiefgründigen Sounds werden bald abgelöst von einem extremen Geräuschpegel. Tapfer und unbeirrbar windet sich eine zarte Trompete durch die Klangballung. Hält der geräuschvollen Übermacht eine einzelne, erkennbare Klangposition entgegen. Abgelöst wird sie von Vogelgezwitscher, aus dem sich eine Stimme schält, die bald vom Wind der unerschrockenen Trompete zart umspielt wird. Leises Knarzen, rhythmisches Wischen und Wassertropfen, die beständig mit leichtem Hall zu vernehmen sind, gehen in ein hohes Pfeifen über. Nach einer erneuten, kräftigen Soundballung, aus der die unterschiedlichen Geräuschkomponenten nicht mehr  herauszuhören sind, entwickelt sich wieder ein höchst organischer Gegenentwurf. Das schon einmal in Erscheinung getretene, seltsame Unterwassergeschöpf taucht blubbernd auditiv wieder auf, verschluckt sich, brabbelt wie ein überdimensionaler Frosch oder vielleicht doch ein Oktopus, der schließlich in einen eindeutigen Sprach-Rhythmus verfällt, um endlich durch eine kleine Pizzicato-Melodie abgelöst zu werden. Ute Wassermann – nomen ist offenbar omen – steuerte neben anderen Klängen gekonnt den stimmlichen Unterwasser-Part bei.

Die bei dieser Komposition angewandte Technik, in der sich ein Kollektiv um ein großes Ganzes kümmert, ist in der Literatur, gerade im dramatischen Bereich, bereits bekannt. In der Musik hat sie sich noch nicht wirklich durchgesetzt. Was „les femmes savantes“ hier vorgelegt haben, ist deswegen umso bemerkenswerter.

Harmondämpfer sind nicht nur für Blasinstrumente zu gebrauchen

Von Ana Maria Rodriguez stammte „Silver4“ in welchem die Musikerinnen, nur mit Harmondämpfern und Holzstäbchen ausgestattet und von Live-Elektronik begleitet, die Klangmöglichkeiten dieses Zubehörs für Blasinstrumente, ganz abseits ihres herkömmlichen Einsatzes, ausloteten. Durch unregelmäßige Atemstöße und leise vernehmbare Sirenentöne wurde ein subkutan bedrohliches Szenario geschaffen, das viele Assoziationsmöglichkeiten offen ließ.

Dada ist back – und wie!

„4 Akteure“ nennt sich schlicht eine höchst humorvolle Performance an der Schnittstelle zwischen darstellender Kunst und Musik. Andrea Neumann schuf damit eine wunderbares Stück mit Dada-Verwandtschaft, in welcher die Musikerinnen als Schauspielerinnen auftreten. Nebeneinander sitzend, bewegten sie sich minimalistisch, wie Robotergeschöpfe, zu eingespielten Geräuschen auf die jeweilige Sekunde genau. Jedes Fingerheben, jedes Schulterzucken, jedes Kratzen am Arm oder Reiben am Schenkel fand sich in einem entsprechenden Sound wieder. Dass Finger singen und Arme trompeten können, dass sich das Aufrichten eines Torsos wie Löwengebrüll anhört und sich ein Kopfnicken knisternd manifestieren kann wurde dabei nicht nur hör- sondern vor allem auch sichtbar.  Was den Ausspruch bekräftigt, dass man zeitgenössische Musik vor allem auch dann genießen kann, wenn man bei ihrer Produktion zusehen kann.

Homepage von „les femmes savantes“

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