Liebe, Lust und Leidenschaft – mit diesen Substantiven versuchen Theater häufig ihr Publikum in Inszenierungen zu locken. Damit könnte man glatt auch für Ishvara werben, einer als „Pop-Oper“ titulierten Inszenierung. Wäre da nicht noch ein Element, das sich als Werbeträger eher weniger eignet: Die Zerstörung.

Ein neuer Shootingstar aus China

Der chinesische Künstler Tianzhuo Chen, der das zweieinhalb-Stunden-Spektakel in der Halle E im Museumsquartier auf die Bühne brachte, gilt als neue Theaterentdeckung. Für die Arbeit an „Ishvara“ – einer alternativen Bezeichnung des Gottes Shiva – ließ er sich von der Ghagavad Gilta inspirieren, einem in Sanskrit verfassten religiösen Epos. Bislang trat Tianzhuo Chen, der in London studierte und in Peking lebt, als bildender Künstler auf, der medienübergreifend arbeitet. Seine „Pop-Oper“ hingegen ist ganz dem Musiktheater verpflichtet, auch wenn die Protagonisten und Protagonistinnen darin – bis auf eine kleine Ausnahme – nicht singen.

Monologe ohne Simultanübersetzung

Für westliches Publikum gibt es dabei eine kleine Tücke. In zwei Szenen kommt eine junge Frau vor den Vorhang, um jeweils einen längeren Monolog zu halten. Dieser wird jedoch nicht visualisiert, weder in chinesischen Schriftzeichen, noch wird er simultan in einer deutschen Übertitelung dargeboten. So ist man auf jene Übersetzung angewiesen, welche dem Publikum von den Saalbetreuerinnen und – betreuern vor Vorstellungsbeginn ausgehändigt wird. Es sind zwei eng bedruckte Seiten, die viele – aufgrund von Zeitmangel – vor der Vorstellung aber nicht mehr lesen können. Und so bleiben viele unkundig, was den Inhalt betrifft. Zum einen werden darin Träume einer jungen Frau wiedergegeben, in welchen die eigene, körperliche Zerstörung beschrieben wird. Zum anderen erzählt die Schauspielerin von der Mehrfachtötung ihres Mannes, der ihr immer- und immer wieder in ihrem Leben erscheint und sie in Panik versetzt.

Sieben Szenen mit sieben Vorhängen

Das Fehlen dieser Informationen beeinträchtigt jedoch nicht die – zugegeben – etwas schwierige Nachvollziehbarkeit des Geschehens in seinen insgesamt sieben Szenen, die alle durch Vorhänge voneinander getrennt sind. Die darin auftretenden Hauptfiguren – eine junge Frau, ein Mann und ein alter Weiser – stehen dabei im Mittelpunkt, durchleben dabei Geschehnisse, die zwar von ihrem Ablauf her zum Teil unscharf aufgebaut sind, aber deren Klimax zumindest nachvollzogen werden kann. Sie werden von vielen Nebenfiguren begleitet, die sowohl als Masse als auch teilweise als Einzelpersonen mit Soloauftritten agieren.

Ishvara – Foto: Zhang Yan

Bildgewalten ersetzen eine leicht fassbare Handlung

Tianzhuo Chen scheint es nicht darum zu gehen, dramaturgisch nachvollziehbar zu arbeiten. Vielmehr strahlen seine einzelnen Szenen unterschiedliche emotionale, aber auch ästhetische Qualitäten aus, die mehr oder weniger nachhaltig ins Bewusstsein sickern und dort bleiben. Die verwendete, zum Großteil elektronische Musik und der Einsatz einer Satsmuma Biwa, eines traditionellen, japanischen Saitenistrumentes, liefert dazu in vielen Fällen ein musikalisch-emotionales Gerüst. Dieses ergänzt die Bilder der Gestalten, die in ihren farbenprächtigen Kostümen oder barbusig, mit bemalten Oberkörpern, gestisch agieren oder tanzen. Dabei sind Butoh-Anklänge genauso zu erkennen wie Rock- oder Jife-Bewegungen eines Paares, das in schwarz-weißen Kostümen einem Vergnügungslokal aus Spanien entsprungen zu sein scheint.

Gestriges und Heutiges vermischt sich

Nach und nach vermischt sich traditionelles und zeitgenössisches Gehabe, aber auch die Ausstattung selbst. Wähnte man sich zu Beginn noch in einer historischen, indischen Kunstlandschaft, sprengt der Regisseur dieses Zeitkonstrukt spätestens in jener Szene, in welcher eine große, aufgeblasene, weibliche Puppe beinahe den kompletten Bühnenraum einnimmt. Nicht umsonst wird auch immer wieder in den Arbeiten des Künstlers auf die Animations-Serie „South Park“ verwiesen, die hier ästhetisch zu bemerken ist. In dieser Szene hat das Geschehen, das sich zu Beginn so langsam entwickelte, dass einige Leute aus dem Publikum nach dem dritten, vierten und fünften Aufzug den Saal vorzeitig verließen, richtig Fahrt aufgenommen.

Darin liebkost ein blonder, beleibter Mann mittleren Alters – der in der ersten Szene noch im Kimono aufgetreten war – das aufgeblasene, weibliche Ungetüm so lange, bis er diesem überdrüssig, in den Zerstörungsmodus wechselt. Die nun gezeigte Tötungsszene mit einem Messer geht, auch wenn das Opfer eine Stoffpuppe ist, unter die Haut. Die Seele der Frau entweicht nicht, wie es in Europa auf mittelalterlichen Darstellungen wiedergegeben wird, aus deren Mund. Vielmehr krabbelt ein junges Mädchen in Fleisch und Blut aus der zerschnittenen Vagina – unter Gelächter des Publikums. Sie wird mit ihrem Mörder später ein zärtliches Liebesduett singen – auf Englisch – um abermals für Erheiterung im Saal zu sorgen.

Ishvara – Foto: Zhang Yan

Eine wilde Mischung aus Religionen und Kulturen

Während des Abends gibt es zahlreiche Verweise auf unterschiedliche Religionen – wie ein zentral angebrachtes Kreuz aus roten Neonlampen, unter dem sich immer wieder Staffage-Figuren einfinden, die an christliche Überlieferungen erinnern.  Eine sitzende, indische Gottheit, die während des gesamten Geschehens am rechten Bühnenrand ausharrt, bildet ein adäquates Pendant. In dieser Inszenierung existieren die Religionen friedlich nebeneinander, allein die Menschen, die die Bühne bevölkern, agieren vielfach aggressiv. Sie zerschneiden ein Opfer bei lebendigem Leib, ohne dass echtes Blut fließt, oder kopulieren nach ekstatischen Tänzen scheinbar wahllos miteinander. Sie rotten sich zusammen, oder kämpfen gegeneinander. Sie tun das, was Menschen rund um den Erdball tun. Nur einer von ihnen erlebt dabei auch sichtbar eine Läuterung.

Der Puppenmörder wird vom alten Weisen niedergerungen und erkennt danach offenkundig erst, was er angerichtet hat. Den absoluten Dreh erhält das Geschehen aber schließlich in seiner letzten Szene. Nachdem der letzte Vorhang sich hebt, ist das selbe Bühnenbild wie zu Beginn zu sehen, sind die einzelnen Figuren darauf gleich angeordnet. Es ist ein Flashback, eine Rolle rückwärts, von der sich aus alles noch einmal andenken lässt. Der ewige Kreislauf des Lebens – er scheint hier von Neuem zu beginnen.

„Ishvara“ gibt den Zeitgeist einer jungen Generation wieder, für die Globalisierung mehr ist als nur ungehemmter Kapitalfluss und Konsum. Ihr ist es möglich, sich aus dem Krämerladen des zeitgeistigen Weltgeschehens ungehemmt jene Versatzstücke zu nehmen, die in das jeweilige, individuelle Lebenskonzept passen: Egal welche Religion, egal, welche Musik und damit gleichgesetzt welche Kultur, egal welche sexuellen Orientierungen –  anything goes. Ob das Unmenschliche, das darin eingeschlossen ist, schließlich geahndet wird, wer weiß!

Letzte Vorstellung ist am 15. Mai, bevor Ishvara nach Hamburg weiter wandert.

 

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