Tempo, Tempo, Tempo

Liebe und Information von Caryl Churchill in der Regie von Esther Muschol am Max Reinhardt Seminar

Über 40 Szenen, über 80 Rollen und das alles in 110 Minuten. Allein diese Zahlen machen deutlich, wie rasant es in „Liebe und Information“ der britischen Autorin Caryl Churchill (*1938) geht. Das 2012 verfasste Stück, das in London seine Uraufführung erlebte und danach in N.Y. auf die Bühne gelangte, ist nichts für Schlaftabletten. Weder im Publikum noch im Ensemble. Allein die Kostümwechsel sind schon eine Herausforderung für sich, ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Rollen, in die die Schauspielerinnen und Schauspieler beinahe im 5-Minuten-Tankt wechseln müssen.

Eine gigantische Aufgabe für Profis, eine noch größere für den schauspielerischen Nachwuchs. Ricarda Bistram, Josephine Bloéb, Michaela Pircher, Johanna Prosl, Michael Köhler, Luka Vlatkovic, Marvin Weiß und Meo Wulf – alle Studierende am Max Reinhardt Seminar – zeigten in der österreichischen Uraufführung, dass dies möglich ist. Unter der Gastregie der ehemaligen Max-Reinhardt-Absolventin Esther Muschol spielten die vier jungen Frauen und vier jungen Männer Charaktere in unterschiedlichen Situationen, unterschiedlichen Altersklassen und aus unterschiedlichen sozialen Schichten und das mit Tempo, Tempo, Tempo. Da fällt ein Punk, noch nicht trocken hinter den Ohren, ganz nach alter Schule auf die Knie, um seiner Liebsten einen Heiratsantrag zu machen, wobei er sich auf Gottes Stimme beruft. Menschen in einem Büro sehen betreten weg, als einer ihrer Kollegen per Email gefeuert wird und daraufhin seine Chefin zur Rede stellt. Ein wohlbeleibter Koch tritt bei einer Fernsehshow auf, um in Plattdeutsch seine Kreationen anzukündigen. Ein Pärchen im Trachtenoutfit versucht Chinesisch zu lernen und scheitert an der multicausalen Auslegung eines Satzes, der nur aus Subjekten aufgebaut ist. Und, und, und. Es sind Szenen, die untereinander keinen Zusammenhang aufweisen, außer einen: In beinahe jeder dieser Szenerien wird deutlich, dass es mit Sprache so gut wie nie gelingt, sich adäquat seinem Gegenüber mitzuteilen. Das in der Kommunikationstheorie bekannte Sender-Empfänger-Problem wird in Churchills Stück par excellence vorgeführt. Ein Thema, das derzeit auch am Schauspielhaus Wien im Stück von Bastian Sistig mit dem Titel „Was es bedeutet baden zu gehen“, durchexerziert wird.

Sprache kann weniger, als man glaubt

Zwei Schlüsselszenen versuchen metaphernhaft klar zu machen, wie sich die durch Sprache hervorgerufenen Missverständnisse anfühlen aber auch, wozu sie führen können. Da wird zum einen die Geschichte eines Mädchens erzählt, das keine Angst kannte. Alle Erklärungen, welche Symptome durch Angst ausgelöst werden, prallten an ihr ab und führten letztlich zur dramatischsten aller Wendungen – sie wurde von einem Löwen gefressen. Zum anderen erklärt ein junger Mann seinem Freund, dass er keinen physischen Schmerz kennt. Er bittet seinen Kumpel, ihm klarzumachen, wie sich eine körperliche Qual anfühlt. Vergeblich. „Das ist wie unglücklich sein, aber im Bein“ ist alles, was er nach der Erklärung für sich als Conclusio bestimmt. Worte, so lehrt Churchill, können weder physische noch psychische Erfahrungen ersetzen. So nah ihre Paare sich auch kommen, in keinem der Fälle gelingt es ihnen jenen Spalt zu überbrücken, der zwei einzelne Subjekte – wie es der Strukturalismus gebetsmühlenartig vorexerziert – voneinander trennt. Auch wenn sich ein Happy-End abzeichnet – wie im Fall des Kellners, der seinem weiblichen Gast in vielerlei Sprachen das Wort „Tisch“ dekliniert, bis sie vor ihm hinschmilzt und er sie nach Hause tragen darf – ist klar, dass beide dennoch „eine andere Sprache“ sprechen.

Die spannende und kluge Ausstattung von Agnes Hamvas macht es möglich, dass sich die Szenenwechsel innerhalb von Sekunden abspielen. Sie schuf im Theaterraum einen zweiten, in welchem das Publikum im Carré sitzt und in dessen Mitte sich zu Beginn eine geschlossene Box aus Kartons befindet. Das, was sich darin abspielt, kann zuerst nur über den verspiegelten Plafond wahrgenommen werden. Ein schlafendes Ensemble, einer schnarcht laut. Nach dem Erwachen ein gemeinsamer, Wohlklingchor unter einem Augenschmaus an schwarz-weiß-roten Regenschirmen. Noch ist die Welt in Ordnung, noch hat keiner von ihnen gesprochen. Erst nach und nach schneidet sich das Ensemble mit Stanley-Messern durch den geschlossenen Raum, um diesen zu den Zusehenden hin zu öffnen und das Spiel um Liebe und Sprachverwirrung ins Rollen zu bringen. Rupi Derchmidt, für die Musik zuständig, schuf ein facettenreiches Klanggebäude, das von Vogelgezwitscher über Musikeinlagen bis hin zu Donnergrollen und Regengeprassel alles parat hielt, was die einzelnen Situationen auditiv erklären half. Meo Wulf als köstliche Federviehimitation bringt nicht nur das Publikum dazu schallend zu lachen. Das Gefühl, das ihm entgegenschlägt, die Sympathie hängt nicht alleine an der absurden Einlage, sondern vor allem an seiner Nonverbalität. Das weiße Schwanenhuhn Sokrates springt hocherfreut seinen Besitzer in die Arme, als er ihn nach wenigen Suchminuten endlich auf der Bühne entdeckt, wo er die Zusehenden so trefflich unterhielt. Die Welt zwischen Tier und Mensch, dort wo sie liebend aufeinandertreffen, ist eine Heile. Kein Wort, das stört, keine falschen Sender- und Empfängersignale.

Über Liebe muss man nachdenken

Eine Frau gibt ihrem Freund wie aus der Pistole geschossen jede noch so erdenklich schwierige Antwort auf Quizfragen – aber die Frage, ob sie ihn denn liebe, kann sie erst nach einer geraumen Zeit beantworten. „Mit Lieb bin ich umfangen“ – diesem Volkslied, nun schon 500 Jahre alt, wird das Spiel um Liebe, Kommunikation und Information eröffnet. Mit dem Song „Weißes Papier“ von Sven Regner und seiner Band „Elements of crime“ verabschiedet sich die Truppe. „Ich werd nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier“ heißt es darin und führt damit den kleinsten gemeinsamen Nenner aller liebenden Menschen auf. Wieder ist es Musik, die vereint, die keine Widerrede und keine Missverständnisse hervorruft. Ein schöner Regiegedanke.

Churchills Text ist wie geschaffen für das Max Reinhardt Seminar und Esther Muschol macht es den Jungen möglich, ihre gesamte künstlerische Bandbreite an nur einem Abend zu zeigen.

Links:
Esther Muschol bei Google
Webseite Max Reinhardt Seminar

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