Lost and found – eine gemischte Kost

Im Volkstheater prallen in „Lost and found“ von Yael Ronen unterschiedliche Lebenswelten aufeinander. Der Plot basiert auf einer wahren, dramatischen Geschichte, die Ronen in eine lockere, flapsige Komödie einbettete.

Es ist nach Hakoah-Wien die zweite Arbeit der österreichisch-israelischen Autorin, die in dieser Saison im Volkstheater aufgeführt wird. Zu Beginn stehen fünf junge Leute auf der Bühne und erzählen von ihren Verlusten. Angefangen von Sonnenbrillen, über Akne bis hin zu einer großen Liebe, dem Traum von Familie und den Eltern. Alle haben zu dem Thema ausgiebigst etwas beizutragen. Tal Shacham schuf dafür ein flexibles Bühnenbild aus übereinander gestapelten Umzugskartons. Darauf wird das Ensemble zu Beginn in schwarz-weißen Großaufnahmen projiziert. Es sind Verluste, die jeder kennt. Verluste, die manches Mal mehr, manches Mal weniger schmerzen.

Ein wenig später rückt die Schachtelwand in den Bühnenhintergrund und macht Platz für den Raum in einer Wohnung, die offenkundig gerade aufgelöst wird. Die Geschwister Maryam (Birgit Stöger als überdrehte und überarbeitete Endvierzigerin) und Elias Sabry (Sebastian Klein als weltfremder und cholerischer Sing-a-Song-Writer) sind in der Wohnung ihres verstorbenen Vaters zusammengekommen, um dessen Begräbnis vorzubereiten. Was sich beinahe alltäglich anhört, ist es aber ganz und gar nicht. Denn der Bruder des Vaters lässt fernmündlich ausrichten, dass es schon ein Begräbnis nach muslimischen Ritus sein müsste. Obwohl der Verstorbene Moslem, aber nicht religiös war, stimmen die beiden diesem Vorschlag zu, da er die kostengünstigste Variante einer Bestattung darstellt. Dass dafür die Tochter als Unverheiratete eigentlich gar nicht mit auf den Friedhof darf, ist zwar emanzipatorisch gesehen für Maryam eine Herausforderung. Unter der Voraussetzung aber, dass sie nicht in Ohnmacht fallen wird und von fremden Männern wieder auf die Beine gestellt werden muss, lässt sich dies dann doch arrangieren.

„Lost and Found“ (Fotorechte: www.lupispuma.com / Volkstheater)

Der winzige Einblick in eine Parallelwelt, die es in Österreich sehr wohl gibt, ist nur ein kleiner Auftakt für Kommendes. Denn während die Trauergesellschaft, zu der auch der Vater von Maryams Sohn, ein schwuler Freund und die Ex-Freundin von Elias gehören, bei Take-away-Nudeln inmitten von Schachtelchaos beisammensitzt, kündigt sich unerwarteter Besuch an. Yousef, ein Cousin der Sabrys, ist nach seiner Flucht aus dem Irak in Wien gelandet und muss laut fernmündlichem Onkel-Befehl nun abgeholt werden.

Das Geschehen, das sich bis hierhin vor allem aufgrund von sehr flachen Witzen etwas zäh voran schleppte, bekommt hier einen anderen Dreh. Denn auf der ansonsten verdunkelten Bühne ist nun Yousef im Scheinwerfer zu sehen. Sitzend erzählt er im Interview-Modus von seinem Leben. Seinen mehrmaligen Fluchtversuchen, davon, immer wieder ein neues Leben angefangen zu haben. Von Menschen, die geholfen haben, von den Eltern, die sich für ihn ein besseres Leben erhoffen. Von viel Geld, das er verloren hat. Ausgegeben für Schlepper, als Bestechungsgeld für die Mafia, für eine Schwimmweste, für die das 10-Fache ihres normalen Preises verlangt wurde. Und davon, dass er müde ist, nicht mehr will und nicht mehr kann. Osama Zatar verkörpert diese Rolle eindringlich. Seit 2013 arbeitet der Palästinenser, der eigentlich ausgebildeter Bildender Künstler ist, mit Ronen für unterschiedliche Theaterprojekte zusammen. Das, was er erzählt, ist zum großen Teil die Geschichte von Yousif, einem Cousin der am Volkstheater engagierten Seyneb Saleh. Neben seiner unaufdringlichen Präsenz ist es der authentische Realitätsbezug, der in dieser Szene so besticht. Plötzlich rückt das Leben eines jener hunderttausenden Flüchtlinge, die Österreich als Durchgangsland für Deutschland passieren, ganz nah ans Publikum heran.

„Lost and Found“ (Fotorechte: www.lupispuma.com / Volkstheater)

Aber auch an Maryam, Elias und deren Freunde. Nach der eindringlichen Erzählung von Yousef nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Hier zeigt Ronen, dass sie das Handwerk einer Komödienschreiberin tatsächlich kann. Angekommen bei seinen Verwandten, wird nun beraten, was denn nun zu tun sei. Ein Bonmot jagt das nächste, eine intimes Geheimnis wird unfreiwillig der ganzen Runde preisgegeben. Nacheinander demaskiert sich jeder einzelne Charakter und lässt tiefe Einblicke in das jeweilige Seelenleben zu. Zum Gaudium des Publikums extrem witzig verpackt. Camille, die Ex-Freundin von Elias versucht die Situation analytisch zu bewerkstelligen. Anja Herden brilliert dabei an einer Stelle mit pointierten, persönlichen Aussagen zu ihrem Aussehen, die geschickt in den Text eingewoben wurden. Jan Thümer mimt den selbstverliebten Kotzbrocken, der sich der Verantwortung für die Begleitung des Ankömmlings zwar entzieht, diesen jedoch im Handumdrehen in eines seiner erfolgreichen Kunstprojekte einbaut. Knut Berger gibt den schwulen Samenspender, der von Beginn bis zum Schluss durch seine unglaublich naiven Ansagen ein Garant für Lacher darstellt.

Nach einem Kulminationspunkt, auf welchem jeder gegen jede agiert und sich die Deutsch-Österreichische Freundschaft als wahres Trugbild herausstellt, dürfen alle noch einmal zusammenfassen, was sie denn im Leben gewonnen hätten. Ein Quasi-Happy End, das dem Geschehen jegliche Schärfe nimmt und in einem so rasanten Tempo gehalten ist, dass man volle Konzentration braucht, um den Aussagen noch folgen zu können. Auf Wienerisch könnte man es auch als leicht „verhudelt“ bezeichnen.

„Lost and found“ präsentiert sich damit als gemischte Kost. Einige Häppchen schmecken ein wenig altbacken, andere wieder frisch und schmackhaft. Ein wenig Schliff hier und da, ein wenig Entschärfung der Plattitüden und ein wenig mehr Emotion, die aus den überzeichneten Charakteren durchblitzen darf, würden dem Stück nicht schaden. Fazit: Text verbesserungswürdig, Regie (ebenfalls Ronen!) und Ensemble toll!

Weitere Infos auf der Webseite des Vokstheaters.

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