Mäzenatentum im 20. und 21. Jahrhundert

Uli Sigg und sein Engagement für chinesische Kunst verändern auch die Kunstgeschichte

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copyright Foto: Sammlung Sigg

Kunst und Macht gehören zusammen. Kunst und Wirtschaft auch. Kunst und Besessenheit nicht minder. Eine kurze Rückblende in die Jahrhunderte zeigt, dass diese Aussagen nichts Neues an sich haben, sondern als integrale, soziale Bestandteile des Kunstgeschehens aufzufassen sind. Die katholische Kirche und die Ausbildung der Romanik und Gotik, Häuser wie jene der Medici oder der Fugger in der Renaissance, adelige Auftraggeber wie die Könige von Frankreich im Barock oder jüdische Bankiers und Industrielle – wie zum Beispiel Ferdinand Bloch-Bauer im Wien der Jahrhundertwende – immer war es finanzielle Potenz, gepaart mit daraus resultierender und wahrgenommener Macht und Einflussnahme, die herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Kunst ermöglichten. Wir sprechen jedoch nicht von tempi passati, wenn es um Mäzenatentum und Kunst geht. Auch heute noch gibt es eine ganze Reihe von wohlhabenden Menschen, die Kunst in außergewöhnlichen Quantitäten kaufen. Ad hoc fällt dem belesenen Kunstinteressierten hier sicherlich Charles Saatchi mit seiner selbst hochbeworbenen und vermarkteten Sammlung ein. Seit dem Einzug der Demokratien, und dem dadurch verbundenen Wegfall von zentralistischen Kunstdiktaten gab es jedoch keine Namen mehr, die sich rühmen dürfen, direkten Einfluss auf die Kunstgeschichte – sprich auf die aktuelle Kunstproduktion – ausgeübt zu haben. Bis auf einen. Uli Sigg. Sein Name ist verbunden mit dem Aufbau der derzeit größten Sammlung chinesischer Gegenwartskunst und sein Einfluss hat Auswirkungen nicht nur auf die Kunst in China selbst, sondern, und das sei hiermit prognostiziert, auch auf die der westlichen Welt. In seiner Person vereinigen sich, wie am Beginn des Artikels ausgeführt, wirtschaftliche und machtpolitische Kompetenzen, die sich heute nicht nur national, sondern über den gesamten Erdball erstrecken. Seine Biographie weist Eckpunkte auf, die darauf rückschließen lassen, dass sich das alte Spiel von Geld, Macht und Begierde nach Kunst nur graduell verändert hat, in seinem Kern jedoch seit Jahrhunderten noch immer gleich geblieben ist. Uli Sigg, promovierter Jurist, war Wirtschaftsjournalist, Schweizer Botschafter in Peking, hat eine Funktion in der China Development Bank, mischt beim Bau des Olympia-Stadions in Beijing mit und sitzt bzw. saß in Beiräten der Tate Gallery London, des Museum of Modern Art in New York oder, wie jüngst, im internationalen Initiativkreis der documenta 12 in Kassel. (Artmagazineund Lebenslauf von Dr. Sigg). Nun, soweit ist zwar erkennbar, dass Sigg die finanzielle Partitur in herausragender Weise mit seinen sozialen Kompetenzen und Kontakten im Sinne seiner gedeihlichen Kunstsammlungsentwicklung zu vervollständigen weiß. Immerhin ist es ihm zu Beginn der 90er Jahre gelungen, Urs Meile, einen Luzerner Galeristen mit der Kunstszene in China bekannt zu machen und dieser über die Schweiz ein Tor in die westliche Welt zu öffnen. (siehe Artnet.de und Galerie Urs Meile) Die weiteren gelungenen Schachzüge waren die internationale Zur-Schau-Stellung seiner eigenen Sammlung unter dem Titel „Mahjong- chinesische Kunst der Gegenwart“, die bisher im Kunstmuseum Bern, der Hamburger Kunsthalle und im Museum der Moderne am Mönchsberg in Salzburg zu sehen war, sowie das Einklinken in die Schaltzentren der musealen Hochburgen wie eben der Tate Gallery oder des MOMA sowie in den Förderkreis der documenta12. Diese Kontakte sind nicht allein unter dem Blickwinkel des besessenen Kunstliebhabers und –sammlers zu verstehen. Vielmehr wirken sie sich ursächlich auf den Wertzuwachs seiner Sammlung aus, was der ehemalige Wirtschaftsjournalist sehr wohl weiß. Denn Werke mit dem Hinweis „Courtesy Uli Sigg“ in Museen oder auf Großausstellungen wie jener der docuemta 12 multiplizieren ihren anfänglichen Wert mit einem mindestens 2-3stelligen Faktor X. Soweit lässt sich die Aktivität von Sigg noch mit einigen anderen, cleveren und umsichtigen Sammlern vergleichen. Was ihn allerdings tatsächlich zu einer Figur machen könnte, die an der Veränderung der zeitgenössischen Kunst beteiligt ist, sind andere Umstände. Der erste, und wichtigste ist die Tatsache, dass Sigg nicht, wie die meisten seiner kunstbesessenen Sammlerkollegen, Kunst der westlichen Welt angekauft hat, sondern sich in China auf Einkaufstour machte. In einem Land, in welchem die bis dahin im Westen bekannte, kommunistisch gelittene Kunstproduktion mehr de- als goutiert wurde. Es ist aber nicht das Faktum der wirtschaftlichen Belebung der Kunstszene Chinas durch Siggs Geld – dies ist vielmehr als marginal zu betrachten. Viel höher dürfte die Befruchtung chinesischer Künstler mit dem Gedankengut der westlichen Kunsthistorie zu bewerten sein, die schlussendlich in der Einladung von 1001 Chinesen bzw. Chinesinnen auf der documenta12 durch Ai Wei Wei gipfelte.Jenem Künstler, der mit Sigg, wie er selbst sagt, seit Jahren beinahe brüderlich verbunden ist und es geschafft hat, künstlerische, postmoderne Positionen in Windeseile in ein asiatisches Mäntelchen zu stecken. Arbeiten, wie z.B. jene Urne aus der Hang Dynastie, die Wei Wei mit dem Coca-Cola-Schriftzug ergänzte, zeigen, dass es heute möglich ist, ein jahrzehntelanges Defizit – nämlich die Nichtbeachtung der westlichen Kunstentwicklung – innerhalb kurzer Zeit ins Gegenteil – nämlich einer intensiven Auseinandersetzung zu verkehren und es in einem persönlichen Werk nicht nur aufzuholen und zu integrieren, sondern auch zu transformieren. Gewiss, Wei Wei ist, wie auch andere chinesische Künstler aus der Sammlung Sigg, noch immer eher die Ausnahme als die Regel innerhalb von China. Und es gilt auch zu bedenken, dass es sich hier bislang um eine kulturelle Einbahnstraße handelt. Der kulturelle Transfer geschieht ja nur im WO-Bereich, also vom Westen nach dem Osten hin. Was auf den ersten Blick als Manko erscheinen mag, kann bei näherer Betrachtung jedoch als Riesenchance erkannt werden. Dann nämlich, wenn die Künstler der westlichen Hemisphäre, analog zu ihren asiatischen Kollegen, ihre künstlerische Nabelschau verlassen und sich Aufgabenstellungen zuwenden, die durch andere Kulturen, wie unter Umständen der chinesischen, aber nicht nur, bereichert werden. So wie chinesische Künstler sich verschiedene Strömungen des 20. Jahrhunderts genau angesehen und mit eigenen Handschriften schlussendlich verarbeitet haben, so könnten auch westliche Künstler sich mit den kulturellen Wurzeln fremder Kulturen intensiver auseinandersetzen. Dass sich daraus nur ein neuer postmoderner Zweig, quasi eine zweite Postmoderne bloß mit anderen kulturellen Hintergründen ergibt, glaube ich nicht. Dazu sind das kreative Potential und das Reflexionsvermögen der künstlerischen Heerscharen rund um den Globus zu hoch. Was auch immer dabei herauskommt, welcher Begriff für die neue Strömung auch immer gefunden werden wird und wie lange sie auch immer Bestand haben mag -eines steht für mich bereits als apodiktische Aussage fest, wenn der soeben beschriebene Effekt tatsächlich eintritt: dass nämlich Uli Siggs Name den Beginn dieser Entwicklung markiert.

copyright Foto: Sammlung Sigg

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