Tiefe, dunkle Liebeslabyrinthe

Von Aurelia Gruber

Petra Gstrein als Maslans Frau (Foto: Martin Schwanda)
05.
August 2018
Eine Bäuerin und eine Psychotherapeutin. Vermeintlich gegensätzlicher können die Figuren nicht sein, die ihren Auftritt in der Thalhof-Wortwiege haben. Und denoch eint sie jenes Schlachtfeld, das salopp Liebe genannt wird.
U nter der Regie und Theater-Hausherrin Anna Maria Krassnigg werden in diesem August gleich fünf neue Inszenierungen präsentiert. Vier davon werden zu je einem Doppel zusammengespannt und als zwei Einakter pro Abend hintereinander gespielt.
Der erste ist davon ist eine Dramatisierung eines Textes von Marie von Ebner-Eschenbach – einer unterschätzten Autorin und zugleich radikalen Vorkämpferin des Feminismus. Der zweite ist als Antwort auf dieses Stück zu verstehen oder – wie die Theatermacherin es eleganter ausgedrückt – als „Echo“ zu jenem.

In den ersten beiden Premieren kamen „Maslans Frau“ und „Tiefer als der Tag“ von Anna Poloni zur Aufführung und stellten das vierköpfige Ensemble, das in beiden Stücken agierte, vor eine ziemliche Herausforderung. Nicht nur der Sprachduktus der beiden Texte ist völlig unterschiedlich. Auch die Figuren agieren einmal aus ihrem historischen Kontext, sind im Poloni-Stück aber einem zeitgenössischen Habitus angepasst, weit entfernt von Ebner-Eschenbachs Protagonisten und Protagonistinnen. Am Rande sei bemerkt, dass alle Ensemblemitglieder ausnahmslos ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar genossen. Sicherlich ein Umstand, der hilfreich ist, wenn man bedenkt, dass die Produktionen mit extrem wenig Probenzeiten auskommen müssen. Geschuldet ist dies einerseits dem Budget, andererseits dem Umstand, dass der Thalhof nicht jahresdurchgänig bespielt wird.

„Maslans Frau“ v.l.n.r Jens Ole Schmieder, Daniel F. Kamen, Martin Schwanda (Foto: Christian Mair)

Maslans Frau

In „Maslans Frau“ wird die Geschichte einer reichen Bäuerin erzählt, die gegen den Willen ihres Vaters eine Liebesheirat mit dem Sohn des Müllers begeht. Nach anfänglichen, harmonischen Eheeinstimmungen driften die beiden jedoch immer weiter auseinander, bis Evi letztlich ihrem Mann das Betreten des gemeinsamen Hauses verbietet. So drastisch der Schritt auch erscheinen mag, für sie ist es ein Befreiungsschlag, allerdings zu einem hohen Preis. Die bis dahin sichtbar ausgelebte Liebe wird radikal kalt gestellt und in den Bereich des Hoffens verbannt.

Die Regie verzahnt geschickt die Erzählung dieser Ehegeschichte mit kurzen Rückblenden. Darin kommen die Liebenden mit Kernsätzen selbst zu Wort, währenddessen der Doktor dem jungen, kürzlich zugereisten Pfarrer versucht, die Verwicklungen der Seelenstränge der beiden im Parlierton klarzumachen. Unterlegt mit einem fein ziselierten, hoch atmosphärischen Sound (Christian Mair) beginnt das Spiel choreographisch präzise. Jeder Schritt, jede Geste von Maslan und Evi sind anfänglich synchron. Je weiter jedoch ihr Auseinanderleben voranschreitet, umso weniger beziehen sich beide in ihrer Körpersprache aufeinander.

Petra Gstrein macht in der Rolle der Evi unmissverständlich klar, dass Liebe etwas ist, das sich nicht schwarz oder weiß gesehen werden kann. Ihr Stolz und ihr Leid liegen ganz knapp nebeneinander, überschneiden sich zum Teil, belassen ihr aber in jeder Lebensminute ihre Würde. Jens Ole Schmieder als ihr Mann verwandelt sich vom virilen, jungen Herzensbrecher in einen sterbenden Mann, der bis zum Schluss qua seines Geschlechtes auf sein Hausrecht beharrt. „Ich bin der Herr!“, ertönt unerwidert mehrfach in den Saal. Sein Gottesschwur, seine Frau auch in größter Not nicht zu rufen, lässt ihn letztlich alleine und ohne Trost und Hilfe sterben.

Daniel F. Kamen als Pfarrer und Martin Schwanda als Doktor geben ein starkes, antipodisches Paar. Das Duo, der eine der Idee der Verzeihung und Barmherzigkeit verpflichtet, der andere Realist und Pessimist zugleich, lotet das Geschehen zwischen den Beziehungspolen der Maslans in seiner ganzen Tragweite aus. Toll, wie Kamen schwitzend und emotional erregt von Maslan zu Evi, vom Doktor zum Kranken hetzt und mit feinem, böhmischem Dialekteinschlag letztlich sogar gegen seine eigenen Glaubenssätze auftritt. Souverän Martin Schwanda, der gleich zu Beginn den Frieden der Hühner auf seinem Hof der Kampflesust der Menschen gegenüberstellt und sich in keiner Sekunde des turbulenten Geschehens aus der Ruhe bringen lässt. Mit einem Bauernkasten, zwei Bauernstühlen und einem auf einem modernen Metallgestell montierten Trog ist das Bühnenbild (Lydia Hofmann) ausreichend ausgestattet. Der Blick, den man auf den Sitzen wahrnimmt, darf dabei immer wieder durch die großen Fenster in das weite Land vor dem Thalhof gleiten und die ländliche Umgebung ins Geschehen holen. Die wunderschönen Kostüme von Antoaneta Stereva, obwohl nicht authentisch-historisch, holen die Vergangenheit der Figuren in die Gegenwart und charakterisieren diese auf den Punkt gebracht.

Maslans Frau (Fotos: Christian Mair)
Tiefer als der Tag (Fotos: Christian Mair)

Tiefer als der Tag

Anna Poloni antwortete in ihrem Stück „Tiefer als der Tag“ auf die Liebesabgründe von Maslan und seiner Frau auf eine spezielle Art. Ihre Figuren – die Psychotherapeutin Dr. Alba (Petra Gstrein) und der Anwalt Spor (Daniel F. Kamen) stecken jeder für sich in einer tiefen Liebeskriese, was sich erst im Verlauf des Stückes offenbart. Spor möchte für einen seiner Kunden, einen Politiker, ein Attest besorgen, das aussagt, dass dessen Frau krankhaft promiskuitiv sei. Tatsächlich jedoch will er sich an der Frau des Politikers rächen. Ihre verschmähte Liebe treibt ihn in die Praxis von Dr. Alba, die diese höchst unkonventionell führt.

Praktiziert wird nur nachts und das unter Alkoholzuspruch. Sokol (Martin Schwanda), „bärtige Vorzimmerdame“ und ehemaliger Brandmeister, bietet reichlich Gin an, „damit es leichter geht“ und erweist sich am Ende des Stückes als mehr als nur Beschützer und Aufpasser der jungen Therapeutin. Jens Ole Schmieder hat als Milo wenig Text, dominiert Alba dennoch emotional sichtbar auf lange Strecken. Die Beziehungs-Verstrickungen, in welchen sich die Figuren befinden, lösen sich nur zum Teil auf.

Die unkonventionelle Gesprächstherapie mag vielleicht vielen aus der Therapeutenzunft sauer aufstoßen, auf der Bühne zeigt sie prompt Wirkung. Das Ablegen von therapeutischen Konventionen unter leichtem Alkoholeinfluss geht einher mit einer schonungslosen Konfrontation Spors mit seinem wahren Beweggrund, Alba aufgesucht zu haben.

Wie schon in ‚Maslans Frau‘ kommt den Kostümen eine zentrale Bedeutung zu. Wer den Farbcode von Antoaneta Stereva entziffert, weiß schon von Beginn an, dass Alba und Sokol mehr miteinander verbindet als auf den ersten Blick sichtbar ist. Das Rot, das ihre Outfits dezent verknüpft und sich auch in den prallen Ribiselrispen der mit Gin befüllten Gläser wiederfindet, lässt auf ein Liebesbrennen schließen, das im letzten Bild auch sichtbar wird.

„Tiefer als der Tag“ – Martin Schwanda (Foto: ECN)
‚Maslans Frau‘ und ‚Tiefer als der Tag‘ gehen an diesem Theaterabend eine geistige Liaison ein, die dem Publikum viel Diskussionsstoff bietet. Ob die Überwindung von unverbrüchlichen Treuegedanken letztlich tatsächlich zum Glück führt, darf – zumindest in der Konstellation von Polonis Figuren – stark angezweifelt werden. „Die Liebe ist ein blindes, taubes Tier. Ein Grottenolm.“, visualisiert Alba jene zwischenmenschlichen Gefühle, denen der Mensch schutzlos ausgeliefert ist, wenn er Gefallen an einem anderen findet. Patentrezept, nicht in diese Falle zu tappen, wird aber wohlweislich keines geliefert.

Ein intensiver Theaterabend mit Witz und Tiefgang in einem berauschend schönen Ambiente. Auf die beiden kommenden Inszenierungen, die am 9. August Premiere haben, darf man gespannt sein.

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