Medeas zeitlose Aktualität

Medeas zeitlose Aktualität

von | 6. Oktober 2020 | Theater

Michaela Preiner

„Medea. Stimmen“ (Foto: Andrea Klem)

6.

Oktober 2020

M edea – theateraffine Personen assoziieren die Figur ad hoc mit jener Frau aus der griechisch-antiken Mythologie, die ihre Kinder umgebracht hat. Dafür sorgte die Überlieferung – eine nun schon Jahrtausende alte.
​Erst 1996 warf eine Frau ein gänzlich anderes Licht auf das tragische Geschehen im griechischen Korinth. Die deutsche Schriftstellerin Christa Wolf „hörte“ in die Vergangenheit und schuf mit ihrem Roman „Stimmen: Medea“ ein Werk, in dem sie hinterfragt, wer denn eigentlich davon profitierte, Medea, die Heilerin aus Kolchis, die mit ihrem Liebsten Jason nach Korinth geflohen war, als Kindsmörderin hinzustellen.

Hans-Christian Hasselmann präsentierte im Max Reinhardt Seminar seine Regie-Abschlussarbeit, die schon im Frühling fertig gestellt worden war. Corona-bedingt wurde sie erst jetzt dem Publikum gezeigt – aber auch jetzt noch einem zahlenmäßig handverlesenen. Er selbst verantwortete nicht nur die Regie, sondern auch die Bühnenfassung, die Wolfs Medea auf 90 Minuten und einige wenige Charaktere komprimiert.

Stefan Neuhold schuf ein abstraktes Bühnenbild, dass sich dank metallener Seilzüge von einem dunklen Raum mit schwarzem Boden in einen hellen Ort mit weißer Bodenfläche und reflektierenden, schräg über der Bühne hängenden Paneelen verwandelt. Die Assoziation des Aufdeckens eines dunklen Geheimnisses hin zu einer heilenden Kraft, die Medea in Korinth anstößt, liegt nahe. Wenngleich damit zugleich das traurige Schicksal der „Fremden“ bewusst außer Acht gelassen wird.

Hanne Konrad gelang eine schlüssig Kostümverwandlung: Zuerst präsentiert sich das ausschließlich weibliche Ensemble – Jeanne-Marie Bertram, Paula Kroh, Johanna Mahaffy, Katharina Rose und Maren Streich in eleganten, existentialistischen, schwarzen Outfits. Sie befragen das Publikum noch während des Saaleinlasses, warum es denn auch heute noch Sündenböcke brauche. Im Laufe des Geschehens verwandeln sich die Frauen in Gestalten, deren weiße Schminke, wie auch Teile ihrer Bekleidung marmorhaft bröckeln. Mit dieser Veränderung wird gekonnt auf die antike Überlieferung verwiesen, ohne dem Geschehen jedoch einen altbackenen Anstrich zu verleihen.

„Medea. Stimmen“ (Foto: Andrea Klem)
„Medea. Stimmen“ (Foto: Andrea Klem)
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Hasselmanns Fassung gewährt – bis auf König Jason, Astronomen Akamas und dessen Freund Leukon den weiblichen Charakteren viel Raum und Text. Mit der Figur von Agameda, der ehemaligen Schülerin von Medea, wird jene Eifersucht verdeutlicht, die sie kaltblütig dazu antreibt, gegen Medea zu intrigieren. Agameda und ihr männlicher Widerpart Akamas zeichnen hauptverantwortlich für jenes Desaster, dass nicht nur Medeas Tod, sondern auch den ihrer Kinder bedeuten wird. Die Kaltblütigkeit und die Wendigkeit in ihrer beider Argumentation für die Verbannung der „fremden Frau“ steht in krassem Gegensatz zu den emotionalen Ausbrüchen von Iphinoe und ihrer Schwester Glauke.

In einer hoch emotionalen Szene zeigt Hasselmann die Schlachtung der älteren Königstochter auf, ihre Panik und ihr Leid kurz vor ihrem sinnlosen Tod, sowie den Selbstmord ihrer Amme. Beides steht in diametralem Gegensatz zur Überlieferung, in der Iphinoe sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt und deswegen über Nacht und ohne Lebewohl den Königspalast verlassen habe. Mit Glaukes Auftritt wird deutlich, dass Medeas Heilkunst hauptsächlich aus ihrer Menschenkenntnis und – zeitgeistig ausgedrückt – psychologischen Kenntnis von Verdrängung – begründet war. Die junge, leidende Königstochter fand in Medea ein Gegenüber, dass sie darauf drängt, in die Kindheit zurückzuschauen, um den Grund der eigenen Krankheit aufdecken zu können. Packend zeigt Hausmann auch hier die Nöte des Mädchens auf, die vom Grauen des Geschehenen völlig überfordert ist und hofft, all das, was in ihr hochgekommen ist, so schnell wie möglich wieder zu vergessen.

Medea selbst lässt er nur mit wenigen Sätzen gegen Schluss der Inszenierung zu Wort kommen. Alle Schauspielerinnen schlüpfen immer wieder in unterschiedliche Rollen, zum Teil mit sparsamen Kostümveränderungen. Selbstverständlich darf auch das Stilmittel eines griechischen Chores nicht fehlen, wenn drängende Fragen oder auch nur einzelne Worte von allen gesprochen, geflüstert oder laut – bis hin zu einer veritablen Kakophonie – intoniert werden.

„Medea. Stimmen“ (Fotos: Andrea Klem)

Hasselmanns Inszenierung oszilliert – wie Wolfs Text selbst – zwischen dem entfernten Gestern und dem aktuellen Heute und gibt dem Ensemble genügend Gelegenheit, sich einzeln in tragenden Rollen mit Monologen zu präsentieren. Und er scheut sich nicht, den feministischen Ansatz von Christa Wolf durch die pointierte Herausarbeitung der verlogenen oder schwachen Männercharaktere noch zu verstärken. Gerade die Verschmelzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch den Einsatz hoch emotionaler Szenen und dem unterstützenden Bühnenbild sowie den herausragend cleveren Kostümen machen diese Inszenierung nicht zeitgeistig, sondern zeitlos.

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