Die Erinnerung steckt im Körper

Die Bühne – eine Mischung aus praktischen Hilfsmitteln für den Tanz und skulpturaler Inszenierung. Die Performance – zum Teil Tanz- zum Teil Sprechtheater. Die Ausführende – Meg Stuart, Amerikanerin, die in Berlin und Brüssel lebt und mit ihrer Gruppe Damaged Goods arbeitet, ist dieses Mal alleine auf der Bühne.

Meg Stuart war mit „Hunter“ im Tanzquartier Wien zu sehen- Foto: Iris Janke

„Hunter“ ist der Titel ihrer Soloperformance, in der sie ihren eigenen Erinnerungen nachspürt, sich vielleicht im übertragenen Sinn sogar wie ein Jäger auf deren Spur macht. Erinnerungen, die sowohl subjektiv, zugleich aber auch zumindest teilweise im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Familienfotos mit Kindern, Eltern, Freunden, wer hat sie nicht zuhause? Wer möchte nicht den einen oder die andere aus dieser visualisierten Erinnerung wieder auslöschen? Stuart greift zu drastischen Mitteln. Am Ende ihrer selbst gebastelten Collage, die das Publikum via Projektion miterlebte, noch während es seine Plätze suchte, wird ein Foto angezündet. „Zuhause bastle ich keine Collagen“, wird Stuart später erklären und damit einen Verweis auch die Bühnenkünstlichkeit geben. Aber sie wird mit diesem kleinen Satz zugleich auch vermeintlich Privates zurücknehmen, den voyeuristischen Blick ihres Publikums auf diese Weise neutralisieren.

Meg Stuart animiert zum Fragen

Es ist nur ein Bruch von mehreren, der in diesem Solo das Publikum mehr oder weniger sanft zum Hinterfragen der Arbeit von Meg Stuart anleitet. Muss ein Tanzsolo tatsächlich ohne Sprache auskommen? Warum kann man evozierte Gefühle nicht auch im Handumdrehen ins Gegenteil verkehren – nämlich dann, wenn`s gerade so schön ist. So geschehen mit ihrer Yoko-Ono-Hommage, in welcher sie das Lied „revelations“ vorträgt, unterstützt von zwei von der Decke hängenden, und sich wie Karussellsitze drehenden, roten, runden Lautsprechern. Gerade als der Text der John-Lennon-Witwe das eigene Ego zu streicheln beginnt, fängt Stuart zu brüllen an. Gegen oder besser mit jenen Filmaufnahmen, in welchen, auf allen nur möglichen Projektionsflächen auf der Bühne, kriegerische Handlungen gezeigt werden.

Meg Stuart – Hunter im Tanzquartier Wien Foto: Maarten Vanden Abeele

Immer wieder unterhält sie nicht nur akustische, sondern visuelle Unterstützung, Projektionen von Bildern, von Videos, Privatfilmen. Lang gerollte und zurechtgeschnittene Fellimitationen sind dafür als Projektionsflächen geeignet, eine hüfthohe, leicht gebogene, nach vorne geöffnete Skulptur, aber auch Bildschirme oder kleine Leinwände erfüllen denselben Zweck.

Beredte Arme und Hände

Zu Beginn schafft Meg Stuart das Kunststück, eine Beziehungsgeschichte nur mit ihren Armen und Hände zu erzählen. Ein sich Anklammern, Festhalten, innige Umarmungen aber auch rohe Zurückweisungen – das alles enthält ihr Bewegungsvokabular. Momente wie diese, wenngleich auch verkürzt und drastisch abstrahiert, finden dennoch Widerhall beim Zusehen. Ein weiterer Bewegungspart erinnert an die Protagonisten von Computerspielen – verfolgt, gebeutelt, zu Boden gestreckt und immer wieder von Neuem traktiert. Die Szene endet schließlich durch die Verzerrung des dazu eingespielten Sounds, durch ein plötzliches Rückwärtslaufen der Künstlerin. So als befände sie sich in diesem Moment außerhalb jeder real erfahrbaren Zeit. Um kurz darauf via eingespielter Männerstimme zu verlautbaren: Every second is real!

Wie ist das mit unseren Erinnerungen eigentlich? Wie kommen diese, wie gehen diese, in welchem Zeitmodus werden sie von uns empfunden? Stuart evoziert permanent Fragen, ohne jedoch auf Antworten zu warten. In rasantem Tempo lösen sich Szenen rasch hintereinander ab, kippen, verkehren sich ins Gegenteil von ihrem Ausgangspunkt. Ein Kostümwechsel verändert ihr Aussehen komplett. Das bunte, in alle Richtungen ausufernde Kleid, das sie sich überzieht, passt ihr nicht; wird zu einem Objekt, das mehr behindert als nützt. So farbenfroh es auch ist, seine Trägerin verschwindet darin komplett, wird von ihm verschluckt. Der Schluss, in welchem sie auf allen Vieren den Raum verlässt, täuscht. Denn ihm folgt ein zweiter Teil, in dem Stuart wie eine Conferencière ihre Gedanken mit dem Publikum teilt: In Shirt, wattierter Jacke, Hose und Fellstiefeln – „man weiß nie, welches Wetter in Wien im April herrscht“ – ein höchst vergnüglicher Verweis auf das in der Stadt am Tag zuvor tatsächlich stattgefundene Schneechaos. In diesem zweiten Teil erfährt man von ihrem Vater, der mit Laienschauspielern arbeitete, von einer Freundin, die sich die hüftlangen Haare abschneiden ließ, um sie Meg anschließend zu schenken. Sie nutzt diesen Auftritt aber auch dazu, das Publikum aufzurufen, in einer gemeinsamen Aktion Ikea-stuff zu verschrotten, oder den öffentlichen Raum zu besetzen.

Meg Stuart – Hunter im Tanzquartier Wien Foto: Maarten Vanden Abeele

Am Schluss steht das Verschwinden

Dass die Künstlerin im letzten Teil von Augenblick zu Augenblick an visueller Präsenz verliert, nicht einmal mehr Schwarz-Weiß-Projektionen das Dunkel der Bühne aufhellen können, kippt die Performance abermals komplett. Die Auslöschung des eigenen Ichs, die hier zelebriert wird, ist mehr als eine Vorausschau der eigenen Endlichkeit. Die multiplen Interpretationen, die Stuart ihrem Stück hinterlegt, die vielen Ebenen, mit denen es ausgestattet ist, die Behauptungen und das Aufzeigen ihres Gegenteils – all das hält die Tänzerin und Choreografin bis zum Schluss aufrecht. Es sind die einzigen Konstanten, die schlussendlich all den Ideen einen Halt und Rahmen geben.

„Hunter“ ist eine der lebendigsten, intelligentesten und berührendsten Performances, die in letzter Zeit im Tanzquartier gezeigt wurden. Meg Stuart eröffnet damit eine ganze Reihe von Gedankenräumen, die selbst gefüllt werden müssen. Aber sie präsentiert auch ein höchst kreatives Kompendium, eine Rückschau auf das bisherige Leben einer Generation, die jetzt zwischen 50 und 60 Jahre alt ist und sich darin wiederfinden kann.

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