Sollen wir jetzt Menschsein spielen?

Mitte März gastierte eine Koproduktion der „Théâtres de la ville des Luxembourg“ und dem Salon5, der damit wieder ein kräftiges Lebenszeichen von sich gibt, auf Einladung des TAG in der Gumpendorfer Straße. Unter dem Titel „Wär ich doch früher jung gewesen“ erlebte das Wiener Publikum eine einfühlsame und geistreiche Hommage an den dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen.

Wäre ich doch früher jung gewesen - Foto: (c) Christophe Olinger

Es gibt viele Rezepte, um gutes Theater zu machen, aber auch wenn man diese befolgt, ist das Ergebnis nicht immer exzellent. Manches Mal ist es das Ensemble, das Schwächen zeigt, manches Mal die Inszenierung selbst, manches Mal das Licht, das einfallslos gehandhabt wird und manches Mal eine zu schräge oder unauffällige Musik. Kurzum – die vielen Bausteine, die einen guten Abend ausmachen und sich gegenseitig bedingen, sind auch besonders leicht störanfällig. Abende, die Lob rundum verdienen, sind schon alleine deshalb nicht besonders häufig. Umso erstaunlicher ist es, wenn man in ein und demselben Haus hintereinander gleich 2 Inszenierungen erlebt, die rundum geglückt sind – auch wenn die hier besprochene keine eigene Produktion ist.

Im TAG – das vor Kurzem erst mit einer herausragenden Hamlet-Neuinterpretation mit großer Besetzung brillierte – konnte man nun einen intimen, reizvollen und bezaubernden Abend erleben. Die Rolle des dänischen Schriftstellers verkörperte Luc Feit, am Cello begleitet von André Mergenthaler, der dafür sorgte, das Publikum in ganz unterschiedliche Klanglandschaften eintauchen zu lassen. Eines vorweg – die beiden Protagonisten sind ein harmonisches, sich gegenseitig nicht nur respektierendes, sondern exzellent ergänzendes Paar. Mergenthaler übernimmt sogar – wenn er alleine auf der Bühne ist – das theatralische Geschehen, indem er die Musik durch seine eigene Mimik noch unterstützt und ausschmückt. Luc Feit besticht rundum. Es hat den Anschein, als ob es kein schauspielerisches Register gäbe, das er nicht imstande ist zu ziehen. Ein Komödiant vom Scheitel bis zur Sohle, zeigte er in diesem Stück, dass jedes noch so kleine Textfragment dazu geeignet ist, sich zu Großem aufzuschwingen, wenn dies von einem Könner der Schauspielkunst in die Hand genommen wird.

Der Abend besteht aus einer Aneinanderreihung von Andersen-Gedichten und Märchen – bekannten und weniger bekannten, aber auch kleinen Literaturfitzelchen wie jenem, in welchem Feit eine alte, wie es heißt „sehr geizige“ Frau mimt, die jede Nacht lautes Katzenmiauen imitiert, um sich als Tierbesitzerin zu präsentieren. Im hinteren, linken Bühneneck von einem scharfen Lichtkegel angestrahlt, miaut er mit großer Grimasse so herzzerreißend und komisch zugleich, dass Andersens skurrile Idee, die Motivation der verwirrten Dame auf deren Geiz zurückzuführen, in diesem kurzen Augenblick so verdichtet wird, dass es keine Steigerung der Anschaulichkeit mehr gibt.

Die Regie von Johannes Zametzer sprüht nur so von kleinen, witzigen Einfällen, die sich auch in der speziellen Inszenierung der Requisiten zeigt. Ob es ein ganzes Heer von kleinen Blechfröschen ist, die munter zu springen beginnen, ein mit Trockeneis auf die Bühne gerollter Aluminium-Reisekoffer, der dabei kurzfristig zum Star avancieren darf, oder ein mit Helium gefüllter, großer Ballon, an dem ein leerer Kleiderhaken hängt, gedacht als Aufbewahrungsort für des Kaisers neue Kleider – immer ist es ein gewisses Augenzwinkern, welches die Dinge und ihren Einsatz auf der Bühne begleitet und dadurch das Geschehen so sympathisch unterstützt. Erreicht wird dadurch ein besonderer Zauber, der den ganzen Abend über anhält. Dabei darf man nicht nur tief in die kreative Gedankenwelt von Hans Christian Andersen eintauchen, sondern auch noch mitfühlen, wie er selbst von Zahnschmerzen und Depressionen geplagt wird. Mit einem schauspielerischen Parforceritt der Sonderklasse klang der Abend aus. Dabei schlüpfte Luc Feit in die Rolle eines Sparschweines und einer Puppe, zweier Sofakissen, einer Uhr, einer Reitgerte und eines Schaukelpferdes und entließ die Zuseherinnen und Zuseher nach diesem Bravourakt nicht nur bester Laune, sondern auch ein ganz kleines bisschen wehmütig, denn es dürfte wohl niemanden gegeben haben, bei dem sich keine persönlichen Kindheitserinnerungen eingestellt hatten. Kein Wunder, dass dieser Schauspieler nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem auch in vielen Kino- und Fernsehfilmen bisher reüssierte.

Der einzige Wermutstropfen, der das Gastspiel in Wien begleitete war, dass leider nur zwei Vorstellungen am Programm standen. Zu wenig, um vielen Menschen die Möglichkeit dieses zauberhaften Theatererlebnisses zu genießen.

Allen, die Lust bekommen haben auch wieder einmal in die Welt der Märchen einzutauchen, sei der 2. Teil der „Grimm-Andersen-Connection“ empfohlen.  Vom 13.-15.4. findet im Salon5 im Brick 5 „Grimm leuchtet“  statt, in der unbekanntere, aber nichts desto trotz bildgewaltige und manches Mal auch bizarre Märchen der Gebrüder zum Leben erwachen werden.Mitte März gastierte eine Produktion des „Théâtres de la ville des Luxembourg“ im TAG in der Gumpendorfer Straße. Unter dem Titel „Wär ich doch früher jung gewesen“ erlebte das Wiener Publikum eine einfühlsame und geistreiche Hommage an den dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen.

Wäre ich doch früher jung gewesen - Foto: (c) Christophe Olinger

Es gibt viele Rezepte, um gutes Theater zu machen, aber auch wenn man diese befolgt, ist das Ergebnis nicht immer exzellent. Manches Mal ist es das Ensemble, das Schwächen zeigt, manches Mal die Inszenierung selbst, manches Mal das Licht, das einfallslos gehandhabt wird und manches Mal eine zu schräge oder unauffällige Musik. Kurzum – die vielen Bausteine, die einen guten Abend ausmachen und sich gegenseitig bedingen, sind auch besonders leicht störanfällig. Abende, die Lob rundum verdienen, sind schon alleine deshalb nicht besonders häufig. Umso erstaunlicher ist es, wenn man in ein und demselben Haus hintereinander gleich 2 Inszenierungen erlebt, die rundum geglückt sind.

Im TAG – das vor Kurzem erst mit einer herausragenden Hamlet-Neuinterpretation mit großer Besetzung brillierte – konnte man nun einen intimen, reizvollen und bezaubernden Abend erleben. Die Rolle des dänischen Schriftstellers verkörperte Luc Feit, am Cello begleitet von André Mergenthaler, der dafür sorgte, das Publikum in ganz unterschiedliche Klanglandschaften eintauchen zu lassen. Eines vorweg – die beiden Protagonisten sind ein harmonisches, sich gegenseitig nicht nur respektierendes, sondern exzellent ergänzendes Paar. Mergenthaler übernimmt sogar – wenn er alleine auf der Bühne ist – das theatralische Geschehen, indem er die Musik durch seine eigene Mimik noch unterstützt und ausschmückt. Luc Feit besticht rundum. Es hat den Anschein, als ob es kein schauspielerisches Register gäbe, das er nicht imstande ist zu ziehen. Ein Komödiant vom Scheitel bis zur Sohle, zeigte er in diesem Stück, dass jedes noch so kleine Textfragment dazu geeignet ist, sich zu Großem aufzuschwingen, wenn dies von einem Könner der Schauspielkunst in die Hand genommen wird.

Der Abend besteht aus einer Aneinanderreihung von Andersen-Gedichten und Märchen – bekannten und weniger bekannten, aber auch kleinen Literaturfitzelchen wie jenem, in welchem Feit eine alte, wie es heißt „sehr geizige“ Frau mimt, die jede Nacht lautes Katzenmiauen imitiert, um sich als Tierbesitzerin zu präsentieren. Im hinteren, linken Bühneneck von einem scharfen Lichtkegel angestrahlt, miaut er mit großer Grimasse so herzzerreißend und komisch zugleich, dass Andersens skurrile Idee, die Motivation der verwirrten Dame auf deren Geiz zurückzuführen, in diesem kurzen Augenblick so verdichtet wird, dass es keine Steigerung der Anschaulichkeit mehr gibt.

Die Regie von Johannes Zametzer sprüht nur so von kleinen, witzigen Einfällen, die sich auch in der speziellen Inszenierung der Requisiten zeigt. Ob es ein ganzes Heer von kleinen Blechfröschen ist, die munter zu springen beginnen, ein mit Trockeneis auf die Bühne gerollter Aluminium-Reisekoffer, der dabei kurzfristig zum Star avancieren darf, oder ein mit Helium gefüllter, großer Ballon, an dem ein leerer Kleiderhaken hängt, gedacht als Aufbewahrungsort für des Kaisers neue Kleider – immer ist es ein gewisses Augenzwinkern, welches die Dinge und ihren Einsatz auf der Bühne begleitet und dadurch das Geschehen so sympathisch unterstützt. Erreicht wird dadurch ein besonderer Zauber, der den ganzen Abend über anhält. Dabei darf man nicht nur tief in die kreative Gedankenwelt von Hans Christian Andersen eintauchen, sondern auch noch mitfühlen, wie er selbst von Zahnschmerzen und Depressionen geplagt wird. Mit einem schauspielerischen Parforceritt der Sonderklasse klang der Abend aus. Dabei schlüpfte Luc Feit in die Rolle eines Sparschweines und einer Puppe, zweier Sofakissen, einer Uhr, einer Reitgerte und eines Schaukelpferdes und entließ die Zuseherinnen und Zuseher nach diesem Bravourakt nicht nur bester Laune, sondern auch ein ganz kleines bisschen wehmütig, denn es dürfte wohl niemanden gegeben haben, bei dem sich keine persönlichen Kindheitserinnerungen eingestellt hatten. Kein Wunder, dass dieser Schauspieler nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem auch in vielen Kino- und Fernsehfilmen bisher reüssierte.

Der einzige Wermutstropfen, der das Gastspiel in Wien begleitete war, dass leider nur zwei Vorstellungen am Programm standen. Zu wenig, um vielen Menschen die Möglichkeit dieses zauberhaften Theatererlebnisses zu genießen.

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