Eine Irritation, die Spuren hinterlässt

Milli Bitterli und Jack Hauser setzten mit „Was bleibt?“ ein nachhaltiges Gedankenpflänzchen anlässlich der 3rd edition von „Feedback“ vor dem Tanzquartier.

Ein wenig verloren stehen die beiden improvisierten Sesselreihen im Freien vor dem Eingang zu den Studios des Tanzquartiers. Eine weiße Stoffbahn trennt die so improvisierte Bühne vor den Blicken jener Menschen, die den großen Platz des Museumsquartiers ansteuern oder ihn verlassen. Langsam, nach und nach füllen sich die Plätze, müssen schließlich Interessierte mit einem Stehplatz vorlieb nehmen.

Plötzlich, ohne Vorwarnung, erhellt sich die weiße Wand, vor der das Publikum Platz genommen hat, und es erscheinen bewegte Bilder. „Hospiz Mödling 2012“ ist zu lesen, während die Kamera eine Situation in einem Besprechungsraum einer Krankenstation einfängt. Nichts Ungewöhnliches, bis zu dem Moment als man die Gestalt von Milli Bitterli wahrnimmt. In Alltagshose, weißem T-Shirt und gelbem Pullover beginnt sie, ihren rechten Arm zu strecken. Sich zu dehnen, zu beugen, sich sanft auf den Boden gleiten zu lassen. Die Stationsbesprechung geht währenddessen weiter. Ab und zu bemerkt man Blicke von Schwestern oder Pflegern, vertieft sich die Aufmerksamkeit des einen oder der anderen für die zarte Choreografie. Für die Bewegungen, die an diesem Ort sonst nicht stattfinden. Die junge Frau lässt sich auf Berührungen ein, spiegelt mit ihrem Körper den eines anderen Menschen, krabbelt unter den Tisch, um auf der anderen Seite wieder hervorzukommen. Die Irritation einiger wird spürbar, aber auch eine Fröhlichkeit, die sich wie unbemerkt zwischen den Menschen in diesem Raum ausbreitet.

„Was bleibt?“ nennt sich Milli Bitterlis Langzeitprojekt, das sie gemeinsam mit dem Kameramann Jack Hauser bereits seit 2004 verfolgt. Darin stellte sie eine Choreografie auf, die sie an unterschiedlichsten Plätzen und damit auch sozialen Surroundings wiederholt. Das Ergebnis, die Interaktion mit den Menschen, ergibt sich aus der jeweiligen Situation und hat doch verschiedene Konstante. Im Rahmen der 3rd edition von „Feedback“ kamen auch Passanten, so sie neugierig genug waren, in den Genuss einer Gratis-Performance.

Während der Film abläuft, erscheint die Tänzerin und Choreografin, und stellt sich ruhig neben die Projektion. Beginnt, einen Teil der Bewegungen parallel in Echtzeit durchzuführen, löst sich von dem, was zu sehen ist und agiert nun von Angesicht zu Angesicht vor dem Publikum. Augenkontakt, das ist es, womit sie die Zusehenden immer wieder in den Bann zieht. Bei Bewegungen, in denen Hilflosigkeit zum Ausdruck kommt, lösen diese Blicke ganz besondere Emotionen aus.

Wie bei jener Schwester, die Bitterli in der Hospizstation in ihren Armen wiegte. So, als wäre die Tänzerin eine lieb gewordene Patientin, die in diesem Moment ihre ganze Zuneigung und Hilfe benötigte. Aber nicht nur sentimentale Empathie wird geweckt. Auch pure Freude an der gezeigten Bewegung kommt auf, als sie auf dem ausgelegten Plastikboden vor dem Publikum im Vierfüßlergang querpass entlang der Mauer läuft. Unweigerlich muss man lachen. Das tat auch eine Dame im Rollstuhl im Hospiz als Bitterli neben ihr aktiv wurde und damit ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Und wie befreiend dieses Lachen wirkte! Das Ausbrechen aus einer Situation, in der beinahe jede Minute des Tagesablaufes getaktet ist, in der beinahe jede Bewegung vorhersehbar, weil tausendfach wiederholt wird, wirkt wie eine positive, therapeutische Intervention und bringt zugleich eine Auszeit. In diesem Fall eine Auszeit vor dem Unvermeidlichen, denn alle, die in dieser Station untergebracht sind oder darin arbeiten, wissen, dass sie nicht mit, sondern gegen die Zeit arbeiten. Der Tod ist dort so präsent wie nirgendwo sonst.

„Es geht mir nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Dieser Satz ist zu Beginn des Videos zu lesen. Die Präsenz der Künstlerin, die Achtsamkeit, die man ihrem Tun entgegenbringt, auch die Nachvollziehbarkeit ihrer Bewegungsmuster, die man förmlich selbst in seinem Körper spüren kann, wenn man genau hinsieht, all das macht „Was bleibt“ zu einem ganz speziellen Erlebnis. Es ist nicht die große Show, die hier gar nicht stattfindet, es ist nicht der Auftritt einer Diva, als die sich Bitterlich nicht gibt. Es ist die Tatsache, dass ein Mensch unter vielen eine Initiative ergreift, die nicht einmal in ein normiertes Regelwerk eingreift, sondern die Zusehenden dazu verführt, selbst einzugreifen. Sich des anderen und seiner selbst bewusst zu werden und in einen gelösten Zustand zu gleiten, der den Alltag zur Seite schiebt.

Anders als bei vielen Vorstellungen sonst, bleiben einige Menschen nach dem Ende sitzen. Reden miteinander, sinnieren ein wenig, machen sich Notizen. Der öffentliche Raum dringt nur langsam wieder ins Bewusstsein. Die Frage: „Was bleibt?“, stellt sich ganz wie von selbst und findet eine klare Antwort: Es bleibt ein starker Eindruck und die Erkenntnis, dass man mit Kreativität, Liebe und Achtung vor den Menschen sowie Eigeninitiative in dieser Welt etwas bewirken kann.

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