Rauschhaftes Wandern inmitten der Stadt

Im Rahmen von Imagetanz 2015, dem Festival für Choreografie, Performance und unheimliche Körper, das vom brut veranstaltet wird, begleitete Myriam Lefkowitz Menschen mit geschlossenen Augen durch Wien.

„Es gibt nur eine Regel: In der kommenden Stunde nicht sprechen und die Augen nur dann öffnen, wenn ich es sage.“ Myriam Lefkowitz gibt mir diese knappe Anweisung direkt, bevor wir in der Passage unter dem Künstlerhaus losmarschieren. Sie und ich machen uns auf einen einstündigen Spaziergang in der Gegend rund um den Karlsplatz, der für mich zu einer spektakulären Reise der Sinne wird.

Das Projekt „Walk, Hands, Eyes (Vienna) hat nur im Entferntesten etwas mit einer Blindenführung zu tun. Denn immer wieder, im Abstand von gefühlten 10 Minuten, werde ich kurz die Augen öffnen und, den Blick starr nach oben, unten oder geradeaus haltend, mir eine kurze optische Momentaufnahme gönnen. Sie alle sind so ausgewählt, dass man nur in seltenen Fällen einen vollen Eindruck der Umgebung erhält. Vielmehr sind es oft Blicke in Gesichter, in den Himmel, zwischen den sich in meinem Blickfeld ein unbelaubter Ast schiebt, oder in ein mehrstöckiges Stiegenhaus, von dem das schwarze Treppengeländer sich scharf vom von oben lichtdurchfluteten hohen weißen Raum abhebt. Und doch sind es gerade jene kurzen Schnappschüsse mit dem Vehikel der eigenen Augen und des eigenen Gehirns, die diesen Spaziergang so prägen.

Darüber hinaus ist es aber auch die ganz spezielle Art, mit der die Künstlerin mit mir körperlich kommuniziert. Sie fasst mich zart an einer Schulter und berührt mit der anderen die Fingerspitzen einer meiner Hände. Dabei trommelt sie leicht gegen meine Fingerkuppen, was häufig, aber nicht immer, einen Richtungswechsel anzeigt. Wenn sie sich auf die anderen Seite von mir begibt, was sie oft tut, ist das für mich gut nachvollziehbar, denn dann wechselt die eine Hand auf die andere Schulter von mir, während die andere gleichzeitig leicht an meinem Rücken entlangfährt. Zu Beginn ein wenig ungewohnt, werden diese Berührungen bald vertraut und von mir richtig interpretiert. Ich komme mir ein wenig wie ein sensibles Pferdchen vor, das auf die kleinsten Züge des Zaumzeugs reagiert. Aber auch wie eine Komplizin in einem Spiel, das nur wir beide kennen. Sisters in crime sozusagen, in diesem Moment völlig unerkannt auf den belebten Straßen von Wien.

Wenn meine „Beschützerin“, denn als solche empfinde ich sie vor allem in Momenten der Unsicherheit, ihren Arm ausstreckt, entferne ich mich automatisch auch von ihr und genieße das etwas freiere Gehen. Meine und ihre Armlänge machen den Abstand zwischen uns aus. Nur unsere Fingerkuppen berühren sich noch und doch spüre ich ihren Gang und höre ihre leisen Schritte, während ich mit ihr mit marschiere. Wenn sie Tempo aufnimmt und mit mir rasch durch die Straßen schreitet, bereitet mir dieser Ausflug eine besondere Freude.

Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge zu einem Lächeln entwickeln und würde gerne die Menschen sehen, die uns begegnen. Wie sie uns ansehen, uns wahrnehmen. Hören kann ich sie; sogar ganz besonders gut. Stimmfetzen bleiben wie dicke, schwarze Lettern in meinem Gehörgang stehen. Und mein Geruchsinn hat blitzartig auf die höchstmögliche Sensibilisierungsstufe umgeschaltet. Ich empfinde jemanden, der im Stehen neben uns im Freien offenbar raucht, als höchst unangenehm. Der Fisch vom Naschmarkt riecht stärker als sonst, beinahe penetrant und der dicke Vorhang, an dem wir knapp vorbei in ein Gebäude treten, hat einen muffigen Geruch. Rot kommt mir in den Sinn. Der muss dunkelrot sein. Ganz abgesehen von einem Kloduft, den ich rasch hinter mir lassen möchte. Auch hier kommt mir eine Farbe in den Sinn, die ich am liebsten abschütteln will.

Wenn meine Begleiterin mir plötzlich sagt, dass eine kleine Stufe kommt, werde ich unruhig, ja ängstlich. Ich schiebe vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um zu spüren, wo der Abgrund anfängt. Es sind Höhenunterschiede von höchstens fünf Zentimetern, die ich zu bewältigen habe, unter mir öffnen sich jedoch gefühlsmäßig für Sekundenbruchteile ungeahnte Tiefen. Auch das Erklimmen, und sei es nur einer Gehsteigkante, bereitet mir Unbehagen. Erst jetzt kann ich die unglaubliche Leistung sehbehinderter Menschen nachvollziehen, die tag-täglich diese Herausforderung meistern müssen. Plötzlich verwandelt sich der Asphalt unter meinen Füßen, den ich bis dahin noch nie als solchen bewusst wahrgenommen habe und ich spüre einen weichen Untergrund. Meine Nase sagt mir, dass wir uns im Park befinden müssen. Es geht einen kleinen Hügel hinauf und dann wieder hinunter. Ich kann die Bergabstrecke schon im Voraus ermessen. Ich weiß, dass es nur ein Park ist, in dem wir uns befinden, aber in dem Moment habe ich die Imagination eines wunderbar duftenden Waldes.

Und dann ist er wieder spürbar. Der weiche, leicht wippende Gang von Myriam. Ein wenig wiegt sie sich jetzt in ihren Hüften, was mich sofort veranlasst, ihre Bewegung mitzumachen. Es ist jetzt kein reines Gehen mehr, das wir praktizieren. Vielmehr sind wir dabei, ganz sachte zu tanzen. Ein wenig nach links und gleich darauf wieder nach rechts dirigiert sie mich durch einen leichten Körperkontakt und ich wünschte, wir könnten uns noch lange weiter so inmitten Wiens fortbewegen. Losgelöst von der Zeit erscheint mir unser Gang, wenngleich ich spüre, dass er leider nicht mehr lange dauern wird.

Dann kommt der Moment, in dem ich wieder meine Augen öffnen darf. Aber eigentlich mag ich gar nicht mehr. Meine Sehunfähigkeit lieferte mich zwar ganz meiner Begleiterin aus, aber diese vermittelte mir ein hochgradiges Vertrautheitsgefühl. Sie versetzte mich in eine Stimmung, in der ich mich extrem geborgen und beschützt fühlte und ich weiß, dass, wenn ich die Augen öffne, dieser Zauber verschwunden sein wird. Ich habe mich überwunden, meine Lider angehoben und zu meiner großen Überraschung stellt sich jedoch blitzartig ein anderes Gefühl ein. Ein rauschhaftes, so, als hätte ich Drogen genommen, die mich der Welt entrücken. Nach einer kurzen Verabschiedung bemerke ich, dass ich beim Gehen schwebe. Ich nehme meine Umgebung wie durch einen Filter wahr und muss mich zusammenreißen, um mich selbst im Straßenverkehr nicht zu gefährden. Immer wieder tauchen sie vor meinem inneren Auge auf:

Eine freundlich lächelnde Augustin-Verkäuferin, geschätzt Mitte Dreißig, ein kleines Kindergartenmädchen mit rosa Gummistiefeln und eine Asiatin in einem leuchtend roten Dress, die vor ihrem Restaurant Luft schnappt. Sie haben sich in mein Herz geschlichen, ohne auch nur irgendetwas aktiv dafür getan zu haben. Sie brannten sich einfach in meine Netzhaut ein zu einer Zeit, in der um mich vorher und nachher alles finster war und sie erhellten mir für zwei Sekunden mein Dasein.

Lefkowitz Spaziergang hat tiefe Spuren in mir hinterlassen. Nicht nur, dass sich mein Sensorium geschärft hat. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben auf einen Menschen eingelassen, den ich überhaupt nicht kenne. Habe Myriams Körper dicht an meinem gespürt und dabei nichts Unangenehmes empfunden. Ganz im Gegenteil. Getanzt habe ich als Mädchen und junge Frau gerne und meine kleine Enkeltochter liebt nichts mehr, als tanzend durch die Wohnung zu rauschen. Jetzt kann ich mich wieder an diese Glücksgefühle erinnern, die sich auch bei mir bei all diesen Bewegungen, den Drehungen und kleinen Sprüngen einstellten. Die eine Stunde reichte aus, um den Boden unter mir intensiver wahrzunehmen, aber auch um Bilder und Gefühle aus meiner Vergangenheit wachzurufen zu denen ich keinen Zugang mehr hatte.

Lefkowitz macht ihre Performance nun bereits seit 7 Jahren. War damit in Paris, Buenos Aires und neben anderen Städten 2013 sogar auf der Biennale in Venedig. Mit ihrem Team – Julie Laporte und Jean Philippe Derail – bewerkstelligt sie drei geführte Spaziergänge an einem Tag. Jeder der Drei hat einen Menschen an seiner Seite. Junge, alte, langsame, schnelle. Sie übernehmen für sie die Verantwortung für je eine Stunde, um sich danach wieder von ihnen zu trennen.

Meine Müdigkeit, die sich nach einer kurzen Zeit der Euphorie einstellt, zeigt mir, wie anstrengend diese Aktion war. Nicht das Gehen raubte mir meine Energie, sondern die permanente Anspannung, den Bewegungen von Lefkowitz zu entsprechen. Mitzugehen, mitzutanzen, zu hören und zu riechen. What a wonderful feeling.

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